Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2003

Wolfgang Werp

Das Textilunternehmen Bendix in Dülmen

In der letzten Ausgabe der Heimatblätter ist ein Überblick über die Entwicklung der münsterländischen und Dülmener Textilgeschichte gegeben worden. Außerdem wurden die beiden Textilunternehmen Ketteler/Specht und Leeser vorgestellt. Im Folgenden werden die betriebliche Entwicklung des bedeutendsten Dülmener Textilunternehmens — der Spinnerei und Weberei Bendix — und die beteiligten Persönlichkeiten behandelt. Natürlich soll dabei auch die wirtschaftliche, gesellschaftliche, soziale und politische Bedeutung dieses ehemals größten Arbeitgebers im Kreis Coesfeld für die Stadt Dülmen und ihre Umgebung angesprochen werden.

Die Vorfahren von Moses Bendix im Münsterland

Lange Zeit vor dem Beginn ihrer unternehmerischen Tätigkeit in Dülmen lebte die Familie Bendix im Münsterland. Wie andere jüdische Familien war sie vornehmlich als Händler tätig. Als Firmengründer in Dülmen gilt Moses Bendix (1800 – 1845), der sich am 3. März 1824 mit der Dülmenerin Sara Pins (1805 – 1873) verheiratet und auch im selben Jahr hier einen Textilhandel begonnen hat. Einige Daten über die Mütter und Väter der Firmengründer in den Familien Bendix und Pins sollen den Gang durch die Familien- und Firmengeschichte eröffnen.

Die Familie Bendix

Viele Generationen der Familie Bendix lebten seit langem in Billerbeck. Die Stadt war mit der Aufhebung des Fürstbistums Münster im Jahre 1803 in den Besitz der „Wild- und Rheingrafen“ von Salm-Grumbach, später Fürsten zu Salm-Horstmar, gelangt. Residenz war Schloss Varlar. Die Familie war, ähnlich wie die Familie von Croÿ in Dülmen, für ihre durch die napoleonischen Kriege verlorenen linksrheinischen Gebiete mit dem Amt Horstmar entschädigt worden. Dort lebende jüdische Familien wurden viel später als andere Bürger als gleichberechtigte Inländer und Staatsbürger rechtlich anerkannt. Moses Bendix Vater Joseph (1760 – 1847) konnte am 9. März 1846 in Billerbeck vor dem inzwischen für die nunmehrige Provinz Westfalen zuständigen preußischen Beamten auch die Namenswahl für seine Sippe erklären und den bisher gebräuchlichen Vornamen Bendix (wohl auch Benedikt) als Familiennamen annehmen. In der entsprechenden Urkunde heißt es wörtlich: „Sowohl meine Voreltern, wie auch meine Kinder haben stets den Namen Bendix als Familiennamen geführt, und ist derselbe bei uns gleichsam erblich geworden“. Der Sohn Moses ging von Billerbeck nach Dülmen.

Zum Verständnis dieser Urkunde ist zu bedenken, dass jüdische Familien an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zwar die Abstammung aufzeigende Namen, aber keine Familiennamen im Sinne unseres heutigen Verständnisses trugen. Jüdische Familien durften in den deutschen Staaten keine bürgerlichen Berufe ausüben. Nach dem „Revidierten General-Privilegium und Reglement für die Judenschaft im Königreich Preußen“, das Friedrich II. im Jahre 1750 in Kraft gesetzt hatte, war es ihnen daher zum Beispiel auch versagt, mit Wolle zu handeln. Die Integration der Juden kam erst später. Der „Décret infâme“ Napoleons vom März 1808 brachte ihnen eigene Gesetze. Nach Napoleon wurde die Emanzipation der Juden außer in Preußen in ganz Deutschland zurückgenommen. Durch das „Edikt betreffend die bürgerlichen Verhältnisse der Juden in den Preußischen Staaten“ vom 11. März 1812 und das „Gesetz über die Verhältnisse der Juden im Königreich Preußen“ vom 23. Juli 1847 wurden nämlich weitere Regelungen für die jüdischen Gemeinden geschaffen. Alle diesen angehörenden Juden erhielten die Staatsbürgerrechte, falls sie einen festen Familiennamen annahmen, die Benutzung der deutschen oder einer anderen lebenden Sprache und die Zeichnung in deutschen oder lateinischen Schriftzügen zusagten. Nach einer entsprechenden Erklärung vor der Obrigkeit bekam jeder Jude ein Zeugnis über seine Inländer- und Staatsbürgerschaft in einer preußischen Provinz. Die so eingebürgerten Juden „sollten die gleichen bürgerlichen Rechte und Freiheiten mit den Christen genießen“. Etwa 70.000 Juden haben damals in den preußischen Provinzen die Staatsbürgerrechte erhalten.

Die Familie Pins

Die Familie Pins war seit langem in Dülmen ansässig. Zu den im Jahre 1719 in Dülmen lebenden fünf jüdischen Familien gehörte nach einem Bericht des Magistrats ein Benedikt Joseph, der ein Vorfahr dieser Familie war und ein Haus an der Königstraße besaß. In alten Notizen wird von einem „Benedikt Joseph Jude“ berichtet, der schon um 1724 im Volksmund in Dülmen gewöhnlich „Pintz Jude“ genannt worden sei.

Einer der ältesten Nachweise im Archiv der Familie Bendix beinhaltet einen Verlobungsvertrag, der am 21. März 1798 in Münster zwischen einem weiteren Ahnen der Familie Pins aus Dülmen, ebenfalls namens Joseph, und einem Elieser (Leser) aus Westernkotten abgeschlossen wurde. Darin heißt es: „Joseph, genannt Jose, Sohn des Itzig, gibt seinem Sohn als Mitgift 1.000 Taler Münster Kurant, ein Haus mit allen beweglichen Gütern in Dülmen, wie er es seinem Sohne Leib gegeben hat, Kleider für Sabbath, Festtag und Wochentag und verschafft ihm von der Regierung das Recht zur Niederlassung in Dülmen. Leser gibt seiner Tochter als Mitgift 1.000 Taler Münster Kurant“. Hirz, der Sohn von Joseph, und Bräunchen, die Tochter von Leser, hatten also in Dülmen geheiratet und sich hier niedergelassen. Aus ihrer Ehe sind die Töchter Esther, Sophie und Serche (Sara), hervorgegangen. Sara wurde später die Frau von Moses Bendix.

Hirz war in Dülmen als Metzger und Kaufmann tätig. Am 15. Januar 1800 übernahm er mit seiner Frau vertraglich von seinen Eltern deren Haus in Dülmen als Schenkung und deren spätere Versorgung. Weiter ist am 26. Dezember 1804 ein Kaufbrief über einen Synagogenplatz beurkundet worden. Danach hat Hirz für den Preis von 30 Talern und 12 Groschen einen Männer- und einen Weiberplatz in der Synagoge zu Dülmen erbeigentümlich erworben. Das Geld ist der Kasse der Gemeinde zugeführt und mit für den Bau der Synagoge verwendet worden. 1801 war nämlich von der jetzt aus acht jüdischen Familien bestehenden Gemeinde ein Haus an der Kötterode gekauft und als Synagoge mit einer Schule eingerichtet worden.

Am 15. September 1813 hat sich Hirz — ähnlich wie später und oben bereits erwähnt Joseph Bendix in Billerbeck — zur Dülmener Mairie, also zur Bürgermeisterei, begeben und dort vor dem „Adjoint des Herrn Maire“, dem Beigeordneten des Bürgermeisters, Melchior Möllmann, erklärt, dass er den Namen Pins als Familiennamen annehme und den Vornamen Hirz (Hertz) beibehalten wolle.

Zu dieser Zeit zwischen 1802 und 1815, in der auf westfälischem Boden unter französischem Einfluss gegründete Nachfolgestaaten bestanden, gehörte Dülmen — übrigens wie Billerbeck — zum französischen Kaiserreich und war Bestandteil des 1811 geschaffenen Departments der Lippe, in dem als Folge der Französischen Revolution mit der Einführung des Code Napoleon zur gleichen Zeit auch den Juden mehr Rechte eingeräumt und sie den anderen Staatsbürgern gleichgestellt wurden. Zum Beispiel war den Juden der Erwerb von Grund und Boden jetzt ganz freigestellt. Im Croÿ’schen und Salm’schen Herrschaftsbereich rund um Dülmen und Billerbeck hatten die Juden schon früher eine andere Rechtsstellung als die übrige Judenschaft im Münsterland. Dies ist möglicherweise eine Erklärung für die zeitlich viel früher liegende Namensannahme der Dülmener Familie Pins im Vergleich zu jüdischen Familien in anderen westfälischen Gegenden. Dülmener „Bürgermeister“ war übrigens zu dieser Zeit Herzog August Philipp von Croÿ, dessen Familie wie gesagt von Napoleon als Ausgleich für linksrheinische Gebietsverluste mit dem Amt Dülmen „abgefunden“ worden war.

Moses Bendix heiratet Sara Pins

In einem Verlobungsvertrag vom 23. September 1823 mit Bräunchen, der Witwe von Hirz Pins, hatte Joseph Bendix aus Billerbeck die Ehe seines Sohnes Moses mit Sara Pins vorbereitet. Sara erhielt danach von ihrer Mutter deren Wohnhaus in Dülmen und ihren „Garten vor dem Tor an der nach Münster führenden Straße“. Aus einem später erstellten Verzeichnis der Hausbesitzer an der Dülmener Münsterstraße ist dem entsprechend neben vielen anderen auch der „Kaufmann Moises Bendix“ unter Nummer 86 des Katasters als Eigentümer aufgeführt. Außer diesem Grundstück erhielt Sara wie ihre beiden Schwestern bei der Heirat 500 Taler vom väterlichen Erbgut. Moses bekam ebenfalls die vereinbarte Mitgift. Geheiratet wurde 1824.

