Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2002

Wolfgang Werp

Neuerscheinungen

Sabine Heise, "… beschäftigt war ich immer". Frauenarbeit in Dülmen 1945-1961, Münster 2001 (Dülmener Lesebuch, Band 6).

Mit Interviews und Berichten von Zeitzeuginnen über ihre Arbeit in den Jahren vom Ende des zweiten Weltkrieges bis zu den Anfängen des Wiederaufbaus ist die Verfasserin Sabine Heise mit großer Akribie anhand erzählter Lebenssituationen der Frage nachgegangen, wie sich die deutsche Gesellschaft am Beispiel des Teilbereichs der Frauenarbeit in den Nachkriegsjahren bis in die 60er Jahre entwickelt, gewandelt und verändert hat. Unterstützt wurde sie dabei vom Leiter des Stadtarchivs Dr. Friedrich-Wilhelm Hemann, der als Betreuer der „Dülmener Lesebücher“ viel Begleitmaterial aus Akten und Urkunden der Nachkriegsjahre beigesteuert hat. Als Ergebnis dieser Untersuchung liegt ein faktenreicher, lebendiger und eindrucksvoller Bericht vor, der den Leser in die 40er und 50er Jahre des abgelaufenen Jahrhunderts entführt und einen Ausschnitt des Dülmener täglichen Lebens jener Zeit in Erinnerung bringt.

Zunächst führt die Verfasserin den Leser in einer ausführlichen generalisierenden Einführung in die Thematik ein: Sie steckt den Rahmen des zu erörternden Lebensbereiches der Dülmener Bevölkerung zeitlich mit der Darstellung vom Kriegsende 1945 als Bezugspunkt für den Neubeginn bis zum Jahr 1961 ab. In diesem zwölfjährigen Zeitraum bis zur 650. Wiederkehr der Stadtrechtsverleihung Dülmens erreichte die Bürgerschaft einen beeindruckenden Neubeginn ihres Gemeinwesens. Schwerpunktmäßig werden die wirtschaftliche, gesellschaftliche, kulturelle und politische Entwicklung Dülmens in diesen Aufbaujahren angesprochen.

Natürlich sind das Interviewprojekt und seine Wiedergabe der Kern und die tragende Säule des gesamten Werkes. Sabine Heise hat sich hier an amerikanische Vorbilder gehalten und zahllose Gespräche mit Frauen der Jahrgänge 1903 bis 1940 geführt. Dabei handelte es sich um aus Dülmen stammende Zeitzeuginnen wie auch um Vertriebene, Flüchtlinge oder aus anderen Gründen Zugezogene. Grundlage der Dokumentation bilden die Interviews mit 42 Frauen und deren wissenschaftliche Auswertung sowie unterschiedliche Gewichtung und Darstellung im Text. Sie beinhalten den historischen Lebensalltag dieser Frauen bei ihrer Arbeit in der Familie, im gewerblichen oder landwirtschaftlichen Betrieb, in der Kommune oder Schule. Umfangreiche Interview-Passagen und Einzelzitate aus den Arbeitsbereichen der Frauen im Haushalt, im Erwerbsleben und schließlich in der Landwirtschaft zeigen dem Leser, welche Möglichkeiten beruflicher Entfaltung den Frauen in Dülmen damals offen standen.

Den ersten Hauptteil „Frauenarbeitsplatz Haushalt“ beginnt die Verfasserin bezeichnenderweise mit einem Zitat des bekannten Schlagers „Das bisschen Haushalt …“ aus den siebziger Jahren, der die falsche und lässige Einstellung zur häuslichen Arbeit perfekt karikiert, aber den Kern des Themas getroffen hat.

