Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2003

Erik Potthoff

Die Glocken von St. Jakobus in Weddern

Am 21. Mai 2002 jährte sich zum 525. Male die Grundsteinlegung der Klosterkirche Karthaus in Weddern. Der Heimatverein Dülmen überlegte lange, auf welche Weise an dieses Ereignis erinnert werden könnte.

Über das Kartäuserkloster Marienburg wurden bislang viele Beiträge veröffentlicht. Von einer Wiederholung in den Heimatblättern wollte das Redaktionsteam absehen. Da kam es dem Heimatverein ganz gelegen, dass die Kirchengemeinde St. Jakobus, Karthaus, für ihre Kirche im Jahr 2001 das Turmgeläut um zwei weitere Glocken auf insgesamt vier Läuteglocken ergänzt hat.

Die ersten Überlegungen, das Glockengeläut von St. Jakobus um zwei weitere Läuteglocken zu ergänzen, stammen aus dem Jahre 1976. In diesem Jahr wurden Erneuerungs- und Instandsetzungsarbeiten am Turm der Pfarrkirche durchgeführt. In dem durch eine innere Stahlbetonkonstruktion stabilisierten Turm wurde ein neuer Stahlglockenstuhl aufgestellt, der zweigefachig und zweigeschossig ausgebildet ist. Neben den vorhandenen beiden Glocken h’+2 und d’’+7 aus dem Gussjahr 1949 (ca. 310 kg und 180 kg) war der neue Glockenstuhl schon für vier Glocken ausgelegt. Vor diesem Hintergrund wurde bereits im Jahr 1976 Geld gespendet für die Ergänzung des Glockengeläuts. Anfangs glaubte noch niemand ernstlich an den Erfolg.

Über die Jahre wuchs das Sparguthaben dank Zins und Zinseszins zu einem ansehlichen Betrag an. Vieleicht war es aber auch die kontinuierliche Information an jedem Jahresende über den Bestand der Sonderrücklage und somit immer wieder der Hinweis auf die Zweckbestimmung des Geldes, die letztendlich den Kirchenvorstand als Entscheidungsgremium dazu veranlasste, ein Gemeindefest zu veranstalten, um mit dem Erlös zwei weitere Glocken anzuschaffen. Steter Tropfen höhlt den Stein.

So wurde im Jahr 2000 der Glockensachverständige des Bistums Münster eingeschaltet und eine Ausschreibung zum Glockenguss und anschließender Montage mit Läutemaschinenanlage durchgeführt. Entgegen aller Erwartungen setzte sich die Firma Rincker aus dem hessischen Sinn als mindestfordernder Anbieter im Ausschreibungsverfahren durch und erhielt den Auftrag.

Die Größe und Form einer Glocke bestimmt sich aus dem Klangton. Dabei bilden die Erkenntnisse des Mittelalters die Grundlage für exakte Berechnungen, die die Glockengießer heute in die Lage versetzen, alle Teiltöne einer Glocke vorauszuberechnen. Für St. Jakobus waren die bereits vorhandene Geläutediposition und die vorhandenen Platzverhältnisse im Glockenstuhl entscheidend für den Vorschlag des Glockensachverständigen. Als Ergänzung wurde vorgeschlagen, die künftig größte Bronzeglocke mit 450 kg auf den Ton a’+1 und die künftig kleinste Glocke mit 142 kg auf den Ton e’’+2 zustimmen.

Seit der Erfindung der Wachsschnur-Technik im 12. Jahrhundert, bei welcher Buchstaben und Zeichen mit Hilfe einer Wachsschnur gebildet und auf die Form aufgelegt werden, sind Inschriften, Bildschmuck und Zierornamente auf Glocken zu finden. Dies veranlasste die Kirchengemeinde erste Überlegungen zum Anbringen von Inschriften auf den beiden neuen Klangkörpern anzustellen. Dabei sollten die Texte sowie die Namen der Glocken, da es sich ja um eine Ergänzung des Geläuts handelte, zu den bisherigen zwei Glocken passen.

In Ergänzug zu Bruno und Jakobus und ihrer Funktion als künftige Angelus-Glocke erhielt die kleinste Glocke den Namen Maria. Mit dieser Festlegung ging auch die Entscheidung für Joseph als Patron der größten Läuteglocke einher. Auf den Glockenschultern wurde umlaufend der lateinische Text

"ANGELUS • DOMINI • NUNTIAVIT • MARIAE" (Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft) für die kleine Glocke und

"JAKOB • AUTEM • GENUIT • JOSEPH, • VIRUM MARIAE, • DE • QUA • NATUS • EST • JESUS, • QUI • VOCATUR • CHRISTUS" (Jakob aber zeugte den Joseph, den Mann Mariens, von der geboren wurde Jesus, der der Christus genannt wird) für die große Glocke ausersehen.

