Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2002

Julia Paulus

Von der Frauen- zur Geschlechtergeschichte

Überlegungen am Beispiel des „Dülmener Lesebuchs“ zur Frauenarbeit

Als wissenschaftliche Referentin für Historische Frauen- und Geschlechterforschung im Westfälischen Institut für Regionalgeschichte bin ich Tag für Tag mit dem Thema der "Verstetigung" von frauen- und - wie es seit einigen Jahren heißt - geschlechterspezifischen Perspektiven in der Regionalgeschichte Westfalens und Lippes beschäftigt. Der Grund für die Existenz solcher Referate und mittlerweile auch von Universitätslehrstühlen liegt in der leider immer noch gültigen Feststellung: Wer heute Stadtgeschichtsbücher oder Stadtchroniken liest, könnte den Eindruck gewinnen, in den Städten hätten nur wenige oder gar keine Frauen gelebt und gearbeitet. So geht es auch den Forscherinnen und Forschern, den an Geschichte Interessierten bei ihrer Suche nach den "Spuren" von Frauen in den Städten: Die Ausbeute, was die Bezeichnung von Plätzen, Gebäuden oder gar Denkmälern angeht, auf denen Namen von Frauen zu finden sind, ist oftmals genauso gering, wie in den einschlägigen Stadtgeschichten. Sie vermitteln oftmals das gleiche Bild: "Frauen nahmen an der Geschichte nicht teil." Hie und da kommen Frauen zwar vor, aber sie scheinen nicht zu agieren, werden selten als aktiv handelnde, denkende und schöpferisch tätige Personen wahrgenommen.

Diese Formen der Ausgrenzung der Frauen aus den öffentlich sich mit Kultur, Wissenschaft und Politik befassenden Institutionen hat bewirkt, dass Werke und Handeln von Frauen in der Regel — wenn überhaupt — als nicht existent, manchmal als exotisch, zwar bemerkenswerte, aber leider misslungene Versuche weiblicher Kreativität abqualifiziert worden sind. Erst die Frauenforschung neuerer Zeit hat begonnen, Produkte weiblichen Kulturschaffens in das Licht der Öffentlichkeit zu stellen. Nach wie vor bleibt aber zu fordern, dass Kulturleistungen von Frauen angemessen dargestellt, gewürdigt und ebenso, wie die der Männer, öffentlich zugänglich gemacht werden.

Mit dieser Haltung der Unsichtbarmachung steht die heutige Kulturpolitik jedoch nicht allein, sondern in einer langen Tradition: Bereits mit der Etablierung der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert war dem weiblichen Geschlecht nun auch die Zugehörigkeit zur akademisch verwalteten Geschichte verweigert: Die Frau hatte ihren natürlichen Ort im Innern des Hauses, so die anthropologische Grundannahme, und ihr fehlte damit in der dem historischen Wandel zugewandten Kultur ein eigener Platz. Die Folge bis heute ist: Was Männern in großer Auswahl zur Verfügung steht, fehlt Frauen noch fast vollständig: Vorbilder. Wie können sich Frauen mit ihrer Umwelt, ihrer Arbeit und damit auch ihrer Stadt identifizieren? Wo und wie kommen Frauen im kulturellen Gedächtnis ihrer Stadt vor?

Bei all diesen „Lücken“ lässt sich dennoch feststellen, dass die Sichtbarmachung von Alltagsleben und Alltagserfahrung, Biographien und Lebenswerken von Einzelpersonen oder Gruppen, die Aufbereitung selbsterlebter Geschichte oder Themen von aktueller-politischer Relevanz anspricht. Und, obgleich hier immer noch ein Schattendasein zu konstatieren ist, geradezu auffällig ist das in jüngster Zeit anwachsende Interesse an frauen- und geschlechtergeschichtlichen Themen — ich erinnere in diesem Zusammenhang nur an das außergewöhnlich große Interesse an der Ausstellung „Als die Frauen noch sanft und engelsgleich waren“, die vor einigen Jahren im Westfälischen Landesmuseum in Münster stattfand. Besonders aber Veranstaltungen, die im regionalen bzw. lokalen Raum verbleiben, sprechen an, da — so meine Vermutung und Erfahrung — Geschichte in dieser Form besonders für die Einzelnen greifbar wird.