Eröffnung eines Leinenhandelsgeschäftes in Dülmen

Die geschäftliche Tätigkeit von Moses Bendix in Dülmen begann ebenfalls im Jahr 1824. Er betrieb vorrangig Textilhandel in einem Haus an der Königstraße (heute Viktorstraße). Zunächst wurden von Dülmener Spinnern und Webern in Heimarbeit aus selbst geerntetem Flachs gesponnene Garne und gewebte Stoffe aufgekauft und weiter veräußert. Aber bald bediente sich Moses Bendix des bereits erläuterten ertragreicheren Verlagssystems: Die notwendigen Rohstoffe, also vor allem fertige Garne, wurden insbesondere im Bielefelder Raum gekauft und von den Dülmener Heimwebern gegen Lohn zu Stoffbahnen gewebt. Anschließend übernahm Moses Bendix die fertigen Waren und veräußerte sie. Damit war den Heimarbeitern auch wirtschaftlich gedient, weil eine Eigenfinanzierung der Rohstoffe in den Krisenjahren nach den napoleonischen Kriegen nicht leicht war.

Umfangreiche Kreditgeschäfte

Da die Familie Bendix dank der Ausstattung durch ihre Eltern einen soliden Finanzrückhalt hatte und zudem erfolgreich Kreditgeschäfte betrieb, waren ihr solche Geschäfte geläufig, wie sich aus den über die Anfangsjahre in Dülmen erhaltenen zahlreichen Unterlagen und Urkunden entnehmen lässt: Berichtet wird über Einkäufe und Verkäufe, Darlehens- und Hypothekenbestellungsverträge sowie Zins- und Sicherungsvereinbarungen mit Kunden und Lieferanten. Für etliche Dülmener Bürger muss die Firma Bendix lange Zeit quasi deren „Hausbank“ gewesen sein.

Dies lässt sich daraus entnehmen, dass zum Beispiel der die Familie Bendix gesundheitlich betreuende bekannte Dülmener „Sanitätsrath und Kreisphysikus“ Dr. Franz Wiesmann mit Bendix auch Geldgeschäfte ausführte. In einer Quittungsurkunde aus späteren Jahren heißt es: „Von der Handlungsgesellschaft Witwe M. Bendix hier erhielt ich heute T[a]hl[e]r 1.050 18 Gro[schen] gut geschrieben … ich hierdurch mit dem Bemerken quittiere, dass ich nunmehr Forderungen irgendwelcher Art an genannte Handlungsgesellschaft nicht mehr habe. Dülmen, den 3. Oktober 1879. Dr. Franz Wiesmann, Geheimer Sanitätsrath“. In Geldgeschäften konnte also die Familie Bendix gegenüber den wenige Jahre vorher gegründeten Sparkassen in Dülmen und Coesfeld durchaus mithalten.

Die nächste Generation

Aus der Ehe von Sara und Moses Bendix gingen vier Söhne, von denen Herz Bendix (1826 – 1827) sehr früh verstarb, und fünf Töchter hervor. Die Jungen Pins Bendix (1832 – 1878), Leeser Bendix (1839 – 1883) und Meyer Bendix (1843 – 1905) ließen sich nach einer Fachausbildung alle in Dülmen als Kaufleute nieder, während die Mädchen heirateten und aufgrund der guten finanziellen Lage abgefunden werden konnten. Moses Bendix starb mitten in einem arbeitsreichen Leben am 7. April 1845 im Alter von nur 45 Jahren. Seine Witwe Sara, die schon immer sehr erfolgreich mit gearbeitet hatte, übernahm das Geschäft und führte es viele Jahre lang mit großer Umsicht fort und zu weiterem Aufstieg. Immer wieder taucht ihr Name in Verträgen und Urkunden auf, immer wieder ist sie als Chefin im Einsatz.

Viele Grundstückskäufe

Am 6. April 1864 kaufte sie von dem Tagelöhner Josef Tombrinck teilweise im Tausche mit dem ihr gehörenden „Garten, Am Münsterthore von 53 Ruthen und vierzehn Fuß“, dessen „auf der Königstraße zu Dülmen belegenes Wohnhaus nebst Haus und Hofraum … mit der Mitberechtigung an der an der Ecke der Königstraße befindlichen Pumpe nebst Brunnen, jedoch ausschließlich des dem Hause zustehenden Miteigenthums an der Münstersträßer-Gemeinheit bei Dülmen, welches sich Tombrinck vorbehält, und ausschließlich seines etwa zu dem Hause gehörigen Kirchenplatzes“ zum Preis von 1.175 Taler. Ähnliche Grundstücksgeschäfte wiederholten sich. Das Handelsgeschäft dehnte sich demnach kontinuierlich weiter aus.

Sara Bendix schied 1867 aus dem aktiven Geschäft aus und übertrug dementsprechend am 4. April 1867 alle zum Geschäft gehörigen Mobilien und Immobilien auf ihre drei Söhne. Der älteste Sohn übernahm gegen Sonderleistungen ihre Versorgung für den Lebensabend. Das Unternehmen firmierte weiterhin unter „Witwe M. Bendix“ und blieb noch Jahrzehnte mit diesem Handelsnamen aktiv. In geschäftlichen Angelegenheiten traten die Söhne voll in die Fußstapfen der tatkräftigen Prinzipalin. Sara Bendix starb im Jahre 1873. Ein jüdisches Waisenhaus in Paderborn erhielt von ihren drei Söhnen entsprechend ihrer Verfügung vom 7. Dezember 1868 aus ihrem Nachlass eine ansehnliche Spende, „um die Jahrzeit ihrer verklärten Mutter Wittwe Sara M. Bendix im Waisenhause nach den üblichen Gebräuchen unserer heiligen Religion für ewige Zeiten zu begehen“. Es waren also im Todesjahr täglich und später am Jahresgedenktag Gebete zu verrichten.

Ausdehnung des Betriebes

Meyer Bendix trieb die wirtschaftliche Entwicklung der Geschäfte mit seinen Brüdern voran und führte die Firma aus dem bisherigen Rahmen eines Handelsgeschäftes hinaus. Denn nicht mehr das Verlagsgeschäft vorrangig mit vielen auf Lohnbasis beteiligten Heimwebern, sondern der Handel und die Herstellung vielfältiger Sortimente einschließlich der technisierten Baumwollmassenverarbeitung bestimmtem den Markt. Besonders im Krieg 1870/71 gelangen erfolgreich Lieferungen von Bettwäsche an die Lazarette im Elsass und Frankreich, die bald eine Ausdehnung der betrieblichen Aktivitäten erforderten, aber auch erlaubten. Mit der Entwicklung der schon erläuterten industriellen Textilfabrikation in der Mitte des 19. Jahrhunderts musste sich die Familie Bendix neuen Anforderungen beugen und anpassen.

Fortschreitende Mechanisierung der Branche

Auch in Westfalen hatte eine grundlegende Veränderung der Arbeitswelt, deren Antriebskräfte vor allem durch die Textilproduktion gegeben waren, begonnen. Dies bedeutete den Übergang auf eine industrielle Massenfertigung der Waren in eigenen Produktionsstätten. Eine weitsichtige Entscheidung der Brüder Bendix in diese Richtung war der Einstieg in die Fabrikproduktion. Auf diese Weise sollten durch eine günstigere Verteilung der Fixkosten auf in großen Mengen hergestellte Geweberollen wirtschaftliche Vorteile erzielt werden. Hierfür war neben dem notwendigen erheblichen Betriebskapital, das zum großen Teil durch den langjährigen Leinenhandel und die Kreditgeschäfte angesammelt worden war, natürlich ein großflächiges, verkehrsmäßig günstig gelegenes, gut erreichbares Betriebsgelände erforderlich. Genau so wichtig war aber auch eine größere Facharbeiterschaft, die engagiert, diszipliniert und möglichst routiniert die neuen, vielfach schon maschinengesteuerten Arbeitsabläufe übernahm und erledigte. Es ging also um bisher ungewohnte, effizientere Strukturen, die die geplante Massenproduktion ermöglichten.

Meyer Bendix heiratet eine Holländerin

Im Jahre 1873 heiratete Meyer Bendix Sara Spanjaard (1852 – 1912) aus Borne in den Niederlanden. Die junge Fabrikantentochter stammte aus einer europaweit bekannten Textilverlegerfamilie, brachte unternehmerisches Engagement und eine beträchtliche Aussteuer in die Ehe ein, so dass gute Voraussetzungen für eine wietere Anpassung und Ausdehnung der geschäftlichen Aktivitäten bei Bendix in Dülmen gegeben waren. Denn die Firma „S.J. Spanjaard“ hatte sich bereits den notwendigen Modernisierungen gestellt und in den Jahren 1836/37 die Baumwollproduktion aufgenommen und im Jahre 1865 eine mechanische Spinnerei und Weberei eingerichtet, also die wirtschaftlichen Vorteile eines zweistufigen Betriebes zu nutzen gewusst.

Erwerb des Ackerlandes „Auf dem Leetberge“

Voraussetzung für die Aufnahme einer umfangreichen industriellen Warenherstellung war der Kauf von Grundstücken „Auf dem Leetberge“ südlich vom Lüdinghauser Tor vor der Stadt als Betriebsgelände. Hier war die der weit verzweigten Familie Bendix schon seit 1745 gehörende Parzelle Nr. 441 an der Friedrichstraße (heute befinden sich dort an der Friedrich-Ruin-Straße die von der Firma Voss erbauten Altenwohnungen) Ausgangspunkt aller neuen Aktivitäten. Nach und nach wurden deshalb dort gelegene Parzellen gekauft. Es handelte sich um etliche kleinere und größere Grundstücke in dem Dreieck der so genannten Bahnhofstraße (heute Lüdinghauser Straße), der Friedrichstraße (heute Friedrich-Ruin-Straße) und des Reitackers (heute An der Wette). Auch etliche Grundstücke auf der anderen Seite der Bahnhofstraße bis hin zum „Wewerink-Esch“ (heute evangelischer und jüdischer Friedhof) wurden erworben.

