Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

Heimatverein Dülmen e. V. | Dülmener Heimatblätter | Hefte | Register | Anmerkungen | Mitarbeit | Kontakt

<< Heft 1, 2000

Herbert Pläsker

Erinnerungen an die Kindheit

Die alte Volksschule

Als ich 1936 eingeschult wurde, gab es noch die alte achtklassige Volksschule. In Dülmen waren 2 große Volksschulen dieser Art. Einmal die Overbergschule, die heute noch ihr damaliges Aussehen hat und die Josefschule hinter der Post. Diese Schule wurde nach dem Kriege abgerissen. Dann gab es noch eine kleinere Schule für die evangelischen Kinder neben dem Amtsgericht. Da wir in der Tiberstraße wohnten, besuchte ich die Overbergschule.

Ein sehr wichtiger Tag im Leben der Menschen war und ist auch heute noch die Einschulung. Dieses große Ereignis warf seine Schatten voraus. Schon Monate vorher wurde den Kindern „Mut“ gemacht: „Warte nur, wenn du in die Schule kommst“, hieß es, „dann lernst du endlich Ordnung“. Viele Gegenstände mußten vorher beschafft werden.

Der Schulranzen (Tornister) wurde ausgesucht. Er mußte geräumig, aber nicht zu schwer sein. Auf die Verkehrssicherheit brauchte man damals noch keine Rücksicht nehmen. Wohl dem, der eine freigiebige Oma hatte.

Eine Tafel aus Schiefer mußte her. Die eine Seite liniert, die andere mit Rechenkästchen. An dem Loch im Tafelrahmen wurde der Tafellappen befestigt. Mit dem Lappen konnten mißlungene Schreibversuche schnell wieder entfernt werden.

Damit alles auch sauber vonstatten ging, bekam man einen kleinen Schwamm in einer Schwammdose. Er mußte von Zeit zu Zeit angefeuchtet werden. Wenn man es einmal vergessen hatte, so konnte mit „Spucke“ nachgeholfen werden.

Ein sehr wichtiges Ausstattungsstück war die sogenannte Griffeldose. Diese hatte eine rechteckige Form und war etwa 20 × 8 cm groß. Sie war aus Holz gefertigt und hatte zwei Teile übereinander. Der obere Teil konnte seitlich verschoben werden. Sie diente hauptsächlich der Aufbewahrung der Griffel. Das waren Schieferstifte, die an der einen Seite angespitzt wurden. Zur Hälfte waren sie oft mit buntem Papier umwickelt.

Das wichtigste Utensil war aber die Butterdose.

Dann war endlich der große Tag gekommen. Zur damaligen Zeit wurde noch zu Ostern eingeschult. Wenigstens ein Elternteil begleitete das meistens ängstliche Kind zur Schule.

Fotoaufnahmen vom ersten Schultag wurden kaum gemacht, weil nur wenige Leute einen Fotoapparat besaßen. Nachdem einige Personalien erledigt waren, überließen die Begleiter die Kinder ihrem Schicksal. Mein erster Klassenlehrer war der spätere Rektor und Bürgermeister Wilhelm Telohe.

Josefschule um 1950

Die Josefschule nahm zum Schuljahresbeginn Ostern 1892 vor dem Lüdinghausertor den Schulbetrieb auf. Wie schon vor dem Bau der Josefschule stiegen die Schülerzahlen kontinuierlich an, so dass bis 1901 eine Erweiterung der Schule notwendig wurde. Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile des Gebäudes zerstört. Der Wiederaufbau zog sich bis in die fünfziger Jahre hin. Bis zum Bau der Paul-Gerhardt-Schule (1963) diente das Gebäude als Evangelische Schule.

Jedem Kind wurde ein Platz zugewiesen. Wir saßen damals in stabilen Bänken. Jede Bank war mit der Bank davor und dahinter fest verbunden, so daß ein Hin- und Herrücken und Kippen nicht möglich war. Die Bänke besaßen eine schräg abfallende Schreibfläche und darunter eine Ablage für den Tornister.

Am oberen Rand der Schreibfläche war eine kleine Vertiefung für die Ablage von Griffel und Federhalter und ein Loch für das Tintentöpfchen angebracht. Das Tintentöpfchen konnte durch einen Metalldeckel verschlossen werden.

Klassenstärken von 50 bis 60 Kinder in einer Klasse waren durchaus keine Seltenheit. Wenn man Pech hatte, konnte es passieren, daß man in den ersten Tagen schon mit dem „Heiligen Geist“ (Rohrstock) beglückt wurde. Umschauen oder Schwätzen mit dem Nachbarn waren schon strafwürdige Delikte.

