Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2000

Maria Therese Mösch

Ein Raub, der 1820 Köln und Dülmen in Unruhe versetzte

Teil 2: Der „Fall Becker“ nach den Kölner Unterlagen

Becker verlässt am 19. Oktober 1820, nachdem er unerkannt aus dem Dom entwischt, die Stadt Köln durch das Severinstor. Sein Fluchtweg wird markiert durch Beuteteile, die er einmal im Dom selbst verloren hat und dann noch beim Severinstor und in der Nähe der „Mühle zur Alteburg“, dort wo sich in einer Lehmkaule die Ziegelöfen des Herrn Böcking befinden. An einer anderen Stelle bei der zwischen Bayen und Rothenkirchen gelegenen Mühle vergräbt Becker in der Lehmerde auch einen weiteren Teil der Beute, darunter die sperrigen Figuren und kleinere Pretiosen, die er in einem blauen Tuch fest verknotet hat. Ebenfalls bei den Ziegelöfen wirft er sein Kamisol von grünem Tuch mit weißem Besatz fort, seine Sträflingskleidung, die auch in seinem Steckbrief vom 26. September 1820 erwähnt ist. Er hat das Kamisol bisher, um nicht zu frieren, unter seinem Rock versteckt getragen. Später sagt er bei einer Vernehmung aus, dass ihm dieses Kleidungsstück dann auf der Flucht ins Münsterland lästig und schwer geworden sei. Dieses Kamisol wird bereits am 19. Oktober 1820 von einer Katharina Küster in der Nähe der Böcking’schen Mühle gefunden und bei der Polizei abgegeben. Nachdem Becker sich sowohl eines Teils der Beute als auch der Sträflingskleidung entledigt hat — er glaubt, den Schatz sicher in der Lehmerde vergraben — begibt er sich mit einem Teil der Beute, den er immer noch in seiner Kleidung versteckt hält, in Richtung Westfalen.

Stirnseite des Dreikönigsschreins im Kölner Dom (heutiger Zustand)

Ansicht des Dreikönigsmausoleums im Kölner Dom, um 1840

Bereits am 21. Oktober 1820 erscheint abends um halb 9 Uhr auf der Kölner Polizeiwache der Ackermann Peter Schmitz mit seiner Tochter Veronika, die in der Nähe des Severinstors in Richtung Rhein auf ihrem Acker Kostbarkeiten gefunden hat, die augenscheinlich vom Dreikönigsschrein stammen. Die beiden Finder tragen so erstaunlich viele zerbrochene Pretiosen aus Gold, Silber und Edelsteinen bei sich, dass nicht nur der Ober-Prokurator Berghaus und Polizeikommissar Glasmacher sofort gerufen werden, sondern auch Dompfarrer Filz, Domkirchmeister Leven, Kaplan Schwarz und der Goldschmied Pullack herbeieilen. Die penibel nach Größe, Art und Gewicht aufgelisteten Gegenstände füllen zwei Vernehmungsseiten. Es sind eindeutig Teile des Dreikönigsschreins. Darunter befindet sich auch der im Berghaus-Verzeichnis aufgeführte goldene Cherub. Nach stundenlanger Vernehmung unterzeichnen der Ackermann Peter und seine Tochter Veronika das Protokoll mit drei Kreuzen. Sie sind des Lesens und Schreibens unkundig.

