Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2001

Karl Ridder

Der Austausch lebt

Zehn Jahre Städtefreundschaft Dülmen-Fehrbellin

(Fortsetzung)

Die Lebendigkeit der Städtefreundschaft Dülmen-Fehrbellin demonstrierte im elften Jahr ihres Bestehens der Besuch von 44 Kindern aus Fehrbellin im Mai dieses Jahres. Nach dem Werner Jostmeier die Entwicklung der Städtefreundschaft in der letzten Ausgabe aus der Sicht des Kreistagsabgeordneten und CDU-Kreisvorstandsmitgliedes geschildert hat, läßt in diesem Heft der damals amtierende Dülmener Bürgermeister Karl Ridder Stationen der Städtefreundschaft Revue passieren.

Fahrradtour der Fehrbelliner Austauschschüler zu den Wildpferden im Mai 2001

Fahrradtour der Fehrbelliner Austauschschüler zu den Wildpferden im Mai 2001

Wie von Werner Jostmeier schon erwähnt, fing alles auf Parteiebene an. Im Februar 1990 wurden wir als CDU-Stadtverband gefragt, ob wir bereit und willens seien, zu einer Stadt im damaligen Kreis Neuruppin Kontakt aufzunehmen und beim Aufbau von demokratischen Parteistrukturen mitzuhelfen. Es wurde uns der Name Fehrbellin genannt, eine Stadt, die für Dülmen geeignet erschien.

Zunächst wurden Karten studiert, die uns Werner Jostmeier zur Verfügung stellte, um zu sehen, wo dieses Fehrbellin überhaupt lag. Der eine oder andere von uns erinnerte sich dabei an seinen Geschichtsunterricht, in dem von der Schlacht bei Fehrbellin am 18. Juni 1675 die Rede war, die als die Geburtsstunde Preußens gilt.

Die Bereitschaft zu helfen war groß und so nahmen wir, die Dülmener CDU, die damals von Helmut Elfring als Stadtverbandsvorsitzenden geleitet wurde, bereits kurze Zeit später, am 16. Februar 1990, Kontakt zu Herrn Glase in Fehrbellin auf, der uns als Ansprechpartner genannt worden war. Herr und Frau Glase, die heute Abgeordnete des Europäischen Parlaments in Straßburg ist, besuchten uns bereits am 26. Februar 1990, und wir bekamen die ersten Informationen über die Situation in Ostdeutschland und speziell über Fehrbellin.

Besuch des Ehepaares Glase am 26. Februar 1990 Fraktionsvorsitzender Walter Mahlmann, Bürgermeister Ridder, Frau Ridder, Ehepaar Glase, Stadtverbandsvorsitzender und MdL Helmut Elfring (von links)

Besuch des Ehepaares Glase am 26. Februar 1990
Fraktionsvorsitzender Walter Mahlmann, Bürgermeister Ridder, Frau Ridder,
Ehepaar Glase, Stadtverbandsvorsitzender und MdL Helmut Elfring (von links)

Vom 6. bis 8. April erwiderten Helmut Elfring und ich mit unseren Frauen den Besuch. Unsere Erwartungen waren nicht sehr hoch, aber der Anblick, der sich uns bot, war doch recht bedrückend. Es war das Bild einer typischen DDR-Kleinstadt, trist, grau und trostlos.

Auch die Tatsache, dass der Mercedes von Helmut Elfring in der Nähe des Hotels, in dem wir in Neuruppin übernachteten, am anderen Morgen ohne Stern und Radkappen vorgefunden wurde, hob unsere Stimmung nicht. Die Volkspolizei, der wir den Diebstahl anzeigten, verhielt sich korrekt und freundlich. Den Dieb konnten sie aber nicht ermitteln. Der Beamte sprach von „den Freunden“ (russische Soldaten), die den Diebstahl vermutlich begangen hätten, um ein Souvenir mit nach Hause nehmen zu können.

Urkunde über den Abschluss der Städtefreundschaft

Urkunde über den Abschluss der Städtefreundschaft

Wir ließen uns aber nicht entmutigen, war es doch unser Ziel, die Kontakte zu Fehrbellin aufzunehmen und auszubauen, um eventuell eine Städtefreundschaft daraus entstehen zu lassen. Und so führten wir Gespräche mit den Repräsentanten der beiden Kirchen. Pfarrer Seehaus von der evangelischen Kirche und Pfarrer Linke von der katholischen Kirche waren unsere Ansprechpartner. Ich erinnere mich, dass diese Gespräche sehr freundschaftlich verliefen. Aber wir suchten auch das Gespräch mit der SPD. Deren Repräsentant war damals Herr Bahr, der heute Bundestagsabgeordneter in Berlin ist. Wir trafen ihn bei der Gartenarbeit an. Auch mit ihm verlief das Gespräch, nachdem sich die erste Überraschung gelegt hatte, vielversprechend. Wir nutzen die Gelegenheit mit Fehrbelliner Bürgern, die wir in einer Gaststätte trafen, in Kontakt zu treten. Bei allen Aktivitäten fanden wir noch Zeit, uns unter der sachkundigen Führung von Herrn Glase, die Umgebung Fehrbellins anzuschauen. Wir waren von der herrlichen Natur mit ihrer reichhaltigen Tierwelt begeistert. Bei dieser Gelegenheit wurden wir auf die sehr marode Brücke über den durch Fehrbellin fließenden Rhin aufmerksam, die später vom Dülmener THW erneuert wurde und heute als Symbol unserer Städtefreundschaft weithin sichtbar ist.