Dülmener Lesebuch 6

Im weiteren Verlauf der Erörterung der Vielfalt praktischer häuslicher Arbeit werden die Veränderungen des Verständnisses von Umfang und Bedeutung häuslichen Engagements herausgearbeitet. Die Interviews verdeutlichen, dass die Selbstverständlichkeit familiären Schaffens von Frauen aufgrund gesellschaftlicher und kultureller Vorstellungen, geschichtlicher und sozialer Entwicklungen erst in jüngerer Zeit im öffentlichen Leben einen angemessenen Stellenwert gefunden hat. Diese Gesichtspunkte hat Dr. Julia Paulus vom Westfälischen Institut für Regionalgeschichte in Münster anlässlich der Vorstellung der Dokumentation in ihrem Vortrag „Von der Frauen- zur Geschlechtergeschichte“, der zur Abrundung des Themas an anderer Stelle in diesem Heft abgedruckt ist, umfassend ergänzt und beleuchtet. In den ausführlichen Berichten der Frauen wird anhand vieler Beispiele die damalige Situation der Frauen und Mütter vorgestellt: Unter Einbeziehung typischer Kriegsfolgen wie Nahrungsmittel- und Wohnungsnot erinnern sich die Frauen in den Gesprächen an die Zuteilung von Lebensmittelkarten, von Bezugsmarken und von weiteren Vergünstigungen wie Zulagen für Schwer- und Schwerstarbeiter, Kranke und Untergewichtige, Kinder sowie schwangere und stillende Frauen durch die Wirtschafts- und Ernährungsämter der Kommunen. Notgedrungen war alles rationiert, angefangen beim Stopfgarn über die Lebensmittel bis zu Waschmitteln und sonstigen Haushaltswaren. In anderen Beispielen werden die auch für das Nachkriegs-Dülmen bezeichnenden Probleme rund um das Reinigen der Wäsche hervorgehoben. Durch die Zerstörung waren nämlich auch Waschküchen und -keller weitgehend nicht mehr verfügbar oder mussten als Notwohnungen dienen. Also mussten sich die Frauen mit dem Waschbrett behelfen und sich schwere körperliche Belastungen gefallen lassen. Andere Interviews befassen sich mit den ersten Erfolgen nachbarschaftlicher Koch-, Näh-, Flick- oder Strickaktivitäten, die erst viele Jahre später durch die verdienstvollen Kurse der „Mütterschule“ am Bült unterstützt werden konnten.

Im zweiten Bereich „Frauenerwerbsarbeit“ werden die beruflichen Aktivitäten von Frauen im Nachkriegs-Dülmen an markanten Beispielen aus der für das Münsterland typischen Textil- und Bekleidungsindustrie, aus Verwaltungstätigkeit, aus kaufmännischer und selbständiger Arbeit sowie schulischem Engagement beeindruckend vermittelt. Gerade diese Gesprächsauszüge aus dem beruflichen Umfeld der damals bedeutsamsten Arbeitsfelder für Frauen in Dülmen vermitteln ein aufschlussreiches Verständnis für die berufstätigen jungen Frauen und Mütter jener Jahre des Wiederaufbaus. Die Arbeit an den Spinnmaschinen, in der Näherei oder der Packerei der traditionsreichen Textilbetriebe wurde weitgehend von Frauen erledigt. So war zum Beispiel im Jahre 1950 nach den vorliegenden statistischen Daten das Textilgewerbe mit acht Betrieben der größte Arbeitgeber in Dülmen. Dort waren 716 Frauen und 616 Männer beschäftigt. Auch über andere berufliche Tätigkeiten im Einzelhandel, in der Amts- oder Stadtverwaltung oder im Schuldienst wurde lebhaft erzählt. Besonders gravierend wirkte sich natürlich der Einschnitt durch die Währungsreform im Juni 1948 für alle erwerbstätigen Menschen aus. Hier waren viele Frauen sowohl auf der Verteilerseite als Bank- oder Verwaltungsangestellte in unermüdlichem Einsatz als auch als Empfängerinnen von 40 DM „Kopfgeld“ an einen Neuanfang gebunden. Nahe liegende Vergleiche mit der problemlosen Umstellung auf den EURO Anfang 2002 erweisen sich nach der Lektüre dieser Reportagen sofort als unangebracht. Alle diese Beispiele zeigen die gewaltige Entwicklung bis zur heutigen Zeit, in der eine Berufsausbildung oder ein Studium auch für Frauen zur selbstverständlichen Lebenschance gehört, aber auch die Entscheidung zwischen Familie mit Kindern und Beruf oder für beides erschwert.

