Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

Heimatverein Dülmen e. V. | Dülmener Heimatblätter | Hefte | Register | Anmerkungen | Mitarbeit | Kontakt

<< Heft 1, 2001

Friedrich-Wilhelm Hemann

"Dan ich verlange so sehr nach Dülmer Biehr und Brandwein"

Die Aushebungen für den Russland-Feldzug Napoleons im Canton Dülmen 1811/12

An den Herrn Herrn Anton Neuhaus
in Dülmen
[De]parteman[t] de Lippe

Strasbourg, d[en] 11. Feb[ruar] 1812

Liebste Freund Neuhaus, vielmal ein Complement an euch und seine Frau und Kinder und an meine Mutter. Ich hoffe, sie werden noch alle gesund sein. Ich bin noch recht gesund. Sie müssen es nicht unterlassen, mich wieder zu schreiben, dan ich habe all zweymal geschrieben und habe noch keine Antword empfa[n]gen. Daraus habe ich gemeint, daß meine Mutter todt währe. Sie müssen es mier nicht vor Übel nehmen, daß sie müssen wegen meiner soviel Porto geben. Dan ich habe anderes keinen Freund, und meinen Bruder kan nichts vertrauen. Wier gedenken alle Tage, daß wier die Zeittung erhalten, das wier die erste Zeit nach Münster herunter ma[r]s[ch]i[e]rren, dan es gebet einen grosen Krieg mit Rußland. Sie werden in kurzer Zeit viel von unsere Kamaraten sehen, von allerley Klöre zu Pferde und zu Fuß. Ich gedenke, wenn ich zu Hause komme, dann will ich alles wieder guht machgen.

Sie losen in Strasbourg den 15. Feb[ruar]. Sie müssen mich wieder schreiben, wann sie bey uns losen oder wenn sie geloset haben und wer es gefallen ist. Meine deu[t]schen Kamaraten seind alle noch gesund. Es heiset, das Forck aus Lossem todt seie. Ich kan es nicht gewiß sagen, denn wier können nicht im Spittahl kommen. Sie müssen mir auch schreiben, welche von meine Kamaraten gestorben sein oder kranck sind. Dem gebe Gott die Gesundheit wieder oder den Himmel oder das sie uns folgen müssen. Sie müssen meine Möhne in Dernekamp von mier grüsen und ihr sagen, daß mier daß Geld, so notwendig, fehle in Strasbourg. Das ich unmöchlig Leben könne. Und ich begehre ein klein Schreiben von meine Nichtte Anna Maria Berkan, die Liebe ich und sie mich. Ein Caralin ihr nicht arm machgen, und mier hielfet es.

Das Geld, was ich hatte, daß habe ich hier bey vertrunken. Das können sie an mein Schreiben wohl sehen. In Strasbourg ist theure Zährung. Das können sie mier nicht vor übel nehmen, das mier Geld fehlet. Dan ich habe nich[t] viel mit genommen.

Ansicht des Straßburger Münsters um 1850

Ansicht des Straßburger Münsters um 1850

Schreiben sie mier, w[o] Melchior Siebert ist, unter was von Regement, und Uhlenbrock, die an den Möhle gewohnet hatt. Wenn ich die beyden sehe, so trincken wier so viel, als wier vertragen können, und wenn wier in Dülmen kommen, so gehet es nicht guht mit dem Brantwein. Dan ich verlange so sehr nach Dülmer Biehr und Brandwein. Wenn wier in Dülmen kommen, dan lassen wier unß keine Armuht düncken. Dan wohlten wier uns noch vieles neuhes erzehlen, das wier jetz[t] nicht können. Ich und Gramme und Fömber aus Sieten sind alle Zeit beysammen.

Arnoldus Berkan

Viewat fastabend

Der Brief des Arnold Berkarn ist als Privatschreiben ein seltenes Zeugnis für eine bewegte Zeit der Dülmener Geschichte. Das Jahr 1802 markierte eine Umbruchzeit, wie es nur wenige in dieser Radikalität gegeben hat. Strukturen, die sich über 1000 Jahre entwickelt hatten, wurden binnen zehn Jahren grundlegend verändert und schufen aus dem absolutistischen Ständestaat die Grundlagen des modernen Staates, die noch unser heutiges Leben wesentlich prägen. Ein Aspekt dieser Modernisierung war die Abkehr von den Söldnerheeren der frühen Neuzeit hin zur allgemeinen Wehrpflicht, die in diesem Jahr im französischen Mutterland der revolutionären Levée en masse gerade abgeschafft wurde.