Der Ober-Prokurator Berghaus kümmert sich inzwischen höchstselbst um die Ermittlungen. Vier Tage später, am 25. Oktober 1820, erscheint die Hausfrau Brigitte Barths aus Rodenkirchen in Begleitung des Gärtners Adolf Faßbender und „produziert“ zwei messing-vergoldete Kronen, „welche zur Verzierung der heiligen Dreikönigen-Häupter gedient hatten“. Sie hat die Gegenstände auf ihrem „Kleeland“ zwischen der Böckingsmühle und der nach Bonn führenden Landstraße gefunden. Der Gärtner Adolf Faßbender „produziert“ seinerseits ein Stück der messing-vergoldeten Kronen, die er an der nämlichen Stelle gefunden hat. „Die produzierten Gegenstände waren alle sehr beschädigt und namentlich von den beiden mitgebrachten Cronen noch die Verzierung abgerissen“. Allzu sanft scheinen allerdings die Polizeibeamten mit den Zeugen nicht umgegangen zu sein, denn Leven weiß zu berichten, dass die beiden Personen erst nach einem von halb neun bis zwei Uhr in der Nacht abgehaltenen Verhör als unschuldig anerkannt und dann freigelassen worden sind. Wie sensibilisiert damals die Kölner Bevölkerung reagierte, zeigt die Tatsache, dass am 4. November der am Mühlenbach wohnende Goldarbeiter Matthias Pütz seine 13 Jahre alte Tochter Gertrud zur Polizei schickt, da ihm von einem David Adaus, einem Tagelöhner aus der Dreckgasse, ein kleines Stück Gold, dessen Herkunft nicht geklärt werden konnte, angeboten wurde. Das führt zu einer hochnotpeinlichen Vernehmung des Adaus, der dieses Stückchen Gold von einem bei einer Frau Biesenbach logierenden Tagelöhner namens Fenger erhalten hat, der seinerseits das Stückchen Gold auf der Mülheimer Heide gefunden haben will. Ob Becker es auch bei der Flucht verloren hat?

Ciborium der Dülmener St.-Viktor-Kirche aus dem 15. Jahrhundert

Becker hat inzwischen seine Heimatstadt Dülmen erreicht. Dort angekommen, bricht er in das Haus des Dechanten Rensing und des Kaplans Schütte ein, just in das Haus, in dem er als Kind gewohnt hat, und isst sich in der Küche erst einmal satt. Ehe er das Haus wieder verlässt, steckt er noch sechs silberne Löffel, einige Schlafhauben, eine Serviette und „ein kleines Beilgen“ ein. Becker treibt sich kurze Zeit in Dülmen herum. Er wird auch von mehreren Leuten gesehen und erkannt. Dann sucht er die St.-Viktor-Kirche — seine eigene Taufkirche — auf und lässt sich, nach dem bewährten „Kölner Muster“, nachts in der Kirche einschließen. In der Nacht hat er dann mit Hilfe des „Beilgen das Tabernaculum forciert, die Sacra Spezies ausgeschüttet und das Ciborium sowie das an einem Muttergottesbild angebrachte Silberzierrat mitgenommen.“ Aus welchem Grund auch immer lässt Becker unerklärlicherweise den größten Teil der zu dieser Zeit noch in seinem Besitz befindlichen Beute des Dreikönigsschreins, u.a. den großen, eiförmigen Topas (Zitrin), sechs erhaben geschliffene Antiken, Carneole, Rubine, Amethyste, drei Smaragde und Perlen im Beichtstuhl der Kirche von Dülmen zurück. Nur wenige Teile nimmt er auf die weitere Flucht mit. Nicht klar ist, ob er den Beichtstuhl als sicheres Versteck angesehen hat, oder ob ihm die Beute zu „heiß“ geworden ist. Die in der Dülmener Kirche gestohlenen Gegenstände verkauft Becker in der Umgebung von Dülmen an einen Juden.

