Dülmener Heimatblätter

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<< Heft 1, 2004

Guido Autermann

Die Marienkapelle Visbeck — Baugeschichte und Baubeschreibung

Baugeschichte

Die Marienkapelle Visbeck steht in einem waldreichen Geländeabschnitt der Bauerschaft Dernekamp südöstlich von Dülmen. Der Standort ist von baugeschichtlicher Bedeutung und geht auf die Wasserburg Visbeck zurück, die erstmals im Jahre 1338 urkundlich erwähnt wurde. In der wechselvollen Geschichte der Besitzer folgt 1656 die Familie Droste Vischering, die bis vor kurzem noch Eigentümer der Burgreste und der dazugehörigen Ländereien war. Heute ist das Anwesen in Privatbesitz.

Lageplan von Haus Visbeck nach dem Urkataster von 1825. Außerhalb der Gräfte liegt die achteckige Kapelle.
Lageplan von Haus Visbeck nach dem Urkataster von 1825. Außerhalb der Gräfte liegt die achteckige Kapelle. (Abb. in: Bau- und Kunstdenkmäler, S. 94)

Von dem ehemals auf zwei Inseln gelegenen Wehrbau ist nur noch der westliche Teil des ursprünglich aus drei Flügeln bestehenden Wirtschaftsgebäudes aus dem 17. Jahrhundert erhalten. Dieser nach Nordwesten geöffnete, hufeisenförmige Gebäudekomplex bildete die Vorburg. Das Herrenhaus, welches nördlich der Vorburg auf der wesentlich kleineren Insel lag, brannte 1639 ab und wurde nicht wieder aufgebaut.

In dem aufgrund des Wiederaufbaus stark veränderten Westflügel des ehemaligen Wirtschaftsgebäudes mit Ziegelsichtmauerwerk liegt die rundbogige Toreinfahrt mit Zugbrückenrahmen und Jahreszahl „1677“, dem Datum des Wiederaufbaus. Der Fachwerkgiebel des eingeschossigen Hauses mit hohem Satteldach ist nach Südosten ausgerichtet. An der Südecke befindet sich ein dreigeschossiger Turm mit Zeltdach. In seinem Untergeschoss und entlang der Westfassade sind Schießscharten sichtbar, die aus der Zeit des Wiederaufbaus stammen.

Durch die Verlandung bzw. Verfüllung der Teiche und der Gräften verlor die Anlage ihren ursprünglichen, wehrhaften Charakter. Außerhalb der ehemaligen Gewässer, im Südwesten, mit dem Eingang zur Toreinfahrt gerichtet, lag die Marienkapelle. Vor ihrer Errichtung in den Jahren 1747 – 1749 war eine Holzkapelle, die erstmals 1572 urkundlich erwähnt wurde, Bestandteil der Wasserburg.

Errichtung (1749)

Zustand der Marienkapelle im Jahre 1910.
Zustand der Marienkapelle im Jahre 1910.

Der Kapellenbau ist archivalisch aufgrund des Messprivileges für die zu errichtende Kapelle vom 29. Mai 1747 belegt. Ausgestellt wurde dieses durch Papst Benedikt XIV. Die Fertigstellung des Baus 1749 bezeugt die Jahreszahl in der Wetterfahne des Glockendachreiters.

Der Standort der Kapelle ist aus dem Katasterplan vom Anfang des 19. Jahrhunderts zu entnehmen. Der Grundriss aus gleicher Zeit zeigt die Lage bzw. Größe der Tür und der Fenster.

