Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2000

Friedrich-Wilhelm Hemann

Gesindel oder Revolutionäre?

Ereignisse und Hintergründe der Revolution von 1848 in Dülmen

Nach dem Ende der Befreiungskriege gegen Napoleon wurde 1815 auf dem Wiener Kongress nicht nur die Landkarte Europas neu geordnet, sondern der österreichische Staatskanzler Metternich schuf auch die Grundlage für ein 33 Jahre funktionierendes System — den Deutschen Bund. Dieser bildete nach der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches einen Zusammenschluss souveräner deutscher Staaten, der zunehmend Demokraten und Befürworter eines deutschen Einheitsstaates verfolgte. Der dem liberalen und nationalen Zeitgeist entgegenstehende Unterdrückungsapparat geriet jedoch im Vormärz immer mehr in die Kritik. Preußen setzte auf innere Reformen, ohne damit den politischen Druck dauerhaft verringern zu können. Bereits 1830 stürzte infolge einer Europa weiten Hungerkrise König Karl X. in Frankreich und wurde durch den Bürgerkönig Louis Philippe ersetzt.

1845 und 1846 fielen die Ernten erneut schlecht aus, wodurch die Preise für Roggen, dem Grundnahrungsmittel der ärmeren Bevölkerungsschichten, gewaltig stiegen. Neben den Missernten sorgte ein starkes Bevölkerungswachstum für eine Zuspitzung der Lage um 1848.

In Dülmen lag das Bevölkerungswachstum in den zwölf Jahren zwischen 1837 und 1849 bei 19,5 Prozent. Die Einwohnerzahl vermehrte sich von rund 2.800 auf 3.400 Einwohner. Im Zeitraum zwischen 1818 und 1858 lag Dülmen mit einer Bevölkerungszunahme von 71 Prozent an der Spitze der westmünsterländischen Städte.

Zur Erklärung des hohen Bevölkerungswachstums dürfte die Anlage der Eisenhütte Prinz Rudolph einen wichtigen Grund liefern. Im Jahre 1842 gründete Herzog Alfred von Croy die Hütte in der Dülmener Feldmark, die das im Umland vorkommende Rasenerz verarbeiten sollte. Ab 1844/45 zogen 41 Familien zu, deren Familienvorstände als Tischler, Schlosser, Sandformer, Schmiede oder Eisendrechsler in der Eisenhütte arbeiteten. Weitaus größer war die Zahl zuziehender unverheirateter Arbeiter, von denen viele nur einige Monate auf der Hütte tätig waren und dann weiterzogen. Zwischen 1842 und 1852 sind die Namen von 623 Arbeitern verzeichnet. Durch den hohen Anteil der auf der Hütte arbeitenden Gesellen ergaben sich zwangsläufig neue soziale Probleme für die Stadtgesellschaft. Diese bestanden unter anderem in der fehlenden Bindung der wandernden Gesellen zu den Bewohnern der Stadt. Diese wurden kompensiert durch eine Solidarität innerhalb der Gruppe der Gesellen. Sie entstand aufgrund ihrer nur kurzzeitigen Arbeitsverhältnisse, die sie von einem frühindustriellen Betrieb zum nächsten führte und sie mit verschiedenen politischen Ideen in Berührung kommen ließ. In der Herberge des Wirts Schulte hielten sich oft Arbeit suchende Gesellen auf, politisierten dort und sorgten nach Ansicht der Stadtverordneten stets für Unruhe.

In Zeiten guter Konjunktur wie 1845 waren auf der Eisenhütte 275 Arbeiter beschäftigt, die 120 Tonnen Eisen zu Dampfmaschinen und Potteriewaren im Wert von 90.000 Taler verarbeiteten. Die Bedeutung des Wirtschaftsfaktors Eisenhütte ergibt sich dadurch, dass 1846 einschließlich der Familienangehörigen 555 Personen oder 18,5 Prozent der Einwohner von der Hütte abhängig waren. Einen starken wirtschaftlichen Rückgang erlebte die Hütte 1848, als es nur mehr 157 Arbeiter auf der Hütte gab, von denen die meisten als Former, Formerlehrlinge, Putzjungen, Schlosser oder Tagelöhner arbeiteten. Konnten die als Saisonkräfte tätigen Gesellen bei Verlust der Arbeit weiterziehen, blieb den ansässigen Tagelöhnern keine Alternative, als sich um andere Erwerbsmöglichkeiten in Dülmen selbst zu kümmern oder auf Unterstützung aus der Armenkasse zu hoffen.

Eisenhütte Prinz Rudolph

Stilisierte Darstellung der 1842 gegründeten Eisenhütte aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Der breite Graben im Vordergrund ist überzeichnet und dient nur der Ausschmückung der Abbildung.

Mit dem Bevölkerungswachstum hielten die Erwerbsmöglichkeiten nicht Schritt, so dass es zu einer Verarmung kleiner Handwerker und zu einer Zunahme der armen Bevölkerungsschichten kam. Weil es während der Hungersnot von 1816 zu massiven Ausschreitungen und Plünderungen gekommen war, versuchten die staatlichen Behörden durch den verbilligten Verkauf von Lebensmitteln aus den Militärmagazinen die ärgste Not zu lindern.

Im Krisenjahr 1846/47 setzte der hochverschuldete preußische Staat verstärkt auf private Initiative. Die Regierung zu Münster stellte den Kommunen das Geld für den Ankauf von Roggen durch Darlehn zur Verfügung und regte im Januar 1847 die Bildung von Hilfsvereinen an.

In Dülmen zögerte der Magistrat eine konkrete Reaktion bis zum Februar hinaus, wohl um den Kaufleuten Trippelvoet und Schücking den Verkauf ihres über ostfriesische Häfen importierten Roggens zu ermöglichen. Schließlich beschloss man eine Unterstützungssammlung, in die jeder „bemittelte Bürger“ für die Dauer eines halben Jahres eine monatliche Unterstützung einzahlen sollte. Die Höhe des Betrages konnten die einzelnen selbst festlegen. Mit dem gespendeten Geld von 400 – 600 Taler sollten rund 5 Tonnen Roggen (18 Malter = 4.989,6 kg) beschafft werden. Das gebackene Brot sollte dann zu einem reduzierten Preis an die Armen abgegeben werden. Die Subskriptionsliste zeichneten 141 Personen, an der Spitze mit 100 Taler für den ganzen Zeitraum stand der Herzog von Croy. In den Genuss verbilligten Brotes kamen zu Anfang 1.047 Personen. Damit waren 31 Prozent — später sogar 37 Prozent — der Bevölkerung von existenzbedrohender Armut betroffen. Nach einer neuerlichen Roggenpreiserhöhung im Mai gerieten vermehrt Angehörige der „mittleren Bürgerklasse“ in eine bedrängte Lage. Getreideankäufe in Wesel und Lieferungen aus den dortigen Königlichen Kornmagazinen sorgten im Juni 1847 für eine Linderung der Not. Die Bewältigung der Krise von 1846/47 lag in Dülmen im wesentlichen in den Händen der bürgerlichen Wohlfahrtsorganisation. Diese gelangte jedoch aufgrund des hohen Anteils Bedürftiger an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.

In diese allgemeine Krisensituation platzte im Februar 1848 die Nachricht vom Ausbruch der Revolution und der Ausrufung der Republik in Paris. Dadurch alarmiert, wies der Landrat des Kreises Coesfeld den Dülmener Magistrat am 1. März ä an, alle für eine Mobilmachung der Armee nötigen Vorbereitungen zu treffen.

In Dülmen waren im Jahre 1844 168 Landwehrmänner verpflichtet zum Frühjahrsappell bei der Schenke „Drügen Pütt“ an der Landstraße von Dülmen nach Haltern zu erscheinen. Die Appelle dienten der Überprüfung auf Vollzähligkeit und waren mehr eine willkommene Abwechslung im Jahresablauf als eine starke Belastung. Dies traf eher für die 14tägigen Übungen im Sommer zu, für die aber erheblich weniger Reservisten herangezogen wurden. Die zur Übung Befohlenen hatten sich auf dem Landwehrzeughaus in Borken zu melden, wo sie eingekleidet und mit Waffen versehen wurden, während die Appelle reine Kontrollfunktion hatten und unbewaffnet abgehalten wurden.

