Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2004

Hanne David

Torfstich der Hausdülmener Einwohner im Lavesumer Venn

Mit Schreiben vom 7. März des Jahres 1780 informiert die Hochfürstliche Hofkammer zu Münster ihren Amtsrentmeister zu Dülmen, dass sie beabsichtige, den ihr zugefallenen Anteil im Lavesumer Venn ausbeuten und den dort lagernden Torf abbauen zu lassen, um hieraus Einnahmen für ihre Staatskasse zu erzielen. Dem Amtsrentmeister wurde befohlen, mögliche Interessenten zunächst aufzuschreiben, die bereit und willens wären, auf der der Hofkammer gehörenden Fläche des Lavesumer Vennes Torf zu graben. Er sollte die Interessenten anhalten, auf den ihnen ausgewiesenen Distrikten den "Erdbrand" (Torf) völlig abzugraben und den abgetorften Boden zu planieren. Der gewonnene Torf sei sodann zum Trocknen in Haufen aufzuschichten. Ferner hatten die Interessenten einen Abzugsgraben auszuwerfen und offen zu halten. Der Amtsrentmeister erhielt die Anweisung, vor der Abfuhr des trockenen Torfes die Menge zu Fudem zusammenzustellen und je Fuder 7 Schilling zu kassieren. Über den Verkauf hatte er Protokoll zu führen und dieses genehmigen zu lassen. Auch erhielt er die gesamte Aufsicht über die von der Hofkammer initiierten Torfabbauarbeiten. Darüber hinaus beauftragte die Hofkammer ihn, von der Kanzel der Kirche bekannt geben zu lassen, dass das Torfvenn zu Lavesum inzwischen geteilt sei und keiner sich unterstehen solle, auf der der Hofkammer gehörenden Fläche ohne Erlaubnis Torf abzugraben oder von anderen mit Erlaubnis gestochenen Torf abzufahren. Verstöße würden bestraft und zu Unrecht abgefahrener Torf müsse ersetzt werden.1

Es muss beim Torfabbau auf dem Areal der Hofkammer aus dessen Sicht wohl nicht alles wie geplant gelaufen sein, denn bereits am 29. August 1780 berichtet die Hofkammer dem Amtsrentmeister, dass die Eingesessenen zu Düllman auf unsem Torfvenne Erdbrand einen Weg gemacht und vielen Torf gestochen hätten. Deshalb erhalte er hiermit den Befehl, darüber auf Eid  und Pflichten in Zeit von 8 Tagen zu berichten.2 Danach scheint auf der Fläche der Hofkammer beim Torfabbau insofern eine gewisse Ordnung hergestellt worden zu sein, als in einer Aufstellung aus dem Jahre 1780 oder 1781 die abzutorfende Fläche in Streifen von 4 Ruthen Breite und 48 Ruthen Länge eingeteilt wird und diese Streifen zum Abgraben verpachtet werden.3 Daneben diente diese Einteilung auch der Abführung des Wassers und der geringst möglichen Störung der verschiedenen Torfstecher.

Als erstes losten die auf dem Amtshaus Düllmenschen Eingesessenen ihre Torfbahn. Diese listete man in einer Aufstellung unter den Nummern 1-45 auf. Bemerkenswert ist dabei, dass zu den Namen der Hausdülmener Bewohner auch schon ihre jeweilige Hausnummer festgehalten wurde. Nur ein Einwohner hatte noch keine eigene Hausnummer, denn in der Aufstellung heißt es bei ihm: Henn Broickman neuer anbauling und noch nicht numerirt. Nach den Einwohnern Hausdülmens losten noch 8 Pächter aus den umliegenden Ortschaften ihre Streifen zum Abtorfen. Nach dem so jeder sein Los gezogen und die damit verbundenen Bedingungen anerkannt und diesen nachzukommen versprochen hatte, schloss man die Verpachtung ab. Die neuen Pächter haben sich offensichtlich umgehend an die Arbeit gemacht und auf den ihnen zugewiesenen Geländestreifen ihren Torf gestochen und in Huesten oder Kauen zum Trocknen aufgestellt, denn bereits im folgenden Jahr berichtet Constantin Jos. Becker, der sein Schreiben als Amtsvogt unterschreibt, dass er sich auf Befehl des Herrn Amtsrentmeisters auftragsgemäß in das Lavesumer Venn begeben habe, um die auf dem Hochfürstlichen Anteil des Lavesumer Vennes aufgeschichteten Torfhuesten eines jeden Pächters zu zählen und zu notieren. Er habe auch einen mit drei Pferden als Zugtiere bespannten Wagen ordentlich voll laden lassen und befunden, dass fünf Huesten ein Fuder ergäben. Auf dieser Grundlage rechnete er den gestochenen Torf für jeden einzelnen Pächter in Fuder um. Die Pächter hatten zwischen einem und fünf Fuder Torf gestochen und mussten je Fuder 9 Schilling und 4 Pfennig bezahlen. Die insgesamt berechneten 109 Fuder Torf erbrachten demnach 36 Taler, 9 Schilling und 4 Pfennig.4

