Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

Heimatverein Dülmen e. V. | Dülmener Heimatblätter | Hefte | Register | Anmerkungen | Mitarbeit | Kontakt

<< Heft 1, 2002

John Schraven

Die Mörser der Stadt Dülmen

Stiftung Josef Lüffe

Im Jahre 1953 verfertigte Herr Apotheker Josef Lüffe eine Stiftungsurkunde, in der Punkt 2 den nachfolgenden Wortlaut erhielt: Innere Verschönerung des Rathauses [von Dülmen], indem wertvolle Bronzen, Gemälde und Teppiche zur Verfügung gestellt werden.

Apotheker Josef Lüffe (1878-1955)
Apotheker Josef Lüffe (1878-1955)

Josef Lüffe wurde am 17. März 1878 in Dülmen geboren. Sein Vater war Rentmeister Hubert Lüffe in Diensten der Herzog von Croÿ’schen Verwaltung. Er hatte eine Dienstwohnung in dem herzoglichen Hause an der Schloßstraße. Josef Lüffe verbrachte seine Jugend in Dülmen im elterlichen Haus oder im Hofgarten des Schlosses. In Dülmen und Warendorf besuchte er die höhere Schule. Nach dem Abitur studierte er Pharmazie, obwohl er eigentlich Kunstgeschichte und Literatur vorzog.

Nach seinem Studium eröffnete er eine Apotheke in Olfen, die heutige Stadtapotheke, und bald darauf erwarb er in Selm eine zweite Apotheke, heute Löwenapotheke. Während und auch vor seiner Zeit als Apotheker reiste er öfter nach Italien. Er war ein Liebhaber römischer Kunst. Seine guten italienischen Sprachkenntnisse erwiesen sich als sehr vorteilhaft. Viele Kunstgegenstände, darunter einen wertvollen wuchtigen Mörser, brachte er nach Deutschland. Wahrscheinlich besuchte er auch Frankreich und die Niederlande, denn aus diesen Ländern sind Mörser in der Dülmener Sammlung vertreten. Seine Sammlungen bestanden aus Gemälden, Möbeln, Porzellan, Bronzen, Gold- und Silbermünzen sowie Büchern.

Da die Stadt Dülmen während des Zweiten Weltkrieges fast völlig zerstört wurde, machte Josef Lüffe eine größere Stiftung für seine Heimatstadt. Vor allem wurde armen und älteren Bürgern durch den Bau von Wohnungen geholfen. Ferner stiftete er Kirchenfenster am Hochchor der St.-Viktor-Kirche sowie Holz für die Herstellung von Kirchenbänken und — wie schon am Anfang erwähnt — Bronzen zur Verschönerung des Rathauses. Josef Lüffe starb im Alter von 76 Jahren am 18. Februar 1955 in Selm-Beifang.

Mörser und ihre Schöpfer

Die Bronzen zur Verschönerung des Rathauses sind ausnahmslos Mörser und zwar fünf Exemplare. Dass Josef Lüffe Mörser sammelte, kann kein Zufall sein, da er Apotheker von Beruf war und dieser Berufszweig oft noch eine emotionale Beziehung zu seiner Tätigkeit hat. Das hat auch damit zu tun, dass der Mörser schon seit den Anfängen der Pharmazie als Wahrzeichen und Werkzeug der Apothekerkunst nachweisbar ist.

Im 13. Jahrhundert setzt die Überlieferung zur Geschichte des Apothekerwesens in Deutschland ein. So findet man auf dem Siegel des Konstanzer apothecarius Wernherus von 1270 die Darstellung eines gotischen Mörsers.

Apotheker Lüffe hatte mit Sicherheit vor dem Zweiten Weltkrieg zum Zerkleinern von Heilmitteln und Kräutern noch Mörser in Gebrauch. Der technische Fortschritt seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ging auch an der Apotheke nicht spurlos vorüber. Die moderne pharmazeutische Industrie liefert alles kundengerecht, einzeln und tropensicher verpackt an die Apotheken. Mörser werden also heutzutage nicht mehr verwendet, sondern sind begehrte Sammelobjekte geworden.

Zum Glück gibt es noch verhältnismäßig viele Mörser in öffentlichen Sammlungen aber auch in Privatbesitz. Erstens ist Bronze ein unverwüstliches Material, zudem sind Form und Dekoration von großer Bedeutung. Zweitens wurden Bronzemörser im Gegensatz zu Glocken in beiden Weltkriegen nicht ausdrücklich für die Kriegsindustrie requiriert, gleichwohl es eine Festsetzung der Termine zur Ablieferung der Einrichtungsgegenstände aus Kupfer und Messing, aus Aluminium und Zinn vom Vorsitzenden des Kriegsausschusses in Ahaus vom 1. September 1917 gab. Im Zweiten Weltkrieg verlor Deutschland 74% seiner Glocken. Allein in Hamburg schmolz man 91.525 Glocken ein, darunter auch Glocken aus den Niederlanden. Nur kleine Glocken blieben in der Regel verschont, da sich der Aufwand nicht lohnte, sie aus den Türmen herunter zu transportieren; außerdem konnte man die Quantität vernachlässigen. In Isselburg (Kreis Borken) gibt es eine kleine Glocke, 25 cm hoch, die zwei Weltkriege überlebt hat. Im Meldebogen zur Eingruppierung der Glocken der Kirche des dortigen St. Elisabeth-Krankenhauses hieß es 1941 wörtlich: Glocke bleibt hängen, ist zu klein. Also waren wahrscheinlich auch Mörser zu klein, denn viel höher als 40 cm, welches einem Gewicht von etwa 115 kg entspricht, sind sie selten, obwohl man diese Gegenstände ohne Mühe hätte mitnehmen können. Andererseits konnten Besitzer von Mörsern diese auch bequem verstecken.