Aufgrund von mehreren Tatsachen kann man davon ausgehen, dass die schlichte Tür, welche auf einem Foto von 1921 abgebildet ist, den ursprünglichen Eingang darstellte. Zum einen stimmt das heutige Öffnungsmaß mit dem des damaligen überein und zum anderen ist der marode Zustand der Tür und sind die stark abgelaufenen Stufen aus Naturstein ein Indiz für das hohe Alter. Zudem lag der Eingangsbereich der Kapelle der Toreinfahrt mit Familienwappen der Wasserburg gegenüber. Da so der Bezug der Kapelle zur Burg unverkennbar war, lässt sich vermuten, dass sich der Besitzer deshalb für eine schlichte Eingangsgestaltung entschieden hatte.

Von einem Foto aus dem Jahre 1910 ließen sich für die Rekonstruktion besonders viele Rückschlüsse ziehen. Die Aufnahme zeigt die vollständige Rückseite des Oktogonal- und Anbaus. Da es sich hierbei um die älteste Aufnahme der Kapelle handelt, kann man Baudetails der einzelnen Zeitabschnitte direkt miteinander vergleichen.

Besonders gut lassen sich die stark zerstörte Putzschicht des Achteckbaus und die helle Putzoberfläche des Anbaus erkennen. Daraus kann man schlussfolgern, dass beide Gebäudeteile seit der Errichtung verputzt waren.

Ebenso verhält es sich mit den Fenstern, die auf dem Foto zu erkennen sind. Das ursprüngliche Fensterglas mit Blütendekor zeichnet sich deutlich ab. Die Rahmenkonstruktion der Fenster im Oktogonalbau unterscheidet sich zudem nur geringfügig von denen im Anbau. Außerdem ist keine der vergleichbaren Kapellen im Münsterland mit Fenstern aus anderen Rahmenmaterialien, wie z.B. Holz ausgestattet. Demnach sind die auf dem Foto von 1910 abgebildeten Fenster des Oktogonalbaus als die ursprünglichen zu bewerten.

In mehreren Literaturangaben wird davon ausgegangen, dass sich in der Südwestfassade ein weiteres Fenster befand. Zusätzlich sollen zwei schmale Fenster rechts und links des Eingangs platziert gewesen sein.

Nach genauerer Untersuchung dieses Sachverhalts kann man diese Behauptung jedoch widerlegen. Zum einen kann man den gestalterischen Aspekt und zum anderen die bautechnische Umsetzung in Frage stellen. So ist es nicht denkbar, dass die Nische in der Nordostwand zeitgleich mit einem Fenster errichtet worden ist, da sich beide Elemente überschneiden würden. Ein späteres Einstemmen der Nische scheint ebenfalls fraglich, da diese Maßnahme nur mit einem erheblichen Aufwand möglich gewesen wäre.

Rekonstruierte Aussenansicht des Zustands 1748.
Rekonstruierte Aussenansicht des Zustands 1748.

Rekonstruierte Innenansicht des Zustands 1748.
Rekonstruierte Innenansicht des Zustands 1748.

Der gestalterische Aspekt ist jedoch der entscheidende. Betrachtet man vergleichsweise ähnliche Oktogonalbauten, wie z.B. die Nepomukkapelle in Nordkirchen oder die Sakramentskapelle in Düren, so lassen sich auf Anhieb axiale Bezüge erkennen. So steht einem Fensterelement immer ein Fensterelement gegenüber und einer Tür immer eine schlichte Wand mit dem Altar. Hinzu kommt, dass im Fall der Marienkapelle Visbeck der Altar fast die gesamte Wandfläche verdeckt und somit ein Fenster überflüssig wäre. Zu der Behauptung, dass sich zwei schmale Fenster neben dem Eingang befanden, lässt sich sagen, dass der zur Verfügung stehende Raum zwischen Tür und den ausgeprägten Wandpfeilern es auch unmöglich machen würde, ein Fenster einzulassen.

Grundriss (oben) und Deckenansicht (unten).
Grundriss (oben) und Deckenansicht (unten).