St.-Viktor-Kirche mit den 1860 angebauten Seitenportalen

Der Diebstahl des Franz Becker in der Kirche von Dülmen ist sogar in die Literatur eingegangen. Clemens Brentano, der die Visionen der stigmatisierten Augustinernonne Anna Katharina Emmerick des Klosters Agnetenberg bei Dülmen aufschrieb und veröffentlichte, beschrieb im Oktober 1820 in seinem Tagebuch das „Traumgesicht“ der Nonne: „Ich habe in der Nacht in steten Schmerzen unter entsetzlicher Angst gesehen, wie die hiesige Kirche beraubt worden ist. Es geschah zwischen eins und drei; es waren fünf bis sechs Menschen, drei waren in der Kirche, andere lauerten draußen an den Ecken. Der Nachtwächter ging an ihnen zweimal vorbei, aber sie versteckten sich. Zwei davon sah ich an meiner Wohnung (Münsterstraße) vorbeigehen. Es scheint mir einer in der Kirche versteckt gewesen zu sein, der aufmachte. Ich habe sie wohl dritthalb Stunden mit dem Rauben und Brechen beschäftigt gesehen. Sie gedachten auch beim Canonikus einzubrechen. Sie lauerten lang. Es sind dieselben, die beim Dechanten eingebrochen hatten.“

Belobigung des Dülmener Bürgermeisters Möllmann im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Münster (1821)

Der Kirchenfrevel in St. Viktor erregt die Dülmener Gemüter. Die dortige Polizei und der Bürgermeister von Dülmen, Anton Möllmann, unternehmen alles, um die Diebstähle aufzuklären. Die Entdeckung des Verbrechers Becker ist dann vor allem dem Diensteifer Möllmanns und des Gendarmerie-Leutnants Lachner aus Dülmen zu verdanken. Beide werden später hierfür im Regierungsamtsblatt gelobt. Die beiden haben kurz nach dem Diebstahl in Erfahrung gebracht, dass sich Franz Becker noch in Dülmen herumtreiben solle. Möllmann glaubt nach der Entdeckung der Tat, dass Becker Komplizen gehabt haben muss. Er lässt die Wirtshäuser und mehrere Anwesen, in denen er Becker vermutet, durchsuchen und „die ganze Nacht auf ihn vigilieren“ — aber ohne Erfolg. Auch das Haus der Mutter wird überwacht, aber auch dort taucht Franz Becker nicht auf. Durch einen Bauern aus Albachten wird bekannt, dass ein Mann, auf den die Beschreibung genau passt, den Weg nach Münster eingeschlagen hat. In der Zwischenzeit werden in der Kirche von Dülmen auch die Gegenstände gefunden, die Becker im Beichtstuhl versteckt zurückgelassen hat — die Kostbarkeiten des Dreikönigsschreins.

Auch im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Münster ist die Bekanntmachung des Ober-Prokurators Berghaus erschienen. Die Sachen werden eindeutig als Beute aus dem Kölner Dom identifiziert. Sie werden sofort nach Münster verbracht und somit sind Beweise vorhanden, dass Becker auch den Aufsehen erregenden Diebstahl im Kölner Dom begangen haben muss. Es ist der Polizei bekannt, dass Franz Becker in Münster einen Bruder namens Karl hat, der ebenfalls beim Militär dient, und der bei dem Schlosser Wessendorf auf der Ägidiistraße wohnt. Möllmann verfasst am 27. Oktober sofort einen Bericht — wahrscheinlich für die Königliche Regierung in Münster — und weist auf Becker und dessen Bruder Karl hin. Der Direktor des Untersuchungsamtes der Stadt Münster, Goesen, wird von dem Vorfall unterrichtet und gebeten, die Adresse von Beckers Bruder überprüfen zu lassen. Bei einem so spektakulären Fall lässt Goesen es sich nicht nehmen, sich selbst um Becker zu kümmern. Er begibt sich persönlich noch am selben Tag, dem 27. Oktober 1820, abends zwischen neun und zehn Uhr in die Wohnung des Bruders Karl, wo man beide Brüder schlafend vorfindet. In der Kleidung des Franz Becker wird der große antike Onyx und ein Opferkästchen gefunden, beides weitere Indizien für den Einbruch in den Kölner Dom. Zwei Tage lang bestreitet Becker den Diebstahl vehement, dann gesteht er unter der erdrückenden Beweislast sowohl der bei ihm gefundenen Kostbarkeiten als auch der in Dülmen in der St.-Viktor-Kirche sichergestellten Beute vom Dreikönigsschrein die Taten und gibt an, in beiden Fällen als Alleintäter gehandelt zu haben. Zudem verrät er, dass er die Restbeute in Köln in der Lehmgrube des Herrn Böcking versteckt hat.