Bei dem für den 22. März 1848 angesetzten Landwehrappell handelte es sich um den üblichen Frühjahrsappell, der jedoch mit Rücksicht auf die gespannte Lage früher als üblich abgehalten wurde. Im Vorfeld diskutierte man in den Gasthäusern über die vielfältigen Beschwerden, die gegen den Herzog von Croy vorgebracht werden sollten.

Landrat Mersmann glaubte seinen Kreis am 14. März ä zwar gegen revolutionäre Ideen gefeit, trotzdem befahl er dem Dülmener Magistrat, alle Volksversammlungen und Demonstrationen zu unterbinden. Gleichzeitig regte er die Bildung eines Sicherheitsvereins an.

Herzog Alfred von Croy

Alfred Franz Friedrich Philipp (1789-1861) war als Sohn von August Philipp der 11. Herzog von Croy aus der Linie Soire. Er erbte nach dem Tode seines Vaters 1822 die Standesherrschaft Dülmen. Vom Freiherrn von Merode-Merfeld erwarb er 1836 das Rittergut Merfeld und von der Familie von Amelunxen das Haus Rorup sowie weitere Höfe im Umland.

Durch Gerüchte über bevorstehende Ausschreitungen im Zusammenhang mit dem Landwehrappell und das Schreiben des Landrats veranlasst, versammelte Bürgermeister Möllmann am Morgen des Appelltages, dem 22. März ä, die Mitglieder des Magistrats, die Stadtverordneten und mehrere "Bürger ersten Ranges". Der Bürgermeister informierte die Geladenen über die in Berlin am 18. und 19. März ä vorgefallenen Unruhen. Es wurde dann die Bildung eines Sicherheitsvereins beschlossen, dem alle zuverlässigen, wohlgesinnten und unbescholtenen Ortseinwohner angehören sollten. Die Wahl der fünf Abteilungsvorsteher fiel im wesentlichen auf Kaufleute, "Oeconomen" und Gastwirte, während die Handwerker in der Minderzahl waren. Als Anführer wurden neben dem Bürgermeister der Gerichtsdirektor Ignatz Fischer und der Apotheker Hackebram gewählt. Nach der Aufstellung der Mitgliederlisten hielt man weitere Beschlüsse für überflüssig. In den vom Magistrat gebildeten Verein traten 192 Personen ein. Die umfangreichste Berufsgruppe bildeten mit 35 Angehörigen die Tagelöhner, die fast keine politischen Mitwirkungsmöglichkeiten besaßen. Zahlenmäßig bedeutend waren mit 14 Mitgliedern die Kaufleute, unter denen sich auch ein jüdischer Kaufmann befand, sowie sieben hauptsächlich jüdische Händler. Schließlich stellten die Wirte (12), die Schuster (11), die Schneider (8) und die Schmiede (6) noch zahlenmäßig größere Gruppen.

Herzogliches Schloss in Dülmen

Herzog Anna Emanuel von Croy erhielt 1803 als Entschädigung für Gebietsverluste auf der linken Rheinseite den größten Teil des ehemals fürstbischöflichen Amtes Dülmen zugewiesen. Ab 1806 verlor jedoch sein Sohn August Philipp die Herrschaft zunächst an den Herzog von Arenberg, dann an das Kaiserreich Frankreich. Zwar erlangten die Herzöge nach 1815 keine souveräne Stellung mehr, erhielten aber das Amt Dülmen als Standesherrschaft unter preußischer Oberhoheit zurück. Die Grundsteinlegung eines in klassizistischem Stil errichteten Schlosses erfolgte 1834 auf einem Grundstück, das bereits 1804 angekauft worden war und in dessen aus dem 17. Jahrhundert stammenden Gebäuden die Herzöge seitdem residiert hatten. Die Aufnahme zeigt das 1844 fertiggestellte Schloss von der Gartenseite aus. Durch die Anlage des Schlosses und des Schlossparks wurde der mittelalterliche Stadtgrundriss in diesem Bereich aufgebrochen und völlig umgeformt.

Der Landwehrappell beim „Drügen Pütt“ verlief ohne größere Vorkommnisse. Die Masse der Reservisten kehrte Heim, nur eine Gruppe von 20 bis 30 Männern wollte dem Herzog von Croy ihre Beschwerden über die Erhöhung der Pachtzinsen vortragen. Gerüchtweise wusste der Herzog davon und war zu Verhandlungen bereit. Allerdings verbreitete sich im Verlaufe des Nachmittags die Nachricht, dass die Beschwerdeführer betrunken und mit vernünftigen Verhandlungen nicht zu rechnen sei. Herzog Alfred ergriff dann, weil man Ausschreitungen befürchtete, mit seiner Familie die Flucht und überließ das Schloss der zahlenmäßig geringen Dienerschaft zur Bewachung.

Wenig später traf der verbliebene Trupp von 15 unbewaffneten Landwehrmännern vor dem geöffneten Schlosstor ein und verlangte, den Herzog zu sprechen. Statt einer Antwort hielt es die überforderte Dienerschaft für angemessen, Branntwein an die Beschwerdeführer auszuschenken, so dass diese bald völlig betrunken waren. Als sie dann von der Flucht des Herzogs hörten, entluden sie ihre aufgestaute Wut im Einschlagen von Fensterscheiben. Bald darauf drangen sie in das Schloss ein und zerstörten in einigen Räumen Mobiliar und Spiegel, wodurch ein Schaden von 6.000 – 7.000 Taler entstand: Der Großteil der Einrichtung und die Gebäude selbst blieben jedoch unbeschädigt.

Ob parallel zu den zum Protest bereiten Landwehrmännern am Nachmittag in Dülmen eine nicht näher zu fassende Gruppe den Ausbruch der Revolution auch in Dülmen für gekommen ansah oder ob es andere Motive für das Hissen der schwarz-rot-goldenen Fahne am Turm der St.-Viktor-Kirche gab, lässt sich nicht beantworten. Im Begnadigungsgesuch für die zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilten Täter wurde erwähnt, dass einige der heimkehrenden Landwehrmänner, die die deutsche Fahne am Kirchturm wehen sahen, diese als Zeichen der gesetzlichen Anarchie missverstanden hätten. Das erstmalige Hissen der deutschen Fahne muss jedoch keinesfalls als ein solcher Aufruf interpretiert werden, sondern dürfte vielmehr ein Ausdruck der Freude über die Verkündung der Pressefreiheit durch den preußischen König gewesen sein. Ebenso wichtig war seine Ankündigung endlich mit der Erarbeitung einer preußischen Verfassung zu beginnen und die Verfassung des Deutschen Bundes zu reformieren.

Kopfzeile des „Westfälischen Merkurs“

Der in Münster erscheinende und auch im Umland verbreitete "Westfälische Merkur" meldete am 21. März 1848 in einem Sonderblatt die vom König gewährten Reformen und den Ausbruch der Kämpfe in Berlin.

Die Berliner Ereignisse, von denen man sich in Dülmen u.a. durch den in Münster erscheinenden „Westfälischen Merkur“ Eindruck verschaffen konnte, sorgten den ganzen Tag für Unruhe in der Stadt. Dies spiegelt sich in zwei Handlungssträngen wider, die bei den Ereignissen zu berücksichtigen sind, aber in den Zeitzeugenberichten häufig verwischt werden. An den Beschädigungen im Schloss scheinen sich nur etwa 15 Landwehrmänner beteiligt zu haben, während sich bald nach deren Rückkehr und den von ihnen lautstark geäußerten Forderungen ein Auflauf von 300 bis 400 Personen bildete, der das Treiben vom Schlosshof aus beobachtete. Neugier und eine gewisse Schadenfreude dürften der Antrieb für das Verhalten dieser Gruppe gewesen sein, die in ihrer Mehrzahl den ärmeren Bevölkerungsschichten angehörte.