Der Fußboden aus Sandsteinplatten und die weiß gekalkten Wände waren zeitgemäß und für Westfalen typisch. Dieses lässt sich zusätzlich anhand von Vergleichsbauten belegen. Sowohl die Gebetskapelle des Hauses Lütkenbeck bei Münster, als auch die Nepomukkapelle in Nordkirchen waren mit einem Sandsteinfußboden ausgestattet. Das zentrale Feld der Kassettendecke aus profilierten Eichenholzleisten, welche noch heute Bestandteil der Kapelle ist, war zwecks Durchführung des Glockenseiles geöffnet. Kassettendecken aus Zierleisten waren ebenfalls zeitgemäß.

Bildmedaillons in den Deckenkehlen (Vouten) schmückten den Oktogonalbau zusätzlich. Im Zuge der Renovierungsarbeiten wurden die stark zerstörten Malereien überstrichen. Noch heute sind ihre Umrisse bei genauem Hinschauen zu erkennen.

Erweiterung (1889)

Die Errichtungszeit des Anbaus kann aufgrund von Nachforschungen bestätigt werden. Bei der Begehung des Dachstuhls entdeckt man auf der Rückseite der Dachpfannen den eingestanzten Namen der Produktionsfirma, den Produktionsort und das Produktionsjahr.

Die prägnanten Baumerkmale des Oktogonalbaus wurden im Sinne des Heimatschutzstils auf den Anbau übertragen.

Für die Umsetzung der Rekonstruktion der Außenansichten kann man sich hauptsächlich auf das Foto von 1910 berufen.

Das Foto gibt nicht nur, wie bereits erwähnt, einen guten Aufschluss über den Zustand der Fassadenoberfläche, sondern auch Erkenntnisse über die dem Oktogonalbau in Größe und Gestaltung angepassten Fenster im Anbau. Des Weiteren sind Art und Gestaltung der Dachdeckung erkennbar. Sichtbar sind auch die umlaufende Dachrinne und die Fallrohre an der Giebelwand. Das Geländeniveau liegt noch auf Höhe der Fundamentoberkante.

Informationen über die Gestaltung des Innenraums lagen kaum vor. So wurde von einem Dielenboden aus Eichenholz berichtet, welcher die gesamte Kapelle ausfüllte. Die Wandgestaltung des Anbaus war der des Oktogonalbaus angepasst. Die in der Deckenmitte des Oktogonalbaus eingelassene Öffnung wurde geschlossen und die Seilführung über den Dachstuhl des Anbaus an die Giebelseite verlegt. Eine Umlenkrolle und eine Deckenöffnung im hinteren Bereich des Anbaus sowie mehrere Seilführungsösen entlang der Dachsparren bekräftigen diese Behauptung.

Rekonstruierte Aussenansicht des Zustands 1889.
Rekonstruierte Aussenansicht des Zustands 1889.

Rekonstruierte Innenansicht des Zustands 1889.
Rekonstruierte Innenansicht des Zustands 1889.

Renovierung (1952)

Die bislang größte Renovierungsmaßnahme der Kapelle kann genauestens dokumentiert werden. Das Renovierungsdatum ist auf einem keilförmigen Stein, der zentral in den Sandsteinsturz der Tür eingelassen wurde, festgehalten worden. An den beiden Längsseiten des Anbaus wurde der stark bröckelnde Putz abgeschlagen. Zusätzlich sind noch Ausbesserungsarbeiten am Dach vorgenommen worden. Alle Wände des Innenraums wurden beige gestrichen. Die Deckenfelder wurden in weiß gehalten. Im Brüstungsbereich des Oktogonalbaus ist eine Verkleidung aus Faserzementplatten angebracht worden, um dem feuchten Mauerwerk entgegenzuwirken.

Rekonstruierte Aussenansicht des Zustands 1952.
Rekonstruierte Aussenansicht des Zustands 1952.

Rekonstruierte Innenansicht des Zustands 1952.
Rekonstruierte Innenansicht des Zustands 1952.