Schließlich zeigt der dritte Teil der Interviewblöcke „Frauen in der Landwirtschaft“ die vielfältigen Aspekte in diesem Bereich. Auch wenn der im Münsterland verwurzelte landwirtschaftliche Familienbetrieb schon immer eine aktive Gemeinschaftsarbeit von Frauen und Männern wie selbstverständlich voraussetzte, so ist auch hier ein erheblicher Wandel zu erkennen. Nach dem Ergebnis der Gespräche lernten Frauen im Untersuchungszeitraum selten einen Beruf außerhalb der Landwirtschaft. Eine echte Berufswahl gab es für sie meistens nicht. In einer Zeit, in der es erst wenige Landmaschinen gab, mussten sie schon während der Schulzeit im Haushalt, auf dem Feld oder im Stall mithelfen, da die Mitarbeit jedes Familienmitgliedes wirtschaftlich erforderlich war. Je nach der Jahres- und Tageszeit war die Mithilfe der Mädchen und Frauen auf den Höfen gefordert: Zu erledigen waren zum Beispiel das Melken, das Kochen, das Putzen, das Waschen oder das saisonbedingte Mithelfen beim Heuen und bei der Ernte, wobei die Größe der Bauernhöfe und die Zahl der verfügbaren sonstigen Mitarbeiter den Umfang des Einsatzes der Familienmitglieder bedingte. Die Möglichkeit einer anderweitigen beruflichen Orientierung setzte sich auch hier erst viel später durch. In den Interviews kommt diese Situation an vielen Stellen zum Ausdruck.

Zusätzlich muss aber die über das Untersuchungsthema weit hinausgehende besondere Bedeutung dieser Dokumentation für Dülmen hervorgehoben werden. Der Leser findet in den Erinnerungen der Zeitzeuginnen eine Fülle von Einzelerlebnissen von der Zeit des Nationalsozialismus bis zu den 60er Jahren vor sich ausgebreitet: Beispielhaft ist die dramatische Schilderung der schweren Kriegszerstörungen durch Bombenangriffe auf die Firma Schücking im Stadtzentrum im März 1945 mit vielen Toten oder die Erledigung der Stuckarbeiten auch durch Frauen am neuen Kino „Metropol-Theater“ an der Münsterstraße in der Zeit des Wiederaufbaus der Stadt zu nennen. Von der Währungsreform bis zum Kauf der ersten Waschmaschine, von der Flucht und Ankunft der Vertriebenen bis zum Aufbau eines geordneten Verwaltungs- und Schulsystems zeigt sich mit weiteren Einzelfällen ein beeindruckendes Panorama eines geschichtsträchtigen Dülmener Zeitabschnitts: Die Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse werden den Gleichaltrigen in Erinnerung gerufen und den Jüngeren eindrucksvoll näher gebracht. Diese Dokumentation verdient deshalb viel Lob und uneingeschränkte Beachtung.

Herbert Ostendorff, Josef Ostendorff 1898-1974. Ein westfälischer Maler, Meppen 2001.

Herbert Ostendorff, Kunst am Bau. Begegnung von Architektur und freier Kunst, Meppen 2001.

Der 1926 in Dülmen geborene Herausgeber ist ein Sohn des Dülmener Malers Josef Ostendorff. Er hat viele Jahre in unserer Nachbarstadt Coesfeld gelebt und gewirkt, bevor er sich im Emsland einen Alterssitz schuf.

In der ersten Schrift hat Herbert Ostendorff einen umfangreichen Katalog der Werke seines Vaters zusammengestellt. Da sich die Arbeiten Josef Ostendorffs zum großen Teil in Privatbesitz befinden, konnten viele bedeutsame Werke mangels Erreichbarkeit nicht in den Katalog aufgenommen werden. Die trotzdem gelungene Zusammenstellung soll deshalb nach den Wünschen des Verfassers für Familienangehörige, Freunde und Bekannte hervorragende Skizzen, Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde Josef Ostendorffs bewahren und einen Eindruck von der Schaffensbreite des Künstlers vermitteln. Dieser lebte vor seinem Umzug nach Coesfeld bis zum Jahre 1962 in Dülmen, wo er als Maler- und Anstreichermeister gewirkt hat. In seiner Freizeit war er aber vor allem als Maler und Zeichner tätig. Seine Arbeiten waren einem breitem Publikum früher kaum zugänglich. Erstmals 1970 fand im Coesfelder „Punkthaus“ eine Ausstellung statt. Josef Ostendorff befasste sich mit Porträts von Familie und Freunden, vor allem aber auch Darstellungen uns vertrauter heimatlicher Motive von idyllisch gelegenen Bauernhöfen mit knorrigen Eichen, der Großen Teichsmühle und der Merfelder Mühle, den Baggerseen rund um Dülmen, den Panoramen der umliegenden Dörfer mit ihren markanten Kirchtürmen bis zu Skizzen von auf dem Acker tätigen Bauern.