Vergeblich suchte der Bürgermeister den am Morgen gebildeten Sicherheitsverein zu alarmieren, denn die meisten Besitzbürger zogen es wie der Rechtsanwalt Weddige oder der herzogliche Domänenrat von Noël vor, sich in ihren Häusern zu verbarrikadieren. Geht man davon aus, dass die Tagelöhner den Zerstörungen mit Sympathie zusahen, blieb nur noch eine geringe Anzahl übrig, von der man keine gewaltsame Auflösung der Demonstrantenschar oder die Festnahme der Täter erwarten konnte. Liberal gesinnte Männer wie Assessor Gruwe oder der Gastwirt Keller versuchten erfolglos, die Versammelten durch Gespräche zu beruhigen. Keller musste sich später sogar für seine Anwesenheit bei den Ausschreitungen rechtfertigen, da man ihn als einen der Anstifter verdächtigte. Ebenso wenig gelang es beherzten und durch ihr Amt angesehenen Männer wie dem Dechanten Wessendorf und dem Anführer des Sicherheitsvereins, Gerichtsdirektor Fischer, für eine Beruhigung der Lage zu sorgen. Vielmehr warf man ihnen im Verlauf der Nacht die Scheiben ein, als die Zerstörungen im Schloss beendet waren und die Menge sich verlief.

Bei diesen Aktionen handelte es sich um kein planmäßiges Vorgehen, sondern Einzelne oder kleine Gruppen äußerten durch Zerschlagen von Fensterscheiben bei dem als Leiter der herzoglichen Verwaltung unbeliebten Domänenrat von Noël ihren Protest. Weniger als Angriff auf die Obrigkeit, sondern vielmehr als eine Missfallenskundgebung gegen die Geschäftspraktiken der Kaufleute Hölscher und Trippelvoet sowie des Kommissionärs Piekenbrock ist das Einwerfen von Fensterscheiben und die teilweise Leerung der in ihren Häusern vorgefundenen Alkoholvorräte zu betrachten.

Gegen ein Uhr am Morgen des 23. März ä hatte sich die Lage entspannt und die Ansammlungen waren soweit aufgelöst, dass es einer Gruppe nun wieder mutig gewordener Bürger gelang, zunächst das Gelage im Hause Trippelvoet aufzulösen und dann auf den Straßen für Ruhe zu sorgen. Während des Rests der Nacht fanden auf den Straßen Patrouillen des Sicherheitsvereins statt. Am Morgen des 23. März ä organisierte sich dann die Bürgerwehr. Als am Nachmittag aus Münster die vom Bürgermeister angeforderten 50 Husaren eintrafen, herrschte schon längst wieder Ruhe und bei den an den Sachbeschädigungen Beteiligten Katerstimmung vor.

Die am gleichen Tage einsetzenden Untersuchungen ermittelten 27 Beschuldigte, die am nächsten Tag zur Untersuchungshaft in das Zuchthaus nach Münster gebracht wurden.

Von den Inhaftierten stammten 19 aus der Stadt Dülmen und acht aus dem Kirchspiel Dülmen. Elf der in der Stadt ansässigen Inhaftierten waren Tagelöhner, von denen einer als Schreiner und einer als Schuster arbeiteten, während die anderen wechselnden Tätigkeiten nachgingen. Ferner gehörten Beschäftigte der Eisenhütte wie der Fabrikarbeiter Johann Stecking, der Tagelöhner Franz Sievert, der als Werkführer beschäftigte Mechanikus Wilhelm Dittmann sowie Bernhard Deckenhoff dazu. Von den Einwohnern des Kirchspiels kamen vier aus der Bauerschaft Dernekamp, je einer aus Leuste, Welte und Mitwick. Insgesamt handelte es sich bei der Mehrzahl der Inhaftierten um Angehörige der Unterschicht. Andere, wie der Mitbegründer der Eisenhütte Friedrich Beisenherz, wurden zwar von einem der Inhaftierten der Mittäterschaft beschuldigt, ohne dass es dafür ausreichende Beweise gegeben hätte. Verhaftet wurden auch andere, die man der Mittäterschaft aufgrund ihres Lebenswandels für fähig hielt.

Stellvertretend sollen die Lebensverhältnisse zweier Täter geschildert werden. Caspar Schlüter lebte seit zwölf Jahren in Dülmen, wo er als Schuster im Tagelohn arbeitete. Er war Pächter eines 55 Ruten (= 780 qm) großen Gartens und von 165 Ruten (2.340 qm) Ackerland. Bei Herzog Alfred wollten er und der als Miträdelsführer bezeichnete Josef Wemhoff sich über die Erhöhung des jährlichen Pachtpreises beklagen und eine Herabsetzung auf die alte Höhe erreichen. Obwohl Schlüter ein kleines Haus, einige Mobilien und eine Kuh besaß, sowie einige Scheffelsaat Land in Pacht hatte, war seine Frau auf eine monatliche Beihilfe aus der Armenkasse angewiesen.

Die Familie des zu vier Jahren Festungshaft verurteilten Fabrikarbeiters Johann Heinrich Stecking bestand aus seiner Frau und einem achtjährigen Kind, die zur Miete wohnten und in dürftigen Verhältnissen lebten. Wurde ein Familienmitglied krank, war die Unterstützung der Armenkasse notwendig. Die Armenkasse bezahlte auch während Steckings Festungshaft die Wohnung und monatlich 15 Silbergroschen an die Frau und das Kind, die beide arbeitsfähig waren und mit Hilfstätigkeiten ihr dürftiges Auskommen fanden.

Resümiert man die soziale Herkunft der Täter, so waren es in der Mehrzahl Tagelöhner. Gingen sie handwerklichen Tätigkeiten nach, konnten sie davon im Gegensatz zu den ortsansässigen Handwerkern nicht leben. Wenn schon die in die Bürgerrolle eingetragenen Handwerker über die Konkurrenz klagten und eine Beschränkung der Gewerbezulassung forderten, so stellte sich die Erwerbssituation für die im Tagelohn arbeitenden noch schlechter dar. Als die im Nebenerwerb betriebene Leinenweberei, die eine Hauptbeschäftigung der Tagelöhner bildete, 1845 mangels Nachfrage stark zurückging, war diese Bevölkerungsgruppe zwangsläufig am meisten betroffen. Diejenigen, die über ein eigenes Haus verfügten, sparten immerhin die Miete, die sonst von dem städtischen Armenfonds aufgebracht werden musste. Ohne finanzielle Unterstützung konnten nur die wenigsten Familien der Täter die Krisenjahre überstehen.

Wie wichtig der Besitz oder die Anpachtung eines Gartens war, ergibt sich aus verschiedenen Zeugnissen, die in erster Linie die sozialen Ursachen des Protestes beleuchten. Als führender Kopf der Einwohnerschaft erscheint 1848 der als Rechtsanwalt tätige Assessor Ludwig Gruwe. Er war es, der dem Bürgermeister zuvorkam, indem er die Bürgerschaft im Gasthaus Limberg versammelte, um den Herzog zur Rückkehr nach Dülmen zu veranlassen. Eine Delegation reiste nach Münster und übergab dem Herzog die von 309 Einwohnern unterschriebene Bitte. Bei dieser Gelegenheit sicherte Herzog Alfred den Dülmenern die Prüfung ihrer Klagepunkte zu. Diese Punkte wurden wiederum unter der Ägide Ludwig Gruwes sowie der Kaufleute Bracht und Bergfeld in den folgenden Wochen zusammengestellt, in einer Bürgerversammlung beraten und an den Herzog nach Münster gesandt.