Die Vertäfelung wurde dem Innenraum farblich angepasst. Um den Innenwänden einen gestalterischen Akzent zu verleihen, wurden die Fensteröffnungen mit einer dunkelbeigen Rahmung versehen und der Brüstungsbereich in gleicher Farbe gestrichen. Die größte Neuanschaffung war ein Holzofen. Für den stählernen Ofen musste extra ein Schornsteinverzug in das Mauerwerk des Anbaus gestemmt werden. Sein Verlauf zeichnet sich noch heute auf der Fassadenrückseite ab. Der verputzte Schornsteinkopf ragte ca. 2,50 m aus der Dachoberfläche. Auf einem Foto aus den 60er Jahren ist die Kapelle mit Schornstein zu sehen.

Bestand (2002)

Seit der Renovierungsphase sind von der Gemeinde Visbeck Reparaturarbeiten in Eigenleistung durchgeführt worden. Teile des Außenputzes, des Daches und der Sandsteineinrahmung konnten ausgebessert werden. Zudem wurde der gesamte Innenraum bis heute mehrmals gestrichen. Der letzte Anstrich erfolgte vor etwa zehn Jahren.

Aufgrund von Feuchtschäden wurden in den 1980er Jahren die Holzdielen entfernt und durch einen Industrieanstrich ersetzt. Als Fußboden dient heute ein beigefarbener PVC-Belag mit Fliesendekor. Zur gleichen Zeit wurde auch der alte Ofen ausrangiert, der Schornstein abgerissen und eine neue Gasheizung installiert.

Zudem wurden zwei Handläufe und eine neue Außenlampe angebracht. Zwei Deckenkronenleuchter sorgen seit 1984 für eine ausreichende Beleuchtung des Kapelleninnenraumes. Die aus Kakesbeck stammende Glocke von 1811 wird seit den 1980er Jahren vollautomatisch betrieben und gesteuert. Eine alte Orgel aus der Kapelle Rödder stand seit 1979 auf der Empore. Bereits 1984 ist diese durch eine neue elektronische Orgel ersetzt worden.

Die Visbecker Gemeinde erhielt 1982 im Wege der Schenkung durch die Kirchengemeinde St. Dionysius in Seppenrade die Kirchenbänke aus der Kapelle Borkenberge. Die alten Kirchenbänke sollen „wahre Marterwerkzeuge“ gewesen sein. Sie stehen heute in der Wallfahrtskapelle in Kevelar.

Der Unterbau des aus der Bauzeit des Oktogonalbaus stammenden barocken Altars mit dem Bild der unbefleckten Empfängnis wurde im Laufe der Jahre erneuert und erweitert.

Fast alle Renovierungsarbeiten und Neuanschaffungen können seit 1952 anhand einer Buchführung dokumentiert werden. In den Akten ist neben den Rechnungen und Angeboten auch der Schriftverkehr mit Firmen festgehalten.

Aussenansicht des Zustands 2002.
Aussenansicht des Zustands 2002.

Innenansicht 2002.
Innenansicht 2002.

Blick zur Eingangstür des Oktogonalbaus (1749).
Blick zur Eingangstür des Oktogonalbaus (1749).

Gleiche Blickrichtung in den erweiterten Kirchenraum (1952).
Gleiche Blickrichtung in den erweiterten Kirchenraum (1952).

Baubeschreibung (2002)

Außenbereich

Die Marienkapelle Visbeck besteht aus zwei Gebäudeteilen, einem 1749 erbauten Oktogonalbau (Achteckbau) und einem im Jahre 1889 errichteten rechteckigen Anbau.