Für eine Einordnung des Briefes müssen zunächst die Rahmenbedingungen geklärt werden, die für seine Einberufung, seinen Aufenthalt in Straßburg und sein weiteres Schicksal verantwortlich waren. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 fand das Heilige römische Reich sein Ende. Unter dem Druck der revolutionären französischen Expansionspolitik waren die linksrheinischen Gebiete des Reiches besetzt worden. Die dort ihrer Besitzungen beraubten Landesherren sollten durch die Säkularisation der geistlichen Territorien entschädigt werden. Der östliche Teil des Fürstbistums Münster als größtem geistlichen Territorium in Norddeutschland fiel ebenso wie das Fürstbistum Paderborn an Preußen, das seit 1648 bereits Landesherr in Minden-Ravensberg und Kleve-Mark war. Fast jedes Amt des westlichen Münsterlands wurde hingegen zu einem souveränen Staatsgebilde befördert. Die Ämter Bocholt und Ahaus bildeten das Fürstentum Salm, das Amt Horstmar avanvierte zum Fürstentum Salm-Horstmar und das Amt Dülmen wurde zur Grafschaft des Herzogs von Croy, wogegen aus Teilen der Ämter Rheine-Bevergern und Wolbeck das neue Fürstentum Rheina-Wolbeck geschaffen wurde.

Der Einschnitt, der mit der Besitzergreifung des Herzogs Anna Emanuel von Croy am 29. November 1802 verbunden war, bestand zunächst einmal in dem Wechsel der Landesherrschaft vom Bischof auf den Herzog und seine Verwaltung. Sodann wurde die Kartause Weddern aufgehoben. Alle landesherrlichen Abgaben standen nun dem Herzog zu, wie auch alle grundherrlichen Pachten. Damit hatte es im wesentlichen sein Bewenden, denn eine grundlegende Reform, wie die Aufhebung der Eigenhörigkeit oder eine rechtliche Gleichstellung aller Einwohner, war nicht intendiert. Hinsichtlich der „Verteidigung“ der Grafschaft Dülmen bediente man sich ebenfalls bestehender Strukturen, indem man die Schützengesellschaft wieder aufleben ließ, die jedoch nur repräsentative Aufgaben wahrnahm. Ansonsten suchte der neue Landesherr in der Justiz einen Zusammenschluss der Grafschaft mit dem arenbergischen Amt Meppen, für die ein gemeinsames Hof- und Appellationsgericht in Münster zu ständig sein sollte, denn der Aufbau und Unterhalt eines eigenen Instanzenzuges bei einer Bevölkerung von gut 10.000 Einwohnern war nicht sinnvoll.

Die nicht nur bei der Justiz und im Verteidigungswesen sichtbar werdende Beschränkheit der Verhältnisse dieses Zwergstaates, der sich im wesentlichen der im Fürstbistum Münster entstandenen Gesetze und Verwaltungsstrukturen bediente, dauerten kaum vier Jahre. Sie fanden ihr Ende im Jahre 1806. Dies geschah durch den Abschluss des von Napoleon als Protektor initiierten Rheinbund von 16 souveränen deutschen Fürsten. Zu den Mitgliedern des am 12. Juli unterzeichneten Bundes zählten die Könige von Württemberg und Bayern, die Großherzöge von Baden, Berg und Hessen-Darmstadt, die Herzöge von Nassau-Usingen und von Arenberg sowie acht Fürsten unter ihnen die Landesherren des Fürstentums Salm. Der Rheinbund als Offensiv- und Defensivbündnis garantierte seinen Mitgliedern ihren Besitzstand, wogegen sie ihre Beziehungen zum deutschen Kaiser abbrechen und Truppen stellen mussten. Versüßt wurde ihnen dieses Bündnis durch das Zugeständnis, die in ihrem Bereich gelegenen kleineren Reichsstände einziehen zu dürfen. Davon profitierte in Westfalen der Herzog von Arenberg, dessen südliches Territorium, das ehemalige kurkölnische Vest Recklinghausen, unmittelbar an die Grafschaft Dülmen grenzte, die diesem angegliedert wurde. Die Niederlage der preußischen Armee am 14. Oktober 1806 bei Jena und Auerstedt gegen Napoleon sorgte für eine neuerliche Umgestaltung der Landkarte Westfalens, indem die preußischen Länder dem Großherzogtum Berg, das das Herzogtum Arenberg mit Dülmen zu großen Teilen umschloss, und dem Königreich Westfalen unter Napoleons Bruder Jêrome zugeschlagen wurden. Die am 21. November 1806 von Napoleon in Berlin verkündete Kontinentalsperre gegen Großbritanien, sollte vier Jahre später den Grund für die nächste strategisch bedingte Änderung der Landeszugehörigkeit Dülmens im Jahre 1810 bilden, in der der größere Teil zum Königreich Frankreich geschlagen wurde.