Ludwig Gruwe

Der 1811 in Münster geborene Ludwig Gruwe war nach einem Studium der Rechte zwischen 1843 und 1845 Oberlandesgerichtsassessor in Münster. Seit 1845 versah er eine Hilfsrichterstelle in Dülmen. Gemeinsam mit dem seit September 1848 nach Dülmen versetzten Oberlandesgerichtsassessor Christian Fischer gründete er den "Deutschen Verein für Stadt und Amt Dülmen". Vom Dezember 1848 bis zum Frühjahr 1849 war er in Münster wegen seiner Teilnahme am Demokratenkongress inhaftiert. Bei den Wahlen zur zweiten Kammer des Preußischen Landtages im Januar/Februar 1849 erhielt er das Mandat für den Wahlkreis Drensteinfurt, zu dem auch Dülmen gehörte.

Nach der Auflösung der Zweiten Kammer am 27. April 1849 kehrte Gruwe nach Dülmen zurück und wurde dort wieder in das neugebildete Offizierskorps der Bürgerwehr gewählt. Im folgenden Jahr hatte er sich wie alle übrigen im Dezember 1848 inhaftierten Teilnehmer des Demokratenkongresses vor dem Schwurgericht Hamm wegen Anstiftung zu Aufruhr und strafbaren Handlungen zu verantworten.

Nach dem Freispruch wirkte er von 1851 – 53 als Kreisrichter in Ahaus und danach von 1853 bis 1886 als Kreisrichter und Amtsgerichtsrat in Burgsteinfurt. Politisch engagierte er sich auch weiterhin, ohne dass es ihm gelang, das Mandat für den Wahlkreis Steinfurt-Ahaus zu gewinnen.

An der Spitze der Forderungen stand die Abschaffung der von der herzoglichen Verwaltung erhobenen „kostenpflichtigen Anmahnungen“. Dabei ging es nicht darum, dass die Pächter mutwillig die Zahlungen versäumt hätten, vielmehr verfügten sie aufgrund der wirtschaftlichen Krise nicht über das nötige Bargeld. Die Mahngebühren von fünf Silbergroschen wurden besonders von der „armen Klasse“ als sehr bedrückend empfunden, weil die Gebühr pauschal ohne Rücksicht auf die Pachtsumme erhoben wurde, die sich dadurch im ungünstigsten Fall verdoppeln konnte.

Domänenrat Ludwig von Noël

Er wurde um 1820 nach akademischer Vorbildung zum Herzoglich Croy’schen Archivar berufen. Seiner Aufgabe gemäß ordnete er die Urkunden- und Aktenbestände der säkularisierten Stifts- und Klostergüter, um einen genauen Überblick über die dem Herzog zustehenden Einkünfte und Besitzungen zu erhalten. Von 1828 bis 1869 leitete er die herzogliche Verwaltung als Domänenrat und wohnte im neuen Renteigebäude im ehemaligen Kloster Agnetenberg an der Münsterstraße.

Gegen seine Person richtete sich der Unmut der Menge am 22. März 1848, nachdem sie das herzogliche Schloss verwüstet hatte, warf sie die Scheiben des Renteigebäudes ein.

Die nächste Forderung betraf den Grundbesitz des Herzogs innerhalb und außerhalb der Stadt Dülmen, der aus den säkularisierten geistlichen Besitzungen bestand. Aufgrund der Bevölkerungszunahme der grundbesitzlosen „ärmeren Klasse“, die auf die Anpachtung von Gärten zur Selbstversorgung mit Gemüse und Kartoffeln angewiesen war, kam es zu einer Verknappung des zur Verfügung stehenden Pachtlandes und damit zu einer stetigen Steigerung der Pachten. Höhere Pachtsätze wurden nicht so sehr durch die herzogliche Verwaltung forciert, sondern waren durch die Nachfrage bedingt, die zu einer Versteigerung der Pachtgärten führte. Der so erhöhte Zuschlagpreis überstieg aber häufig die Kräfte der Pächter.

Der letzte von der Petition benannte Streitpunkt betraf die Pfarrkirche. Im Gegensatz zur Ausstattung des 1323 errichteten Stiftskapitels waren die nach der Aufhebung 1802 verbliebenen Einkünfte nicht ausreichend, um die Bedürfnisse der Seelsorge, der Kirchensachen und der baulichen Unterhaltung der St. Viktor-Kirche zu genügen. Stattdessen mussten die Pfarrangehörigen jährlich zusätzlich 300 Taler aufbringen. Man hielt es für angemessen, dass der Herzog diese Summe übernehmen sollte. Es ist also verständlich, dass neben dem Dechanten Wessendorf der Kaplan Bergfeld und die Vikare Einhaus, Bergfeld und Ruin diese Forderungen an den Herzog unterschrieben.

Natürlich fühlte sich der Herzog von Croy gegenüber den Vorwürfen schuldlos. Er beauftragte aber den Leiter der herzoglichen Verwaltung mit der Erstattung eines Berichts zu den Vorwürfen. In seinem Bericht hielt Domänenrat von Noël die Vorwürfe für haltlos. Gleichwohl schlug er vor, die Lage der „ärmeren besitzslosen Klasse“ zu verbessern. Dazu wurden die Mahngebühren für die Pächter kleiner Grundstücke ermäßigt und die Gartenpachten, die Arbeiter aufzubringen hatten, auf einen langjährigen Mittelwert reduziert. Zur Vermehrung der Pachtgärten mussten mehrere Dülmener Bürger wie der „Oeconom“ Schücking, die über große Pachtländereien des Herzogs verfügten und diese gewerblich nutzten, davon Teile zurückgeben, die dann in kleine Grundstücke geteilt und an die ärmere Bevölkerung verpachtet wurden.

Damit war die Revolution in Dülmen — entgegen den Aussagen der älteren Dülmener Stadtgeschichtsschreibung — erfolgreich, denn das Ziel des Protestes vom 22. März ä hatte ja gerade in der Forderung nach der Herabsetzung der Gartenpachten bestanden. Zumindest die Lage der untersten Einwohnerschicht wurde dadurch gebessert, wenngleich die Konfliktpunkte, die zwischen der Dülmener Bürgerschaft sowie der Kirche und dem Herzog von Croy bestanden, damit nicht ausgeräumt waren.

Wie im übrigen katholischen Westfalen war die Begeisterung in Dülmen nicht minder groß, als die Frankfurter Nationalversammlung am 28. Juni das Gesetz über die Provisorische Zentralgewalt verabschiedete. Denn durch die Schaffung einer vorläufigen Exekutive in der Person des österreichischen Erzherzogs Johann wurde die Hoffnung genährt, in einem mehrheitlich katholischen Reiche leben zu können. In Dülmen beging man die Wahl des Reichsverwesers Anfang August wohl nach dem Vorbilde Münsters, wo der Magistrat die vom Bischof angesetzte kirchliche Dankfeier zum Anlass nahm, durch die Beflaggung der Häuser, eine Parade der Bürgerwehr und eine abendliche Beleuchtung der Häuser der Freude Ausdruck zu geben.

Ob auch in Dülmen ein Dankgottesdienst stattfand, ist nicht sicher. Denn Urheber des Dülmener „Reichs-Verweser-Festes“ war der Oberst der Bürgerwehr, Anton Keller, der die Gelegenheit zum Anlass nahm, eine Parade zu organisieren, die ein Pfeifer und weitere Musiker umrahmten. Der Magistrat machte gute Miene zum bösen Spiel, ergriff aber nicht selbst die Initiative. So orientierten sich die Dülmener Feierlichkeiten inhaltlich weniger am münsterischen Vorbild, sondern Keller und andere nutzten den Aufmarsch, um eine Demonstration reichstreuer und konstitutioneller Gesinnung abzulegen.