Ein Mörser ist ein innen abgerundetes Gefäß, in welchem mit einem Stößel, auch Pistill genannt, etwas zerrieben oder zerdrückt wird. Ein Stößel ist ein stabförmiger Gegenstand mit einem oder zwei Reibköpfen. Wie schon erwähnt, ist der Mörser über Jahrhunderte eines der wichtigsten und wertvollsten Utensilien in der Apotheke, im Haushalt und im Betrieb (zur Herstellung von Schießpulver) gewesen.

Gusseisener Mörser des 18. Jahrhunderts, Bodenfund aus Dülmen
Gusseisener Mörser des 18. Jahrhunderts, Bodenfund aus Dülmen

Im Alten Testament heißt es: Das Manna war wie Koriandersamen, und es sah wie Bedelliumharz aus. Die Leute pflegten umherzugehen und es zu sammeln; sie mahlten es mit der Handmühle oder zerstampften es im Mörser, kochten es in einem Topf und bereiteten daraus Brotfladen (Numeri 11,7-8). In Ägypten und im Römerreich waren Mörser schon als Gebrauchsgegenstand bekannt.

Mörser gab es aus Holz, Stein, Glas, Gusseisen, Messing und Bronze, aber auch andere Materialien wurden verwendet. Die ersten gegossenen gotischen Mörser aus Bronze wiesen nur horizontale Ringe auf. Wenig später gab es senkrechte Rippen am Mörserkörper. Im Laufe der Zeit kamen Verzierungen dazu, wie sie auch auf Glocken üblich waren. Der Gießer gab seinen Namen darauf bekannt. Blumen, Ranken, Girlanden, Figuren, Engel, Jagdszenen und auch schon Namen von Auftraggebern (Apotheker) wurden gebräuchlich, ebenso Sprüche wie: Pharmacopola canit dum pulsor, at ingemit aeger (Der Apotheker singt, wenn ich gestoßen werde, der Kranke aber seufzet) oder: Fit nostro dives pharmacopola sono (Der Apotheker wird reich von meinem Klang) auf einem Mörser 1675, gegossen von dem berühmten Glockengießer Pieter Hemony (1619 Levecourt, Frankreich - 1680 Amsterdam). Der Spruch: Herbarium subiecta potentia nobis (Ich verfüge über die Kraft der Kräuter), auf einem Mörser der Rotterdamer Apothekerzunft von 1763, deutet an, weswegen Mörser in der Apotheke unentbehrlich waren. Im Privatbereich freuten sich Braut- und Eheleute über einen neuen (geschenkten) Mörser: Utger Nyclas un Vittien syn Huisfrov. 1568. Ein unbekannter Gießer aus Krefeld (?) teilte mit: Erlich ende from is min rickdom. 1621. So war der Mörser nicht nur ein außerordentlich nützliches Instrument, vielmehr konnte eine Mitteilung, Botschaft oder sogar Mahnung einen wichtigen Beitrag zur Optik leisten. Es befremdet deshalb auch nicht, dass vier von fünf Dülmener Mörsern beschriftet sind.

Mörser aus Bronze wurden von Glockengießern gegossen. Nach Meinung eines bekannten niederländischen Experten waren sie ein Nebenprodukt der Glocken- und Geschützgießer. Dies kann man nicht so dogmatisch behaupten, denn Bronzegießer bekamen ihre Ausbildung als Glocken-, Geschütz- und Mörsergießer. Im Laufe ihres Berufslebens spezialisierten sie sich. Einige sind bekannt und berühmt geworden wegen ihrer Glocken, andere aufgrund ihrer Kanonen. Daneben gab es auch Spezialisten für den Guss von Mörsern. Denn nicht nur Apotheker benutzten Mörser. In handwerklichen und gewerblichen Betrieben sowie Hospitälern, vor allem aber auch im Haushalt waren Mörser unentbehrlich. Bei letzteren galt dies nur für die Haushalte, die sich Bronzemörser finanziell leisten konnten, anderenfalls griff man auf billigere Materialien zurück.

Das Gießen einer Glocke, das oft vor Ort geschah, war ein Spektakulum ersten Ranges in der Stadt oder im Dorf. Man erlebte ein solches Ereignis nie oder nur einmal im Leben. Neben Kirmes, Jahrmarkt und Schützenfest war es ein „Highlight“ in früheren Jahren. Mörser wurden jedoch in der Regel in der Anonymität gegossen.

Der aus Helmond (Niederlande) stammende Jean Petit errichtete im Jahre 1743 zu Nieder-Elten bei Emmerich eine Glocken-, Mörser- und Kanonengießerei. Vater Albert und Sohn Wilhelm Hachmann (tätig von etwa 1520 bis 1587) aus Kleve nannten sich Geschütz-, Glocken- und Mörsergießer. Von beiden ist bekannt, dass sie viele Kanonen gegossen haben. Berühmt jedoch sind sie durch den Guss von qualitativ hochwertigen und hervorragend gestalteten Mörsern geworden. Nicht zu leugnen ist die Tatsache, dass die Herstellung von Kanonen für Bronzegießer sehr lukrativ war, denn Fehden und kriegerische Auseinandersetzungen waren vom 15. bis 17. Jahrhundert an der Tagesordnung.

Gerrit van Wou, Gerhardus de Wou (1474 Bürger in ´s-Hertogenbosch - 1527 Kampen) der Schöpfer der berühmten, noch vorhandenen, 1497 gegossenen Gloriosa-Glocke von Erfurt, mit einem Gewicht von 27.750 kg und einem Durchmesser von 2,56 m, war nicht nur wegen seines Glockengusses reich. Er wurde in Rechnungen der Stadt Nijmegen meyster Geryt bussengieter (Kanonengießer) genannt.