Der Durchmesser des Achteckbaus beträgt oberhalb des Wasserschlags ca. 9 Meter. Die Traufhöhe liegt umlaufend bei 6,50 m ab Fundamentoberkante. Die aus Feldbrandziegel gemauerten und verputzten Wände sind ca. 63 cm stark. Die Eckbereiche sind mit 75 cm breiten vorstehenden Pfeilerverstärkungen ausgebildet, welche statisch unbedeutend sind, jedoch zierende Aufgaben haben. Der Sockel, gebildet durch das 8 cm vorspringende Wandteil unterhalb des Wasserschlages, ist 1 m hoch. Im Bereich der Eingangs- und der Südwestseite liegt sein Fußpunkt auf der Geländeoberkante. Zur Gebäuderückseite hin fällt das Gelände um ca. 70 cm ab, so dass der Sockel mit dem vorstehenden Fundament abschließt. Das Fundament, bestehend aus unvermörtelt aufeinander geschichteten Bruchsteinquadern, tritt treppenförmig hervor.

Ansicht der Marienkapelle und des Anbaus von Nordwesten (2002).
Ansicht der Marienkapelle und des Anbaus von Nordwesten (2002).

Ansicht des Oktogonalbaus von Südwesten und des Anbaugiebels von Nordosten.
Ansicht des Oktogonalbaus von Südwesten und des Anbaugiebels von Nordosten.

Fenster des Anbaus.
Fenster des Anbaus.

Jeweils ein Rechteckfenster mit Sandsteineinrahmung ist in die drei nordwestlich bzw. drei südöstlich ausgerichteten Wandteile zentriert eingelassen. Die Fensteröffnungsmaße betragen H: 2,60 m × B: 1,15 m. Die Fenstereinfassungen bilden Sandsteinquader von ca. 21 cm Breite und 19 cm Tiefe (Laibungstiefe). Die Brüstungshöhe, gemessen von der Oberkante des Wasserschlags, liegt bei 1,30 m.

Die aus flachem Bandstahl gefertigten Rahmen, Riegel und Pfosten bilden das Fensterprofil. Die Aufteilung der Fensterfläche erfolgt über vier Riegel und zwei Pfosten mit unterschiedlichem Abstand. Es entstehen drei entlang der senkrechten Mittelachse zentrierte, quadratische Felder von 65 cm × 65 cm Größe, die den Hauptteil markieren. Den restlichen Teil des Fensters füllen schmale Glassegmente von 20 cm Breite aus. Jedes Feld besteht zudem aus mehreren rautenförmigen getrübten Glaselementen, welche durch eine Bleieinfassung miteinander verbunden sind.

Den Übergang der Fassade zum Hauptdach mit ca. 40 cm Dachüberstand bildet ein profiliertes Holzgesims. Das schiefergedeckte Zeltdach von ca. 4,30 m Höhe findet seinen oberen Abschluss in einem Glockendachreiter mit Kupferhaube und Wetterfahne.

Die acht Seiten des Dachreiters werden fast vollständig von Rundbogenfenstern mit Holzlamellen ausgefüllt. Die restlichen Flächen werden mit Schieferplatten abgedeckt. Im Übergang des Hauptdaches zum Dachreiter ist ein ca. 20 cm breites Bleiband angeschlagen. Eine schlichte Traufschalung verbindet das leicht nach innen gewölbte spitzzulaufende Kupferdach mit dem Glockenstuhl. Die Spitze krönen ein stählernes Kreuz und eine Wetterfahne.

Dachpfannen des Anbaus hergestellt von der Ziegelei C. Aug. Muss & Jansen, Lüdinghausen 1889.
Dachpfannen des Anbaus hergestellt von der Ziegelei C. Aug. Muss & Jansen, Lüdinghausen 1889.

Der Anbau mit den Ausmaßen von 10,40 m × 5,40 m erstreckt sich in Nordostrichtung und grenzt mit seiner Südwestseite an den ehemaligen Eingangsbereich des Altbaus. Die beiden Längsseiten weisen Ziegelsichtmauerwerk auf. Die Giebelseite ist wie der Oktogonalbau verputzt. Das Mauerwerk über dem Wasserschlag ist 56 cm stark. Die Traufhöhe und der Dachüberstand sind dem Achteckbau angepasst. Das ca. 3 m hohe Satteldach ist mit dunklen Dachpfannen gedeckt und an seiner Südwestseite mit dem Hauptdach des Altbaus verbunden.