Reichsverweser Erzherzog Johann von Österreich

Erzherzog Johann (1800-1876) zeichnete sich durch eine unkomplizierte Volksnähe und große Aufgeschlossenheit für die nationale Bewegung aus, weshalb er seit den napoleonischen Zeiten ein hohes Ansehen genoss. Er war maßgeblich am Sturze Metternichs beteiligt gewesen und hatte als erster Fürst öffentlich die Einheit und Einigung Deutschlands gefordert. Am 29. Juni 1848 wurde er mit großer Mehrheit zum Oberhaupt einer provisorischen Reichsregierung gewählt, die bis zum Inkafttreten der auszuarbeitenden Reichsverfassung im Amt bleiben sollte. In Frankfurt zog er am 11. Juli 1848 ein und wurde mit großer Begeisterung empfangen.

Zum 1. September 1848 vollzog sich in Dülmen ein personeller Wechsel am Land- und Stadtgericht, der folgenreich für die weitere Entwicklung und Parteienbildung in der Stadt werden sollte. Mit einem Abschiedsmahl wurde der seit 1841 als Hilfsrichter tätige Josef Brockhausen durch die Bürgerschaft geehrt. Brockhausen, der nach Warendorf versetzt worden war, erfreute sich allgemeiner Beliebtheit, die durch Ansprachen seines Vorgesetzten und des Bürgermeisters sowie ein Ständchen der Liedertafel zum Ausdruck gebracht wurde. Bei Brockhausen handelte es sich um einen Vertreter des rechten Centrums, der im November zum Nachfolger des erkrankten münsterischen Oberbürgermeisters Hüffer in die Nationalversammlung gewählt wurde. Eine konservativ, katholische Gesinnung vertrat Brockhausen auch in Dülmen, die vom Großteil der Führungsschichten geteilt wurde.

Neues Ungemach gab es im August innerhalb der Stadt. Es entzündete sich an der Stellung der Bürgerwehr, die sich als Ergebnis der Vorgänge vom 22. März ä spontan zusammengefunden hatte. Zu einem formalen Gründungsakt war es am 26. März ä gekommen, in dem auch die Aufnahme weiterer unbescholtener Einwohner vorgenommen wurde. Zum Oberst der Garde war einstimmig der Gastwirt Anton Keller gewählt worden. Eine vorläufige Bewaffnung bestand in Gewehren, Säbeln, Stöcken und anderen Waffen, doch wurde eine einheitliche Bewaffnung angestrebt. Die soziale Zusammensetzung des Offizierskorps deckte die ganze Breite der Bürgerschaft, nicht aber der Einwohnerschaft ab, da die Tagelöhner und Arbeiter außen vor blieben. Als gemeinsame Aufgabe sah die von der Bürgerwehr entworfene Instruktion den Schutz der Person und des Eigentums der Angehörigen der Garde vor. Im Sinne einer Volksbewaffnung, die mit Wissen und Willen der städtischen Obrigkeit errichtet worden war, bestand die Bürgergarde autonom neben der Polizeigewalt des Magistrats. Die Anerkennung dieser „Gewaltenteilung“ seitens des Magistrats zog sich jedoch bis zum 15. April hin und konnte nur mit dem Hinweis auf die sich im Umlauf befindlichen Gerüchte über neuerliche Ausschreitungen am Karfreitag, dem 21. April , erreicht werden. Mit dem genossenschaftlichen Organisationsprinzip im Einklang stand eine eigene Strafgewalt, die die Garde in Form von Geldstrafen gegen zu spät kommende oder ausbleibende Angehörige verhängen konnte. Für die Verwaltung der Garde waren der als Adjutant des Obersten eingeteilte Assessor Gruwe und der als Schreiber fungierende Sekretär Zober zuständig. Unter Mithilfe des Magistrats erhielt die Bürgergarde am 1. April 50 Infanteriegewehre aus dem Artilleriedepot in Münster zur Verfügung gestellt. Für die übrigen Gardisten beantragte Oberst Keller die Anfertigung von 230 Piken auf Kosten der Stadtkasse, die von heimischen Schmieden angefertigt wurden.

Zum Konflikt zwischen Bürgergarde und Magistrat kam es Ende August 1848, als der Bürgermeister mit einem Polizeidiener auf der Wachstube der Bürgerwehr erschien, um sich nach angeblich vorgekommenen Unregelmäßigkeiten zu erkundigen. Der Bürgerwehrmann Thomas Deipenbrock beschwerte sich über diesen Eingriff beim Offizierkorps. Oberst Keller und Adjutant Gruwe legten den Standpunkt der Bürgergarde in schriftlicher Form dar, weil die Ursache des Konflikts darin bestand, dass der Bürgermeister die Wehrmänner zur Nachtwache heranziehen wollte. Nach dem Ende der konkreten Bedrohung waren die Nachtpatrouillen jedoch von der Bürgerwehr eingestellt worden. Betont wurde, dass der Zweck des Zusammenschlusses in erster Linie im Schutz gegen Massenaufläufe bestehe. Die Abwehr von Störungen der öffentlichen Ruhe und Ordnung sah man als Aufgabe der Ortsbehörde an.

Bis zum Frühherbst 1848 gibt es keine Hinweise auf besondere politische Betätigungen in Dülmen. Gleichwohl konnten die Geschehnisse in den verfassunggebenden Nationalversammlungen in Frankfurt und in Berlin durch Presseberichte verfolgt werden. Ein Diskussionsforum bildete der „Deutsche Verein für Stadt und Amt Dülmen“, den der zum 1. September nach Dülmen versetzte Oberlandesgerichtsassessor Fischer am 10. Oktober gegründet hatte. Zum Schriftführer wählten die anfangs 90 Mitglieder den Rechtsanwalt Ludwig Gruwe und zum Rendanten den Vikar Hülskamp. Ihnen zur Seite stand ein Ausschuss von zwölf Vereinsmitgliedern. Der Verein rekrutierte sich aus allen Klassen der Einwohnerschaft und umfasste Beamte, Geistliche, Kaufleute, Handwerker, Gewerbetreibende und Tagelöhner. Anliegen des Vereins war die Besprechung der religiösen, politischen und sozialen Fragen der Gegenwart. Darüber hinaus wollte man sich in den angesprochenen Themenbereichen engagieren. Die Mitgliederversammlungen fanden jeweils donnerstags abends im Saal des Gastwirts Anton Keller an der Lüdinghauserstraße statt. Angespannter wurde die Lage in Dülmen aber ab dem 12. Oktober , als die Plenumsberatungen in der Berliner Nationalversammlung über den Verfassungsentwurf begannen. Der Entwurf sah die Einführung einer konstitutionellen Monarchie auf breiter demokratischer Grundlage vor, wogegen sich der Widerstand des Königs und der konservativen Kräfte erhob. Den unversöhnlichen Hass König Friedrich Wilhelms IV. zog sich die Versammlung gleich zu Beginn durch die Streichung der Gottesgnadenformel im Titel des Monarchen zu. Es lag also Zündstoff in der Luft, der zur Parteinahme einlud. Als Landrat Mersmann am 13. Oktober in Dülmen weilte, erfuhr er, dass der Deutsche Verein die Einladung zu einer außerordentlichen Sitzung durch Ausruf auf den Straßen publiziert habe. Der Ausrufer Gernemann sprach davon, dass das Vaterland in Gefahr sei. Das Offizierskorps der Dülmener Bürgerwehr wandte sich am 15. Oktober an den Magistrat, der sie „mit Rücksicht auf die drohenden Ereignisse der Zeit“ schnellstens mit Munition für die Militärgewehre versehen sollte. Die Forderung nach Munition ist als Reflex auf die in Berlin vorgetragenen Pläne der Bewaffnung einer „Volkswehr“ zu sehen. Die Dülmener Bürgerwehr stellte sich damit hinter die von den Linken um Waldeck und Temme vertretenen Vorstellungen einer stark vom Volkswillen geprägten konstitutionellen Monarchie. Assessor Christian Fischer dürfte in dieser Richtung Einfluss auf den Deutschen Verein in Dülmen genommen haben, bevor er am 15. Oktober die Nachfolge des münsterischen Oberbürgermeisters Hüffer in der Berliner Nationalversammlung antrat.