Direktor Goesen lässt Franz Becker unter starker Polizeibewachung nach Köln überführen. Er selbst fährt mit nach Köln und trifft dort am 1. November 1820 morgens gegen zehn Uhr ein. Goesen bringt die in Dülmen sichergestellte Beute mit. Er erklärt dem königlichen Landgerichtsrat Josef Krämer, dass „der anhero gebrachte Inculpant F. Becker eingestanden habe, einen Theil des mittels Erbrechung und Enteignung in der Nacht von 18. auf den 19. Oktober aus der Kapelle der heiligen drei Könige in der hiesigen Domkirche geraubten Schatzes in der Lehmkaule der Ziegelöfen des Herrn Boecking, bei dessen zwischen Bayen und Rothenkirchen gelegenen Mühle in einem blauen Sacktuche eingewickelt, in der Erde vergraben zu haben.“

Die von Goesen mitgebrachten, bei Becker und in der St.-Viktor-Kirche in Dülmen sichergestellten Kostbarkeiten werden eindeutig dem Dreikönigsschrein zugeordnet. Da man nun weiß, wo Becker die restlichen Pretiosen versteckt hat, begeben sich der königliche Landgerichtsrat und delegierte Untersuchungsrichter Josef Krämer, der Direktor Alois Goesen, der Prokurator Ewersmann, der Gerichtsschreiber Zimmermann und der Gerichtsvollzieher Kniffler in Begleitung zweier Gendarmen zu der Lehmgrube des Herrn Böcking. Um jeden Auflauf von Publikum zu vermeiden, haben sie weder Arbeitsleute noch Gerätschaften mitgenommen. Für den Kenner der Materie ist eines der Motive, die Beute selbst sicherstellen zu wollen, dass — wie zu allen Zeiten in Justiz und Kriminalistik — die oberen Herren der Verfahren den sichtbaren Erfolg selbst herbeiführen und die gestohlenen Gegenstände persönlich zurückbringen wollen. Sie protokollieren: „Der Eifer trieb uns an, den losen Grund mit den Händen wegzuscharren, alleine an den ersten Stellen fanden wir nicht das geringste. Bei der dritten Stelle, gerade an der Wegkreuzung gegen die Bönnische Landstraße zu, hatten wir kaum begonnen, den Grund zwei Zoll tief wegzuscharren, als uns ein blaues Tuch sichtbar wurde, welches mit gestohlenen Gegenständen, die von dem Diebstahl der Heiligen Drei Könige herrührten, angefüllt war.“ Becker hat wohl einige der besten Teile dort vergraben, so z.B. die thronende, von Edelsteinen gerahmte Muttergottes, die Heiligen Drei Könige in Gold auf einer Platte ausgetrieben, und eine goldene Figur, vermutlich die Johannes des Täufers. Insgesamt umfasst die Liste der dort sichergestellten Sachen sieben Positionen. Bereits am 7. November 1820 erscheint im öffentlichen Anzeiger, von Ober-Prokurator Berghaus verfasst, folgende Bekanntmachung: „Der Wachsamkeit und raschen Einwirkung des Königlich-preußischen Inquisitoriats und der Polizeibehörde zu Münster, so wie jener der Königlichen Gendarmerie zu Dülmen, ist es gelungen, den Thäter des in der Nacht vom 18.-19. Oktober c[urrentes] in der hiesigen Domkirche verübten Kirchenraubes zu verhaften, und die Niederlage der gestohlenen Kostbarkeiten zu entdecken, welche großentheils der gerichtlichen Behörde zur einstweiligen Aufbewahrung bereits überliefert worden sind. Da keine Anzeige vorhanden ist, welche das Daseyn eines Theilnehmers vermuthen lässt, bringe ich solches zur öffentlichen Kenntnis, und danke sämmtlichen in- und ausländischen Behörden für die bei der Verfolgung des Verbrechers bewiesene Thätigkeit. Köln, den 2. November 1820. Der Ober-Prokurator beim Königlichen Landgerichte, Berghaus.“

