Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2001

Klaus Hüls

Ein neues Kirchenbild für die Christus-Kirche

Im Auftrag des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirchengemeinde Dülmen e. V. hat die Dülmener Künstlerin Dr. Gaby Lepper-Mainzer für die Evangelische Christus-Kirche am Königswall ein neues Kirchenbild geschaffen, das den Titel „Kreuz-Wege“ trägt. Nach fast eineinhalbjähriger Vorarbeit und in Zusammenarbeit mit Pfarrer Klaus Hüls konnte das Bild am 30. März 2001 in einem Ökumenischen Passionsgottesdienst der Evangelischen Kirchengemeinde als Danksagung für die großzügige Hilfe bei der Errichtung des Evangelischen Altenhilfezentrums im Schlosspark übergeben werden. Das Bild nimmt eine jüngere Interpretation des Verständnisses des Kreuzes Jesu auf und soll im folgenden hier erläutert werden.

In einem bekannten Passionslied des Evangelischen Gesangbuches (EG 83) ist, wie in vielen anderen Liedern der Passionszeit, das traditionelle und bei den Christen aller Konfessionen bekannte Verständnis der Passion Jesu mit folgenden Worten beschrieben.

Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld
der Welt und ihrer Kinder;
es geht und büßet in Geduld
die Sünden aller Sünder;
es geht dahin, wird matt und krank,
ergibt sich auf die Würgebank,
entsaget allen Freuden,
es nimmet an Schmach, Hohn und Spott,
Angst, Wunden, Striemen, Kreuz und Tod
und spricht: "Ich will´s gern leiden."

Viele Christen haben diese Interpretation der Passion Jesu Christi zu ihrer eigenen gemacht. Theologisch steht dahinter die Satisfaktionstheorie des Anselm von Canterbury vom Ende des 11. Jahrhunderts, die sogenannte Opfertheologie. Man kann sie kurz so skizzieren: Die Menschheit hat sich durch sündiges Tun, Reden und Denken vor Gott schuldig gemacht. Gott verlangt Wiedergutmachung. Dazu ist aber der Mensch aufgrund seiner Schuldverfallenheit nicht fähig. Zugunsten der Menschheit beschließt Gott deswegen in Übereinstimmung mit seinem Sohn im himmlischen Familienrat, ihn zur Sühne als stellvertretendes Opfer für die Sünder zu „schlachten“. Diese schockierende Formulierung macht deutlich, dass dieses Denken als sehr anstößig empfunden werden muss. Denn die mittelalterliche Theologie impliziert, dass Gott nicht nur Menschenopfer zulässt, sondern auch aktiv vollzieht. So fragen viele Christinnen und Christen zu Recht: Will Gott Menschenopfer? Ist Gott gar ein sadistischer Vater, der seinen Sohn zur Satisfaktion töten lässt? Ist der himmlische Vater ein Gott der „auf Blut steht“ (Uta Ranke-Heinemann)? Mit vielen anderen kann auch ich mir Gott nicht als einen beleidigten Corpsstudenten des 19. Jahrhunderts vorstellen, der „Satisfaktion“ fordert und dessen Zorn nur durch Blut gestillt werden kann.

Kreuz-Wege von Gaby Lepper-Mainzer

Kreuz-Wege von Gaby Lepper-Mainzer

Der „Sündenbock“, der „hinweg trägt die Sünde der Welt“, und auch der leidende Gottesknecht, auf dem „die Strafe liegt, auf dass wir Frieden hätten“ (Jesaja 53) hat seine Versöhnungstat mit dem Tod vollbracht. Mit seinem stellvertretenden Opfer ist das ZieI, die Versöhnung zwischen Gott und dem sündigen Menschen, erreicht. Seine Wiederkehr durch Auferweckung ist nicht heilsnotwendig. Auf Christi Tod angewendet sagen diese Sühnopfervorstellungen: Ursache seiner Leiden ist unsere Sünde, Grund seiner Leiden ist Gottes Gnadenwille, Zweck seiner Leiden ist die Wiederherstellung des durch Schuld zerbrochenen Bundes mit Gott. Damit ist diese Heilsvorstellung nur auf den Tod, nicht aber auf die Auferstehung Jesu Christi anwendbar. Gottes Gerechtigkeit wird soteriologisch auf die Vergebung der Sünden und auf die Wiederherstellung der ursprünglichen Schöpfung reduziert. Von dem Neuen, das durch die Auferstehung des Gekreuzigten in die Welt gekommen ist, sagt dieses Verständnis nichts. Ihr Mehrwert wird nicht thematisiert. Sie ist rückwärts gerichtet. Sie ist Wiederherstellung der „ersten Schöpfung“ (Offenbarung 21,4). Paulus und die Schriften des Neuen Testaments sprechen aber von einer neuen Schöpfung: „Das erste ist vergangen … siehe, ich mache alles neu“ (Offenbarung 21,4f.). Unser traditionelles Verständnis des Kreuzes Jesu in der Nachfolge der Lehre Anselms unterschlägt die Zukunft der neuen Welt Gottes; vorenthält das Erbrecht auf eine neue Schöpfung, in der Gerechtigkeit herrscht. Wer diese Zukunft aus den Augen verliert, ist in der Gefahr, Gott einseitig als Recht und Blut fordernden Richter zu verstehen.