Die Ursprünge dieser lokalen Initiativen sind vielfältig: Sie gründeten sich damals wie heute aus frauenpolitischen Arbeitszusammenhängen, die Frauengeschichtsarbeit vor Ort nicht als eine beschönigende Heimattümelei begreifen, sondern sich um einen kritischen Umgang mit der Vergangenheit bemühen. Oftmals wurden und werden Stadtjubiläen zum Anlass genommen, um erstmals der offiziellen Sehweise, die eigene Sicht entgegenzusetzen und die Frauen der Stadt als aktive und partizipierende Personen des städtischen Lebens zu zeigen. D.h. die Beweggründe für die Beschäftigung mit Geschichte an sich und mit Lokalgeschichte im besonderen sind vielfältig: Eine Sehnsucht nach Heimat durch Bindung, nach Orientierung durch Überschaubarkeit, nach Identität durch die Suche nach den eigenen Wurzeln, nach mehr Einblick in gesellschaftliche Zusammenhänge und mehr Kompetenz in der Auseinandersetzung um aktuelle Zeitfragen durch historisches Wissen, schließlich der Wunsch nach mehr Teilnahme am sozialen, kulturellen und politischen Leben. Nicht zuletzt die gestiegene politische Präsenz von Frauen im gesellschaftspolitischen Raum führte durch eine breite Forschungs- und Sammlungstätigkeit zur Sichtbarmachung von Frauen in der Geschichte. Die Suche nach den „verloren geglaubten Spuren der Frauen“ schlagen sich in Straßenbenennungen nieder, im Angebot frauengeschichtlicher Stadtrundgänge, sowie in regionalgeschichtlichen Ausstellungen und Publikationen.

Die intensive Spurensuche nach Frauengeschichte ist gleichzeitig auch ein Indiz für die stärkere Teilnahme von Frauen an der heutigen Gesellschaft. Sie ist damit auch Ausdruck eines gestärkten Selbstbewusstseins von Frauen, die sich „ihre“ Geschichte möglichst selbst und selbstbestimmt erarbeiten wollen. Vor diesem Hintergrund erhält das historische Wissen über Frauen bezogen auf das örtliche Gemeindeleben wie auf den regionalen Zusammenhalt einen wichtigen Stellenwert. Zudem besteht hier immer noch ein großer Nachholbedarf, da Frauen- und — in ihrer Erweiterung — Geschlechtergeschichte noch nicht selbstverständlich Gegenstand schulischer, wissenschaftlicher und allgemeiner Wissensvermittlung ist. Insofern versteht es sich von selbst: Wer Lokal- und Regionalgeschichte als die Identifikation der Menschen mit dem unmittelbaren Lebensraum durch Kenntnis der Vergangenheit als sozialen und politischen Wert begreift, kann die — oftmals in der Geschichte zahlenmäßig größte — soziale Gruppe nicht länger übersehen. Wenn Lokal- und Regionalgeschichte dazu beitragen können, Interesse, Verantwortlichkeit und Engagement der Bürger und Bürgerinnen für die Kommune und ihre Menschen zu wecken, so kann die Sichtbarmachung der Leistungen von Frauen in der Vergangenheit einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.

Postwurfsendung der Firma Bendix vom April 1965 (Stadtarchiv Dülmen, Sammlung Brathe, 1965)
Postwurfsendung der Firma Bendix vom April 1965
(Stadtarchiv Dülmen, Sammlung Brathe, 1965)

Nun findet sich bereits in den jüngeren Stadtgeschichten und den entsprechenden Ausstellungen hier und da auch eine Frauengestalt, ein sogenanntes Frauenthema, allerdings oft nur als ein Aspekt im Sinne einer ergänzenden Geschichte, in der die zu untersuchenden historischen Bewegungen oder sozialen Gruppen lediglich angehängt werden durch die Berücksichtigung des Beitrags von Frauen am vergangenen Geschehen.

’Geschlecht’ jedoch, als grundlegende historische Kategorie, wie andere Kategorien sozialer Ungleichheit — hier sind zu nennen: Ethnie, Konfession oder Schichtung — bleibt dabei nahezu unberücksichtigt. Obgleich also ein neu erwachtes Interesse an Ausstellungen, Publikationen sowie Stadtrundgängen zu Themen der Frauengeschichte zu konstatieren ist, gibt es nur selten Bemühungen zusammenfassende und systematische Überlegungen zum Thema „Geschlechtergeschichte und Stadtgeschichte“ anzustellen. Wenn allerdings die Kategorie Geschlecht aus der Geschichtswissenschaft ausgeblendet wird, führt dies, wie ich meine, zu einer verzerrten Perspektive, denn in zweierlei Hinsicht ermöglicht die Kategorie „Geschlecht“ erst grundlegende Erkenntnisse:

Am Beispiel des Themas „Arbeit“, das in dem Dülmener Projekt mit Hilfe von Zeitzeuginnen rekonstruiert werden konnte, und damit neben historischen Einordnungen und gesellschaftspolitischen Bezügen, die unmittelbar Handelnden zu Wort kommen lässt, gelingt ein solcher Ansatz: „Arbeit“ als der Kernbereich gesellschaftlicher Partizipation und Emanzipation in unserer Gesellschaft, wurde allzu lang — bis übrigens weit in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts — mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt, also mit entlohnter, außerhäuslicher, meist an Maschinen zu verrichtender Arbeit.