Nach unserem ersten Besuch in Fehrbellin überschlugen sich förmlich die Ereignisse. Am 26. und 27. Mai 1990 machte der am 5. Mai 1990 erste frei gewählte Bürgermeister Rudi Gutschmidt mit einigen Fehrbelliner Abgeordneten seinen Antrittsbesuch in Dülmen. Er brachte die Nachricht mit, dass der Rat der Stadt Fehrbellin beschlossen habe, mit Dülmen Gespräche über eine Städtefreundschaft aufzunehmen. Wir hatten nun einen kompetenten Ansprechpartner, bei dem die Fäden zusammenliefen. Aus diesen offiziellen Kontakten entwickelte sich eine persönliche Beziehung und Freundschaft zu Rudi Gutschmidt, die bis auf den heutigen Tag anhält.

Bisher waren die Dinge überwiegend auf Parteiebene abgelaufen. Wir strebten aber eine Städtefreundschaft an. So berichteten wir am 7. Juni 1990 dem Hauptausschuss der Stadt Dülmen von unseren Gesprächen und Vorhaben. Der Hauptausschuss billigte unser Vorgehen und beauftragte uns, die Gespräche und Kontakte fortzuführen mit dem Ziel, eine Städtefreundschaft anzubahnen.

Unterzeichnung der Urkunde durch Bürgermeister Karl Ridder. Im Hintergrund stehend Bürgermeister Gutschmidt aus Fehrbellin.

Unterzeichnung der Urkunde durch Bürgermeister Karl Ridder.
Im Hintergrund stehend Bürgermeister Gutschmidt aus Fehrbellin.

Wir legten immer großen Wert auf den Begriff „Städtefreundschaft“ und nicht „Städtepartnerschaft“. Letzteres bezeichnet die Beziehung zur Partnerstadt in Frankreich, nämlich Charleville-Mézières. Wir wollten aber deutlich machen, dass es um eine Freundschaft zwischen zwei deutschen Städten ging.

Am 19. und 20. Juni 1990 fuhren Stadtdirektor Heinrich Schenk und ich jetzt in offizieller Mission nach Fehrbellin, um die endgültige Bereitschaft, eine Städtefreundschaft einzugehen, einzuholen. Wir nahmen als Gäste an einer Ratssitzung teil, die nach unserem Empfinden noch recht unprofessionell ablief. Aber wir hatten Verständnis dafür, mussten doch die demokratischen Gepflogenheiten und vor allem die Formalien erst noch gelernt und eingeübt werden. Jedenfalls fuhren wir mit der Zusage zurück, eine Städtefreundschaft eingehen zu wollen.

Am 16. August 1990 beschloss auch der Rat der Stadt Dülmen mit Fehrbellin die Verbindung einzugehen. Am 1. September wurden die Urkunden in Dülmen unterschrieben.

Stadtfest am 3. Oktober 1990 - Ein Kuchen als Landkarte des vereinten Deutschland gestaltet, wird an die Festteilnehmer verkauft.

Stadtfest am 3. Oktober 1990
Ein Kuchen als Landkarte des vereinten Deutschland gestaltet, wird an die Festteilnehmer verkauft.

Am 3. Oktober 1990 feierten wir aus Anlass der Wiedervereinigung ein rauschendes Stadtfest, das vielen unvergesslich bleiben wird. Mich hat tief beeindruckt, dass wir in der Nacht zum 3. Oktober gemeinsam mit unseren ostdeutschen Gästen die Nationalhymne singen konnten. Wir Westdeutsche etwas lauter, die Ostdeutschen noch etwas verhalten. Das lag wohl daran, dass sie den Text noch nicht sicher beherrschten. Anschließend kam es zu einem fröhlichen Treiben in der Innenstadt, das Dülmener wie Gäste ausgiebig genossen.

Stadtdirektor Schenk und drei Auszubildende aus Fehrbellin 1991 im Dülmener Rathaus

Stadtdirektor Schenk und drei Auszubildende aus Fehrbellin 1991 im Dülmener Rathaus

Die Bande, die nun geknüpft waren, verstärkten sich. Besonders die Stadtverwaltung, allen voran Stadtdirektor Heinrich Schenk, leistete bemerkenswertes. So waren zwischen 1990 und 1992 fast ständig Bedienstete der Stadtverwaltung aus den verschiedensten Bereichen in Fehrbellin, um beim Aufbau einer funktionierenden Verwaltung zu helfen. Besonders hervorzuheben sind hier die Verdienste von Volker Dieminger, der mit kleinen Unterbrechungen ein knappes Jahr die rechte Hand des damaligen Bürgermeisters Rudi Gutschmidt war und diesen in die Geheimnisse der Finanzverwaltung einschließlich des Zuschusswesens einweihte. Bei seinen Fahrten zwischen den beiden Städten übernahm er oft Transportdienste. So beförderte er Kleidung und Nahrung für die Fehrbelliner Auszubildenden in Dülmen, überbrachte Bücher für die Schulen in Fehrbellin und transportierte selbst lebende Hühner und Hähne für die Geflügelvereine der beiden Städte.