In Ergänzung zu den Inschriften wurden auf den Flanken beider Glocken das Wappen der Karthäuser Mönche, die Erdkugel mit aufgestelltem Kreuz und halbrund oberhalb angeordneten sieben Sternen sowie seitlich links und rechts angeordnetem lateinischen Text „STAT CRUX DUM VOLVITUR ORBIS“ angebracht.

Nachdem die Inschriften und Symbole festgelegt waren, konnte die Firma Rincker den Glockenguss terminieren. Schon der Ausdruck Glockenguss ruft unweigerlich das Gedicht „Die Glocke“ von Friedrich Schiller ins Gedächtnis und führt uns vor Augen, dass sich dieses Handwerk bei aller Technisierung fast in seinen ursprünglichen Arbeitsabläufen über Jahrhunderte erhalten hat. Dieses sei nach Anmerkung des Firmeninhabers, Herrn Rincker, jedoch nicht verwunderlich, hat sich doch auch der vor tausenden von Jahren erfundene Angelhaken bis heute nicht wesentlich verbessert. Wurde vor zweihundert Jahren noch an Ort und Stelle eine Grube ausgehoben, die Form erstellt und die Glocke gegossen, gibt es heute nur noch acht Glockengießereien in Deutschland, bei denen ein Glockenguss in Auftrag gegeben werden kann. Heute müssen die Besteller anreisen, um beim eigentlichen Herstellungsprozess anwesend zu sein.

Emblem des Kartäuser-Ordens auf den neuen Glocken Maria und Joseph
Emblem des Kartäuser-Ordens auf den neuen Glocken Maria und Joseph.

So wurden Vertreter der Kirchengemeinde St. Jakobus, Karthaus, zum Glockenguss in die Produktionsstätte des Familienbetriebes Rincker nach Sinn in Hessen eingeladen. Schon die Anreise über die A 45, der sogenannten Sauerlandlinie, war ein Erlebnis, setzte doch ab Lüdenscheid ein heftiges Schneetreiben ein und brachte den Straßenverkehr in recht kurzer Zeit unerwartet zum vollständigen Erliegen.

An diesem Tag wurden insgesamt Glocken für neun Kirchengemeinden gegossen — entsprechend viele Delegationen waren anwesend. Wie später erklärt wurde, ist ein dicht gedrängtes Umherstehen um die Glockengrube förderlich, wird doch störende Zugluft beim Guss vermieden.

Glockenkern mit Rippe und Spindel
Glockenkern mit Rippe und Spindel

In Deutschland widmeten sich zunächst ab dem 9. Jahrhundert Benediktinermönche dem Glockenguss. Bis zum 12. Jahrhundert wurde eine einfache meist unverzierte Glockenform mit steil ansteigenden Flanken und starker Verdickung am Schlagring, die Bienenkorbform, gegossen. Ab Mitte des 12. Jahrhunderts wurde nicht nur in Klöstern, sondern auch von bürgerlichen Gießern an Ort und Stelle, wo Glocken und Geschütze gebraucht wurden, gegossen. Erst viel später, als Zollgrenzen in Deutschland fielen und sich die Transportmöglichkeiten verbesserten, ließen sich Glockengießerfamilien, wie die Familie Rincker, nieder. In jener Zeit entstehen die teilweise Jahrhunderte alten Glockengießergenerationen. Alle acht noch in Deutschland tätigen Glockengießer wenden das Lehmschablonenformverfahren an. Dabei wird für die Herstellung einer Glocke eine dreiteilige Form benötigt,

  1. der Kern,
  2. die Modellglocke oder falsche Glocke und
  3. der Mantel.

Nach dem Klang der Glocke errechnet sich die sogenannte Rippe, eine Schablone aus Holz, die die innere halbe Konturlinie der zu gießenden Glocke aufweist. Auf ein Holzbrett wird der halbe Schnitt durch die Glocke aufgezeichnet, die innere und die äußere Konturlinie. Zunächst wird nur die innere Linie ausgesägt und die Schablone an einer Metallstange im Zentrum der Glockenform — der sogenannten Spindel — befestigt.

Mit Hilfe der Spindel kann der Kern hergestellt werden. Dafür werden Ziegelsteine mit Lehmmörtel aufgemauert und später mit einer groben nach außen immer feiner werdenden Lehmschicht umkleidet. Die Rippe wird an der Spindel um den Kern gedreht, um so überschüssigen Lehm abzustreifen.