Die Flur „Auf dem Leetberge“
Die Flur "Auf dem Leetberge" (Neuzeichnung der Urkatasterkarte von 1825).

Beispielhaft sei auf den Grundstückskaufvertrag vom 5. Februar 1872 zwischen den Vertretern „des Kirchenvorstandes der katholischen Pfarrkirche zu Dülmen“, vertreten durch den Pfarrdechanten Johann Wenzeslaus Böckenhoff und zwei Kirchenvorstände auf der einen sowie Meyer Bendix namens der Gesellschaft auf der anderen Seite über die von der heutigen Friedrich-Ruin-Straße bis zur Lüdinghauser Straße reichende Flur Nr. 13, Parzelle 437 von 93 Ar und 43 qm hingewiesen. Als Kaufpreis zahlte Meyer Bendix hierfür 170 Taler sofort „um den bisherigen Pächter des verkauften Grundstücks wegen der von demselben beanspruchten Entschädigung für die Einsaat und Düngung zu befriedigen.“ Den zum 30. April 1872 fälligen Hauptbetrag von 3.370 Talern, zusätzlich 31 Taler und 25 Groschen an Zinsen vom 5. Februar bis zum 30. April 1872, hat Leeser Bendix ausweislich der anhängenden Quittierung am 29. April 1872 bar entrichtet. Die Bestätigung des beurkundeten Vertrages erfolgte mit den Siegeln des Notars und dem „Sigillum Eccles[iae] Dulmaniensis“ von St. Viktor für die Verkäuferin.

Zur Arrondierung des Betriebsgeländes wurden weitere Ackerflächen gekauft: Vom „Vicar von der Kreuz-Kapelle“ die Parzelle 422 an der Straße An der Wette, von Franz Anton Böhing die Parzelle 431 an der jetzigen Turnhalle des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums, vom Franz-Hospital die Parzelle 435, weiter nach und nach von anderen Voreigentümern u.a. die Parzellen 420, 421, 437, 438, 442, und 444. Auf diese Weise erreichten die Gebrüder Bendix die notwendigen Flächen für die vorgesehenen Fabrikbaumaßnahmen.

Streitlustige Nachbarschaft

Natürlich waren bei soviel Grundstücksbewegungen auch Streitigkeiten nicht ausgeblieben. Herausgegriffen werden soll der Prozess der Anlieger der späteren Lüdinghauser Straße gegen Meyer Bendix wegen der Nutzung der Bleiche auf dem „Butterkamp“ als Weidegemeinschaft. Die Heilig-Geist-Armen-Stiftung hatte nämlich im Jahre 1878 ein an der Straße zum Dülmener Hauptbahnhof gelegenes Grundstück an Bendix veräußert, das aber mit einem Servitut (Dienstbarkeit) einer Bleiche zugunsten der Straßenanlieger belastet und nach deren Rechtsauffassung ihnen durch unvordenkliche Verjährung — eine nach altem Landesrecht 40 Jahre lang dauernde und weitere 40 Jahre vorher nicht beanstandete Nutzung — verblieben war und deshalb von Bendix abzulösen gewesen wäre. Man schloss sich im April 1878 zu einer Prozessgemeinschaft zusammen und schickte zur Kostenersparnis einen Beteiligten, den Bürger Thiemann, als Prozessführer vor. Der Streit zog sich über viele Jahrzehnte hin. Viele Mitstreiter starben, bevor sein Ende in Sicht war. Die Sondergemeinde an der Lüdinghauser Straße war in Dülmen kaum noch bekannt und de facto aufgelöst, als man sich erst nach weiteren 40 Jahren im Oktober 1920 in einem Vergleich auf eine unter Berücksichtigung der Geldentwertung lächerliche Abfindung von 500 Mark einigte. Die nicht unbeträchtliche Höhe der Honorare der auf beiden Seiten für die beteiligten „westfälischen Dickköpfe“ agierenden Anwälte war leider aus den alten Unterlagen nicht ersichtlich.

Erste Hausordnung der Firma Witwe M. Bendix vom 1. Juni 1873
Erste Hausordnung der Firma Witwe M. Bendix vom 1. Juni 1873.

Errichtung einer Weberei

Im Juni 1873 gründeten die Gebrüder Bendix neben den bisherigen Geschäftssparten eine mechanische Weberei. Die notwendigen Baumaßnahmen an der Friedrichstraße wurden zügig durchgeführt. Schon bald wurden dank der Anregungen und Kontakte der holländischen Verwandtschaft der fachkundigen Ehefrau Sara Bendix die ersten 66 englischen Webstühle nach Dülmen geliefert. Sie wurden von dem eigens engagierten holländischen Webmeister Egbert Knoef, dessen Sohn noch nach dem Zweiten Weltkrieg bei Bendix als Prokurist tätig war, betriebsbereit gemacht und technisch gewartet. Gleichzeitig schulte jener die ersten 65 Dülmener Mitarbeiter. Mit dieser erfolgreichen Personalgewinnung — einerseits aus Holland für das notwendige Know how, andererseits aus der Dülmener Handwerkerschaft für eine interessierte Stammbelegschaft — konnte eine zielstrebige moderne Weberei mit einer guten Zukunftsperspektive ihren Anfang nehmen.

Lageplan der Weberei Bendix (1877)
Lageplan der Weberei Bendix (1877). Das Unternehmen bestand aus dem Webereigebäude und dem Kesselhaus. Ein angelegter Weg und eine Brücke stellten die Verbindung über die Chaussee (heutige Lüdinghauser Straße) zum Bahnhof her.

Schwungvolle Entwicklung

Schutzmarke für Leinen-, Halbleinen- und Gebildwarenerzeugnisse der Firma Bendix
Schutzmarke für Leinen-, Halbleinen- und Gebildwarenerzeugnisse der Firma Bendix.

Bereits 1876 wurden die Webstühle bei Bendix von einer im neuen Kesselhaus installierten 250-PS-Horizontal-Dampfmaschine angetrieben, die man im Betrieb liebevoll „die englische Maschine“ nannte. Natürlich stieg mit dem Umsatz auch die Zahl der Beschäftigten. Nach einer statistischen Meldung der Stadt Dülmen waren in der Leinenweberei im April 1881 bereits 135 Arbeiterinnen und Arbeiter an 130 Webstühlen und im November 1888 nach einem Schreiben der Firma an die Stadt Dülmen 212 Mitarbeiter an 274 Webstühlen tätig.

Wegen der zunehmenden Konkurrenz auf den Märkten führten weitere Spezialisierungen auch zur Abgrenzung durch Einführung von Markenzeichen für bestimmte Waren. Die Firma Bendix ließ daher am 12. Oktober 1883 durch das Königliche Amtsgericht Dülmen im „Deutschen Reichs- und Königlich Preußischen Staats-Anzeiger - Abteilung Central-Handels-Register“ unter Nr. 35 zu der Firma „Wittwe M. Bendix“ als Schutzmarke für Leinen, Halbleinen und Gebildwaren ein rotes Blatt als Zeichen eintragen und somit schützen.

Kein Anschluss an die neue Bahnstrecke

Oben wurde schon vom Mobilitätszuwachs durch die Eisenbahn auch für die Dülmener als einem Symbol der Fortschrittsgläubigkeit im 19. Jahrhundert berichtet. Aufgrund der günstigen Lage zur neuen Bahnstrecke Wanne-Haltern-Münster hätte die Möglichkeit bestanden, einen unmittelbaren Bahnanschluss von der erst kürzlich fertig gestellten Strecke zum neuen Betriebsgelände zu errichten. Dieser wurde jedoch aus Wirtschaftlichkeitsüberlegungen nie realisiert, da sich der Transport von Waren mit Pferd und Wagen oder LKW und später von Waggons auf Tiefladerpontons über die Straße auf das Betriebsgelände als erheblich kostengünstiger erwies.

Firmenansicht auf einem Briefkopf von 1886
Firmenansicht auf einem Briefkopf von 1886.
Im Vordergrund befindet sich die heutige Lüdinghauser Straße. Die Webereigebäude mit dem angrenzenden Kesselhaus und Gasometer bilden den Bildmittelpunkt. Zur Straße hin lag das Comptoir- und Lagerhaus, während das Wohnhaus der Unternehmerfamilie mitsamt dem Garten die rechte Bildhälfte dominiert. In den Randkartuschen ist die Firmenschutzmarke angebracht.

Dülmen dehnt sich nach Süden aus

Mit der Aufnahme des Webereibetriebes ging eine Umgestaltung des südlichen Stadtgebietes einher. Nach der Eröffnung des „Hauptbahnhofs“ an der Bahnstrecke ins Ruhrgebiet wurde die Lüdinghauser Chaussee umgestaltet. Als Anlieger war die Firma Bendix wesentlich beteiligt. In einer Vereinbarung vom 11. April 1876 verpflichtete sich Meyer Bendix gegenüber der Stadt Dülmen, „auf meinem Grundeigenthum vor dem Lüdinghauserthor, woselbst meine mechanische Weberei sich befindet, bei den nunmehr vorzunehmenden Neubauten in der Länge der Grenze des Eigenthums an der Lüdinghauser Chaussee sobald wie thunlich, spätestens mit Beginn des Jahres 1877 Baumanpflanzungen in Gruppen und namentlich nach der genannten Chaussee zu größere Bäume hinstellen resp[ective] setzen zu lassen … und spätestens bis zum 1. Juli 1877 auf dem genannten Grundstück an seinen Grenzen an der Chaussee eine 3 Fuß hohe Mauer von 5 zu 5 Metern mit Pfeilern von Mauerwerk oder Eisen versehen und dazwischen befindlichem Gitterwerk anzulegen.“ So wurde die heutige Lüdinghauser Straße damals eine mit prächtigen Ulmen bepflanzte Allee, die viele Jahrzehnte bis zur Inflation im Jahre 1922 Bestand hatte. Die an einer Pilzkrankheit darbenden Ulmen wurden „günstig“ für 52 Millionen Reichsmark veräußert. Der Erlös diente teilweise zur Finanzierung der Elektrifizierung der Innenstadt. Die Einzäunung mit den gemauerten Pfählen und eisernen Vorgittern konnte noch bis vor kurzem vor dem sanierten Lagerhaus besichtigt werden.