Somit ist die Tat bereits nach zwölf Tagen aufgeklärt. Der Pfarrer und Dechant der St.-Viktor-Kirche in Dülmen, Rensing, stellt im März 1821 bei Pastor Filz den Antrag, ihm wegen seiner Hilfe bei der Sicherstellung der Becker’schen Beute aus dem Kölner Dom in der Dülmener Kirche wenigstens etwas zur Entschädigung für das in Dülmen „geraubte“ Ciborium zukommen zu lassen. Dieser Antrag wird vom Kirchenvorstand der Domkirche abgelehnt, und Pfarrer Filz schreibt am 20. April 1821 an den Generalvikar Fonck in Aachen, dass er dem Dechanten Rensing zwar von Herzen dankt, aber bedauert, „sich nicht in dem Falle zu sehen, etwas zur Entschädigung für der besagten Kirche zu Dülmen geraubtes Ciborium bieten zu können, denn nebst dem, dass unsere Kirche wegen Mangel an hinreichendem Fonds bloß wegen der so ungeheuren Unterhaltung derselben noch außerordentlich in Schulden steckt, trifft auch die Beraubung an dem h.h. Dreikönigenkasten dieselbe gar zu sehr und wissen wir nicht, wie wir, neben der Entrichtung jener Kirchenschuld zur Ersetzung dieses besonderen Schadens, welcher, außer den wiedererhaltenen Gegenständen, von Sachverständigen bloß in reellem Wert, ohne die Kunst in Ansicht zu nehmen, nach dem darüber am 14. d[es] M[onats] April gerichtlich gefertigten Protokoll zu 2.000 Reichstaler Pr[eußisch] C[ouran]t geschätzt ist, diese Summe aufbringen sollen.“

Ehe die Anklage erhoben werden kann, muss Becker alle sichergestellten Teile als die Beute seines Diebstahls am Dreikönigsschrein identifizieren. Tagelang dauert diese Prozedur. Alle Sachen sind in versiegelten Kästen je nach Auffindungsorten sortiert. Er wird zu jedem Teil ausführlich vernommen. Danach werden alle Gegenstände wieder in die verschiedenen Behältnisse eingelegt und mit Amtssiegel versehen, was wiederum zu einem besonderen Procedere mit sieben Unterschriften führt. Becker muss sich wegen des Diebstahls als Militärangehöriger vor einem Militärgericht verantworten und wird zu Baugefangenschaft von zehn Jahren und 100 Hieben in vier Tagen verurteilt. Unter dem 12. August 1821 erlässt Ober-Prokurator Berghaus folgende Bekanntmachung: „Es wird hiermit zur allgemeinen Kenntnis gebracht, dass der Franz Becker aus Dülmen durch das hierselbst ergangene, mittelst Allerhöchster Kabinets-Ordre vom 25. Juli bestätigte kriegsgerichtliche Erkenntnis, wegen wiederholter Entweichung, sowie wegen der in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober a[nni] p[raeteriti] im hiesigen Dome, und späterhin in der Dechanei zu Dülmen verübten Diebstählen, aus dem Soldatenstande ausgestoßen, zur Erwerbung des Grundeigenthums oder Bürgerrechts für unfähig erklärt, mit einhundert Hieben in vier Tagen und zehnjähriger Baugefangenschaft bestraft worden ist, und demnächst nicht in Freiheit gesetzt werden soll, bis er seinen ehrlichen Erwerb nachgewiesen hat. Köln, den 12. August 1821. Der Königliche Ober-Procurator, Berghaus.“