Zwischenzeitlich sorgte die arenbergische Verwaltung — Herzog Ludwig Engelbert residierte in Paris, Herzog Prosper Ludwig diente in der französischen Armee — für eine Anpassung der Rechts- und Verwaltungsverhältnisse an französische Normen. Dazu zählte die am 1. Juli 1808 eingeführte Verwendung des Code Napoléon als bürgerlichem Gesetzbuch. Wesentliche Neuerungen bestanden im Grundsatz der Gleichheit aller vor dem Gesetz sowie der persönlichen Freiheit (Aufhebung der Eigenhörigkeit) und der Sicherheit des Eigentums. Im folgenden Jahr erfolgte die Einführung des am französischen Vorbild orientierten Gerichtssystems der Friedensgerichte. Schließlich gehörte noch die Verlegung des Friedhofes aus hygienischen Gründen vom Kirchhof an die Lüdinghauser Straße vor der Stadt zu den Ergebnissen der arenbergischen Reformen, die allerdings nur französische Normen übernahmen.

Während der Zeit von 1803 bis zur Angliederung an das Kaiserreich Frankreich hatte es in der Grafschaft Dülmen keine Aushebungen zum Militärdienst gegeben, wie sie in den benachbarten Territorien des Großherzotums Berg und im Königreich Preußen eingeführt worden waren. Der Herzog von Arenberg hatte sich im Rheinbund zwar zur Stellung eines Kontingents von 379 Mann verpflichtet, diese wurden aber durch Anwerbungen rekrutiert. Herzog Prosper Ludwig befehligte 1808/9 ein Husaren-Regiment in Spanien, wo er in englische Gefangenschaft geriet, die bis 1814 dauerte. Zwar musste die vormalige Grafschaft Dülmen keine Rekruten stellen, aber sie wurde 1807 zu den Werbungskosten und zur Lieferung von 30 Pferden herangezogen, die Verwendung bei der Aufstellung des arenbergischen Husaren-Regiments fanden.

Dülmener Landeskinder wurden erst mit der Einverleibung in das Kaiserreich Frankreich am 13. Dezember 1810 zum Kriegsdienst herangezogen, da nun alle jungen Männer zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr der allgemeinen Wehrpflicht unterstanden. Bei der als conscription militaire bezeichneten Aushebung berief man in der Regel die jüngsten Jahrgänge ein, konnte aber auch, falls nicht genügend Rekruten dieser Klassen vorhanden waren, auf die älteren Klassen zurückgreifen. Die Einführung französischer Verwaltungsformen in Dülmen zog sich über ein halbes Jahr hin, nicht zuletzt, weil die Eingliederung Münsters in das holländische Departement Oberijssel auf Widerstand stieß und am 27. April 1811 aus den Arrondissements Münster, Rees, Steinfurt und Neuenhaus das Departement Lippe mit Sitz in Münster gebildet wurde. An der Spitze des Departements stand der von Napoleon eingesetzte Präfekt. Er war Leiter der inneren Verwaltung, ihm zugeordnet waren die Oberaufsicht über Steuer- und Domänensachen sowie die Konskription.

Im Jahre 1811 meinte Napoleon die Kontinentalsperre gegen England nur durch einen siegreichen Krieg gegen Russland als letzte verbliebene Großmacht erfolgreich zur Durchführung bringen zu können. Die verbliebenen Reste des Königreichs Preußen zwang er zur Stellung von 20.000 Soldaten sowie zur Gewährung freien Durchzugs und von Verpflegung. Die Verbündeten in Italien, Polen sowie die Staaten des Rheinbundes hatten zwei Drittel der Truppen zu stellen, mit denen sich Napoleon im Sommer 1812 auf den Weg nach Moskau machte. Natürlich wurden auch die Aushebungen im eigenen Lande — zu dem Dülmen neuerdings gehörte — forciert.