Zu seiner Zeit führte Karl von Egmont, Herzog von Geldern, und Erbfeind des österreichischen Hauses, etwa ein halbes Jahrhundert einen blutigen Krieg gegen Maximilian, Philip den Schönen und Karl V. Van Wou lieferte seine Geschütze insbesondere an Karl von Egmont. Oft waren Kanonen auch Prestigeobjekte, mehrmals geschmückt mit Wappen oder mit einem Kopf des hl. Paulus, wie sie der Kanonengießer Cosimo Cenni aus Florenz goss. Kriege sorgten damals auch für eine erhöhte Produktion von Glocken, wenn wieder Ruhe eingetreten war. Die schwersten Kämpfe fanden oft in oder um Kirchen statt. Dazu kam, dass Glocken für kriegerische Zwecke umgegossen wurden. Schließlich machten die im Anschluss an die Schlachten üblichen Plünderungen eine Ergänzung oder Ausbesserung des Bestandes an Mörsern nötig.

Wie bekamen die Gießer aber Aufträge für ihre Mörser und Glocken? Vor allem auf Bestellung, auf Empfehlung und einige Mörser hatte man wohl auch auf Lager. Man musste indes auch auf "Kundenfang" gehen, indem man die potentiellen Käufer aufsuchte. Für diese Gießer findet sich die Bezeichnung "Wandergießer". Der wohlerfahrene Meister seines Handwerks, der Glockengießer Joan de Lape, wohnhaft zu Arnsberg, reiste 1665 durch die Lande. In der Altstadt Marsberg fragte er an, ob nicht etwa eine zerbrochene Glocke vorhanden sei. Tatsächlich unterzeichnete er einen Vertrag mit Joan de Lapaix. Auf diese Weise bekam man auch Aufträge zum Gießen von Mörsern.

Der schon genannte Jean Petit machte durch eine Anzeige in den Duisburger wöchentlichen Adress- und Intelligenzzetteln von 1745 auf sich aufmerksam: "Es wird hiermit zu wissen gethan, dass der Glockengießer Jean Petit, welcher die Kunst Glocken zu gießen perfekt versteht, und davon laut seiner Atteste nicht nur in Holland- und Brabantischen, sondern auch im Clevischen Land viele Proben abgelegt hat, anjetzo in Hünxe, nahe bei Wesel, einen Schmelz-Ofen verfertigen lassen und wie er bereits diesen Herbst daselbst 4 Glocken als 2 für Schermbeck, 1 für Hünxe und 1 für Loikum glücklich gegossen …". Da er zwischen Nieder-Elten und Hünxe pendeln musste, konnten sich Interessenten, wenn der Gießer selbst nicht in Hünxe war, bei Meister Flügel melden, daselbst im Dorfe wohnhaft.

Mörser wurden „mitgegossen“ beim Glockenguss, zum Beispiel als Dank für den Auftraggeber oder als Anerkennung für die Gastfreundschaft eines Gastwirts, bei dem man viele Wochen zu Gast war. Zuweilen bekam der Gastgeber einen gegossenen Löffel geschenkt.

Der in Dremmen (Gemeinde Heinsberg) sesshafte Gießer Christian Wilhelm Voigt (1700 Land von Jülich — 1779 Heinsberg) goß im Jahre 1763 zwei Glocken für die St. Lambertus-Kirche zu Dremmen. Zusätzlich goß er einen Mörser für den Küster dieser Kirche, seinen Schwager Gord Reinarz. Des weiteren schuf er 1777 eine Glocke für die St. Viktor-Kirche in Dülmen und im gleichen Jahr eine Glocke für die katholische St. Andreas-Kirche zu Hullern (Gemeinde Haltern). Sein Sohn Christian Voigt (1738 Dremmen — 1804 Isselburg) goss 1765 zwei Glocken für die protestantische Kirche zu Dinxperlo an der Grenze zu Suderwick (Bocholt) und dazu einen Mörser. Es ist nicht bekannt, aus welchem Anlass der Mörser gegossen wurde und für wen er bestimmt war, denn Voigt gab darauf nur seinen Namen und das Gussjahr bekannt. Wieder entdeckt wurde der Mörser erst 1981 in der ehemaligen DDR.

Heinrich von Trier (1520/25 Aachen? — 1598? Middelburg?) goss im Jahre 1581 zwei Glocken für Gorinchem (Niederlande) und dazu einen Mörser. Seine Glocken und Mörser haben als Schmuck Portraitmedaillons von Männern und Frauen und Wappen von Gorinchem und Arkel (Prov. Zuid-Holland). So war auch hier der Mörser ein Geschenk für den Auftraggeber.

Es gibt Gießer, die wegen ihrer Mörser bekannter sind als ihrer Glocken wegen; so wie der zu Deventer (Niederlande) wohnhafte Henrik ter Horst (1598/99 Geesteren — 1666 Deventer), der mehr Mörser als Glocken goss. Gleiches gilt für seinen Nachfolger, den aus Ochtrup stammenden Gerrit Schimmel (? Ochtrup — 1709 Deventer). Von ihm gibt es einen Mörser in der Dülmener Sammlung. In Belgien gab es die Familie van der Ghein aus Mechelen (1526 – 1697) und in Deutschland die schon genannten Vater und Sohn Hachmann aus Kleve. In Italien, vor allem kann hier die Toskana mit Florenz als Mittelpunkt genannt werden, und auch in Frankreich gab es, wie noch zu zeigen ist, Bronzegießer, die prachtvolle Mörser herstellten. So liegt die Vermutung nahe, dass Mörser für etliche Gießer eine nicht unerhebliche Einnahmequelle darstellten.