Mit der Restaurierung des Schreines werden die Goldschmiede Wilhelm Pullak und sein Sohn beauftragt. Die Restaurierung dauert fast 18 Monate und kostet über 7.000 Taler. Zum Dreikönigsfest 1822 dürfen die Gläubigen zum ersten Mal wieder den fertiggestellten Schrein bewundern. Dompfarrer Filz teilt den Gläubigen in der Ausgabe der Kölnischen Zeitung vom 5. Januar 1822 sowie im „Welt- und Staatsboten zu Köln“ vom 6. Januar 1822 die Fertigstellung des Schreines mit folgenden Worten mit: „Der H[eiligen] Dreikönigen-Kasten in der Domkirche dahier, dessen vorderer Theil in der Nacht vom 18. auf den 19. Oktober 1820 durch Franz Becker aus Dülmen so schändlich beraubt ward, ist nun wieder hergestellt, und — Gott sei Dank! durch Zurückerhaltung der geraubten kostbarsten Gegenstände, durch Gaben frommer Kölner, und durch der H[er]rn Pullak, Vaters und Sohnes, Meisterhände so wiederhergestellt, dass derselbe nicht nur keine Spur jener Frevelthaten mehr an sich zeigt, sondern auch durch neue an demselben Statt gehabte Vergoldungen und angebrachte reichhaltige Ausschmückungen in fast noch schönerem Glanze wieder prangt.“

Dabei ist es nicht nur von Bedeutung, dass der Schrein wieder zur Verehrung durch die Gläubigen an seinem alten Platz steht, viel wichtiger ist es, dass Becker sich nicht an den Reliquien vergriffen und diese beschädigt hat. Das ist durch den apostolischen Pronotar Johann Anton Glessen bereits am 20. Oktober 1820 nach einer Inaugenscheinnahme des Schreins in Gegenwart von Zeugen protokolliert worden. Vor der Präsentation des restaurierten Schreins wurden die Gebeine der Heiligen am 4. Januar 1822 um 15 Uhr nachmittags, zwei Tage vor dem Dreikönigsfest, wie Pronotar Glessen in einer in Latein abgefassten Urkunde dokumentiert hat, während einer feierlichen Zeremonie wieder in den Schrein gelegt. Dem Schrein wurde eine gesiegelte Urkunde mit der von Leven verfassten Beschreibung des Diebstahls beigegeben. Pronotar Glessen, der aufs Genaueste prüfte, ob die nach dem Diebstahl angebrachten Siegel unbeschädigt waren, protokolliert: „Nach dieser Prüfung und Untersuchung, dass meine Siegel, die an dem hölzernen kleinen Schrein angebracht waren, bis jetzt unverletzt und noch nicht aufgebrochen und an keiner Seite verletzt waren, schritt der obengenannte Herr Pastor der Hohen Domkirche zur Segnung des restaurierten Schreins, indem er ihn mit Weihwasser besprengte. Dann erst erhob ich, der Pronotar, nachdem die Siegel von mir entfernt worden waren, wie es sich geziemt, mit großer Ehrfurcht und Andacht die Häupter der Heiligen Drei Könige zusammen mit einem Partikelchen Haut und mit Haaren aus dem bezeichneten kleinen Schrein und fügte sie ein auf den Platz an der Stirnseite und setzte einem jeden Haupt eine auf das glänzendste gearbeitete Krone auf. Hernach fand durch den obengenannten Herrn Pastor eine Beweihräucherung der heiligen Reliquien statt, und nach einer Kollekte (?) für die Heiligen Drei Könige wurden diese Plätze innerhalb der vergoldeten Einfassungen auf beiden Seiten mit einem Schlüssel verschlossen.“

Literaturhinweis:

Der erweiterte und mit Quellennachweisen versehene Aufsatz wurde abgedruckt in: Kölner Domblatt. Jahrbuch des Zentral-Dombau-Vereins 63, 1998, S. 205 – 258, unter dem Titel: Maria Therese Mösch, Der Dom einmal anders.

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