Siegel des Departements Lippe

Siegel des Departements Lippe

Am 3. September 1811 teilte der Präfekt des Lippe-Departements, Comte Dusaillant, den Maires seines Departements das kaiserliche Dekret vom 11. August 1811 mit, wonach 422 Konskribierte der Klasse 1810 zum Kriegsdienst zu stellen waren. Die französische Regierung griff wohl bewusst auf die Klasse des Vorjahres zurück, weil noch weitere Aushebungen für den Russlandfeldzug geplant waren. Das erste Détachement (Abteilung) sollte am 15. Oktober , das letzte am 30. Oktober 1811 zu den französischen Garnisonsstandorten in Marsch gesetzt werden. Aus dem Schreiben des Präfekten wird deutlich, dass es sich zumindest im neu formierten Lippe-Departement um die erste Aushebung handelte, während es in den Vorgängerstaaten wie dem Großherzogtum Berg, zu dem Münster seit 1808 gehörte, schon früher Konskriptionen gegeben hatte. Auf die Eile bei dieser ersten Aushebung im Departement Lippe deutet nicht nur die üblicherweise durch den Präfekten vorgenommene Umlegung der Kontingente auf die Arrondissements hin, sondern die Verteilung hinunter bis auf Cantonsebene, die laut General-Instruktion der Konskription den Unterpräfekten oblag. Diese waren jedoch noch nicht eingesetzt. Bei einer Gesamtbevölkerung von 237.022 Einwohner des Departements lag die Quote der zum Kriegsdienst Auszuhebenden bei 0,17 Prozent. Für das Canton Dülmen bedeutete dies, das es bei einer Einwohnerzahl von 11.095 Personen ein Kontingent von 20 Konskribierten zu stellen hatte, wodurch die Quote mit 0,18 Prozent etwas über dem Durchschnitt lag. Dem Canton Haltern mit Groß- und Klein-Reken sowie Lippramsdorf, der eine etwas höhere Einwohnerzahl aufwies, wurde gleichfalls ein Kontingent von 20 Mann zugewiesen.

Mit seinem Schreiben übersandte der Präfekt das gedruckte Fomular für das Journal, in das der mit der Geschäftsführung der Communen Dülmen, Buldern und Hiddingsel beauftragte Dülmener Clemens August Mersmann die zur Klasse 1810 gehörenden jungen Leute eintragen sollte. Die Einschreibung in das Journal oder laufende Register war der erste Verfahrensschritt an den sich die Übertragung in die Formularbögen der Alphabetischen Liste anschließen sollte. Die dafür vorgesehenen Bögen standen allerdings noch nicht zur Verfügung. Gleichzeitig machte der Präfekt die Beamten mit den grundlegenden Vorschriften der Konskription bekannt. Dazu gehörte, dass im Journal zunächst alle zwischen dem 1. Januar und dem 31. Dezember 1790 geboren Männer zu „konscribieren“ waren. Nur auf diese Weise konnte die allgemeine Wehrpflicht, im Gegensatz zu ihrer Vorläuferin im 18. Jahrhundert eine weitgehende Wehrgerechtigkeit für alle Staatsbürger realisieren, die nicht nur die Bauern des platten Landes betraf.

In der Praxis erfolgte die Eintragung in das Journal im Anschluss an die öffentliche Bekanntmachung des festgesetzten Termins von der Kirchenkanzel, durch Anschläge oder Ausruf, an dem alle jungen Männer des betreffenden Jahrgangs sich auf dem Rathaus oder dem Sitz des örtlichen Verwaltungsbeamten ihres Wohnorts einfinden und erfassen lassen sollten. Als gesetzlicher Wohnort galt der der Eltern oder des Vormundes, wenn der Konskribierte ortsabwesend war. Wer aus Krankheits- oder sonstigen Gründen nicht persönlich zur Einschreibung erscheinen konnte, musste einen Vertreter schicken, der die Daten des Konskribierten zu Protokoll gab. Arrestierte unterlagen auch der Konskription, jedoch am Ort ihres Gefängnisses. Die General-Instruktion klammerte lediglich in Frankreich wohnende Mulatten, Scharfrichter und deren Gehilfen von der Konskription aus.