Zwei Mörser, Bronze 1765 und 1763. Diese wurden beim Glockenguss „mitgegossen“.
Zwei Mörser, Bronze 1765 und 1763. Diese wurden beim Glockenguss "mitgegossen".
Links: Christian Voigt der Sohn, rechts: Christian Wilhelm Voigt der Vater. Er goss 1777 eine Glocke für die St.-Viktor-Kirche in Dülmen. Privatbezitz Schöppingen und Essen

Wenn schon Mörser beim Glockenguss „mitgegossen“ werden, können wir daraus entnehmen, dass für beide Teile die gleiche Gießprozedur angewandt wurde sowie das gleiche Material: Glockenbronze aus 80 % Kupfer und 20 % Zinn. Man kann dies an beiden Voigt-Mörsern gut erkennen, da die Farbe Zinngrau ist. Werden Mörser als Einzelstücke gegossen, dann ist der Farbton oft wärmer, weil weniger Zinn (mindestens jedoch 4 %) verwendet wird, möglicherweise auch Zink und Blei. Qualitätsvolle Mörser sind immer Einzelleistungen der Gießer. Auftrag, Entwurf und Herstellung brauchten Zeit und hatten ihren Preis. Deswegen wurden solche Gegenstände nicht „auf Wanderschaft“ geschaffen sondern daheim.

Der Mörser wird gegossen wie eine Glocke, d.h. dass der Boden sich innerhalb der Form und beim Gießvorgang oben befindet. Zuerst wird der Kern gearbeitet und mit Lehm überzogen. Dieser Kern, er hat die innere Form des Mörsers, wird getrocknet und dadurch hart. Über diesen Kern wird Lehm gestrichen, der die äußere Form des Mörsers annimmt. Diese Lehmschicht wird das „Hemd“ oder „falscher Mörser“ genannt. Aus Wachs und Harz modelliert der Gießer Aufschriften und Friese und bringt sie auf. Als Nächstes wird das ganze mit Fett oder Talg bestrichen, damit der so überzogene „Lehmmantel“ sich später leicht lösen lässt. Nun zieht man mit einem Pinsel eine feine Lehmschicht über das Fett. Nachdem dieser Lehm etwas angetrocknet ist, wird eine grobere und festere Lehmschicht aufgebracht, der „Mantel“. Dieser Mantel wird jetzt durch Feuer getrocknet. Wachs und Fett schmelzen bei diesem Vorgang, wobei die Verzierungen im Mantel zurückbleiben. Wenn dies alles geschehen ist, wird der Mantel hochgezogen und das „Hemd“ oder der „falsche Mörser“ zerschlagen. Jetzt wird der Mantel wieder über den Kern heruntergelassen und der freie Raum mit flüssiger Bronze gefüllt, wodurch der Mörser seine Form erhält.

Auch eine andere Gießmethode fand Anwendung. Dabei handelt es sich um das älteste Verfahren. Der Mörser wird um eine waagerechte, hölzerne Spindel geformt. Diese Methode kam für Glocken schon in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts zur Anwendung, wie man aus einer Beschreibung des Mönchs Roger aus dem Benediktinerkloster Helmarshausen weiss. Roger ist mit größter Wahrscheinlichkeit identisch mit Theophilus presbyter, der in seiner Schedula diversarum artium im Kapitel 84 (Vom Glockenguss) genaue Arbeitsanleitungen zur Formherstellung gibt.

Die Mörser
Mörser, Bronze
Italien, Florenz 1667
Gießer: Giovanni Maria Cenni
Höhe: 36,5 cm
Durchmesser oben: 46,5 cm
Durchmesser unten: 30 cm

Mörser, Bronze, gegossen von Giovanni Maria Cenni, Florenz
Mörser, Bronze, gegossen von Giovanni Maria Cenni, Florenz

Der Mörser hat die Form einer Vase mit ausladender Borte mit zwei breiten Profilringen. Der Mörserkörper zeigt auf einer Seite eine stehende, Kutte tragende Figur mit einem Blumenzweig in der linken Hand und in der rechten ein Buch. Diese Person stellt den heiligen Antonius von Padua dar. Der 1195 geborene, als Wundertäter bekannte Bußprediger zog durch Italien und Frankreich und war Führer des Franziskanerordens. Antonius starb im Jahre 1231.

Detail: Der hl. Antonius von Padua, darunter der Name des Gießers eingraviert
Detail: Der hl. Antonius von Padua, darunter der Name des Gießers eingraviert

Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich eine Figur mit Hut. Sie hat Bart und Schnurrbart und trägt einen Lendenschurz. In der rechten Hand hält sie einen langen Stab und in der linken ein Buch. Seitlich von ihr liegen rechts ein Löwe und links ein Hund. Außerdem sitzt auf der linken Schulter ein Vogel. Durch die Vielfalt an Attributen und Tieren werden hier in einer Person mehrere Heilige symbolisiert: Christopherus, Hieronymus mit Kardinalshut und zu seiner Rechten der zutrauliche Löwe, dem er einen Dorn aus der Pranke gezogen hat, Antonius der Große mit Pilgerhut und Wanderstab, zuletzt der heilige Rochus, der sich als Pilger präsentiert in zerfetztem Lendenschurz. Zu seinen Füßen hält der Hund das Brot im Fang, das dem Heiligen als Wegzehrung dienen sollte.