Meyer Bendix übernimmt das Unternehmen

Am 28. März 1878 starb Pins Bendix. Die Presse berichtete: „Dülmen, 31. März. Heute wurden die irdischen Reste des Begründers der Firma ’Ww. M. Bendix’, Herrn Bendix, zu Grabe getragen. Etwa 600 Personen folgten der Leiche, ein Gefolge wie es Dülmen selten gesehen. Die Arbeiter der Bendix’schen Spinnerei hatten es sich nicht nehmen lassen, die Leiche ihres ältesten Arbeitgebers zu Grabe zu tragen.“ Und weiter: „Dülmen. 1. April. Gestern Nachmittag wurde hierselbst unter großer Betheiligung die Leiche des verstorbenen P. Bendix zu Grabe geleitet. Der durch seine stillen Gutthaten allgemein beliebte Verblichene hat sich durch seine große Thätigkeit in wenig Jahren vom einfachen Handelsmanne so emporgeschwungen, daß er im Vereine mit seinen Brüdern die Fabrikfirma Ww. M. Bendix in dem Umfange gründen konnte, wie sie jetzt besteht“. Nachdem auch sein Bruder Leeser viel zu früh verstorben war, übernahm Meyer Bendix in einer Vereinbarung vom 23. März 1883 die Versorgung der Witwe, Jettchen geborene Wolff aus Dülmen, und wurde Alleineigentümer der Firma Ww. M. Bendix.

Er leitete die Geschäfte mit seiner Ehefrau. In dieser Zeit des wirtschaftlichen Umbruchs bahnten sich in Deutschland weitreichende politische und soziale Veränderungen an. Das Unternehmen Bendix blieb davon nicht unberührt und stellte sich den Herausforderungen der Zeit. Weitere Erweiterungen wurden in Angriff genommen. 1892/3 kamen ein Lagerhaus und ein Schornstein hinzu. Bald folgte nach der Jahrhundertwende das schon erwähnte noch größere Lagerhaus an der Lüdinghauser Straße, dessen gelungene Schauseite nach ihrer Restaurierung im Jahre 2002 weiterhin vom alten Glanz der Textilindustrie kündet.

Hilfsvereine und Unterstützungskassen

Als Folgen der Hungersnöte in den Jahren 1817 und 1830, wie der Arbeitslosigkeit in den krisenhaften Jahren der Leinenindustrie entstanden in den preußischen Landen Hilfsvereine mit verschiedenen Aufgaben „zur Abwehr der Verarmung der arbeitenden Klasse“. Die jungen Unternehmen nahmen sich der Lösung dieser Anliegen im eigenen und im Interesse ihrer Mitarbeiterschaft ebenfalls an. Bei Bendix spielte die Lösung sozialer Anliegen der Arbeiterschaft eine besondere Rolle. So wurde bereits kurz nach der Inbetriebnahme der Weberei im Jahre 1874 eine Betriebskrankenkasse gegründet und viele Jahrzehnte eine Unterstützungskasse für die Ruheständler geführt. Im Jahre 1974 zählten diese Einrichtungen 234 Pflichtversicherte und außerdem 233 Rentner bei einem Jahresumsatz von etwa 650.000 Mark. Viel später am 20. Dezember 1940 wurde auf Druck des nationalsozialistischen Regimes auch noch der „Paul Bendix Unterstützung und Altersversorgung in Dülmen e. V.“ daneben gestellt, der „das Bestreben hatte, jede Not von seinen Gefolgschaftsmitgliedern fernzuhalten“.

Die Tarifpartner organisieren sich

Als Auswirkung zunehmender Verstöße gegen die betrieblichen Arbeitsordnungen und der Streiks zur Durchsetzung des Organisationsrechts im Zeitalter der fortschreitenden Industrialisierung hatten sich die Textilarbeitgeber 1902 zum „Schutzverband der Textilindustriellen des Münsterlandes“ zusammengeschlossen, um ihre Interessen im Rahmen des Starts in die Tarifhoheit gegenüber dem „Centralverband Christlicher Textilarbeiter“ zu bündeln, und insbesondere „Streitfragen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in gerechter Weise zur Entscheidung zu bringen, dadurch den Frieden zwischen ihnen dauernd zu sichern und das Wohl der Arbeiter werktätig zu fördern“. Zwar war der Schutz jugendlicher Arbeiterinnen und Arbeiter schon frühzeitig Gegenstand von kommunalen Kontrollen gewesen, eine echte Beteiligung der Arbeiterschaft an der Willensbildung im Betrieb war aber noch nicht denkbar. Auch bei Bendix herrschten noch patriarchalische Verhältnisse.

Eine dritte Generation wächst heran

Sara und Meyer Bendix hatten zwei Kinder: Charlotte (1874 – 1941) und Paul (1878 – 1932). Dieser besuchte zunächst die Volksschule und dann die Rektoratsschule auf dem Bült, die erst 1912 zum Gymnasium ausgebaut wurde. Da diese nur von der Sexta bis zur Obertertia führte, wechselte er im Frühjahr 1891 in die Untersekunda auf das Königliche Paulinische Gymnasium zu Münster — münsterlandweit kurz als „Paulinum“ bekannt. Zur Unterstützung seiner Sorge und Ausbildung zog die Familie ebenfalls nach Münster und wohnte dort am Ludgeriplatz. Im März 1892 wurde ihm die Befähigung für den einjährig-freiwilligen Dienst zuerkannt, wie sich aus dem Zeugnis und telegrafischen Glückwünschen der Verwandtschaft entnehmen lässt. Nach dem Abitur im Frühjahr 1895 setzte er seine Ausbildung als Volontär beim Bankhaus „Mayerfeld & Cie.“ in Frankfurt fort. Es folgten für junge Unternehmer damals noch nicht obligatorische Lehrjahre in einer englischen Maschinenfabrik, zusätzlich an einer Webfachschule in Bury/Lancashire und in einem Bankhaus in Paris. 1898 widmete sich Paul Bendix einem kurzen Studium der Juristerei in München.

Paul Bendix wird bayerischer Offizier

Da er aber beabsichtigte, die Laufbahn eines Reserveoffiziers einzuschlagen, meldete er sich anschließend als Einjährig-Freiwilliger zum Bayerischen Militär und begann dort am 1.&bnsp;Oktober 1898 eine entsprechende Ausbildung. Als jüdischer Mitbürger sah er hierzu in Preußen wohl nicht die gleichen Aufnahmechancen. In München erlangte er 1902 in dem 1. Schweren Reiter-Regiment Prinz Karl von Bayern das Offizierspatent als Leutnant der Reserve. 1911 wurde er Oberleutnant und 1915 schließlich Rittmeister. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg mit seinem bayerischen Regiment an mehreren Kriegsschauplätzen an der Westfront in Lothringen, an der Somme und bei St. Quentin, später im Kriegsgebiet Ostgalizien und der Ukraine. Am 11. Dezember 1918 wurde er aus dem Heeresdienst entlassen und schließlich 1921 zum Major befördert.

Übernahme der Betriebsleitung

Bereits 1904 war Paul Bendix in den elterlichen Betrieb eingetreten. Sein Vater starb am 3. Januar 1905. Es gab viele Nachrufe. So schrieb eine Fachzeitschrift: „Der Chef der altrennomierten Leinen und Gebildweberei Wwe. M. Bendix in Dülmen, Herr M. Bendix, ist im Alter von 61 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit gestorben. Durch seine unermüdliche Schaffensfreudigkeit und hohe kaufmännische Begabung hat der Verstorbene den Ruf seiner Firma zu einem weltbekannten zu machen verstanden.“ Für Meyer Bendix wurde auf dem im Jahre 1905 aus Mitteln einer Stiftung der Familie Bendix errichteten neuen jüdischen Friedhof auf dem „Wewerink-Esch“ ein prächtiges Mausoleum neben dem schon seit 1898 bestehenden evangelischen Friedhof erbaut, in dem später auch Sara Bendix ihre letzte Ruhestätte fand. Nunmehr übernahm Paul Bendix die Führung des Unternehmens neben seiner Mutter, die formell Inhaberin der Gesellschaft und damit natürlich auch Eigentümerin aller Immobilien blieb.

Weiterer Aufstieg des Unternehmens mit mehr Mitarbeitern

Paul Bendix hatte die oben bereits dargestellten aufziehenden Probleme der Leinenindustrie infolge des Siegeszuges der Baumwolle erkannt. Er zog daraus schnell Konsequenzen. Die Mechanisierung im Webereibetrieb hatte zu einer verschärften Konkurrenz durch Mitbewerber geführt. Dieser versuchte Paul Bendix in rastloser Tätigkeit mit einer Produktionserweiterung zu begegnen. Weitsichtig erkannte er die Vorteile eines mehrstufigen Betriebes. Es bot sich die Kombination Spinnerei, Weberei und Näherei an, die gerade im Westmünsterland zum Musterbeispiel von Produktionskombinationen werden sollte. Deshalb befasste er sich mit einem weitgehenden Wandel der Geschäftspolitik und wandte sich der Nutzung neuer Fasern und Fabrikationstechniken zu.