Offensichtlich ging man davon aus, dass die jungen Männer im Regelfall einen Taufschein vorlegen konnten, aus dem ihr Alter hervorging. Andernfalls setzte man sie in die Klasse, in die sie aufgrund ihres genannten Geburtsdatums gehörten. Das Vertrauen in die zu erzielende Vollständigkeit der freiwilligen Meldung kannte jedoch ihre Grenzen, da die Beamten Taufbücher, Bevölkerungsregister, Verzeichnisse ausgestellter Pässe und andere geeignete öffentliche Urkunden kontrollieren sollten, ob sich alle in das Journal hatten eintragen lassen. Gleichwohl sollten sie Informationen erheben, die zur Befreiung, Zurückstellung, Ausmusterung oder zur Versetzung in die Marschreserve der Konskribierten führen konnten.

Anspruch auf Befreiung konnten Personen erheben, die vom Kaiser mit dem Staatspreis für künstlerisches Wirken ausgezeichnet worden waren, ferner vom Kaiser zugelassene Studenten der Theologie, Konskribierte zum Dienst in der Marine, bestimmte im Dienst der Kriegsdepots oder Waffenmanufakturen sowie der Kriegsverwaltung stehende Personen, Studenten der Tiermedizin, Zöglinge der Spezial-Militärschulen und Hochschullehrer. Schließlich kamen noch diejenigen in den Genuss einer Befreiung, die vor dem Erlass des kaiserlichen Dekrets vom 11. August 1811 geheiratet hatten. Davon sollte nicht zuletzt Herzog Ferdinand von Croy profitieren, der zur Klasse 1812 gehörte und dem die Aushebung drohte.

Weitaus bedeutsamer waren in der Dülmener Praxis jedoch die Ausnahmeregelungen, die sich auf körperliche Tauglichkeit oder soziale Gründe bezogen. Generell ausgemustert wurden Konskribierte, deren Körpergröße geringer als 1.488 Millimeter war, weil sie die von vorne zu ladenden Gewehre nicht bedienen konnten. Zurückgestellt wurden aus dem gleichen Grund Männer mit einer Größe von 1.448 bis 1.532 Millimeter. Hier ergab sich sogleich ein Problem, weil das metrische System, das die französische Nationalversammlung 1795 als einheitliches Längenmaß eingeführt hatte, in Dülmen und den (neu-)französischen Gebieten des Departements Lippe unbekannt war. Die Anfrage des mit der Dülmener Verwaltung beauftragten Mersmann beim Präfekten förderte zu Tage, dass es in Münster weder einen autorisierten Handwerker gab, der mit der Anfertigung von Metermaßstäben beauftragt, noch ein Musterexemplar vorhanden war. Präfekt Dusaillant wusste lediglich, dass sich ein gültiges Metermaß in Wesel befinden sollte, weshalb bei der bevorstehenden Musterung auf die Größenangabe in Meter und erst recht in Millimeter verzichtet wurde.

Neben gesundheitlichen konnten vier persönliche Gründe für eine Rückstellung geltend gemacht werden. Konskribierte, deren Brüder als Wehrpflichtige oder Freiwillige dienten, im Dienst gestorben oder wegen erhaltener Verwundungen ausgemustert worden waren, hatten einen Anspruch auf die Eintragung an das Ende des Reservedepots. Gleiches galt für die ältesten Söhne einer Witwe und die ältesten Brüder verwaister Geschwister bzw. Söhnen von Vätern oder Großvätern, die am Abmarschtag das 70. Lebensjahr vollendet hatten. Voraussetzung für diese Ausnahmeregelungen war, dass die Söhne bzw. Brüder den wesentlichen Beitrag zum Unterhalt leisteten und bei ihrer Einziehung zum aktiven Dienst ihre Angehörigen der Armenfürsorge zur Last fallen würden.

Den zeitlichen Ablauf des im September 1811 durchzuführenden Konskriptionsverfahrens regelte ein Beschluss des Präfekten. Bis zum 15. September — also innerhalb einer knappen Woche nach Zustellung — sollten die Maires die Aufstellung des Journals abgeschlossen haben, um an diesem Tag daraus die Alphabetische Liste sämtlicher Konskribierter der Commune anzufertigen. Diese sollte nach ihrer Fertigstellung vom 16. bis 18. September am Hauptort der Commune öffentlich ausliegen, um jedermann die Möglichkeit zu bieten, Irrtümer berichtigen zu lassen. Für Hofkammerrat Mersmann als Special-Commissär für die Konskription in Dülmen, Buldern und Hiddingsel, da hier noch keine Maires bestellt waren, bedeutete dies, dass er die Tauf- und Sterberegister von St. Viktor in Dülmen und von St. Pankratius in Buldern auszuwerten, die Journale und Alphabetischen Listen zu erstellen und sie zu den festgesetzten Zeiten in Dülmen, Buldern und Hiddingsel auszulegen hatte. Aufgrund der General-Instruktion wurden auch Juden zur Konskription herangezogen, weshalb sich Mersmann an den Vorsteher der Dülmener Juden wandte, um deren Söhne, sofern sie im Jahre 1790 geboren waren, in das Journal aufzunehmen. Aber weder die Kinder von Lehser Isack noch von David Isaac gehörten der Klasse 1810 an.