Detail: Darstellung von vier Heiligen, darunter eingraviert das Jahr des Gusses
Detail: Darstellung von vier Heiligen, darunter eingraviert das Jahr des Gusses

Über beiden, als Relief ausgearbeiteten Personen wird die mittlere Wandung des Mörsers abgeschlossen durch umlaufende Festunen (Girlanden mit hoch hängenden Blumen, Blättern und Früchten), in Reliefform. Unten wird der Körper abgeschlossen durch stehende Akanthusblätter und Blumen. Unter Antonius ist eingraviert: OPVs JOVANIS — MARIAE CENNII — FLORENTINI. Zur anderen Seite, unter der Figur ist zu lesen: AD MDCLXVII (1667). Oberhalb des schweren profilierten Fußes gibt es eine Einschnürung. Beide Griffe bilden geflügelte Engel, die einzeln gegossen und später am Mörser befestigt wurden. Der Mörser ist ein gelungenes Beispiel italienischer Bronzegießkunst.

Detail: Griffe in Form von geflügelten Engeln
Detail: Griffe in Form von geflügelten Engeln

Giovanni Maria Cenni war Bronzegießer in Florenz und von 1644 bis 1659 im Dienste der Familie de Medici. In den Jahren 1670, 1672 und 1675 goss er jeweils eine Glocke für den Glockenturm der Basilika della SS. Annunziata in Florenz. Bis 1873 waren die Glocken im Gebrauch, dann bekam das Museo Nazionale del Bargello die älteste und die jüngste Glocke. Im Jahre 1914 wurden beide Glocken an das Museo di San Marco, ebenfalls in Florenz, übergeben. Dieses Museum hatte im gleichen Jahr auch die Glocke von 1672 bekommen. 1928 gab letztgenanntes Museum die drei Glocken ab an die Kirche Sacro Cuore al Romiti in Florenz.

Der Schmuck der Glocken folgt im wesentlichen dem des Mörsers: Abbildungen von Heiligen, die Verkündigung, Maria mit Kind, die Kreuzigung. Die Kronen der Glocken sind reich geschmückt mit geflügelten Putten und die Glocken selbst oben mit Festunen und unten mit einem Bacchanal von Putten. Wie auf dem Dülmener Mörser signiert Cenni die Glocken mit seinem Namen.

Basilika SS. Annunziata, Florenz, Außenansicht
Basilika SS. Annunziata, Florenz, Außenansicht

Die 1672 gegossene Glocke hat die oft verwendete Inschrift: MENTEM SANCTAM … LAVDO DEUM. PLEBEM VOCO. CON GREGO CLERUM . DEFUNCTOS PLORO . FESTA DECORO (Ich lobe Gott mit gesundem Verstand. Ich rufe die Gemeinde. Versammle die Geistlichkeit. Beweine die Toten. Verherrliche die Feste). Dazu noch: O IESU DEFENDE NOS AB IGNIE TANITUM (O Jesus beschütze uns vor dem verderblichen Feuer). Die Glocken sind 0,68 m, 0,92 m und 1,05 m hoch.

Basilika SS. Annunziata, Florenz, Innenansicht
Basilika SS. Annunziata, Florenz, Innenansicht

Womöglich ist Cosimo Cenni der Vater von Giovanni Maria. Er ist der Begründer einer Familie von Bronzegießern, die sich hauptsächlich auf Kanonen spezialisierten. Von ihm sind zwei Kanonen bekannt, eine von 1620, die zweite von 1638 mit einem modellierten Kopf des hl. Paulus. Auch hat er dem italienischen Maler, Bildhauer und Kupferstecher Giovanni Filippo Bezzi, genannt Giambologna, beim Guss der vier Bronzesklaven am Denkmal des Ferdinando I de Medici in Livorno geholfen. Dieses Denkmal wurde von Giovanni Bandini (1540 Castello da Benedetto — 1599 Florenz) ausgeführt. Von Giovanni Maria Cenni sind leider keine weiteren Daten und Fakten bekannt.

Mörser, Bronze gegossen von Jean Thierri, Frankreich bestellt von Apotheker Francois Fesquet
Mörser, Bronze gegossen von Jean Thierri, Frankreich bestellt von Apotheker Francois Fesquet

Mörser, Bronze
Frankreich, Paris ?, 1616
Gießer: Jean Thierri
Höhe: 32 cm
Durchmesser oben: 49,5 cm
Durchmesser unten: 33 cm

Der kompakt-gedrückt-vasenförmige Mörser mit weit ausladender Mündung hat drei auffällige Merkmale:

  1. Zwei wuchtige Griffe in Form von Hundeköpfen.
  2. Die Umschrift in lateinischen Majuskeln um den Gefäßrand: FRANCOIS FESQUET M(E) F(IERI) FAIRE. IEAN THIERRI M(E) FAICT. 1616 (Francois Fesquet hat mich machen lassen. Jean Thierri hat mich 1616 gemacht.) Hinter „FAICT“ und „1616“ befindet sich eine Rosette.
  3. Die absolut einmalige Darstellung auf dem Mörser von ägyptischen Uschebtis. Die zehn Statuetten sind halbplastisch auf Sockeln in der Gefäßkörpermitte umlaufend plaziert.