Blick in den Dachstuhl des Oktogonalbaus mit den Ständern des Glockendachreiters.
Blick in den Dachstuhl des Oktogonalbaus mit den Ständern des Glockendachreiters.

Der Giebel, als Wandscheibe ausgebildet, ragt ca. 50 cm über die Dachoberfläche hinaus und ist ebenfalls mit Dachpfannen gedeckt. Im Bereich des profilierten Holzgesimses verbreitert sich die Giebelwand stufenförmig nach oben und bildet mit dem Dachüberstand einen ebenen vertikalen äußeren Abschluss. Eine Abdeckplatte begrenzt diesen Aufbau horizontal. Die zwei Vorsprünge heben sich aufgrund ihrer verputzten Oberfläche von der Klinkerfassade ab. Das Giebeldreieck schließt an seiner Spitze mit einem gemauerten Aufbau und seitlich überstehender Abdeckplatte ab.

Der Eingangsbereich liegt in der Nordwestfassade in unmittelbarer Nähe zum Oktogonalbau. Das Öffnungsmaß beträgt B: 1,50 m × H: 2,90 m. Drei Natursteinstufen von jeweils 20 cm Höhe überbrücken das Niveau zwischen der Geländeoberkante und dem Fußboden des Kapelleninnenraumes. Zwei an der Wand befestigte einfache Handläufe folgen dem Treppenverlauf.

Die Einfassung des Portals wurde an die der Einrahmungen der Fenster angepasst. Sandsteinquader zieren auch hier die Wandöffnung. Der Besucher betritt die Kapelle durch eine schlichte doppelflügelige Eichenholztür. Die beiden Türblätter sind ca. 2,20 m hoch und weisen eine diagonal gegenläufig angeordnete Verblendung auf. In den oberen Teil der Türöffnung ist ein vergittertes Oberlicht eingelassen. In dessen Mitte wurde ein flaches schmiedeeisernes Kreuz platziert. Im Bereich des sandsteinernen Türsturzes findet man einen keilförmigen Renovierungsstein. Auf ihm ist neben dem Renovierungsdatum von 1952 noch das Wappen der Familie Droste Vischering aufgeführt. Links neben dem Eingang, auf Höhe des Oberlichtes, ist eine Außenlampe angebracht. Eine darunter befindliche Schrifttafel informiert den Besucher über das Erbauungsdatum, den Erbauer und den ehemaligen Besitzer der Kapelle.

Eingangsbereich zum Anbau der Kapelle.
Eingangsbereich zum Anbau der Kapelle.

Die Fenster wurden in Größe und Gestaltung von denen des Oktogonalbaus übernommen. Die Brüstungshöhen sind ebenfalls beibehalten worden. Die einzige Ausnahme bilden die gemauerten Segmentbögen über der Tür und über den drei Fenstern an den Längsseiten, die aufgrund der unverputzten Wandoberfläche sichtbar sind. Zentriert zwischen Eingangstür und Giebelwand liegt das einzige Fenster der Nordwestfassade. Neben dem mittig eingelassenen Fenster der Giebelwand befinden sich noch zwei Fenster in der Südostfassade. Diese liegen dem Eingang und dem Fenster der Nord-Westfassade genau gegenüber. Ein weiteres, jedoch für den Innenraum unbedeutendes Rundfenster von ca. 65 cm Durchmesser befindet sich zentriert in dem unteren Drittel des Giebeldreiecks.

Im Eckbereich von Südostfassade und Oktogonalbau ist noch der Schornsteinverzug des seit Anfang der 1980er Jahre ausrangierten Ofens zuerkennen. Der Verzug hebt sich durch die Unterbrechung des gemauerten Kreuzverbandes von der übrigen Fassadenstruktur ab.