Da die Druckerei die Formularbögen für die Alphabetischen Listen nicht rechtzeitig fertigstellen konnte, teilte Präfekt Dusaillant vorab die zusätzlich in den Listen abgefragten Angaben mit. Sie bezogen sich auf die Eltern, den derzeitigen Wohnort und den Familienstand des Konskribierten, ob er sich freiwillig zur Konskription gestellt habe oder ein Vertreter erschienen sei sowie Gründe, die zur Befreiung oder zur Einreihung in die Reserve vorgebracht werden konnten. Dann musste Mersmann die Listen an den am 3. September zum provisorischen Unterpräfekten des Arrondissements Münster ernannten Präfekturrat Freiherr von Schmising schicken, der eine gemeinsame Liste für den Canton zusammenstellte, die die Grundlage für die cantonsweise Auslosung bildete. Abschriften dieser Listen gingen an den Rekrutierungsrat des Departements und an den Generaldirektor der Militär-Konskription, Comte Dumas, in Paris. Diese Vorarbeiten hatten bis zum 30. September abgeschlossen zu sein.

Nach der Überprüfung der Listen und der Erstellung der Losungslisten setzte Präfekturrat von Schmising den Losungs- und Musterungstermin fest, der acht Tage zuvor in den Cantonen öffentlich verkündet wurde. Die Maires bzw. die Special-Commissäre waren wiederum persönlich für die Publikation vor Ort und die Vorladung jedes einzelnen Konskribierten verantwortlich. Am festgesetzten Termin hatten die Maires im Losungslokal — in Dülmen im Rathaus — zu erscheinen und ihr Journal mitzubringen, um eventuelle Unklarheiten ausräumen zu können. Die untauglichen Konskribierten hatten eine Bescheinigung über die von ihnen bzw. ihren Eltern gezahlten Steuern vorzulegen, da die Ausgemusterten eine „Entschädigung“ zahlen mussten, weil sie dem Staat keinen Kriegsdienst leisten konnten.

Losungszettel des Bernhard Handlo der Klasse 1811 der Losung am 7.2.1812. Der Zettel befindet sich in den Akten, weil Handlo wegen eines in Münster begangenen Diebstahls in Haft war.

Losungszettel des Bernhard Handlo der Klasse 1811 der Losung am 7. 2. 1812.
Der Zettel befindet sich in den Akten, weil Handlo wegen eines in Münster begangenen Diebstahls in Haft war.

Am 22. September 1811 traf von Schmising in Dülmen ein, um am nächsten Morgen um 8 Uhr mit der Losung zu beginnen. Aus der Stadt Dülmen nahmen 13 und dem Kirchspiel 43 männliche Angehörige des Jahrgangs 1790 daran teil. Aus Lette kamen 19, aus Senden 14, Lüdinghausen 7, Buldern 4 und Hiddingsel 3. Zu den städtischen Konskribierten gehörte Clemens Becker, der Sohn des gleichnamigen verstorbenen Advokaten, der in Münster am Heerde-Kolleg die Rechte studierte. Je zwei andere waren Schneider, Tuchmacher und Leineweber und je einer Böttcher (Franz Arnold Berkan, der Briefschreiber), Fuhrmann (der im Brief erwähnte Bernhard Gramm), Färber, Schuhmacher und Hufschmied. Die ausgeübten Berufe der ländlichen Konskribierten waren in ihrer Masse Knechte (21), worunter zahlreiche Söhne von Bauern fielen, die als Hoferben oder nachgeborene Söhne mithalfen. Die nächst größere Gruppe bildeten die Leineweber (13), wozu viele Söhne kleiner Kötter und Heuerlinge aus Merfeld zählten. Schließlich waren noch Landhandwerker, wie zwei Zimmerleute, ein Böttcher und ein Schneider sowie zwei Schäfer und ein Kuhhirte darunter.