Nach dem Trocknen des Kerns wird eine Trennschicht aus Wachs und Talg auf die Form aufgetragen. Die Schablone wird nun bis zur äußeren Linie ausgeschnitten. Auf den vorbehandelten Kern werden feine Lehmschichten aufgetragen, bis der Zwischenraum zur Rippe ausgefüllt ist.

Dieser handwerklichen Arbeit folgt die erneute Trocknung der Modellglocke. Sämtliche Inschriften, Gießerzeichen, Ornamente, Wappen oder Glockenzier werden aus Wachs angefertigt und auf die falsche Glocke aufgelegt. Sie schmelzen durch den Trocknungsvorgang und hinterlassen im Lehmmantel den erforderlichen Abdruck.

Glockenmantel aus Lehm
Glockenmantel aus Lehm

Auch die Stärke des Mantels, der zunächst durch feinen, später immer gröberen Lehm auf die Modellglocke aufgetragen wird, errechnet sich aus der vorgesehenen Größe und dem späteren Gussgewicht der Glocke. Schließlich darf der Mantel in der Dammgrube beim Glockenguss nicht reißen. Erneutes Trocknen über einem Ring aus kleinen Gasflammen lässt die Talgtrennschichten schmelzen. Der Mantel wird durch einen Kran von der Modellglocke abgehoben und die falsche Glocke vom Kern geschlagen. Anschließend wird der Kern in die sogenannte Dammgrube gehoben und der Mantel sorgfältig darübergestülpt. Dabei bleibt der Raum zwischen Kern und Mantel hohl, in ihn kann beim Guss das flüssige Metall einströmen. Bei einem Glockenguss werden immer mehrere Glocken gleichzeitig hergestellt. Dabei wird zunächst die größte Glockenform in die Grube gesetzt, dann der Grubenboden mit Erde aufgefüllt und die zweitgrößte Glockenform hinein gestellt. Schichtweise wird die Erde in die Grube eingebracht und festgestampft, um dem erheblichen Druck beim Guss entgegen zu wirken. Es wird vom Eindämmen gesprochen (daher Dammgrube). Schließlich wird die Krone mit den Windpfeifen und dem Eingussloch auf den Mantel aufgesetzt. Aus den Windpfeifen entweichen Gase und Luft, bis die flüssige Bronze die gesamte Form ausfüllt. Offene Kanäle aus Schamottesteinen werden vom Schmelzofen als Rinne zu den einzelnen Gusslöchern auf der Oberfläche der Dammgrube gemauert.

So präsentierte sich die Glockengrube der Delegation aus Weddern. An den einzelnen Eingusslöchern standen Metallstangen, an denen die Gussnummern und die Auftraggeberorte angebracht waren, damit konnte jeder Teilnehmer mitverfolgen, wann seine Glocke gegossen wurde. Schon Stunden vorher wurde der Schmelzofen in Betrieb genommen. Nach althergebrachter Tradition wurden an dem besagten Freitag um die Todesstunde Jesu Christi durch die anwesenden Priester ein Gebet gesprochen und Gottes Beistand beim Glockenguss angerufen, bevor der Betriebsleiter den Schmelztiegel öffnen ließ und die flüssige Legierung aus 78 % Kupfer und 22 % Zinn bei etwa 1.100 Grad brodelnd durch die vorbereiteten Kanäle zu dem ersten Einflussloch rann. Der Glockengießer fühlt dabei mit seinen Füßen über die Vibrationen im Boden, wie sich langsam die Form füllt. An der Farbe der den Windpfeifen entweichenden Gase und Luft kann die Füllmenge in der Form ebenfalls abgelesen werden.

Als die erste Glocke gegossen war, wurde durch Entfernen von Trennwänden im Gusskanal die Rinne zum zweiten Einflussloch frei gegeben. So strömte das Metall von Glockenform zu Glockenform und reichte von der größten bis zur kleinsten Glocke.

Nach dem Erkalten der Bronze, das je nach Glockengröße ein bis zwei Tage dauert, kann die abgegossene Form mit dem Kran aus der Grube geholt werden. Dann wird der Mantel abgeschlagen und die Glocke mit Wasser und Sand blankgeputzt. Ihre Beschaffenheit und ihr Klang werden noch im Unternehmen durch einen Glockensachverständigen geprüft. Erst wenn sein Urteil über die Glocke positiv ausfällt, kann der Weihetermin und die Installation im Turm abgesprochen werden.