An der Südost- bzw. Nordwestfassade befinden sich unterhalb des Gesimsholzes jeweils 3 Balkenanker mit gleichem Abstand zueinander. Zwei weitere Zuganker lassen sich auf einer Linie mittig des Giebeldreiecks unweit der Dachkante wiederfinden.

Querschnitt durch Anbau und Oktogonalbau von Nordwesten.
Querschnitt durch Anbau und Oktogonalbau von Nordwesten.

Das ebenfalls sichtbare Fundament des Anbaus ist gegenüber dem des Altgebäudes geordneter, da die Bruchsteine vermörtelt sind und eine ebene Wandfläche bilden.

Innenraum

Betritt der Besucher den Oktogonalbau durch den gestelzten Rundbogen, so blickt er direkt auf den barocken Altar. Dieser ist aus Eichenholz gefertigt und stammt noch aus der Erbauungszeit.

Im unteren Teil der Südwestwand, welche fast vollständig von dem 1 m vorgezogenen Altar verdeckt wird, befindet sich eine ca. 2,20 m breite und brüstungshohe Nische, die für die Aufbewahrung der Messeutensilien verwendet wird.

In den übrigen Wänden lassen sich die sechs zentrierten Fenster wiederfinden, welche für eine gute Belichtung des Raumes sorgen. Die Brüstungshöhe beträgt ca. 1,70 m. Die Fensteröffnungen enden jeweils in einem niedrigen Stichbogen. Der gesamte Innenraum ist beigefarben gehalten. Der holzvertäfelte Brüstungsbereich und die Deckenkehlen (Vouten) heben sich durch einen dunkleren Beigeton ab. Die Fensterrahmungen und die sich zum Raum öffnenden Fensterleibungen sind ebenfalls in einem dunkleren Beige gestrichen. Das Stahlprofil der Fenster ist anthrazitfarben lackiert. Die Zwischenräume der Kassettendecke aus eichenhölzernen Zierleisten sind weiß. In dem kleinen zentralen Deckenfeld befindet sich eine schlichte Malerei. In den Deckenkehlen lassen sich bei genauerem Hinschauen die Umrisse von Bildmedaillions, die im Zuge von Renovierungsmaßnahmen überstrichen worden sind, erkennen.

Im gesamten Innenraum des Oktogonalbaus sind kaum schmückende Elemente zu finden. Lediglich ein von der Decke hängender Kronenleuchter und vier hölzerne Heiligenfiguren zieren das Innere. Die ca. 1,20 m großen Statuen stehen auf großen Holzkonsolen. Diese sind auf Höhe der Fensterbank jeweils zwischen den ersten beiden, bzw. zwischen dem zweiten und dritten Fenster der Nordwestwand und Südostwand angebracht. Die umlaufend, ca. 25 cm hohe profilierte Holzfußleiste ist braun gestrichen. Der Fußboden des gesamten Kapelleninnenraumes besteht aus PVC mit beigefarbenem Fliesendekor.

Der Anbau, der durch den 3 m breiten und 4,50 m hohen Rundbogen mit dem alten Gebäudeteil verbunden ist, ist farblich mit dem Oktogonalbau abgestimmt. Den Bogen selbst ziert ein aufgemalter Mauerverband.

Der Brüstungsbereich ist im Vergleich zum Oktogonalbau nur farblich abgesetzt und die Fensterstürze sind waagerecht angeordnet. Lediglich die Türöffnung schließt mit einem Segmentbogen ab. Die beiden strukturlosen Türblätter sind durch ein ca. 15 cm breites umlaufendes Holz gerahmt. Die Türbeschläge und Scharniere sind schmiedeeisern.