Die Spannungen in Berlin, die auf eine Auflösung der Nationalversammlung abzielten, steigerten sich seit Oktober. Am 8. November beschloss der König die Vertagung und Verlegung der Nationalversammlung nach Brandenburg an der Havel. Als sich die Abgeordneten der Linken weigerten, der Vertagung durch den König Folge zu leisten und diese für ungesetzlich erklärten, lieferte dieser passive Widerstand den Vorwand zum Einmarsch der Truppen in Berlin. Damit war die Verhängung des Belagerungszustands, die Auflösung der Bürgerwehr, das Verbot aller politischen Vereine sowie eine Einschränkung der Versammlungs- und Pressefreiheit verbunden. In dieser Lage riefen 227 Abgeordnete am 15. November zur Steuerverweigerung auf, um dem Staat die finanziellen Mittel zur Durchsetzung seiner reaktionären Ziele zu entziehen.

Die Nachricht von der Vertagung der Nationalversammlung führte in Dülmen zu einer außerordentlichen Versammlung des Deutschen Vereins, in der man sich solidarisch mit den von der Nationalversammlung gefassten Beschlüssen erklären und mit der Aufstellung von Freischaren beginnen wollte. Damit teilte der Deutsche Verein Überlegungen der Linken in der Nationalversammlung, die ein revolutionäres Komitee und einen revolutionären Miltärkörper aus Landwehr und Landsturm bilden wollte. In Dülmen steigerte sich in den nächsten Tagen die Erregung noch, als die weiteren Ereignisse aus Berlin bekannt wurden. Der Deutsche Verein sorgte durch Bekanntmachungen für allgemeine Publizität. Die Zustimmung zu den Handlungen der Nationalversammlung verminderte sich jedoch mit Bekanntwerden des Steuerverweigerungsbeschlusses, der zumindest in der Bürgerschaft eine zwiespältige Stimmung hervorrief. Trotz der Aufgeregtheit kam es jedoch zu keinen ungesetzlichen Vorfällen, wie Bürgermeister Möllmann betonte. Allerdings gingen die Steuerzahlungen nicht so regelmäßig ein wie früher.

In Münster wurde in einer Volksversammlung am 11. November zur Gründung eines „westfälischen Central-Vereins für die Sache und die Rechte der preußischen National-Versammlung und des preußischen Volkes“ aufgerufen, der die Vorgehensweise der Nationalversammlung unterstützen wollte. Der Dülmener Deutsche Verein entsandte den stellvertretenden Vorsitzenden, Ludwig Gruwe, den Oberst der Bürgerwehr, Anton Keller, und den Amtsverordneten Anton Borgheck aus der Bauerschaft Daldrup nach Münster. Eine Volksversamlung in Hausdülmen bevollmächtigte den Ökonom Elting, den Fabrikanten Gelschefahrt und den Supernumerar Rohden als Teilnehmer.

Zeughaus des 2. Bataillons des Landwehr-Infanterie-Regiments Nr. 13 in Borken

Im Jahre 1837/38 wurde das Zeughaus in Borken erbaut. Hier wurden die Ausrüstungsgegenstände des Landwehrbataillons aufbewahrt. Zu den jährlichen Dienstübungen hatte sich eine gewisse Anzahl von Landwehrmännern einzufinden, sofern sie nicht als "Ernährer" ihres Haushaltes unabkömmlich waren. Die Landwehrmänner wurden hier im Kriegsfall und zu Übungen eingekleidet und mit Waffen versehen.

Eine aktive Beteiligung an den Beratungen ging allerdings nur von den wenigsten Anwesenden aus. Im Gegensatz zu den übrigen westmünsterländischen Vertretern nahmen die Dülmener Delegierten aber durch Ergänzungsanträge Anteil an der Beschlussfassung.

Die Beratungen des sogenannten Demokraten-Kongresses in Münster kreisten um drei Themenkomplexe, zu denen die allgemeine Rechtslage nach der Verlegung der Nationalversammlung und der Steuerverweigerungsbeschluss zählten. Der Kongress rief die Bevölkerung Westfalens auf, diesen Beschluss zu befolgen, bis die Nationalversammlung ein Ende der Steuerverweigerung verkünden würde. Der Dülmener Gruwe stellte dazu einen Ergänzungsantrag, in dem die Feststellung der Steuerkassenbestände gefordert wurde und die Steuereinnehmer für die Nichtabsendung der Steuern an die Hauptkasse verantwortlich gemacht werden sollten.

Ferner beschloss man die Bürgerwehr zur Aufrechterhaltung der verfassungsmäßigen Freiheit und gesetzlichen Ordnung militärisch zu organisieren und zu bewaffnen. Hierzu beantragte der Dülmener Bürgerwehroberst Anton Keller, dass die Bürgerwehr zu Borken mit Unterstützung der benachbarten Bürgerwehren verhindern sollte, dass die im dortigen Landwehrzeughaus lagernden Waffen an die Militärbehörden abgeliefert würden. Die Versammlung ging über diesen Antrag hinweg, weil man ein entsprechendes Verhalten voraussetzte. Diese harmlosen Anträge erfüllten aus Perspektive der reaktionären Behörden und Staatsanwälte den Tatbestand der Anstiftung zum Aufruhr und damit von strafbaren Handlungen.

In Dülmen wartete man nicht erst die Rückkehr der Delegierten ab. Ein Unbekannter beschmierte nachts den Amtsadler vor dem Büro des Steuereinnehmers mit roter Farbe und demonstrierte so für die Steuerverweigerung. Keller hatte einige Steuerverweigerungsplakate aus Münster mitgenommen und heftete ein Exemplar an das Rathaus sowie ein zweites an das Haus des Bäckers Bernhard Kaute, der auch dem Deutschen Verein angehörte.

Der Demokraten-Kongress in Münster setzte sich auch für Neuwahlen in den Wahlkreisen ein, deren Abgeordnete seit längerem die Sitzungen der Nationalversammlung versäumt hatten, wie der Abgeordnete des Kreises Coesfeld Josef Jansing aus Lavesum. Ihm warf man offen die Erschleichung von Diäten vor. Landrat Mersmann setzte auf Anweisung des Regierungspräsidenten in Münster Neuwahlen an. Der Landrat, der politisch konservativ eingestellt war und die in Berlin sowie jüngst in Münster verabschiedeten Beschlüsse missbilligte, nutzte die Zeit, um Wahlwerbung für konservative Kandidaten zu machen. Mersmann ließ nichts unversucht, um die Wahl des Vorsitzenden des Dülmener Deutschen Vereins, Christian Fischer, zu verhindern. Er führte Gespräche mit einigen Wahlmännern besonders Geistlichen, die er von den verderblichen Ansichten Fischers zu überzeugen suchte. Statt Fischer schlug er den Dülmener Rechtsanwalt August Richters vor, der ein "gediegener gesinnungstüchtiger Mann, auch Katholik von Geburt an, ein Mann von echter Religiosität" sei. Die Geistlichen versprachen für Richters wirken zu wollen, doch bei der Wahl erhielt dieser nur die Stimmen des Schreiners Roters aus Dülmen, von drei Wahlmännern aus Rorup und einem aus Buldern. Das Wahlergebnis führte zu einem erdrutschartigen Sieg für die linken Demokraten, während im Mai die gleichen Wahlmänner noch konservative Kandidaten gewählt hatten.

Auflösung der preußischen Nationalversammlung und Erlass einer Verfassung

Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. löste am 5. Dezember 1848 die nach Brandenburg verlegte preußische Nationalversammlung auf, weil er eine zu weit gehende Demokratisierung des Staates fürchtete und die konservativen Kräfte sich zu diesem Schritt stark genug fühlten.