Eingang zum jüdischen Friedhof am Kapellenweg mit dem Mausoleum für Meyer und Sara Bendix
Eingang zum jüdischen Friedhof am Kapellenweg mit dem Mausoleum für Meyer und Sara Bendix

Neue Spinnerei

Zunächst stand die Ergänzung der Betätigungspalette um eine eigene Spinnerei auf dem Programm. Durch diesen weitsichtigen Schritt sollte es gelingen, von Garnlieferungen Dritter unabhängig zu werden und zudem durch eine Zweistufigkeit der Fabrikation erhebliche wirtschaftliche Vorteile zu erreichen. Hierbei spielte die Einführung neuer Stoffmuster und -qualitäten eine wichtige Rolle. Denn durch die Verarbeitung von Baumwolle und Leinen wie durch das Mischen von Garnen ließ sich die Produktbreite erheblich steigern und der Nachfrage insbesondere nach billigeren Stoffen anpassen. Die neuen Gewebe waren nämlich geschmeidiger und deshalb gefragter als die relativ harten und soliden Leinenprodukte So begann der Siegeszug des Halbleinens, der Mischformen und vor allem natürlich der Baumwolle, die bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges wichtige Exportartikel wurden.

Im den Jahren 1907/8 konnte mit dem Bau der Spinnerei begonnen werden. Damit sollte das Haus Bendix eine gewisse Autarkie erreichen, indem es sich insbesondere mit der Dreizylinderspinnerei der mehrstufigen Baumwollverarbeitung zuwandte. Die Streichgarnspinnerei (Zweizylinderspinnerei) war zunächst eine Spezialität sächsischer Betriebe gewesen, so dass sich Paul Bendix auch dort umsah und Personal für den Dülmener Betrieb verpflichtete. Zudem wurden zusätzliche einheimische Mitarbeiter in der Spinnerei geschult. So konnten schließlich mit beiden Spinnverfahren unterschiedliche Rohstoffe verarbeitet und anschließend je nach den Wünschen der Kundschaft viele Artikel angeboten werden. In den guten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg waren daher sowohl die Bendix’schen Garne von den Webereien im nahen westlichen Münsterland als auch Angebote an Bett-, Tisch-, Hand- und Betriebswäsche weltweit von internationalen Hotels bis zu Eisenbahnlinien in den USA gefragt.

Paul Bendix teilte der Bremer Baumwollbörse im April 1909 stolz mit, dass er seine neue Spinnerei in Betrieb genommen habe und nunmehr als Vollmitglied der Warenbörse aufzunehmen sei. Auch sonst genoss er den Aufschwung seines Unternehmens: Schon am 16. September 1910 hat er den Führerschein erworben und den Fuhrpark der Firma mit einem 48 PS starken hochherrschaftlichen Mercedes des Baujahres 1908 ausgestattet, in dem er anlässlich des Stadtjubiläums 1911 neben seinem schnauzbärtigen Chauffeur in Dülmen gesichtet werden konnte.

Blick von der mit Ulmen bepflanzten Lüdinghauser Straße zur Dreizylinderspinnerei der Firma Bendix (um 1920)
Blick von der mit Ulmen bepflanzten Lüdinghauser Straße zur Dreizylinderspinnerei der Firma Bendix (um 1920)

Mit der Installation neuer Kessel, der Erneuerung der Feuerungsanlage für die Wärmegewinnung und der Umsetzung des Schornsteins wurden die Erweiterungsschritte zunächst beendet. Bereits 1913 waren dann etwa 600 Webstühle im Einsatz, die fast die Hälfte der in den beiden Spinnereien gefertigten Garne verwebten. Um diese Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gab es etwa 400 Beschäftigte, deren Zahl allerdings wegen der Kriegsereignisse bis Anfang 1917 auf etwa 150 absackte. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod übertrug Sara Bendix am 29. März 1912 alle unter der Firma „Wwe. M. Bendix“ betriebenen Geschäfte auf ihren Sohn.

Übertritt zum christlichen Glauben

Am 10. August 1909 hatte sich Paul Bendix in der evangelisch-lutherischen Gemeinde zu Kassel taufen lassen. Sein Antrag auf Austritt aus der jüdischen Synagogengemeinschaft in Dülmen war beim Amtsgericht Dülmen am 4. November 1909 eingegangen und dem Vorstande der Synagogengemeinschaft am selben Tage mitgeteilt worden. In einer Bescheinigung vom 18. Mai 1910 wurde dann bestätigt, dass Paul Bendix in der Verhandlung vor dem Amtsgericht vom 4. Dezember 1909 seinen Austritt aus der Religionsgemeinschaft der Israeliten unter Beobachtung der durch das Gesetz vom 14. Mai 1873 vorgeschriebenen Form erklärt habe. Über die Gründe dieses Übertritts liegen keine schlüssigen Erkenntnisse vor. Möglicherweise war er der Ansicht, dass ihn seine jüdische Herkunft daran hinderte, im produzierenden Gewerbe zu Erfolg und Ansehen zu gelangen und als jüdischer Jungunternehmer im Kaiserreich eine erfolgreiche Unternehmerkarriere zu durchlaufen, da die Judenschaft von den Privilegien des Adels und der Oberschicht trotz der schon viele Jahrzehnte zurückliegenden gesetzlichen Gleichstellung faktisch noch ausgeschlossen war. Möglicherweise wollte er durch diesen Schritt und die Offizierslaufbahn in Bayern einen Ausgleich gegenüber anderen Persönlichkeiten erreichen, die in eine vermeintlich gehobene Schicht geboren worden waren oder ihren Status lediglich ererbt hatten.

Auswirkungen des Ersten Weltkrieges

Firmensignet der 1920er Jahre
Firmensignet der 1920er Jahre

Vor Kriegsausbruch stand das Werk in vollster Blüte. Doch kamen schnell Rückschläge: Wie schon dargestellt gingen die Rohstoffe aus, die Belegschaft war wegen der Rekrutierung der männlichen Mitarbeiter erheblich verkleinert und der Firmenchef selbst war als Reserveoffizier im Feld. Im Betrieb wurde er durch einen Prokuristen vertreten. Die Spinnerei und Weberei konnten ab 1916 nur in geringem Umfang weiter arbeiten. Nach Kriegsende begab sich Paul Bendix wieder unermüdlich an die Arbeit. Die brachliegenden Spinnereien und die Weberei liefen wieder an. Die westfälische Textilindustrie war in diesen Jahren nach 1920 nämlich voll ausgelastet. Die Inflationszeit konnte durch die Abwicklung von Auslandsaufträgen gemeistert werden. 1922 wurden die Kraftanlage modernisiert, der Schornstein erhöht und schon 1924 die Zweizylinderspinnerei mit einem Neubau aus dem alten Bereich herausgelöst.

Errichtung von Werkswohnungen

Eine Darstellung der Lebensbedingungen der Arbeiterschaft ist für das Gesamtbild industrieller Tätigkeit von höchster Bedeutung. Neben den Lebensmittelpreisen bestimmte die Frage bezahlbaren Wohnraums den Alltag der Familien. Da mit der Industrialisierung des Textilgewerbes immer mehr Stellen angeboten wurden, zog es viele Leute vom Land in die Stadt. Im Münsterland wohnten die meisten Mitarbeiter dennoch weiter auf dem Lande. Ein Großteil der Arbeiter kam aus kleinbürgerlichen Familien und kleineren bäuerlichen Betrieben. Auch Pächter von Kotten oder Personen aus ähnlichen abhängigen Positionen zog es in die Fabriken. Das Engagement der Unternehmer im Bereich sozialer Einrichtungen und speziell des Werkswohnungsbaues wuchs und diente den betrieblichen wie familiären Belangen der Mitarbeiter.

Bei Bendix nahm die Wohnungsfürsorge für die Arbeiterschaft eine besondere Rolle ein. Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kamen ursprünglich aus dem Dülmener Umland zu Fuß, mit dem Fahrrad, später mit der Bahn und dem Firmenbus, der insbesondere im Schichtdienst tätige Arbeiterinnen aus dem Marler Raum beförderte, zur und von der Arbeit, wenn sie nicht als so genannte Kostgänger bei Dülmener Familien Unterkunft gefunden hatten. Deshalb war es im Interesse der Bindung des Personals an den Betrieb eine sinnvolle Maßnahme, für die Belegschaft Werkswohnungen bereit zu stellen. Ab dem Jahre 1882 wurden nach und nach immer mehr Häuser an der Hohen Straße, am Windmühlenberg, am Kreuzweg, an der Wette, am Dalweg und am Hange errichtet, die das Stammpersonal bewohnte. Auf diese Weise standen schließlich bei Bendix 189 Werkswohnungen bzw. geförderte Dienstwohnungen zur Verfügung.

Die Familie wächst zur nächsten Generation

Inzwischen hatte sich Paul Bendix am 18. Januar 1924 mit Else Denicke (1900 – 1982), der Tochter des Hamburg-Harburger Oberbürgermeisters, vermählt. Die Hochzeit wurde groß gefeiert. Die Belegschaft erhielt eine Einladung zu einem Festabend am 8. März 1924 in den festlich geschmückten Lödding’schen Saal an der Lüdinghauser Straße. Nach der locker aufgemachten „Liederfolge für den anlässlich der Vermählung unseres verehrten Chefs Herrn Paul Bendix stattfindenden Fröhlichen Abend“ lösten sich humoristische Darbietungen, gemeinschaftliche Lieder und „jedermann beliebige Reden“ ab. Ein großes Erinnerungsfoto der Festgesellschaft mit mehr als 130 Personen und fast ebenso vielen Bierkrügen ist erhalten.

Am 13. April 1925 wurde der erste Sohn Paul Heinz geboren. Der stolze Vater stiftete aus Anlass der Taufe seines Sohnes zwei massiv silberne Altarleuchter für die evangelische Kirche. Später kamen noch drei Söhne dazu: Wolfgang (1926 – 2000), Klaus Otto (geb. 1928) und Hans Jürgen (1930 – 1941). Der jüngste Sohn ist elfjährig als Pennäler bei einem tragischen LKW-Unfall auf dem Betriebsgelände tödlich verunglückt.