Die Verpflichtung der Pächter, den Torf auf den ihnen zugewiesenen Streifen völlig abzugraben, war wohl nicht einzuhalten. In einem Schreiben der Hofkammer vom 4. Juli 1783 an den Amtsdrosten zu Dülmen äußert sie Verständnis für die Erklärung der Pächter, dass es ihnen unmöglich sei, den Torf bis auf den Grund auszustechen, weil sie das Wasser nicht ableiten könnten.5 Der Amtsrentmeister hatte diese Aussage bestätigt, jedoch auch geäußert, dass durch das Anlegen einiger Gräben der Torf zwar nicht ganz, aber doch insgesamt 4 Fuß tiefer abgegraben werden könnte. Deshalb erhielt er die Anweisung, für den Bau der Gräben eine Kosten Nutzen Berechnung zu erstellen. Auch solle er überprüfen, ob mit Hilfe einer in Friesland und Holland sehr gebräuchlichen Schöpfmühle, welche vom Wind getrieben wird, das Wasser abgeleitet werden könnte und darüber berichten.

Der Torfstich im Lavesumer Venn ist für die Hausdülmener Einwohner auch vor der Zeit um 1780 offensichtlich gängige Praxis gewesen, wie ein Protokollauszug über den gehaltenen Hölting (Holzgericht) in der Lavesumer Mark am 7., 8. und 9. August 1775 zeigt.6 Nachdem beklagt wurde, das die Eingesessenen des Hauses Dullman sich unterstunden, ihren Torfbrand aus der Lawesumer Marck zu hohlen, stellte sich nach einer Untersuchung heraus, dass man ihnen die Erlaubnis dazu gegeben und sie das Venn gar schon für die Jahre 1736, 1737, 1738 und 1739 für vierzehn Schillinge gepachtet hätten. Den Pächtern habe man für die Torfabfuhr einen Weg zugewiesen, den sie bei Strafandrohung einzuhalten hätten.

Obwohl die Abfuhrwege festgelegt waren, gab es doch wiederholt Streit um die Benutzung und das Offenhalten dieser Wege. Insbesondere zwischen den Hausdülmener Pächtern und den Inhabern der Lavesumer Mark kam es wiederholt zu Wegestreitigkeiten. So ist ein Streit aktenkundig geworden, der in zahlreichen Schreiben über mehrere Jahre die zuständigen Verwaltungen beschäftigte. Es wird berichtet, dass der eigenhörige Zeller (Bauer) H. aus der Lavesumer Mark sich vor kurzem erfrechte, von dem Pächter Bernard Brockman aus Haus Dülmen "ein bey sich gehabte Lichte (Tragehilfe) und Strick fortzunehmen, und drohete sogar mehnnalen deren Tochter mit einen Stecken zu schlagen, wenn sie vorgemeldete Sachen in der guten (im Guten) nicht abgeben würde. Ja, gar wurde sie, da sie die Abgabe ferner weigerte von demselben zu Boden gestoßen, und so die Stricke gewaltsamerweise abgenommen.7 Der Schreiber, offensichtlich ein Angehöriger der Amtsrentmeisterei, fährt fort, er habe gleich nach der eingereichten Klage dem Zeller H. unter Androhung von fünf Reichstalern Strafe befohlen, sofort dem Brockman die ihm abgenommenen Sachen wiederzugeben oder sich wegen der geschehenen Abnahme noch zu rechtfertigen. Der Beklagte habe aber weder das eine noch das andere getan. Im weiteren Verlauf äußert er u.a., dass durch solches eigenmächtiges und widerrechtliches Verhalten die zukünftige Verpachtung des Torfvenns schwerer werde und bei der geschehenen Teilung jedem Interessierten ein Weg zum Abfahren des Torfes stillschweigend zugestanden worden sei. Der Schreiber bittet die Hofkammer, ihrem zuständigen Markenrichter den Befehl zu erteilen, sämtlichen Lawesumer Eingesessenen eine … scharfe Straf bedeuten zu lassen, dass sie den Pachteren (Pächtern) des fürstlichen Vennes die zum Abfahren des Torfs erforderlichen Wege … ruhig und ohngestört brauchen lassen sollen. Den Zeller H. aber möge man wegen seines eigenmächtigen und gewaltsamen Verfahrens und bewiesenen Ungehorsams in die angedrohte Strafe von 5 Reichstaler nehmen und zur Herausgabe der dem Pächter Brockman abgenommenen Lichte und der Stricke anhalten.