Detail: Griffe in Form von Hundeköpfen
Detail: Griffe in Form von Hundeköpfen

Uschebtis sind kleine, mumienförmige Gestalten, die im Mittleren Reich die Verstorbenen darstellten. Im Neuen Reich wurden sie zu Dienerfiguren und zum festen Bestandteil des Totenkults. Sie sind als Diener des Bestatteten zu verstehen, dem sie die ihm im Jenseits auferlegten Sühnearbeiten abnehmen sollten. Sie tragen daher oft Geräte zur Feldbestellung in den Händen und ein Säckchen oder einen Behälter mit Saatgetreide auf dem Rücken. Jean Thierri versetzte dieses Säckchen aus verständlichen Gründen (der Rücken ist ja nicht sichtbar) in Form einer rechteckigen Tasche oder eines Behälters in den Schoß der Figur. Am Ende des 16. und im 17. Jahrhundert wird das Interesse am alten Ägypten wieder geweckt. Ludwig IX., der Heilige (1215-1270), König von Frankreich, unternahm 1248-1254 einen Kreuzzug gegen Ägypten und erregte damals schon das Interesse der Franzosen an diesem Land. Weil die Ägypter den Grundstein zur Heilkunde und Pharmazie in Europa legten, wurde auch das Einbalsamieren von Leichen - nach dem Vorbild der Ägypter - um 1600 in Frankreich wieder eingeführt. Diese Tätigkeit nahmen in der Regel Apotheker vor, die die dazu benötigten Grundstoffe lieferten. Mumia vera aegytiaca (original ägyptische Mumie) war lange Zeit ein wichtiges pharmazeutisches Mittel, das in Rezepturen sowohl zur Wundbehandlung wie auch in Pflastern Verwendung fand. Verschiedene französische Apotheker publizierten Bücher über diese Materie. Der Pariser Kaufmann und Apotheker Pierre Pomet (1658-1699) hatte in sein Buch Histoire generale des drogues ein wichtiges Kapitel mit Abbildungen über Mumien aufgenommen.

Es ist also mit ziemlicher Sicherheit anzunehmen, dass der Auftraggeber der Mörser, Francois Fesquet, Apotheker von Beruf war, da andere Berufsgruppen nichts mit dieser Materie zu schaffen hatten und demnach auch mit dem Begriff ’Uschebti’ nichts anzufangen wussten. Eine Ausnahme bildete der Henker. Er war Lieferant von Medizin, die er aus den Körpern von ihm hingerichteter Opfer erhielt. Weil diese ’Heilmittel’ offiziell registriert waren, musste der Apotheker sie auch vorrätig haben. Auf Grund seiner Ausbildung (?) und seines Berufes war der Henker beim Verkauf seiner Medizin nur am Geld interessiert. Zum Schreiben von Publikationen war er ohnehin nicht im Stande.

Vom Glocken- und Mörsergießer Jean Thierri weiß man leider nichts. Nur einzelne Mörsergießer in Frankreich sind bekannt, ganze sechs im Jahre 1990. Selbst für Le Puy (Monts du Velay, Gebiet zwischen Allier/Nebenfluss der Loire und Rhone) einem Ort, in dem über Jahrhunderte Mörser gegossen wurden, sind nur wenige Gießer und ihre Erzeugnisse bekannt.

Da fast alle Apotheker, die Publikationen über Heilkunde und Pharmazie verfassten, aus Paris kamen, liegt es nahe, Jean Thierri als Pariser Glocken- und Mörsergießer zu bezeichnen, doch Gewissheit gibt es (noch) nicht. Dieses fehlende Wissen über den Schöpfer des Mörsers ist umso misslicher, als dieser eine Meisterleistung der Bronzegießkunst vollbracht hat. Der Mörser ist im oberen und unteren Viertel profiliert. Die Sockel der Uschebtis stehen auf einem breiten Profilband.

Französischer Mörser, geschmückt mit Hermen und Portraits
Französischer Mörser, geschmückt mit Hermen und Portraits

Mörser, Bronze
Frankreich, erste Hälfte 17. Jh.
Gießer: Unbekannt
Höhe: 9,6 cm
Durchmesser oben: 13,3 cm
Durchmesser unten: 8,9 cm

Der Lippenrand des Mörsers ist stark ausladend und profiliert, geschmückt mit zehn Wirbelrosetten. Die Außenwand zeigt vier weibliche Hermen im Relief. Zwischen jeweils zwei Hermen befinden sich zwei Frauenköpfe oben und ein Kinderkopf unten. Der Fuß ist leicht ausgezogen und profiliert. Der plastische Schmuck am Mörser dient zusätzlich der Handlichkeit beim Gebrauch. Dieses Exemplar ist klein und gut zu handhaben. Die Form ist typisch für kleine französische Mörser und wurde fast drei Jahrhunderte gegossen. Der Name des Gießers ist nicht bekannt, da man keine Aufschrift vorfindet. Es fehlt einfach eine umfassende Studie über französische Glocken- und Mörsergießer. Ob diese Form zuerst in Le Puy oder in anderen Teilen des Landes gestaltet wurde, ist ebenfalls nicht zu sagen.

Detail: Weibliche Hermen, Frauen- und Kinderköpfe
Detail: Weibliche Hermen, Frauen- und Kinderköpfe

In Le Puy wurde zwar mit Hermen geschmückt, wie auf diesem Mörser, ebenso gab es Ornamente wie Maria mit Kind, die schwarze Madonna (dort verehrt), Heilige, weibliche und männliche Büsten, mythologische Abbildungen, Wappen, Grotesken und Maskaronen (Masken, die im 16. und 17. Jahrhundert vielfach verwendet wurden). Sonst benutzte man in Frankreich Rosetten, Maskaronen, Heilige, Medaillons mit Portraits, Akanthusblätter und natürlich französische Lilien. Neben Le Puy waren in Frankreich Paris und Straßburg Hochburgen der Glocken- und Mörsergießerei, aber signierte, so wie der von Jean Thierri gegossene Mörser, sind selten.