Sonderleistungen an die Belegschaft

Für die Belegschaft gab es zur Geburt des ältesten Sohnes Paul Heinz 1925 eine Gratifikation. An alle 600 Mitarbeiter, egal ob als leitende Angestellte, Kontorpersonal, Meister, Arbeiterinnen und Arbeiter in der Andreherei, Schlichterei, Spinnerei, Spulerei, Weberei oder auch als Bauhandwerker, Mitarbeiter der mechanischen Werkstatt, der Gärtnerei und des Fuhrparks usw., wurden je nach Beschäftigungsdauer und Verantwortungsstufe Beträge zwischen 5 und 475 Mark ausgezahlt. Hieraus lässt sich bei aller Großzügigkeit des Firmeninhabers eine nur schwer nachvollziehbare strenge hierarchische Struktur innerhalb aller Betriebsebenen erkennen, da die krasse Abstufung der Höhe der Sonderzahlungen sonst nicht einleuchtend erscheint, wenn man von einem Engagement aller Mitarbeiter für das Wohl des Unternehmens ausgeht. Diese zeitbedingte bedeutsame Denkweise zeigt sich auch darin, dass noch anlässlich des Todes von Paul Bendix im Jahre 1932 mehrere selbständige Anzeigen der Angestellten, des Meisterpersonals, der mechanischen Werkstatt, der Fahrzeugabteilung und der Arbeiterschaft in der Dülmener Presse aufgegeben wurden. Auch in späteren Jahren erhielt die Belegschaft Sonderleistungen. So wurden zum Weihnachtsfest 1934 6.000 Meter Nessel als Geschenk verteilt. Jeder ledige Mitarbeiter bekam 5, jeder verheiratete 10, und alle über zwanzig Jahre Tätigen 15 Meter Nesseltuch überreicht.

Ähnlich wie die Stadt und das Amt Dülmen sowie die Herzog von Croÿ’sche Domänenverwaltung brachte Paul Bendix während der Inflation 1921/23 wegen der steigenden Entwertung des Geldes für seine Belegschaft eigene Wertscheine, das so genannte „Paul-Bendix-Geld“ heraus. Die mit der Unterschrift von Paul Bendix und einem Siegel versehenen Scheine besagten: „Zwei Milliarden Mark zahlt die Spinnerei & Weberei Paul Bendix Dülmen dem Einlieferer dieses Gutscheins. Gültig bis 31. December 1923. Dülmen, den 24. October 1923. Nur gültig für Dülmen.“

Paul Bendix wird Dülmens größter Arbeitgeber

Die seit 1923 unter „Paul Bendix“ firmierende Gesellschaft war inzwischen der größte Arbeitgeber Dülmens. Dank des Engagements aller Mitarbeiter wurden die Waren weltweit in die USA, nach Südafrika, England, Australien usw. exportiert. In den Jahren 1925/26 konnte im Rahmen einer Neuorientierung eine Teilung des Webereibetriebes nach Gebild-, Breit- und Nesselwaren in einem 3.000 Quadratmeter großen Neubau vollzogen werden. Zusätzlich schloss sich im folgenden Jahr anstelle des zentralen Transmissionsantriebs eine Neugestaltung der Antriebsanlagen durch den Übergang auf Einzelantrieb der Stühle mit Elektromotoren an. Paul Bendix hielt somit in allen Bereichen beim technischen Fortschritt mit. In den späten zwanziger Jahren erreichte der gesamte Betrieb eine Kapazität von 1.000 mechanischen Webstühlen, 30.000 Dreizylinder-Spindeln, 11.000 Zweizylinder-Spindeln und die beachtliche Zahl von über 1.100 Mitarbeitern. Damit war die zweitgrößte Belegschaftsstärke in der Firmengeschichte erreicht. Eine weltweite Kundschaft stand als Abnehmer der Dülmener Erzeugnisse in gefüllten Auftragsbüchern. Ab 1928 führten dann die ersten Anzeichen der Weltwirtschaftskrise auch bei Bendix zu Entlassungen und schließlich zu einem erheblichem Umsatzrückgang.

„Ich muss wirken, solange es Tag ist.“

Entsprechend dem Leitspruch von Paul Bendix, der übrigens auch auf seinem Grabstein steht, gehörte die Nähe zu seinen Mitarbeitern neben den kaufmännischen und technischen Fähigkeiten zu den selbstverständlichen Aufgaben als Unternehmensleiter. Er kannte von Jugend auf jede Ecke im Betrieb und suchte das Gespräch. Mit den Älteren natürlich auf Plattdeutsch. So wird als Anekdote ein Zwiegespräch mit einem Mitarbeiter kolportiert, der einen in Hochdeutsch erteilten Auftrag falsch ausgeführt hatte. Als dieser von seinem Chef darauf hingewiesen wurde, erwiderte er: „Ja, Härr, wenn I mi dat in Plattdütsch segt häen, dann wäör et richtig wuon.“ Aus dieser Überzeugung folgte sein Anschlag im Betrieb im Januar 1932: „Ich möchte, dass meine Söhne frühzeitig und gründlich die heimatliche Mundart erlernen und bitte daher jeden, mit ihnen nur Platt zu sprechen.“

Anweisung von Paul Bendix mit seinen Söhnen im Betrieb nur plattdeutsch zu sprechen
Anweisung von Paul Bendix mit seinen Söhnen im Betrieb nur plattdeutsch zu sprechen.

Seit 1929 war Paul Bendix für kurze Zeit Stadtverordneter der Stadt Dülmen und gehörte den Gremien der Stadtsparkasse an. Im Kriegerverein fielen ihm als dem rangältesten Offizier besondere Aufgaben zu. Hinzu kam sein Engagement in den Organen der Textilbranche. Bei der evangelischen Gemeinde hatte er acht Jahre bis zu seinem Tode als Mitglied des Presbyteriums und dessen Kassenverwalter gewirkt. Er war ein gern gebender Wohltäter, der für caritative und kulturelle Zwecke immer eine offene Hand hatte. Am 30. April 1932 starb er an den Folgen einer langwierigen Kriegsverletzung. Die Dülmener Zeitung berichtete am 4. und 7. Mai 1932 und sprach von mehr als 5.000 Teilnehmern an der Beerdigungsfeier: „Wohl selten hat Dülmen eine so starke Beteiligung bei einer Beerdigung gesehen. … Dann setzte sich der Trauerzug in Bewegung durch das frische Frühlingsgrün der Bendixschen Besitzung zum evangelischen Friedhof. Voran schritt die gesamte Belegschaft.“ Dies war ein schwerer Schlag für die Familie und den Betrieb, weil die Leitung des Werkes mit zu dieser Zeit etwa 750 Beschäftigten ganz auf die Person des Verstorbenen abgestellt und der älteste Sohn gerade sieben Jahre alt geworden war.

Übernahme der Geschäfte durch Else Bendix

Nach den testamentarischen Wünschen von Paul Bendix ging die Firma auf seine Witwe und die vier Söhne über. Else Bendix bestellte zu ihrer Unterstützung im Januar 1933 mit Zustimmung des Vormundschaftsgerichts für die unmündigen Kinder den Kaufmann Hans Joachim Herbst neben den bisherigen drei Prokuristen Knoef, Töns und Kutscher zum Geschäftsführer. Aufgrund der deutschen Devisenprobleme und der damit verbundenen erschwerten Einfuhr von Baumwolle folgten schwierige Geschäftsjahre, zumal der Firma wegen der jüdischen Herkunft der Inhaber größere Aufträge der Reichsbahn und später der Wehrmacht versagt blieben.

Schwere Jahre für die Prinzipalin

Für die Familie und das Unternehmen Bendix deuteten sich mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus dunkle und schicksalhafte Zeiten an. Nach einer Beitrittswelle zur NSDAP im Frühjahr und ihrer Erhebung zur „Staatspartei“ Ende 1933 dehnte sich ihr Einfluss auf alle Lebensbereiche der gesamten Bevölkerung aus. Gerade in Dülmen haben sich die Ortsgruppenfunktionäre mit unrühmlichen Verfolgungsaktivitäten immer wieder hervorgetan. Bei Bendix wurde schon im Juli 1933 von der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) eine Fahnenweihe organisiert, von der ein großes Belegschaftsfoto erhalten ist. Auch von Mitarbeitern wurde Else Bendix wegen der jüdischen Abstammung der Familie ihres Mannes angegriffen und war in den Kriegsjahren vielen Schikanen durch das Regime ausgesetzt. Ihre Person wurde überwacht.

Übernahme der Geschäfte durch Else Bendix

Die Belegschaft der Firma Bendix vor der Dreizylinderspinnerei anlässlich der Fahnenweihe der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (1933)
Die Belegschaft der Firma Bendix vor der Dreizylinderspinnerei anlässlich der Fahnenweihe der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (1933)

Ein langjähriger Mitarbeiter des Unternehmens zum Beispiel richtete sich 1944 mit Anzeigen wegen angeblicher Vergehen der Inhaberin gegen Kriegswirtschaftsverordnungen an die Sondergerichtsbarkeit in Bielefeld und später an die Gestapo. Es ging um den Vorwurf, im privaten Büro von Frau Bendix befänden sich Bilder ihrer Familienmitglieder, insbesondere ihres verstorbenen Mannes. Der Anzeigende trug dazu im Wesentlichen vor, dass „er es ablehnen müsse, in einem Zimmer zu verhandeln, in dem noch Bilder von Juden an der Wand hängen.“ Die Verfahren wurden aber Anfang 1945 eingestellt. Daraufhin ging eine weitere Anzeige an den Volksgerichtshof in Berlin. Es ist anzunehmen, dass versucht werden sollte, Frau Bendix die Betriebsführereigenschaft entziehen zu lassen. Ob der Täter in Dülmen Hintermänner hatte, konnte nicht geklärt werden. Dieses Verfahren hat sich durch den Kriegsausgang und den Zusammenbruch erledigt.