Das Bild „Kreuz-Wege“ von Dr. Gaby Lepper-Mainzer führt uns mit einem neueren theologischen Verständnis der Passion Jesu in eine vorwärts gewandte Blickrichtung. In einer Betrachtung des Bildes haben Schüler des Clemens-Brentano-Gymnasiums spontan geäußert: „Das Kreuz ist kaputt!“ Ja, das Kreuz der traditionellen Versöhnungslehre der Opfertheologie ist „kaputt“. Mit neuen Blöcken baut sich vertikal und horizontal ein neues Verständnis auf. Die Bedeutung des Gestorbenseins und die Hoffnung durch die Auferweckung Jesu Christi treffen zusammen in der Achse der Horizontalen und Vertikalen des Kreuzes. Das Leiden verschmilzt mit dem Licht des Lebens. Der nur angedeutete Körper Jesu weist auf Gott, der selbst ans Kreuz geht. Nicht nur die Lebenswege der Menschen kreuzen sich, sondern auch die Wege des Sohnes mit dem Vater. „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes 10,30), sagt Jesus Christus. Der Vater lebt im Sohn. Damit geschieht die Hingabe des Sohnes nicht anstelle des Vaters, sondern ist Selbsthingabe des Vaters. Die Farbtouchs des Kreuzes zeigen, dass diese Wege noch offen und noch nicht miteinander verzahnt sind. Dennoch geht aber im Schnittpunkt des Kreuzes das Licht, die Sonne auf. Licht und Sonne als Symbol des Lebens und Selbstvorstellung Jesu Christi: „Ich bin das Licht der Welt“ (Johannes 8,12). Das Bild „Kreuz-Wege“ deutet Jesu Leiden nicht nur als Symbol eines stellvertretenden Opfers, sondern als Selbsthingabe des Sohnes und des Vaters aus Liebe für das Leben, als Hoffnung auf eine neue Welt, in der Gerechtigkeit wohnt.

Im Kreuz Jesu Christi kommt Gottes fürsorgliche Liebe zum Vorschein, die allen Kindern Gottes gilt. Jesu Kreuz ist nicht die Katastrophe des Scheiterns, die Ostern wieder aufheben muss, sondern ist Ziel und Ort des angenehmen und warmen Lichts als Quelle des Lebens, eines Lichts, das sich selbst verzehrt und dabei die Finsternis erhellt. Hier kommt die Liebe des Vaters zum Ziel. Der angedeutete Körper Christi zeigt, dass Jesus Christus die Liebe des Vaters bis zum Ende durchgehalten hat. Sein Kreuz ist die Vollendung der „Kreuz-Wege“, indem er Gottes Liebe und Absicht mit der Welt offenbart, wie in unüberbietbarer Klarheit das aufgehende Licht des Ostermorgens zeigt. Damit widerspricht Gott der Kreuzigung Jesu Christi. Die Auferweckung Jesu ist auch eine göttliche Protesthandlung gegen Gewalt und Tod. Gott entzieht jenen, die Menschen zu opfern machen, jegliche Legitimation. Die noch nicht geschlossene Gloriole in der Achse des Kreuzes symbolisiert das Ende der Kreuz-Wege und des Todes im Modus der Verheißung. Es ist noch Nacht, aber es fängt schon kräftig an zu tagen.

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