Mörser, Bronze
Niederlande, Deventer 1693
Gießer: Gerrit Schimmel
Höhe: 17,7 cm
Durchmesser oben: 22 cm
Durchmesser unten: 14 cm

Mörser, Bronze, gegossen von Gerrit Schimmel, Deventer
Mörser, Bronze, gegossen von Gerrit Schimmel, Deventer

Der Mörser hat einen vasenförmigen Körper und ist zum oberen Rand weit ausschwingend. Auf dem Rand steht in lateinischen Majuskeln die Aufschrift: AMOR. VINCIT. OMNIA. 1693 (Die Liebe besiegt alles), auf jedes Wort und die Jahreszahl folgt ein Punkt (Interpunktionszeichen). Auf der Gefäßwandung befinden sich zwei Relieffriese, getrennt durch ein Hohlprofil. Der obere Fries mit Mascaronköpfchen in einem Rahmen aus Flechtwerk, abgewechselt mit geflügelten Engelsköpfchen, alles ergänzt durch Blatt- und Fruchtornamente. Der untere breite Fries besteht aus symmetrisch gesetzten Akanthusranken mit dazwischen auffliegenden Vögeln, dazu eine kleine Eule, sitzend auf einer Vase. Der untere Fries wird abgeschlossen durch einen Perlstab. Der Gefäßkörper erweitert sich nach unten und hat zwei Profilringe. Der eingezogene Fuß wurde in einen Holzklotz eingelegt, damit der Mörser nicht wegrutschte; Griffe waren daher nicht nötig.

Detail: Fries mit Mascaronköpfchen und geflügelten Engelköpfchen
Detail: Fries mit Mascaronköpfchen und geflügelten Engelköpfchen

Der schmale Fries wurde schon durch die Gebrüder Van Trier, sowohl Johan V., Peter III. und IV. sowie Henrick II. verwendet. Alle übten ihren Beruf als Glockengießer in Huissen — damals eine klevische Enklave — wie auch in Nimwegen aus.

Den Fries mit der Eule und den Vögeln hat Gerrit Schimmel von Henrick Ter Horst übernommen. Dieses Motiv kann von Franz Brun stammen, der um 1590 in Köln tätig war. Es ist auch möglich, dass diese Darstellung von Jo(b)st Amman (1539 Zürich - 1591?, Maler, Formschneider, Radierer) übernommen wurde. Er hat solche Vögel in Zierrahmen in der kleinen Passio unseres Herrn zusammen mit einem Sinnbild von Dr. Martin Luther verwendet. Dieses Werk wurde 1579 von Sigmund Feyrabend in Frankfurt am Main publiziert.

Detail: Fries mit Vögeln und sitzender Eule auf Vase
Detail: Fries mit Vögeln und sitzender Eule auf Vase

Gerrit Schimmel wurde in Ochtrup geboren. Von 1659 bis zu seinem Tode im Jahre 1707 war er in Deventer tätig. 1659 schloss er die Ehe mit Mecheltjen Ter Horst, einer Nichte des Glockengießers in Deventer Henrick Ter Horst, bei dem er als Hilfskraft arbeitete. Im Jahre 1660 übernahm er die Gießerei nach dem Tode von Ter Horst. Aber erst 1680 konnte Schimmel das Gießhaus samt Einrichtung von den Erben Ter Horst’s erwerben. Dazu gehörte auch das Modell für den Fries mit der Eule. Am 24. Oktober 1707 wurde Schimmel in der St.-Lebuinus-Kirche zu Deventer beerdigt.

Schimmel verwandte die abgebildeten Friese auch auf den von ihm gegossenen Glocken. In der protestantische Kirche in Diepenveen (Provinz Overijssel) befindet sich eine Glocke, deren Ornamente mit dem oberen Fries identisch sind, wie man sie auf dem Dülmener Mörser sehen kann. Der untere Fries weicht ab, obwohl auch Vögel — Greifvögel — vorkommen, die vom Wappen der Stadt Deventer flankiert werden. Mit diesem letzteren Motiv hat der Gießer einen Mörser geschmückt, den das Museum „De Waag“ in Deventer besitzt.

Im Jahre 1942 wurden 26 Glocken von Gerrit Schimmel in den Niederlanden registriert. In der weiteren Nachbarschaft ist 1687 der Guss einer Glocke für die Kirche der Kommende des Johanniterordens in Burgsteinfurt überliefert. Mörser von Gerrit Schimmel oder ihm zugeschriebene gibt es zahlreich.

Mörser, Bronze, gegossen von Thomas Both, Utrecht
Mörser, Bronze, gegossen von Thomas Both, Utrecht
Mörser, Bronze
Niederlande, Utrecht, 1593
Gießer: Thomas Both
Höhe: 11,6 cm
Durchmesser oben: 14 cm
Durchmesser unten: 9,6 cm

Der Mörser ist becherförmig und zum oberen Rand weit ausschwingend. Der Rand hat zwei horizontale Profilringe. Zwischen beiden Profilringen steht in lateinischen Majuskeln: ANNO. DOMINI. 1593. Auf dem Gefäßkörper sieht man eine figurative Darstellung von einem Reigen tanzender Männer, Frauen und Satyrn. Unter der Darstellung gibt es einen breiten Profilring. Darunter und über dem Fries hat der Körper breite Hohlprofile. Der Mörser hat rechteckige Griffe.