Sozialpolitisch hinzu kamen Begriffe wie „Haupternäherer“ - dem gegenübergestellt die „mithelfende Familienangehörige“, die in der Landwirtschaft oder im selbständigen Handwerks- oder Kaufmannsbetrieb zwar gleichermaßen ihre Arbeitskraft einsetzte, aber eben meist „aus Liebe“, nicht für Lohn.

Daneben bürgerte sich ab Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre der Begriff „Zuverdienerin“ ein, ein Wortungetüm, das zwar auf den „Verdienst“ Bezug nahm, aber eben nur als Zusätzliches, nicht Eigentliches, und damit eben wieder nur Randständiges. In der Diskussion um die „zuverdienenden Frauen“ wurden dann auch schnell Vorurteile laut, wie: Aus Luxusgründen gehen sie arbeiten oder zum Zeitvertreib. Dahinter stand die Sorge, dass die erwerbstätige Frau über ihre meist notwendige, weil das Haushaltsbudget ausgleichende außerhäusliche Lohnarbeit, die Sorge um den Gatten, den Haushalt und die Kinder vernachlässige.

Mädchen beim Melken: Die Mithilfe in der Landwirtschaft nahm in Dülmen eine bedeutende Rolle im Bereich der Frauenarbeit ein.
Mädchen beim Melken: Die Mithilfe in der Landwirtschaft nahm in Dülmen eine bedeutende Rolle im Bereich der Frauenarbeit ein.

Die „Leichtfertigkeit“, mit der gerade sie Mann und Kind um der Anschaffung des Kühlschrank willens vernachlässigten, die Zahl und das Elend der von der Mutter verlassenen „Schlüsselkinder“ — die Väter kamen hier niemals vor — wurden als alarmierende Zeichen weiblicher Verantwortungslosigkeit an die Wand gemalt.

Der zählebige Widerstand, der sich gegen die weibliche Berufstätigkeit bereits zu Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts formiert hatte, war hierbei nicht — wie oft in zeitgenössischen und historischen Darstellungen unterstellt — primär durch männliche Herrschaftsansprüche oder ökonomische Konkurrenzängste gegenüber den berufstätigen Frauen und Müttern motiviert, sondern durch die Angst der Männer vor dem Verlust der Emotionalität auf Seiten der Frauen. Folgt man den zeitgenössischen Darstellungen der 50er Jahre zur berufstätigen Hausfrau und Mutter, so erscheint die „Erwerbstätigkeit“ als eine Gefahr für das weibliche Wesen selbst. Danach lasse die Erwerbstätigkeit die Fähigkeiten der Ehefrau zu einer intimen, den Mann an das Heim fesselnden Heimgestaltung verkümmern, die wiederum zu einem Unabhängigkeitskomplex führe, auf Grund dessen die Familiengemeinschaft zu zerbrechen drohe.

Der Gedanke, dass der Ehemann einer berufstätigen Frau genauso für den Haushalt und die Kinder sorgen könne oder wenigstens für sich selber, war — und wie wir auch heute noch wissen — nahezu ein gesellschaftliches Tabu.

Auf diese Weise wurden berufstätigen Müttern und Hausfrauen Schuldgefühle übermittelt. Das „Schlüsselkind“ wurde zum Symbol für moralische Entrüstung und Verurteilung der Konsum orientierten, egoistischen, ihre Kinder vernachlässigenden Mutter. Die oftmals wirtschaftliche Notwendigkeit der Berufstätigkeit und das Interesse der Frauen am Beruf wurde negiert und als Hang zum Luxus definiert.

Gleichzeitig jedoch kam es nur selten dazu - und wenn nur von betroffenen Frauen selbst -, eine Diskussion um die Entlastung der doppel- oder dreifachbelasteten Mütter und Hausfrauen anzustrengen.

Alle wussten und wissen wie anstrengend, ausfüllend und vielgestaltig die Arbeit einer Hausfrau ist. Und Arbeit meint hier nicht nur die psychische Belastung durch den — oftmals nur dem weiblichen Geschlecht zugesprochenen — Einsatz von Emotionalität. Das Waschen, Kochen, Putzen, Einkaufen, etc., das Planen und Steuern eines Haushaltes sind Tätigkeiten, die in der freien Wirtschaft gerne mit Management bezeichnet werden, eine Bezeichnung übrigens, die in unserer Gesellschaft außerhalb des Privaten jeweils mit dem höchst dotierten — allerdings dann bezahlten — Posten in Verbindung gebracht wird.

Der private, weil intime Haushalt der Ehe und Familie jedoch wird auch hier wieder ausgespart, vermutlich weil es Frauen sind, die diese — übrigens für die Volkswirtschaft überaus notwendige und ertragreiche — Arbeit leisten.

Die mithelfende Familienangehörige in der Landwirtschaft, die dazuverdienenden Mütter und Ehefrauen in der freien Wirtschaft und die Hausfrauen: Fulltimejobs und Lebensaufgaben, Arbeiten geleistet von Frauen.

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