Glockenweihe in der St.-Jakobus-Kirche durch Pfarrer Matthias Herpers
Glockenweihe in der St.-Jakobus-Kirche durch Pfarrer Matthias Herpers

Die Glockenweihe, die eigentlich Aufgabe des Bischofs ist, wurde — da er terminlich verhindert war — durch Pfarrer Herpers nach Ermächtigung durch Bischof Lettmann am 1. April 2001 in der Pfarrkirche St. Jakobus unter großer Anteilnahme der Gemeinde gefeiert.

Nach der Turmprüfung bescheinigte der Glockensachverständige des Bistums Münster der Kirchengemeinde, dass die neuen Glocken eine gute Resonanz und Klangentfaltung zeigen und sich klanglich hervorragend in das vorhandene Geläut einfügen.

Der Glockenbestand von St. Jakobus hat sich über die Jahrzehnte und Jahrhunderte entwickelt und ergänzt. So gehörte zur Klosterkirche vermutlich nur eine Bronzeglocke, welche im sechseckigen Dachreiter der Kirche gehangen hat. In ihrem Streben nach Einfachheit bauten die Kartäuser, wie auch ähnliche Orden, keine Kirchtürme. Der Kirchturm wurde erst weit nach der Säkularisation im Jahre 1871 errichtet.

Die heute noch in der Literatur oder der Glockenkartei erwähnten Glocken für St. Jakobus seien an dieser Stelle vorgestellt. Eine nicht näher beschriebene Glocke aus dem Jahre 1725 hat vermutlich im Dachreiter gehangen und erklang auch vom neugotischen Kirchturm. Für 1917 ist die Ablieferung einer Glocke mit 58 cm Durchmesser und einem Gewicht von 162 kg festgehalten. Es bleibt zu vermuten, dass die Gemeinde bis 1920 ihr gewohntes Geläut entbehren musste, als in der Glockengießerei der Gebrüder Petit und Edelbrock in Gescher zwei Glocken gegossen wurden. Die größere mit einem Durchmesser von 76 cm und dem Ton cis trug die Inschrift:

BRUNO VOCATA IN ANGUSTIIS NATA SALUTI DESTINATA. Dederunt Carolus et Nancy Louisa Duces de Croÿ. A.D. 1920 (Bruno werde ich gerufen, in Ängsten geboren, zum Heil bestimmt. Gestiftet von Carl und Nancy Louisa Herzog und Herzogin von Croÿ.)

Mit einem Durchmesser von 63 cm und dem Ton e war die kleinere Glocke dem Heiligen Jakobus geweiht.

SANCTE JACOBE, PER SEMITAS TUAS DUC NOS, QUO TENDIMUS AD LUCEM, QUAM INHABITAS. Dederunt Carolus et Nancy Louisa Duces de Croÿ. A.D. 1920 (Heiliger Jakobus, führe uns auf deinen Wegen, wo wir zum Licht streben, das du bewohnst. Gestiftet von Carl und Nancy Louisa Herzog und Herzogin von Croÿ.)

Erneut gingen durch Ablieferung im Zweiten Weltkrieg die Glocken von St. Jakobus verloren. Die zwei heute noch im Turm vorhandenen Glocken wurden im September 1949 erneut von der Firma Petit und Edelbrock gefertigt. Die Namen Bruno für die kleinere und Jakobus für die größere der beiden Glocken blieben bestehen. Die Inschriften änderten sich versehen mit der Jahreszahl 1949 in:

BRVNO SANCTVS VIR TERRAE EX SPLENDORE DEIECTO AETERNIS CAELI DIVITIIS FRVITVR (Bruno ein heiliger Mann genießt vom vergänglichen Glanz der Erde getäuscht die himmlischen Reichtümer)

VOCOR JAKOBUS VOS VOCO SEQUENTIBUS DUX EX LABORIUS CAELESTE IN OTIUM (Jakobus werde ich gerufen. Euch rufe ich, bin Führer den Folgenden aus den Mühen in den himmlischen Frieden).

Literaturhinweis:

Hans-Gerd Rincker, Die Glocke. Die technischen Grundlagen, in: Glocken in Geschichte und Gegenwart, bearb. von Kurt Kramer, Bd. 1, Karlsruhe 1986, S. 246 – 251.

Hanns Martin Rincker, Glockenformen und Glockengießen, in: Glocken in Geschichte und Gegenwart, bearb. von Kurt Kramer, Bd. 2, Karlsruhe 1997, S. 472 – 485.

Carl Göllmann, Die Kartaus in Weddern bei Dülmen, Coesfeld 1975.

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