Schikanen auch gegenüber den Söhnen

Im Laufe der Zeit verstärkte sich wie überall der Druck auf die Familie und das gesamte Unternehmen. Nach dem Sprachgebrauch der so genannten Nürnberger Gesetze galten die Söhne von Paul Bendix als „Halbjuden“ bzw. „Mischlinge“. So versuchten führende Parteifunktionäre zum Beispiel anlässlich des Unfalltodes des jüngsten Sohnes der Familie im Jahre 1941 vergeblich, eine Teilnahme seiner Mitschüler vom Gymnasium - der Dietrich-Eckart-Schule, Oberschule für Jungen in Dülmen — an der Beerdigung zu verhindern. Der 1942 bei höchsten staatlichen Stellen vorgetragene Wunsch der beiden ältesten Söhne, den Schikanen der jüdischen Herkunft durch eine freiwillige Meldung zum Militär zu entgehen, wurde auf dem Instanzenwege als „zur Weitergabe ungeeignet“ blockiert und schlug somit fehl.

Auch der weitere Besuch des Dülmener Gymnasiums bis zum Abitur stand für die drei Brüder Bendix in Frage. Paul-Heinz Bendix bestand zwar 1943 erfolgreich sein Abitur, musste aber „unter den gegebenen Umständen“ bei der Abschlussfeier fehlen und sich die Urkunde am Wochenende in der Wohnung des Schulleiters am Nonnenwall abholen. Später durchlief er eine kaufmännische Lehre bei der Baufirma Büscher in Münster. Wolfgang Bendix wurde am 15. Oktober 1942 mit dem Bemerken „Die Schule entlässt ihn mit den Wünschen für seine Zukunft.“ von der Schule verwiesen. Nach verschiedenen Interventionen seiner besorgten Mutter wurde er aber im März 1943 von einem besonderen Prüfungsausschuss beim Schulkollegium in Münster „zur Prüfung als Nichtschüler“ zugelassen und ihm nach externer Prüfung „das Zeugnis der Reife einer Deutschen Oberschule“ zuerkannt. Er fand eine Lehrstelle bei der Eisenhütte Prinz Rudolph. Weiter stellte Frau Bendix Anträge um Einstufung der Kinder auf dem Gnadenwege als „Mischlinge II. Grades“. Daraufhin mussten sich die drei Söhne im Herbst 1943 beim Amtsarzt in Coesfeld einer erniedrigenden Vermessung und Untersuchung auf ihren „arischen Einschlag“ stellen. Klaus Otto Bendix hatte ebenfalls 1942 das Gymnasium verlassen und wandte sich zunächst notgedrungen einer kaufmännischen Lehre im elterlichen Betrieb zu. Er konnte erst nach dem Krieg sein Abitur machen und ein Studium aufnehmen. Im September 1944 wurden die Brüder Bendix verhaftet, zunächst mehrere Tage in Münster im Zuchthaus eingesperrt und dann bis zum Winter 1944/45 in einem Steinbruch hinter Kassel zum Arbeitsdienst eingesetzt. Von dort gelang ihnen im März 1945 die Flucht vor dem Weitertransport in ein Konzentrationslager.

Stilllegung des Betriebes durch die Nationalsozialisten

Das Betriebsgelände der Firma Paul Bendix auf einem Briefkopf von 1941
Das Betriebsgelände der Firma Paul Bendix auf einem Briefkopf von 1941

Else Bendix hatte 1942 einen Stilllegungsbescheid für den ganzen Betrieb erhalten. Dieser veranlasste die Familie zu einer Erbauseinandersetzung, die eine Übertragung des gesamten Betriebsvermögens auf die Mutter vorsah. Nach langwierigen Verhandlungen und Interventionen durfte die Zweizylinder-Spinnerei unter der Bedingung weiter arbeiten, dass der Name Paul Bendix, der „ein Schandfleck von Dülmen“ sei, aus der Firma entfernt wurde. Daraufhin konnte im Januar 1943 die „Spinnweberei Dülmen Denicke & Co KG“ gegründet werden, in der Else Bendix neben zwei Geschwistern und einem Bremer Kaufmann als Gesellschafterin fungierte. Die anderen Betriebsteile wurden stillgelegt und von eingelagerten Fremdbetrieben aus der Eisenbranche genutzt. Das große Lagerhaus diente inzwischen als Wehrmachtsbekleidungslager. Später hat Else Bendix diese kritische Phase und den Kampf um die Erhaltung des Unternehmens mit einer vom damaligen Regime erzwungenen Umwandlung der Firma als „meine schwerste Entscheidung“ bezeichnet. Diese Belastungen infolge der Kriegsentbehrungen gingen an den Dülmener Mitarbeitern der Firma Bendix nicht spurlos vorüber. Das Regime forcierte zudem eine Verbesserung der Produktionszahlen an der „Heimatfront“. Else Bendix gelang es nur mühsam, die wenigen verbliebenen Arbeitsplätze zu sichern.

Den fürchterlichen Bombenhagel auf den Dülmener Stadtkern im März 1945 überstand das Betriebsgelände Bendix im Gegensatz zu den Firmen Ketteler/Specht und Leeser fast unbeschädigt. Nur das Magazin und das Verwaltungsgebäude wurden getroffen. Allerdings führte eine sinnlose Sprengaktion des Leiters des einquartierten Bekleidungslagers zu erheblichen Schäden in der benachbarten Weberei an 500 Stühlen und am Bürotrakt, während die anderen Gebäude mit Glas- und Druckschäden davonkamen. Sofortige Löscharbeiten durch die Brüder Bendix und einige Getreue konnten nicht viel ausrichten.

Stillstand und Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg

Bei Bendix konnte die Arbeit nach dem Inferno von Nationalsozialismus, Krieg und Zerstörung schon im Herbst 1945 wieder aufgenommen werden. Allerdings war die Villa Bendix neben dem Betriebsgelände am jetzigen Fehrbelliner Platz noch von den amerikanischen und anschließend englischen Besatzungstruppen beschlagnahmt. Bald gab es 100 Mitarbeiter, insbesondere im Spinnereibetrieb. Die alten Gesellschaftsverhältnisse der Firma „Paul Bendix“ wurden 1946 wieder hergestellt: Else Bendix blieb mit ihren drei Söhnen Inhaberin. Sie setzte die Gesellschaft mit ihrem Sohn Wolfgang als aktivem Geschäftsführer fort. In den Jahren 1945 bis 1948 war der Rohstoffbedarf schwierig zu decken, nach der Währungsreform im Mai 1948 nahmen die Lieferungen von Materialien wieder schnell zu, so dass Produktionssteigerungen erreicht werden konnten. 1950 schied Paul Heinz Bendix als Teilhaber aus. Wegen der enormen Nachfrage aus dem In- und Ausland wuchs in den nächsten Jahren des allgemeinen Aufschwungs mit den Geschäften auch die Belegschaft von über 250 Beschäftigen im Sommer 1946 auf 950 Mitarbeiter im Jahr 1949.

Streichgarnspinnerei
Streichgarnspinnerei
Das unverarbeitete Vorgarn der hinteren Rollen wird auf die Spinncopse gedreht.

Im Jahre 1957 erreichte der Betrieb dann mit 1.200 Personen die höchste Beschäftigtenzahl seiner Geschichte und war damit der größte Arbeitgeber im Kreis Coesfeld. Der hochtechnisierte Betrieb lief zu dieser Zeit ununterbrochen in drei Schichten: Spinnerei und Weberei, Ausrüstung und Konfektionierung — alle Abteilungen von der Disposition bis zum Versand nach dem neuesten Stand fachlicher Entwicklung. In den Folgejahren wurden die Zwei- und Dreizylinderspinnerei völlig modernisiert und mit einer neuen Produktpalette, nämlich der Herstellung von Teppichgarnen, ausgestattet. So konnte die Firma Bendix und mit ihr die Dülmener Wirtschaft aus dem gewaltigen Aufschwung der westdeutschen Wirtschaft besonderen Gewinn ziehen. Dank des sechseckigen Warenzeichens mit der „Bendix-Biene“ wurden Haushaltstextilien „für Küche, Bett und Bad“ zu gefragten Umsatzrennern. Die meisten Mitarbeiter kamen wie schon gesagt aus Dülmen oder dem näheren Umland. Später waren sächsische Spinnexperten dazu gekommen. Nach dem Zusammenbruch folgten Flüchtlinge und Vertriebene. Schließlich fanden Gastarbeiter eine bleibende Anstellung. Sie alle ließen sich in Dülmen auch familiär nieder und mischten sich mit den münsterländischen „Paohlbürgern“.

Briefkopf mit dem Firmensignet der „Bendix-Biene“ aus den 1970er Jahren
Briefkopf mit dem Firmensignet der "Bendix-Biene" aus den 1970er Jahren

Die Firma hatte vor allem viele weibliche und jugendliche Beschäftigte. In Dülmen waren in den Spinnereien und Webereien die Frauen immer in der Mehrzahl. Dies ist bei einem Vergleich mit benachbarten Regionen nicht selbstverständlich, wie vielfach vermutet wird. Aufschlussreich für die Verhältnisse bei Bendix in den fünfziger und sechziger Jahren sind die Berichte von Textilarbeiterinnen zu ihrer Tätigkeit in verschiedenen Abteilungen des Werkes, die im Rahmen eines Projektes zur Frauenarbeit in Dülmen von 1945 bis 1961 gemacht worden sind. Danach waren es vor allem junge Frauen, die die eintönige und oft laute Arbeit in den Sälen der Spinnerei, Spulerei, Schlichterei, Andreherei oder Näherei mangels anderer Angebote annahmen bzw. diese wegen der höheren Löhne der Hausarbeit und landwirtschaftlichen Arbeit vorzogen. Auf diese Weise konnten sie sich, besonders bei Akkordarbeit, ihre Aussteuer schneller verdienen und sogar noch nebenher zu Hause im Haushalt oder in der Landwirtschaft mithelfen. Interessant ist hierbei, dass für Mädchen kaum Ausbildungsplätze angeboten wurden, da mit erheblicher Fluktuation gerechnet werden musste. Dennoch zeigen die Schilderungen, dass die jungen Frauen mit Interesse zur Arbeit gingen und sich mit ihren Vorgesetzten auch manchen Scherz erlaubten.