Der provisorische Unterpräfekt überprüfte die Vollzähligkeit und ließ jeden der 102 Konskribierten des Cantons Dülmen ein Los ziehen, auf dem eine Nummer stand. Diese Nummer wurde hinter den Namen des Betreffenden in die Cantonsliste des Unterpräfekten und in die Alphabetischen Listen der Maires eingetragen. Darauf überprüfte der Unterpräfekt die Angaben über die Tauglichkeit der Konskribierten und notierte das Ergebnis. Damit war aber nur eine vorläufige Auswahl derer getroffen, die dann ab dem 15. Oktober tatsächlich zur Armee in Marsch gesetzt wurden, denn eine endgültige Entscheidung über Ausmusterungen, Zurück- und Ersatzstellungen blieb dem Rekrutierungsrat vorbehalten. D.h. derjenige, der die Losnummer 21 gezogen hatte, konnte bei dem Dülmener Kontingent von 20 Auszuhebenden nicht sicher sein, doch marschieren zu müssen. Endgültige Klarheit schaffte erst die Sitzung des Rekrutierungsrates des Lippe-Departements, der am 25. Oktober nach vorheriger Anhörung der Zweifelsfälle die Marschierenden der vier Arrondissements bestimmte. Der Rat bestand aus dem Präfekten, einem Arzt, dem Kommandanten des Departements und einigen Militärs. Er hatte bereits am 2. Oktober fünf Dülmener und je einen aus Hangenau und Hiddingsel wegen Fisteln, verkrüppelter Finger und Beine sowie dem Verlust eines Auges für untauglich erklärt. Gleichzeitig setzte er die zu zahlende Entschädigungssumme fest. Die Zahl der Konskribierten reduzierte sich noch durch den Tod von Heinrich Anton Uckelmann, der am 6. Oktober an der Ruhr gestorben war.

Uniform der französischen Linieninfanterie von 1812 (geschlossener, blauer Westen-Rock mit scharlach-rotem Kragen)

Uniform der französischen Linieninfanterie von 1812 (geschlossener, blauer Westen-Rock mit scharlach-rotem Kragen)

Aus dem Canton Dülmen sollten sich am 25. Oktober 36 Mann um 9 Uhr morgens im Rathaus zu Münster einfinden, um sich dem Rekrutierungsrat zu stellen. Wer nicht gleich bei der Losung aufgrund persönlicher Umstände zur Reserve versetzt, wegen körperlicher Gebrechen ausgemustert worden war oder wie Schulze Wermeling aus Welte, Johann Heinrich Schmiemann aus Hangenau und Schulze Heiling einen Remplaçant (Ersatzmann) stellen wollte, erhielt bei dieser Sitzung die letzte Gelegenheit, ihm zustehende Rechte wahrzunehmen oder aber den Marschbefehl zu erhalten. Tatsächlich gelang es den drei letztgenannten nicht einer Ersatzmann zu finden, der an ihrer Stelle einrücken wollte oder konnte. Die Schwierigkeit, um einen bezahlten Freiwilligen zu finden, bestand darin, dass dieser selbst nicht konskriptionspflichtig sein durfte. Daneben waren 100 Francs an den Konskriptionsfond des Departements zu zahlen.

Erst vor dem Rekrutierungsrat wurden dem Dülmener Franz Anton Sievert Schwachsinnigkeit und Augenfehler attestiert, der sonst dank seiner Losnummer 3 eingezogen worden wäre. Während ein Leistenbruch Johann Heinrich Friedag aus Rödder (Losnummer 13) vor der In-Marsch-Setzung bewahrte. Weniger Glück hatten die den aktiven Militäreinheiten zugeordneten Konskribierten. Dem 14. Train-Bataillon wurden Wilhelm Geilmann aus Börnste und Johann Henrich Mühlenbäumer aus Merfeld zugewiesen. Zum 14. Kürassier-Regiment mussten Bernd Anton Kracht aus Dülmen und Johann Theodor Schulte Heiling aus Daldrup, während Johann Bernhard Schulze Wermeling aus Welte, Johann Bernard Ueing aus Merfeld, Franz Arnold Berkarn und Bernhard Franz Gramm aus Dülmen an das 3. Linien-Infanterie-Regiment abgesandt wurden. Es wird deshalb verständlich, dass Berkarn in seinem Brief nur Gramme als Dülmener erwähnt, mit dem er in Straßburg seine freie Zeit verbrachte.