Glocke, Bronze, 1561, gegossen von den Utrechter Glockengießern Thomas Both und Willem van Aelten für die Kirche von Bienrode
Glocke, Bronze, 1561, gegossen von den Utrechter Glockengießern Thomas Both und Willem van Aelten für die Kirche von Bienrode

Aus stilistischen Gründen kann dieser Mörser nur in den Niederlanden nachgewiesen werden und zwar in der Stadt Utrecht. Dort gab es eine Glockengießerfamilie Both, in welcher der Schöpfer dieses Gefäßes gesucht werden muss. Denn die Darstellung tanzender Paare und Satyrn ist typisch für diese Familie. Derjenige, der dieses Ornament zuerst auf Mörsern benutzte, war der um 1530 geborene Thomas Both. Ihm kann dieser Mörser zugeschrieben werden. Er heiratete Cornelia Hendrixdochter, die Tochter von Henrick de Borch, Glockengießer in Utrecht (ca. 1517 - ca. 1534) und Stieftochter von Jan Tolhuis, 1540 Stadtmeister der Glocken- und Geschützgießer. Bei ihm hat Thomas Both wohl seine Lehre gemacht. Am 5. November 1576 wurde Thomas Both selbst deser stadt meyster busschut (Geschützgießermeister der Stadt Utrecht). Thomas war zudem als Glockengießer sehr aktiv. Er goss wenigstens 28 Glocken, davon zehn im Jahre 1569, zusammen mit dem Utrechter Glockengießer Willem van Aelten. Die ersten von Both bislang bekannten Glocken entstammen dem Jahr 1562. Zu der Zeit war er schon 32 oder sogar 33 Jahre alt. Das ist etwas spät für jemanden, der seinen Beruf von der Pike auf gelernt hat. Jedoch goss er schon im Jahre 1561 zusammen mit Willem van Aelten eine Glocke für die Kirche von Bienrode (jetzt Stadt Braunschweig). Es fragt sich, ob er gleichzeitig mit van Aelten seine Lehre gemacht hat, und ob sie sofort nach der Ausbildung auf Wanderschaft nach Deutschland gegangen sind. Es bleibt weiteren Untersuchungen vorbehalten zu klären, ob sie noch mehr Glocken in Deutschland gegossen haben. Übrigens verrichtet die Glocke noch nach 440 Jahren getreu ihren Dienst in der mittlerweile völlig geänderten, jetzt evangelischen Kirche zu Bienrode.

Daneben erstellte Thomas Both fünf Carillons (Glockenspiele), von denen jedoch keines mehr existiert. Im Jahre 1942 sind in den Niederlanden noch dreizehn Glocken von ihm registriert worden, einige davon in der Provinz Friesland.

Evangelische Pfarrkirche zu Bienrode
Evangelische Pfarrkirche zu Bienrode

Vielleicht hat dort der Leeuwarder Glockengießer Gregorius Gregori van Hall (Halle in Niedersachsen) das Motiv der tanzenden Paare und Satyrn auf einer Glocke, datiert 1604, für die protestantische Kirche in Irnsum (Provinz Friesland) von Thomas Both übernommen. In Utrecht selbst fertigte Both nur eine Glocke für die Marien-Kirche und ein Glockenspiel von vermutlich 18 Glocken für die Nicolai-Kirche. Dieses Carillon wurde 1657 an Francois Hemony verkauft.

Both hat mehrere Mörser nur mit der Aufschrift „Anno Domini“ gegossen. Außerdem sind die Form der Mörser, das Format, die Hohlprofile, die rechteckigen Henkel und die Darstellung typisch für Thomas Both. Das Motiv der tanzenden Personen und Satyrn ist später von seinem Sohn Hendrick († 1598), dem Enkelsohn Gerrit († 1615) und dem Utrechter Glockengießer Henricus Meurs (tätig von 1600 – 1624) übernommen worden. Im Jahre seines Ablebens (1593) goss Thomas Both noch eine Glocke für die protestantische Kirche von Vianen (Provinz Zuid Holland) mit der schönen Aufschrift: AL MYN GHELUYT VROUCH-END-SPAEDE SYN VERMAEN VAN GODS WELDADE (Mein Geläute früh und spät ist eine Mahnung an Gottes Wohltaten).

Außer dem Mörser in Dülmen stellte Both noch einen Mörser mit der richtigen Aufschrift her: NON MIHI SED ALIIS TUNDOR (Nicht ich sondern andere Dinge werden zerkleinert). Auch hier ein breiter Fries mit tanzenden Paaren und Satyrn und sogar einem springenden Hund. Hier wirken die Tanzenden robuster und schwerfälliger. Auf dem Dülmener Mörser sind die Leute eleganter und leichtfüßiger dargestellt. Thomas Both stellte Tanzszenen auf seinen Glocken und Mörsern in mehreren Variationen dar. Der möglicherweise authentisch dazugehörige Stössel hat einen Reibkopf an der einen und einen Knauf an der anderen Seite. In der Mitte des Schaftes befindet sich ein Knoten.

Die kleine, doch äußerst geschmackvolle Mörsersammlung wurde von Apotheker Josef Lüffe nach persönlicher Vorstellung zusammengetragen. Er kaufte, was ihm gefiel und nicht nach bestimmten Kriterien, wie z.B. nur Apothekermörser. Der von Francois Fesquet bestellte Mörser ist in der Apotheke benutzt worden, ebenso der von Giovanni Maria Cenni gegossene Mörser, weil auf ihm der hl. Rochus als Schutzpatron gegen Pest und sonstige Seuchen dargestellt ist. Die anderen Exemplare können gut im Haushalt Verwendung gefunden haben. Ein deutscher Mörser, der leider fehlt, würde gut in diese Sammlung passen. Apotheker Lüffe hatte Freude daran, von seinen vielen Auslandsaufenthalten ein schönes Andenken mit nach Hause zu nehmen.

Die Sammlung befindet sich, neben vielen anderen Kostbarkeiten, Stadt- und Zunftzinn, archäologischen Funden und Keramik im Stadtarchiv Dülmen. Hier sollte sich die städtische Obrigkeit bald etwas einfallen lassen, wie das Stadtarchiv, getreu der Devise Josef Lüffe’s, in Kürze samt Mörserkollektion in repräsentativen Räumen unterzubringen sei.

Copyright © Heimatverein Dülmen e. V.. Alle Rechte vorbehalten.

Die Verwendung der Beiträge ist nur zum persönlichen Bedarf gestattet.