Hatte man einen großzügigen Lehrer, so konnte man wählen zwischen ein paar Schlägen auf den Hosenboden oder durch die Finger. Bei den Schlägen auf den Hosenboden hatte man den Vorteil, dass man durch ein vorsorglich in den Hosenboden geschobenes Stück Pappe die Wirkung mildern konnte.

Die ersten Schreibversuche waren mühsam. Der Griffel wollte einfach nicht innerhalb der Linien auf der Tafel bleiben. Wenn man es dann fast geschafft hatte, brach der Griffel ab.

Meistens begann man mit dem kleinen i, rauf — runter — rauf — Pünktchen drauf. Beim Rechnen machte es zunächst Schwierigkeiten, die Zahlen in den Kästchen unterzubringen.

Einen großen Vorteil hatte die Schiefertafel gegenüber den Heften, man konnte Mißlungenes schnell wieder entfernen.

Später mußten wir einen Federhalter anschaffen. Das war eine Art runder Bleistift, in dem man am Ende eine Schreibfeder aus Metall einschieben konnte. Ich erinnere mich noch genau, es waren Kugel — Spitz — Federn der Firma Brause, Iserlohn. Die Feder wurde in die Tinte eingetaucht und so konnte man eine Zeile schreiben. Bis die richtige Menge Tinte floß, bedurfte es einiger Übung.

War ein Tintentöpfchen leer, so wurde es vom Lehrer aus der großen Literflasche wieder gefüllt.

Damals gab es noch das Fach „Schönschreiben“. War eine Seite geschrieben, wurde sie vom Lehrer zensiert. Dabei fielen die Bewertungen der einzelnen Lehrer so unterschiedlich aus, dass man sich wundern mußte, wie schnell sich doch die ein- und dieselbe Handschrift verändern konnte.

Um die Leistungsfähigkeit der Kinder zu steigern, gab es eine Zeit lang Lebertran. Er war von der gelben Sorte. Er war einigermaßen zu genießen, wenn er gut gekühlt war. Um uns etwas besonderes angedeihen zu lassen, hatte unser Klassenlehrer ihn an die Heizung gestellt. Nachdem der Lehrer jedem Schüler seine Portion verabreicht hatte, dauerte es nicht lange bis mehr Kinder auf der Toilette als im Klassenraum waren. Danach war man in Lehrerkreisen nicht mehr so sehr von der gesundheitlichen Wirkung des Lebertrans überzeugt.

Eine Zeit konnte man auch in der Pause Milch oder Kakao trinken. Der Kakao wurde von der Firma mit folgendem Werbespruch vertrieben: „Kaba, das Plantagengetränk, gibt Kraft und Ausdauer.“

Wer auf billige Art seinen Durst stillen wollte, der konnte sich draußen auf dem Trinkbrunnen bedienen. Hier spritzte aus einer Anzahl von kleinen Öffnungen eine etwa 30 – 40 cm hohe Wasserfontäne. Diese konnte man sich direkt in den Mund spritzen lassen, was sehr hygienisch war.

Wenn wir besonders gut gelernt hatten, zeigte der Lehrer einen Film. Für die unteren Klassen gab es: „Hans im Glück“ — „Das tapfere Schneiderlein“ — „Tischlein deck dich“ usw.

Als mehr Klassenlehrer zum Militär eingezogen wurden, war das für uns eine große Umstellung. Wir bekamen jetzt ständig andere Lehrer. An einige Namen kann ich mich noch erinnern: Lehrer Hillers, Lehrer Tillmann, Lehrer Berkenkamp, Fräulein Nettelbusch, Lenfert, Fräulein Jungblut und Fräulein Hallermann.

Die Lehrerinnen wurden damals alle mit Fräulein angeredet. Sie waren alle unverheiratet. Rektor wurde Lehrer Düppe.

Auf Disziplin wurde früher in der Schule mehr Wert gelegt. Wenn die Lehrer von damals heute unterrichten sollten, bekämen sie alle einen Herzinfarkt. Ich weiß wovon ich rede, denn ich habe selber zehn Jahre in der Volksschule und 25 Jahre in der Sonderschule unterrichtet.

Jeder Lehrer hatte eine spezielle Art zu bestrafen. Der eine kniff in die linke Wange und schlug dann mit der anderen Hand auf die rechte. Ein anderer bearbeitete die Handflächen oder den Hosenboden mit dem Rohrstock. Der aus dem Ruhestand zurückgerufene Rektor Haumann (Nomen est omen) nahm den Schüler an die Hand und ließ ihn dann im Kreis laufen, wobei er ständig auf den Allerwertesten schlug. Er nannte das sinnigerweise Karussell fahren.