Allerdings ging es den Dülmener Wahlmännern in erster Linie um einen raschen Abschluss der Verfassungsberatungen, für den Fischer zu stehen schien. Als der sich jedoch offen der Linken anschloss und gegen die reaktionäre Haltung des Königs Stellung bezog, verstimmte er einen großen Teil seiner Dülmener Wähler. Diese scharten sich binnen kurzem um den Magistrat, der zahlreiche konservativ eingestellte Bürger zu einer Adresse an Fischer zusammenbrachte. In ihr wurde der Abgeordnete aufgefordert, beim baldigen Abschluss der Verfassungsverhandlungen mitzuwirken und sich jeglicher Verzögerungstaktik zu enthalten. Noch bevor diese Adresse jedoch Dülmen verlassen hatte, löste der preußische König die Nationalversammlung auf und erließ aus eigener Machtvollkommenheit eine Verfassung, die sich in wesentlichen Punkten an den Entwurf der Nationalversammlung hielt.

Genaue Angaben über die Stärke der politischen Lager lassen sich für Dülmen nicht angeben, aber zumindest im November und Dezember sprach der Bürgermeister in seinem Bericht an den Landrat davon, dass sich bei den geringeren Einwohnern und Teilen der Mittelschicht, „wenig konservative Gesinnungen“ zeigten, wenngleich die vom König verkündete Verfassung einen „günstigen Eindruck“ hervorgerufen habe.

Der Deutsche Verein und die Demokraten in Dülmen wollten ihren zurückkehrenden Abgeordneten Fischer mit einer Ehrengarde zu Pferde und einem abendlichen Fackelzug für sein Verhalten ehren, dies traf jedoch auf den entschiedenen Widerstand des konservativen Bürgermeisters. Ludwig Gruwe als Initiator der Ehrung konnte selbst nichts mehr unternehmen, weil er sich in Münster dem Untersuchungsrichter stellte, nachdem der Gastwirt Anton Keller bereits wegen seines Antrags auf dem Münsteraner Kongress verhaftet worden war. Beide waren im Zuchthaus in Münster inhaftiert, als Christian Fischer am 17. Dezember  mit dem Postwagen in Buldern eintraf. Dort empfing ihn ein Reiterzug, an dessen Spitze der Bäcker und Wirt Bernd Kaute, der Kuchenbäcker Anton Reinermann und der jüdische Lehrer Heiman Leeser standen. Den Reiterzug bildeten zwölf Einwohner Dülmens, worunter sich der Metzger Deipenbrock, der Kappenmacher Ruhoff und der Anstreicher Baptist Möller sowie fünf jüdische Pferdehändler befanden. Aus dem Kirchspiel Dülmen gesellten sich die beiden Söhne des Thier zum Berge, Theodor Schulze Robert und der Ackerknecht Bernhard Lohmann hinzu. Nur ihr Zuspätkommen hinderte Schulze Niehoff aus Daldrup, Schulze Empting aus Rödder und Kolon Feldmann aus Daldrup an der Teilnahme. Auf einem geschmückten Wagen führte der Zug Christian Fischer nach Dülmen, wo sich vor dem Münstertor drei Hornisten an die Spitze des durch die Stadt führenden Zuges setzten. Etappenpunkte waren das Haus des Bürgermeisters, das Schloss und schließlich das Stammlokal des Deutschen Vereins an der Lüdinghauserstraße - der Saal des verhafteten Anton Keller. Dort brachte Heiman Leeser jeweils ein Hoch auf den zurückgekehrten Abgeordneten Fischer, auf die Nationalversammlung und die "freisinnigen Dülmener Damen" aus, die den Lorbeerkranz für Fischer gewunden hatten.

Anzeige im "Westfälischen Merkur"

Anton Keller veröffentlichte am 22. Dezember 1848 aus seiner Haft eine Annonce im "Westfälischen Merkur", in der er als "Staatsgefangener zu Münster" auf die Fortführung seiner Wirtschaft in Dülmen trotz seiner Gefangenschaft hinwies.

Als Ergebnis dieser letzten großen Demonstration des Deutschen Vereins lassen sich folgende Beobachtungen festhalten. Der Verein blieb auch bei dieser Gelegenheit seinen gemäßigten politischen Grundsätzen treu. Er fügte sich zwar einerseits dem Verbot des Magistrats, gab aber andererseits doch sehr deutlich seine oppositionelle Haltung gegenüber dem Teil der konservativ denkenden Bürgerschaft kund. Denn der Weg des Zuges führte ganz bewusst am Zentrum der konservativen Vertreter — dem Wohnhaus des Bürgermeisters und dem Schloss — vorbei, um für die Ausübung eines freien Versammlungsrechts und freier Meinungsäußerung zu demonstrieren. Die Zusammensetzung der Abordnung zeigt, dass der Verein nicht nur in der Stadt Anhänger besaß sondern ebenso im ländlichen Amtsbezirk, zu denen allerdings eher die wohlhabenden Schulzen gehörten als die Unterschichten. Innerhalb der Stadt waren zahlreiche Mitglieder der jüdischen Gemeinde — Intellektuelle und weniger wohlhabende — in den Verein eingetreten, die an einer Fortsetzung der 1847 einsetzenden staatsrechtlichen Gleichstellung und einer Emanzipation innerhalb der Gesellschaft interessiert waren. Die wenigen zu Wohlstand gelangten jüdischen Geschäftsleute wie Abraham Bendix folgten eher den konservativen Handlungsmustern der übrigen Dülmener Kaufmannschaft. Nach dem Erlass der Verfassung scheint die politische Aktivierung des Großteils der Beamtenschaft und der Geistlichkeit geendet zu haben. Im Verein zurück blieben hauptsächlich Gewerbetreibende, Handwerker und jüdische Mitglieder, von denen sich die einen darin noch ein Forum für ihre wirtschaftlichen Forderungen, die anderen eine Gleichberechtigung und Integration in die Gesellschaft erhofften.

Zum Jahreswechsel 1848/49 waren die Blütenträume, die man im März 1848 geträumt hatte, schon weitgehend zerplatzt. Die Nationale Einheit schien in weite Ferne gerückt, zumal sich Österreich dem Aufgehen in einem Einheitsstaat widersetzte. Im Deutschen Verein in Dülmen beriet man im Januar über die Unterstützung demokratischer Kandidaten bei den bevorstehenden Wahlen für die beiden Kammern des preußischen Landtages.

Aufgabe der Zweiten Kammer, deren Vertreter durch indirekte, allgemeine und gleiche Wahlen bestimmt wurden, war die Überarbeitung der durch den König erlassenen Verfassung. In diese Kammer wurde der Dülmener Ludwig Gruwe gewählt, nachdem er durch ein ärztliches Attest aus der Untersuchungshaft entlassen worden war. Zudem genossen die sogenannten Dezember-Gefangenen eine große Popularität in der Bevölkerung, die sie als Opfer der Behördenwillkür betrachtete. Gruwes Wahl war mehr Ausdruck eines Protestes als politische Stellungnahme zugunsten der Demokraten, denn die vom Deutschen Verein straßenweise abgehaltenen Vorwahlen konnten sich nicht gegen die in der Mehrheit bleibenden konservativen Wahlvereine durchsetzen.

In Dülmen beschränkte sich im Jahre 1849 die Politisierung der Bürgerschaft fast nur noch auf die Durchführung des Bürgerwehrgesetzes. Anfang 1849 hatte der Magistrat die Stammliste der Bürgerwehrpflichtigen aufgestellt, die 576 Männer zwischen 24 und 50 Jahren erfasste. Damit hatte es zunächst sein Bewenden. Der Neuorganisation basierte zwar auf einer Regierungsverfügung, doch der Dülmener Magistrat führte sie auch durch, um die von unten organisierte Bürgerwehr mit ihrem selbst gewählten Oberst Keller zu entmachten, denn der Magistrat stellte nur die Dienstliste auf, ließ aber keine Wahlen der Offiziere zu, wodurch der Kopf des Ganzen fehlte.