Die Deckenbalken, welche ca. 18 cm in den Raum ragen, sind mit Holz verkleidet. Im Bereich der Kanten sind diese profiliert und farblich abgesetzt. Für einen dezenten Übergang von Balken und Decke bzw. Wand und Decke sorgen profilierte Winkelleisten. Die einzelnen Deckenfelder sind weiß gehalten. Die Fußleisten sind schlichter, jedoch in der Höhe und Farblichkeit denen des Oktogonalbaus angepasst.

Zu den wenigen schmückenden Elementen zählen ein weiterer Deckenkronenleuchter und ein ca. 50 cm großes Holzkreuz. Das Kreuz steht auf einer gegenüber dem Eingang an der Wand befestigten Konsole.

Eine Empore nimmt den Platz im hinteren Teil des Anbaus ein. Sie wurde ursprünglich für den Gemeindechor errichtet und dient heute als Orgelempore. Eine einläufige, viertelgewendelte, ca. 1 m breite Holztreppe an der Nordwestwand führt auf das hölzerne Podest in 2,90 m Höhe. Dieses findet seinen vorderen Abschluss auf Höhe der hinteren Längsseitenfenster. Massive Eichenbalken, deren Köpfe in das Mauerwerk der Längswände eingelassen sind, überspannen den Innenraum und bilden die tragende Konstruktion. Ein Dielenfußboden macht das Podest begehbar. Die ca. 1,30 m breite und 1,60 m hohe Orgel aus hellem Holz steht zentriert an der Podestvorderkante. Zwei Brüstungsgeländer aus Eichenholz schließen die Lücken zwischen Orgel und Längswänden.

Unter der Orgelempore steht ein gotischer Beichtstuhl.

Quellenangaben

Die Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Coesfeld, bearb. von Adolf Ludorff, Münster 1913 (Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, Bd. 36).

Heinz Braun, Formen der Kunst. Eine Einführung in die Kunstgeschichte, München 1974.

Barbara Busskamp, Johann Conrad Schlaun 1695 – 1773. Die Sakralbauten, Münster 1989 (Schlaunstudie V).

Dieter Dolgner, Historismus. Deutsche Baukunst 1815 – 1900, Leipzig 1993.

Hans Koepf, Bildwörterbuch der Architektur, Stuttgart 1985 (Kröners Taschenausgabe 194).

Florian Matzner/Ulrich Schulze, Barock in Westfalen. Ein Reiseführer, Münster 1995.

Werner Müller/Gunther Vogel, dtv-Atlas zur Baukunst. Tafeln und Texte, 2 Bde., München 1990.

Karl E. Mummenhoff, Die Baudenkmäler in Westfalen. Kriegsschäden und Wiederaufbau, Dortmund 1968.

Karl E. Mummenhoff, Die Profanbaukunst im Oberstift Münster von 1450 bis 1650, Münster 1961 (Westfalen, Sonderheft 15).

Karl E. Mummenhoff, Wasserburgen in Westfalen, Münster 1985.

Christian Norberg-Schulz, Architektur des Barock, Stuttgart 1975.

Johann Conrad Schlaun 1695 – 1773. Ausstellung zu seinem 200. Todestag, 21. Oktober-30. Dezember 1973, Landesmuseum Münster, hg. von Klaus Bussmann, Münster 1973 (Schlaunstudie I).

Johann Conrad Schlaun 1695 – 1773. Schlaun als Soldat und Ingenieur, hg. von Ulf-Dietrich Korn, Münster 1976 (Schlaunstudie III).

Gundolf Winter, J.C. Schlaun. Das Gestaltungsprinzip und seine Quellen, Münster 1973 (Schlaunstudie II).

Die vollständige, im Lehrgebiet Baugeschichte des Fachbereichs Architektur der Fachhochschule Dortmund entstandene Diplomarbeit „Die Marienkapelle in Visbeck“, mit einer aufwändig gestalteten dreidimensionalen Animation zahlreicher Baudetails kann im Stadtarchiv Dülmen eingesehen werden.

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