In weiteren Schreiben, die bis in das Jahr 1800 reichen, versucht man zu klären, ob Abfahrtswege vorgesehen sind und welchen Verlauf sie nehmen.8 Zu diesem Zweck schaut man in älteren Protokollen nach, bittet den Markenrichter um Stellungnahme und bemüht sich um nähere Klärung des Vergehens. Schließlich ist auch noch zu klären, ob tatsächlich der Weg benutzt wurde oder ob dem Pächter die Lichte und die Stricke nur abgenommen worden seien, weil er die Karre nicht auf dem Weg, sondern auf dem Grasgrund neben dem Weg gezogen habe. Die Hofkammer gibt dazu zu bedenken, wenn man den Pächtern das Fahren mit einer (einrädrigen) Handkarre auf dem Grasgrund erlaube, eine kleine zweirädrige Karre keinen Unterschied mache. Bei einer mündlichen Vernehmung des Zellers Joan Herm. H. gab dieser an, die Lavesumer Eingesessenen hätten den Pächtern des Hochfürstlichen Torfvennes einen anderen Weg nach Haus Dülmen zugestanden. Bernard Brockman aber habe nicht diesen zugewiesenen Weg am Grasgrund entlang genommen, weshalb er ihm Lichte und Seil abgenommen habe. Brockman bestätigt später bei einer Befragung diese Aussage. Aus weiteren Schreiben aus der Amtsrentmeisterei erkennt man den Willen, den um die Wege entbrannten Streit zu Gunsten der Hausdülmener Torfstecher zu lösen, denn sie schreiben, es sei gänzlich unmöglich, den von den Lavesumer Eingesessenen zugewiesenen Weg wegen des allda obhandenen tiefen Sandes zu gebrauchen und mithin der Weg über den Grasgrund, worin sie selbsten das Weiderecht haben, unentbehrlich. Wie dieser Streit letztendlich beendet wurde, geht aus den vorhandenen Unterlagen nicht hervor. Doch ist anzunehmen, dass die Hofkammer schon aus eigenem finanziellem Interesse eine weitere Abtorfung ihres Anteils am Venn und eine Abfuhr des trockenen Torfes möglich machte. Wie beschwerlich die Abfuhr des getrockneten Torfes war, mag man der sinngemäßen Formulierung entnehmen, dass die geringen Leute den gestochenen Torf zum größten Teil auf Handkarren nach Hause schafften und dadurch die Abfuhr durch Pferd und Wagen einsparten. Zudem konnten sie die meiste Zeit des Jahres kaum Pferde haben, da nur rund 7 der Einheimischen ein Pferd besaßen.

1. Herzoglich Croÿ’sches Archiv, Hofkammerarchiv, A 457: Schreiben der Hochfürstlich Münsterischen Hofkammer an den Amtsrentmeister zu Dülmen vom 7. März 1780.

2. Ebd., Schreiben der Hochfürstlich Münsterischen Hofkammer an den Amtsrentmeister zu Dülmen vom 29. August 1780.

3. Ebd., Aufstellung über Verlosung der Torfbahnen aus dem Jahre 1780 oder 1781.

4. Ebd., Aufstellung über Torfverkauf. Schreiben Constantin Jos. Becker von 1781.

5. Ebd., A 458, Schreiben der Hofkammer an den Amtsrentmeister vom 4. Juli 1783.

6. Ebd., Extractus Protocollus über gehaltenen Höltzung in der Lawesummer Marck am 7., 8. und 9. August 1775.

7. Ebd., Briefentwurf vom 20. Oktober 1797.

8. Ebd., Schreiben vom 27. Februar 1798, vom 3. April 1798, vom 28. August 1798, vom 25. September 1798, ohne Datum, vom 28. Oktober 1798, vom 30. April 1799, vom 24. Mai 1799, vom 28. Juni 1799, vom 27. Juni 1800.

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