Im März ermutigte der als Abgeordneter der Zweiten Kammer in Berlin weilende Ludwig Gruwe seinen Freund Anton Keller in Dülmen auf die vollständige Neuorganisation der Bürgerwehr zu drängen.

Randbemerkungen von

Ludwig Gruwe

An den Rand eines Ergänzungsantrags der Rechten schrieb er: „Man will die Waffen dem Volke entwinden und was schlimmer ist, man will die Erinnerung an die Erhebung des Volkes vertilgen. Die Bürgerwehr bietet oft Gelegenheit dar, corpsweise aufzutreten. Ihr Banner zeigt, dass das Volk die Freiheit erobert hat“. Nach wochenlanger Untätigkeit des Magistrats wandte sich Keller am 6. Mai unter dem Titel eines „Obristen der hiesigen Bürgerwehr“ an die Dülmener Bürgerwehrmänner.

Er wies auf die konterrevolutionären Bestrebungen des „missliebigen und volcksfeindlich gesinnten Ministeriums Brandenburg-Manteuffel“ hin und forderte zum Zusammentritt der Bürgerwehr auf dem Marktplatz auf. Dort sollte eine Demonstration der Gesinnung der Stadt gegeben und die Rückgabe der Gewehre an die Bürgerwehr gefordert werden. Der Magistrat weigerte sich Kellers Publikation ausrufen zu lassen und rechtfertigte sich mit der Begründung, dass die Bürgerwehr nur zum Exzerzieren versammelt werden dürfte.

Erst nachdem Keller erneut mit Unannehmlichkeiten durch die Bürgerschaft gedroht hatte, erfolgten endlich am 16. Mai auf dem Kirchhof die Wahlen der Offiziere und Unteroffiziere, bei denen der Kupferschläger Caspar Meiners zum Hauptmann und Kommandeur der Bürgerwehr gewählt wurde. Das Offizierskorps rekrutierte sich aus den Mittelschichten, während die bürgerliche Oberschicht wie die Kaufleute außen vor blieben. Noch interessanter ist die berufliche Zusammensetzung der 50 mit Gewehren ausgerüsteten Bürgerwehrmänner, denn 15 sind Tagelöhner, vier Holzschuhmacher, je drei Maurer bzw. Tischler, je zwei Lumpensammler bzw. Wirte. Dadurch wurden auch Angehörige der Unterschichten mit Waffen versehen — ein Zustand, der dem Magistrat gar nicht behagte. Andererseits gelangte aber dadurch die Bevölkerungsgruppe, die keine Möglichkeit hatte, über Wahlen Einfluss auf die politische Willensbildung zu nehmen, nun in Form der Bürgerwehr wieder zu einem Sprachrohr und zu einer Organisationsform, wie sie schon in der alten Bürgerwehr bestanden hatte. Es handelte sich dabei kaum um die Schicht, die sich durch eine „conservative Gesinnung“ auszeichnete, sondern um die „geringere Bürgerklasse“, die ihre Hoffnung auf Verbesserung ihrer Lebensumstände in die Revolution und die Demokratisierung gesetzt hatte. Sie schauten mit wachen Augen auf die Ereignisse in der Grafschaft Mark, wo es in Iserlohn zu Barrikadenkämpfen zwischen Bürgern und Linientruppen kam. Anfangs mochten sie hoffen, dass sich aus diesem Funke ein Brand entwickeln würde, in dem sie bestimmt nicht auf Seiten der konservativen Reaktionäre gestanden hätten. Dafür spricht der Antrag des Apothekergehilfen Joseph Britz, am Abend nach der Offizierswahl, die neugebildete Bürgerwehr auf die Reichsverfassung zu vereidigen.

Nach diesem konstituierenden Akt war der Konflikt um die Reorganisation der Bürgerwehr keineswegs abgeschlossen, vielmehr hatten die Bürgerwehrmänner nun eine legitime Führung, die gegenüber dem Magistrat auftreten konnte. Der Kommandeur Caspar Meiners forderte nach der Wahl die Herausgabe der Infanteriegewehre an die Bürgerwehrmänner. Der Magistrat sträubte sich dagegen, schließlich dauerten die Kämpfe um Iserlohn noch an.

Hatte der Magistrat es dem Offizierskorps am 16. Mai noch freigestellt, die Gewehre bei bezeichneten Dienstleuten zu belassen, lehnte er dies nach einer allgemeinen Beruhigung der Krisensituation in Westfalen ab. Das Offizierskorps legte unter der Ägide Ludwig Gruwes scharfen Protest dagegen ein. Der Zweck der Bürgerwehr bestehe nicht im Exzerzieren unter Waffen, sondern die Gewehre wären nötig, um im Ernstfall „die verfassungsmäßige Freiheit und gesetzliche Ordnung zu schützen. […] Die Aufbewahrung der Waffen im Rathause [mag] angemessen erscheinen, wenn die Bürgerwehr nur zum Soldatenspielen vorhanden — aber dass der Wehrmann im Augenblicke der Gefahr ohne Waffen zum Rathause gehen, dort von einem möglicher Weise verbarrikadierten Magistrate sich sein Gewehr erst ausbitten und dann endlich handeln soll — dass will uns zum wenigsten kindisch erscheinen. Eine Bürgerwehr von Kräwinkel mag so handeln, wir niemals, niemals, niemals!“

Deutlich wurden an dieser Grundsatzfrage nicht nur zwei unterschiedliche Auffassungen über die Aufgaben der Bürgerwehr, sondern es ging um die unterschiedliche Vorstellung dessen, was die Revolution des Jahres 1848 an neuen politischen Grundlagen geschaffen hatte. Auf der einen Seite stand der konservative Magistrat und die mit ihm in Einklang stehende „erste Bürgerklasse“, auf der anderen Seite stand die durch die Demokratisierung gestärkte bürgerliche Mittel- und Unterschicht. Gegenüber diesem, sich in der Dülmener Bürgerwehr organisierenden Teil der Bürgerschaft, mangelte es dem Magistrat an Vertrauen.

Angesichts der fortwährenden Meinungsverschiedenheiten stellten die Offiziere der Bürgerwehr ihre Ämter zur Verfügung. Tatsächlich war damit der letzte aktive Widerstand des demokratisch gesinnten Teils der Dülmener Bevölkerung gebrochen, noch bevor die endgültige, gesetzlich verfügte Auflösung der Bürgerwehren im Herbst 1849 stattfand. An eine aktive Aufhebung trauten sich der Dülmener Magistrat und die Stadtverordneten zunächst nicht heran, weil man unnötige Aufregung fürchtete, obwohl die Bürgerwehr seit dem Rücktritt des Offizierskorps nicht mehr zusammengekommen war. Kaum war jedoch das neue Gesetz in Kraft, beeilte sich der Dülmener Magistrat mit dessen Umsetzung, indem er sogleich Kontakt zum Artillerie-Depot in Münster aufnahm, das für die Abholung der 50 Infanteriegewehre am 27. November 1849 sorgte.

Damit war die revolutionäre und demokratische Bewegung auch in Dülmen an ihr Ende gekommen, so dass zumindest äußerlich die Charakterisierung des Bürgermeisters vom 25. September 1849 gelten konnte: „Es zeigte sich bei allen Bürgerklassen eine ganz befriedigende conservative Stimmung. Vereine kennt mann hier nicht mehr, auch in sonstigen Gesellschaften hat man von aufregenden Reden keine Kenntnis genommen.“

Literaturhinweis:

Der erweiterte und mit Anmerkungen versehene Abdruck des Aufsatzes „Gesindel oder Revolutionäre? Der Verlauf der Revolution 1848/49 am Beispiel der Stadt Dülmen im Befund der Quellen“ erschien in: Westfälische Forschungen 49, 1999, S. 99 – 149.

Eine Internet-Präsentation der Ausstellung "1848. Revolution in Dülmen" ist auf der Homepage des Stadtarchivs http:www.duelmen.de/archiv/ einsehbar oder kann als CD-ROM im Stadtarchiv Dülmen erworben werden.

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