Menschen im Betrieb

In der von 1953 bis 1968 fast fortlaufend verbreiteten Werkszeitschrift „Werk und Leben“ und den in dieser Zeit integrierten „Bendix-Hausmitteilungen“ mit persönlichen und betrieblichen Mitteilungen fanden branchenbezogene, soziale und allgemeinbildende Themen und Kommentierungen Platz. Sie spiegeln den Arbeitsalltag im Betrieb wider: Man liest von der Verleihung silberner und goldener „Bendix-Nadeln“ an Jubilare, von Geburts- und Feiertagen und von Glückwünschen zu besonderen Anlässen. Zum Beispiel gehörten auch Mitteilungen des Betriebsrats, Berichte über den Werkschor „Concordia“ sowie über Betriebsausflüge, über die Betriebs-Fußballer und den Kantinenneubau oder Leserbriefe in der Meckerecke des „Bendix-Bienchens“ zum abwechslungsreichen Lesestoff.

Else Bendix — eine verdienstvolle Unternehmerin

1957 konnte Else Bendix ihr 25-jähriges Jubiläum als Geschäftsführerin feiern. Der besondere Dank galt neben ihrem unermüdlichen Kampf um den Bestand des Unternehmens in den schweren Jahren der nationalsozialistischen Verfolgung ihrem sozialen Engagement für das Wohlergehen der Belegschaft. Sie errichtete aus diesem Anlass die „Else Bendix-Stiftung“ mit einem Startkapital von 100.000 DM für soziale Aufgaben der Belegschaft wie Urlaubsverschickungen und Kurzuschüsse. Außerdem stiftete sie anlässlich ihres 60. Geburtstages eine Gedenkstätte „für alle Dülmener Bürger, die durch Krieg oder politischen Zwang Leben oder Gesundheit gaben“, die 1964 vor der jetzigen Hermann-Leeser-Schule am Nonnenwall errichtet wurde. Auch zum Wiederaufbau vieler anderer kriegszerstörter Einrichtungen in Dülmen, wie der evangelischen Kirche und des Krankenhauses, hat Frau Bendix beigetragen. Für ihre Verdienste um das Unternehmen besonders in den schweren Jahren nationalsozialistischer Herrschaft erhielt sie als erste Dülmener Bürgerin am 23. April 1966 von Regierungspräsident Dr. Schneeberger das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse. Von den aktiven Geschäften zog sie sich nach dem Einstieg ihrer beiden Söhne Wolfgang und Klaus Otto immer mehr zurück. Am 1. Februar 1982 ist sie in Dülmen verstorben.

Familiäre Uneinigkeit

Die Geschichte der Familie Bendix war wie die anderer Unternehmerfamilien keine „konfliktfreie Erfolgsstory“, da natürlich auch hier Krisen und Niederlagen zur Realität gehörten. Im Laufe der Jahre gab es Auseinandersetzungen zwischen den Gesellschaftern über die weitere Geschäftspolitik. Klaus Otto Bendix, der nach seinem Ingenieurstudium und einem einjährigen Aufenthalt in den USA ab 1954 ebenfalls als Geschäftsführer verantwortlich tätig war, engagierte sich weiter im Unternehmen, während Wolfgang Bendix 1967 ausschied.

Vom Wirtschaftswunder zur Wirtschaftskrise

Von den so erfolgreichen fünfziger und frühen sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit ihrem ungeahnten wirtschaftlichen Wachstum der Nachkriegsjahre profitierten alle Beschäftigten der Textilindustrie. Eine Veränderung dieses Trends zeigte sich aber, wie oben bereits dargestellt, schon Ende der sechziger Jahre. Von den Nachteilen durch die Liberalisierung des Weltmarktes und den Billigangeboten aus Fern-Ost blieb die Firma Bendix nicht verschont. Die Produktpalette musste mehrfach den geänderten Käuferwünschen angepasst werden: Während bis etwa Mitte der sechziger Jahre überwiegend Meterware verkauft wurde, ging der Trend zu verkaufsfähigen, ansprechend verpackten fertigen Erzeugnissen. Näherei und Packerei mussten erweitert und umorganisiert werden. Zusätzlich ergänzte eine Färberei und ein Labor die Ausstattung, damit sowohl Baumwoll- als auch Synthetik-Fasern umfassend bearbeitet werden konnten.

Wegen mangelnder Nachfrage kam es ab 1966/67 zu Kurzarbeit und Entlassungen. Zu dieser Zeit waren schon etwa 260 Gastarbeiter beschäftigt. Die Belegschaft schrumpfte um ein Viertel. Infolge der hohen Verluste aus dieser Zeit musste 1968 beim Amtsgericht Dülmen der Antrag auf Eröffnung des Vergleichsverfahrens gestellt werden. Die Produktion wurde weiterhin von etwa 550 Mitarbeitern getragen. Die Weberei auf der Ursprungsparzelle 441 an der Friedrich-Ruin-Straße wurde im März 1979 stillgelegt. Mit Hilfe eines Schweizer Partners gelang es aber Klaus Otto Bendix, eine Liquidation abzuwenden, eine vertretbare Vergleichsquote anzubieten und dadurch eine erhebliche Zahl von Arbeitsplätzen zu sichern. Schon vor dem 150-jährigen Bestehen der Firma konnte er dann alle Geschäftsanteile selbst übernehmen und im kleinen Rahmen mit der Familie und einer Belegschaft von etwa 270 Personen den Festtag am 24. Juli 1974 begehen. Nachdem die traditionellen Fabrikationsbereiche unrentabel geworden waren, mussten andere Artikel mit zukunftsträchtigeren Märkten anvisiert werden. So wurden mit neuen Techniken Spezialitäten-Garne z.B. für Berberteppiche hergestellt, von denen bis zu 70 Prozent in den Export gingen.

Klaus Otto Bendix (rechts) auf dem Empfang zum 150-jährigen Bestehen der Firma Bendix
Klaus Otto Bendix (rechts) auf dem Empfang zum 150-jährigen Bestehen der Firma Bendix

Während Mitte der sechziger Jahre noch fast 50 Prozent der Beschäftigten in Dülmen zum Bereich Textil und Bekleidung gehörten, hat sich diese Quote bis Anfang der achtziger Jahre auf 20 Prozent verringert. Andere mittelständische Wirtschaftszweige aus Handel und Handwerk ließen sich in den neu errichteten Gewerbegebieten nieder und verdrängten somit den alten Dülmener textilen Schwerpunkt. Damit hatte der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft auch in Dülmen begonnen.

Einstieg der nächsten Generation

Klaus Otto Bendix ist seit 1955 mit Marie Luise Müller verheiratet. Von den vier Kindern stieg der 1959 geborene zweitälteste Sohn Hanswerner 1980 als Teilhaber in das Familienunternehmen ein. Der Geschäftsverlauf blieb von den schon oben ausführlich erläuterten Schwierigkeiten der deutschen Textilindustrie gezeichnet. In diesen Zeiten lag der Schwerpunkt der Fabrikation aufgrund weltweiter Nachfrageverschiebungen nicht mehr bei Leinen, Halbleinen oder Baumwollprodukten, sondern bei Streichgarnen für die Teppichbodenherstellung und auch Zwirnen für Autoreifen.

Die Umsätze nahmen wieder deutlich zu, nachdem 1984 zusätzlich zu den fünf älteren eine neue Krempelmaschine, die die Rohwolle oder anderes Fasermaterial zur Verspinnung vorbereitet, installiert worden war. Es gab etwa 180 Beschäftigte, die im Schichtbetrieb tätig waren. 1988 führten aber neue Absatzprobleme wegen sinkender Nachfrage bei Teppichgarnen zu finanziellen Engpässen, die eine Weiterführung des Betriebes mangels neuer Produktchancen nicht erlaubten. Daher mussten die letzten 75 Mitarbeiter am 30. Juni 1993 entlassen und der Betrieb endgültig stillgelegt werden. Das Betriebsgelände stand für eine anderweitige Nutzung zur Verfügung.

Ende einer Epoche

Damit war mit der Firma Bendix nach den Firmen Ketteler/Specht und Leeser das dritte traditionsreiche Familienunternehmen der Textilindustrie aus dem Dülmener Wirtschaftsleben verschwunden. Es hatte etwa 175 Jahre lang für Dülmen Maßstäbe gesetzt und zahlreichen engagierten Beschäftigten sichere Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Das Wort Bendix bedeutet noch heute in Dülmen mehr als nur den Namen einer Unternehmerfamilie, von der man für Arbeit Lohn erhielt. Es bezeichnete eine Gemeinschaft von Schicksalsgefährten, die von Gegenseitigkeit und Verbundenheit getragen war. Die Diskussion um die Benennung des in den alten Spinnereigebäuden untergebrachten neuen zweiten Dülmener Gymnasiums hat dies gezeigt. Erfreulicherweise hat sich die dabei siegreiche Namensgeberin Annette von Droste Hülshoff bisher noch nicht getraut, den erfolgreichen Dülmener Unternehmer Paul Bendix von der wuchtigen Turmfassade zu verdrängen.

Verschiedenste Projekte von einer industriellen Neuerschließung bis zu einer Wohnbebauung boten sich anschließend als Verwendung an. Dabei war zu beachten, dass die im historisierenden Stil in Backstein ausgeführten Spinnereigebäude mit ihren Türmen und das große Lagerhaus mit seiner prächtigen Neorenaissance-Fassade wegen ihrer beispielhaften Architektur unter Denkmalschutz stehen und ihre weitere Verwendung dadurch teilweise eingeengt oder gar vorgegeben war. Über die interessante Neugestaltung und vielfältige Nutzung des „Bendix-Viertels“ soll in einem dritten Beitrag berichtet werden.

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