Lehrer Hillers war bekannt für umfangreiche Strafarbeiten. Als Beispiel sei nur das hundertmalige Abschreiben des Satzes „Lerne Ordnung, liebe sie, sie erspart dir Zeit und Müh“ genannt.

Overbergschule um 1920

Die Overbergschule war 1909 nach der Josefschule der zweite Schulneubau außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern. Ihr Bau wurde notwendig, weil die Josefschule trotz der Erweiterung von 1901 nicht in der Lage war, alle Schüler aufzunehmen. Die Overbergschule erlitt schwere Bombenschäden, weshalb der Schulbetrieb erst 1950 wieder aufgenommen werden konnte.

Kinder mit leichten Behinderungen stellten kein Problem dar. Einer meiner Mitschüler war schwerhörig. Der Lehrer löste den Fall, indem er einen Schüler mit sehr lauter Stimme daneben setzte. Dieser brüllte dem Schwerhörigen die Anordnungen des Lehrers in die Ohren. Meistens funktionierte diese Art der Behandlung vorzüglich, wenn auch die anderen Kinder von dem Brüllen zusammenschreckten.

Mit Lehrer Berkenkamp verbinde ich folgende Begebenheit: Herr Berkenkamp war Junggeselle und wohnte bei der Familie Mölleck in der Viktorstraße. Im Geschäft fielen große Mengen Blechdosen an, die zum Schrotthändler gebracht werden sollten. Da wir damals in der Nähe der Schule wohnten und einen Handwagen (Bollerwagen) besaßen, wurde ich mit dem Transport dieser Abfälle beauftragt. Damit ich nicht überfordert würde, wurde mir noch ein Mitschüler — wenn ich mich recht erinnere, war es Edmund F. — zur Seite gestellt. Die Dosen brachten wir zu dem Händler Feldmann, der auf der Borkener Straße direkt hinter dem Wasserturm wohnte. Die Aktion fand während der Schulzeit statt. Weil die Familie Mölleck sich sehr großzügig zeigte, fiel auch einiges Essbare ab. Mir ist heute noch unverständlich, daß wir es fertigbrachten, unseren Arbeitseinsatz über 3 Tage auszudehnen.

Ein besonderes, ja einmaliges Erlebnis war ein Badeausflug zum Strandbad Hausdülmen. Für uns Knirpse war der Weg sehr anstrengend. Der Weg führte über den Brockweg, dann quer durch die Felder, bis zum Oedlerbach. Der war aber für uns kein Hindernis. Nachdem wir Schuhe und Strümpfe ausgezogen und die Hose höher gezogen hatten, durchwateten wir das braune Wasser. Der Morgen verlief ohne Zwischenfälle und so kehrten wir gegen Mittag ermüdet auf dem gleichen Weg zurück.

Es war damals ein so großes Ereignis, dass ich es bis auf den heutigen Tag nicht vergessen habe.

Nach Kriegsbeginn kamen des öfteren Bauern in die Schule, um Kinder für das Kartoffelsuchen anzuwerben. Bald hatte sich herumgesprochen, wie das Abendessen und die Bodenbeschaffenheit waren. Bauern mit Lehmböden und schlechtem Abendessen wurden möglichst gemieden.

Auch zum Kartoffelkäfersuchen wurden wir einige Male abkommandiert. Vorher wurden wir darauf hingewiesen, wie gefährlich die Käfer seien, und dass sie aus Frankreich kämen und die Engländer sie abgeworfen hätten. Selbst die Kartoffelkäfer mußten für die Propaganda herhalten.

Ab der 3. oder 4. Klasse wechselten einige Schüler zum Gymnasium, oder Oberschule wie es damals hieß. Im Gegensatz zu heute war die Zahl der Abgänge sehr gering. Man mußte noch Schulgeld zahlen.

Die immer wieder aufgestellte Behauptung, dass es Arbeiterkindern fast unmöglich sei zum Gymnasium zu gehen, stimmt nach meiner Meinung nur zum Teil, nur mußten damals und auch heute noch die Eltern dieser Kinder viele Entbehrungen und finanzielle Opfer auf sich nehmen.

Da ich zum Gymnasium überwechselte, muß ich meine Schilderung der Volksschule hier abbrechen. Ich unterhalte mich heute noch oft mit den Mitschülern von damals, die die Volksschule bis zum Abschluß durchlaufen haben.

Copyright © Heimatverein Dülmen e. V.. Alle Rechte vorbehalten.

Die Verwendung der Beiträge ist nur zum persönlichen Bedarf gestattet.