Aber damit noch nicht genug. In der Dülmener Verwaltung wurden von 1991 bis 1994 drei junge Damen aus Fehrbellin zu Verwaltungsfachangestellten ausgebildet. Häufig waren Bedienste der Fehrbelliner Verwaltung in Dülmen, darunter auch der Bürgermeister Rudi Gutschmidt und die heutige Amtsdirektorin Ute Benicke, um ihre Kenntnisse zu erweitern.

Richtfest für die Brücke über den Rhin

Richtfest für die Brücke über den Rhin

Abgesehen von den Aktivitäten der Verwaltung entwickelte sich zwischen Vereinen, Institutionen, Schulen und auch Privatpersonen ein reger Kontakt. So war der Brückenneubau über den Rhin durch das Dülmener THW, die Einweihung war am 25. April 1992, ein Ereignis, das Symbolkraft besaß.

Der alljährliche Schüleraustausch, organisiert von Christian Wesendorf, brachte und bringt nicht nur Schüler unserer beiden Städte zusammen, sondern auch Lehrer und Eltern. Es ist zu wünschen, dass dieser Austausch noch lange Bestand hat. 572 Schüler/innen haben seit 1991 an diesem Austausch teilgenommen; 348 Schüler/innen aus Fehrbellin und 224 aus Dülmen.

Aber auch die Verdienste der Feuerwehr, des Sängerchores Loreley, der Sportvereine, der Geflügelzüchter, der Sparkasse und auch des Bürgerschützenvereins um diese Städtefreundschaft dürfen nicht vergessen werden. Die Fehrbelliner machten deutlich, wie wichtig ihnen die Beziehungen zu Dülmen waren. Aus Anlass der Fehrbelliner Festtage im Juni 1993 wurde eine Straße in einem Neubaugebiet in „Dülmener Straße“ umbenannt. Vorher hatte sie „DSF-Straße“ (Straße der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft) geheißen. Im Gegenzug wurde in Dülmen ein Platz auf dem Bendix-Gelände „Fehrbelliner Platz“ genannt. Am 3. Oktober 2001 wird die feierliche Namengebung sein.

Bürgermeister Rolf begrüßt die Mitglieder der Fahrradtour aus Dülmen an der Stadtgrenze von Fehrbellin

Bürgermeister Rolf begrüßt die Mitglieder der Fahrradtour aus Dülmen an der Stadtgrenze von Fehrbellin

Ein Ereignis besonderer Art sollte noch erwähnt werden, die Fahrradtour einer offiziellen Delegation der Stadt Dülmen nach Fehrbellin vom 24. bis 31. März 1994. Unser Weg führte uns über Verl, Vlotho, Eldagsen, Wendhausen, Haldensleben und Tangermünde nach Fehrbellin. Insgesamt waren 625 km zu bewältigen. Diese spektakuläre Aktion sollte als symbolischer Brückenschlag den Gedanken der 1990 begündeten Städtefreundschaft mit Fehrbellin unterstreichen. Gleichzeitig gelang es uns, unsere Stadt als die Stadt des Fahrradtourismus in den von uns durchfahrenen Städten bekannt zu machen, zumal die jeweilige örtliche Presse ausführlich über unsere Aktion berichtete. Die damalige Delegation hat sich übrigens zu einem Freundeskreis zusammengefunden, die noch heute ausgiebige Radtouren unternimmt.

Wenn ich anfangs sagte, dass mein erster Eindruck von Fehrbellin nicht gerade Begeisterung weckte, so darf ich den Fehrbellinern heute sagen, dass sie die vergangenen zehn Jahre gut genutzt haben. Aus der grauen, etwas trist wirkenden Stadt, ist ein lebendiger, ansehnlicher Ort geworden, der Atmosphäre ausstrahlt und in dem die Bürger sich wohl fühlen können.

Ich bin sehr optimistisch was die weiteren Beziehungen angeht. Hat doch der Besuch einer großen Delegation unserer Stadt aus Anlass des 10. Jahrestages unserer Städtefreundschaft unter Führung von Bürgermeister Jan Dirk Püttmann im September 2000, an der ich teilnehmen durfte, deutlich gemacht, dass beide Seiten ihre Beziehungen erhalten und ausbauen wollen. Symbolisch wurde das durch das Pflanzen einer westfälischen Eiche in der Nähe des Fehrbelliner Rathauses deutlich gemacht.

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