Anlässlich seines 75. Geburtstages hat Herbert Ostendorff darüber hinaus in einem weiteren Bildband eine Dokumentation seiner Arbeiten als Architekt und Zeichner vorgestellt. Erweitert wurde die Darstellung um exemplarische Kunstobjekte seines Künstlerfreundes und Bildhauers Willi Witte und um Berichte über frühe Kontakte zum Erbauer der Dülmener Heilig-Kreuz-Kirche Professor Dominikus Böhm und dem Coesfelder Architekten Dr. Rudolf Wolters.

Über den Familienkreis von Josef und Herbert Ostendorff hinaus sind beide Bände für den heimischen Kunst- und Architekturfreund eine interessante Bereicherung.

50 Jahre Kardinal-von-Galen-Schule Merfeld, herausgegeben von Karl Ridder, Justin Maasmann, Rita Gelschefarth, Elisabeth Timmermann, Coesfeld-Lette 2001.

Am 29. September 2001 blickte Merfeld auf das 50-jährige Bestehen der Kardinal-von-Galen-Schule zurück. Anlässlich dieses Jubiläums hat das Redaktionsteam emsig eine kleine Festschrift zusammengetragen und dabei viele Aspekte des dörflichen Lebens mit angesprochen. Die weit gefächerten Themen rund um den Schulalltag werden ideenreich aufgegriffen und bei vielen ehemaligen Schülern anschauliche Erinnerungen wachrufen. Darüber hinaus ist die Broschüre ein aufschlussreiches Spiegelbild der Entwicklungen und Veränderungen in unserer Schullandschaft: Der Leser begleitet die Merfelder Schule in den Jahren 1951 bis 2001 durch alle Schul-Reformen von der „Dorfschule“ bis zur Grundschule, die ihre Besucher heute in die Haupt- oder Realschulen sowie die Gymnasien entlässt. Besonders hervorzuheben ist die gelungene Wiedergabe von Fotos aller Klassen, die die Merfelder Schule in den letzten 50 Jahren verlassen haben. Merfelder Ehemalige der Schuljahrgänge 1942 bis 1996 werden in diesen historischen Bildern neugierig stöbern und sich vielleicht wieder erkennen, während Außenstehende diese zeitgeschichtlichen Dokumente interessiert zur Kenntnis nehmen werden.

Annette von Droste-Hülshoff, Historisch-kritische Ausgabe. Werke, Briefwechsel, herausgegeben von Winfried Woesler, Tübingen 2000.

Wegen des besonderen Bezugs zu Dülmen soll nicht versäumt werden, an dieser Stelle auf die Vollendung der achtundzwanzigbändigen, historisch-kritischen Ausgabe der Werke Annette-von-Droste-Hülshoffs hinzuweisen. Den Kern dieser Ausgabe bilden die Textbände mit den Gedichten, den Epen und der Erzählprosa; hinzukommen Dokumentations- und Briefbände, Fragmente, Kommentare usw. Der Dülmener Mitbürger, renommierte Droste-Forscher und Vorsitzende der Droste-Gesellschaft Professor Winfried Woesler - übrigens ein Enkel des ersten Leiters des Dülmener Clemens-Brentano-Gymnasiums Dr. Wilhelm Vornefeld - hat in jahrelanger Arbeit diese bedeutende Gesamtausgabe federführend begleitet. Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung in ihrer lobenden Kritik herausgestellt hat, kann sich ein Jahrhundert derartige Ausgaben schon wegen ihres immensen Arbeitsaufwandes nur einmal leisten. Natürlich lädt diese umfangreiche und kostspielige Ausgabe nur den Kenner zum lesenden Verweilen ein.

Hingewiesen sei daher gleichzeitig auf eine preisgünstige gelungene zweibändige Dünndruckausgabe sämtlicher Werke der Droste von Winfried Woesler und Günther Weydt und auf einen kleinen Band mit ausgesuchten Droste-Gedichten und Zeichnungen von Heinz Günter Artmann „Rund um das Rüschhaus“. Möglicherweise greifen die Dülmener, besonders auch die Freunde unseres neuen, den Namen der münsterländischen Dichterin tragenden zweiten Gymnasiums, einmal gerne zu einer der hier vorgestellten Ausgaben, um dem Rang Annette-von-Droste-Hülshoffs als Lyrikerin und Erzählerin nachzugehen.

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