Für die sieben Dülmener begann damit der Ernst des Soldatenlebens, dem sich Johann Heinrich Zumegen aus Hiddingsel und Johann Heinrich Peters aus der Bauerschaft Berenbrock gerade noch rechtzeitig durch Flucht entziehen konnten. Sie wurden damit zu Refractaires (Wehrdienstverweigerern) erklärt. Über die damit verbundenen Konsequenzen hatte schon die Vorladung vor den Rekrutierungsrat informiert. Sie bestanden in einer je nach Steuerleistung gestaffelten Geldstrafe zwischen 250 und 2.000 Francs. Noch häufiger ergingen eindringliche Warnungen an die Konskribierten selbst und ihre Familie, sich durch eine Flucht nicht ins Unglück zu stürzen. Gleichwohl hatten die Nachforschungen im Falle Zumegen und Peters keinen Erfolg. Die angeordnete Inventarisierung der Habseligkeiten von Zumegen bzw. Peters und ihrer Mütter führte zu der Feststellung, dass Zumegen selbst kein Vermögen hatte, weil nach dem Tod des Vaters noch keine Erbteilung stattgefunden hatte. Die Mutter von Peters war eine verarmte Witwe, die vom Tagelohn lebte und weder über eigene Wohnung noch Vermögen verfügte, an das man sich hätte halten können.

Es bleibt die Frage, wie sich das weitere Schicksal dieser acht Dülmener gestaltete. Berkarn deutete ich seinem Brief an, dass ein Kriegszug gegen Russland bevorstehe. Dieser begann im Frühjahr 1812 mit einem Aufmarsch von 700.000 Mann. Von der Hauptarmee mit 460.000 Mann blieben nach der Schlacht um Smolensk nur noch 160.000 übrig, die am 14. September Moskau besetzten. Nach einer Wartepause von fünf Wochen entschloss sich Napoleon zum Rückzug, der zur einem vollständigen Desaster führte. Neben den acht Dülmenern, die 1811 ausgehoben worden waren, kamen bei zwei Losungen am 7. Februar -die Berkarn in seinem Schreiben erwähnt — und am 16. Oktober zum Ersatz der Verluste in Russland noch weitere neun bzw. fünf Dülmener hinzu. Von diesen 22 Dülmenern sind sieben nachweislich in russischer Gefangenschaft gestorben. Unter ihnen auch Berkarns Kamerad Heinrich Gramme, der Ende 1812 in Stawropol und Johann Bernhard Schulze Wermeling, der 1813 in Tambow südöstlich von Moskau verstarb. Die zur gleichen Zeit einberufenen Bernhard Anton Kracht und Johann Bernhard Ueing erlagen ihren Verletzungen 1812 in Gorodischtsche und Simbirsk. Henrich Koners, der am 7. Februar 1812 zum 125. Linien-Infanterie-Regiment in Marsch gesetzt wurde, trat nach dem er in Gefangenschaft geraten war, in Moskau 1812 in die deutsch-russische Legion ein. Ihm gleich tat es Johan Bernard Feldmann, der erst Ende Oktober 1812 als Ersatz zum 5. Bergischen Infanterie-Regiment eingezogen worden war. In Gefangenschaft starben noch der im Februar 1812 geloste Johann Heinrich Küdde sowie Johan Bernhard Marschal und Hermann Löbbers. Über das Schicksal Berkarns wie der anderen ist nichts bekannt. Wahrscheinlich kamen sie bei den verlustreichen Schlachten ums Leben.

Die im Brief erwähnte Mutter von Arnold Berkarn muss noch während des Krieges gestorben sein, während sein Bruder geheiratet hatte und Vater von drei Töchtern wurde. Seine Witwe lebte in den 1820er Jahren in einem Haus an der Tiberstraße. Arnold Berkarns Nichte Anna Maria Berkarn heiratete Johann Heinrich Preun und beide erhielten 1831 den Hof im Dernekamp übertragen. So lässt sich an dem scheinbar unwichtigen Schreiben Berkarns ein Stück Dülmener Stadtgeschichte während der napoleonischen Zeit illustrieren.

Copyright © Heimatverein Dülmen e. V.. Alle Rechte vorbehalten.

Die Verwendung der Beiträge ist nur zum persönlichen Bedarf gestattet.