Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2005

Otto Kruck

1945 — Dülmen vor 60 Jahren

Das Kriegsende vor 60 Jahren veranlasste den Autor zu einem Besuch im Stadtarchiv Dülmen. Anhand der in der Fotosammlung vorhandenen Luftaufnahmen der englischen Luftaufklärung vom Februar und März 1945 stellten sich viele Erinnerungen ein. Existieren für den Bereich der Altstadt zahlreiche Zeitzeugenaussagen, so liegen von den Ereignissen am nördlichen Stadtrand längs der Münster Straße zwischen Kolpinghaus und Ziegelei Kirschner bisher kaum Aussagen vor.

Otto Kruck wurde 1935 im letzten Haus Dülmens an der Münster Straße geboren. In seinen Erinnerungen "Meine Kindheit und Jugend in Dülmen" hat er seine Lebensgeschichte im Zeitraum zwischen 1935 und 1955 aufgezeichnet. Die Ziffern im Text beziehen sich auf die Nummern in dem Luftbild.

Die Redaktion

Es war Freitag, der 9. Februar 1945, als der Krieg uns direkt an der Münster Straße mit einem Luftangriff erreichte. Mein Elternhaus (14) war nicht mehr bewohnbar. Direkt vor dem Haus und daneben waren Bomben eingeschlagen. Das Nachbarhaus Pierick war von der Wucht der Bombe vor dem Haus in sich zusammengestürzt und Frau Pierick war das erste Bombenopfer von dem ich hörte. Es sollten noch zwei weitere Luftangriffe am Samstag und Sonntag folgen, von denen es danach im Londoner Rundfunk hieß: „Das Nachschublager für Arnheim und Nimwegen bei Dülmen wurde mit Erfolg bombardiert.“ Im Tagebuch der Deutschen Wehrmacht kann man lesen, dass zwischen 250 und 350 viermotorige Bomber mit Jägerbegleitschutz das Dülmener Umfeld bearbeitet haben sollen.

Heute will ich aus der Erinnerung anhand der Luftaufnahme vom März 1945 die Dinge beschreiben, wie ich sie erlebt habe.

Die Ziegelei Kirschner (2) wurde mit Lehm aus dem Lehmstich (1) im Bereich des heutigen Autobahnzubringers zur A 43 versorgt. Man kann auf der Luftaufnahme noch die Schienenführung vom Lehmstich zur Ziegelei erkennen. Mit von Pferden gezogenen Loren wurde der Lehm zum Ziegelofen hochgezogen. Flakstellungen mit massiven, im Boden eingelassenen Unterkünften für die Bedienung der Geschütze waren aus Ziegel gebaut und mit flachen Dächern versehen (5, 6 und 10). Der Flakleitstand (10), direkt an der Steinkuhle war umfangreicher erbaut. Hier stand das Geschütz auf dem Wohnbereich und nicht neben der Unterkunft. Dieser Leitstand wurde nach dem Krieg als Wohnung verwandt und besteht heute noch als schmuckes Wohnhaus östlich der Ostlandwehr. Hinter der Stellung (5) stand ein achteckiger Holzturm mit klarer Sichtkanzel und einem Ring im Inneren mit Ziffern. Hier war ich im Jahre 1944 oft bei einer Wehrmachtshelferin aus Wattenscheid, die dort den Luftverkehr der „feindlichen Flieger“ zu melden hatte. Einige Male mussten wir uns in den Munitionsschacht für die Flakgranaten flüchten, wenn die „Lustigen Acht“ — so nannten sich die Tiefflieger auf Flugblättern — uns mal wieder aufs Korn nahmen und beschossen.

Luftaufnahme englischer Aufklärer des nördlichen Stadtbereichs vom 21. März 1945
Luftaufnahme englischer Aufklärer des nördlichen Stadtbereichs vom 21. März 1945
Auf die Ziffern wird im Text verwiesen.

Ein Maschinengewehr mit Bedienung durch die Heimatflak (7) wurde von einem Oberfeldwebel betreut, der im Afrikafeldzug einen Arm verloren hatte, aber noch zur Führung der mit Hakenkreuzarmbinden versehenen Hitlerjungen am MG eingesetzt war. Ich kam, als noch zu jung, nur als Maskottchen dazu, den Pfahl des MG festzuhalten. So hatte der Oberfeldwebel mich unter Kontrolle. Bei den Tieffliegerbesuchen konnte ich so mein Leben nicht unnütz riskieren.

Erdstellung einer 2-cm-Flak beim Haus Osthof
Erdstellung einer 2-cm-Flak beim Haus Osthof

An der früheren Ringstrasse (heute Ostlandwehr) war zu Beginn des Krieges eine leichte Flak aufgebaut (9). Auch hier war ich mit knapp vier Jahren Maskottchen, und es besteht noch ein Foto von mir mit einer Wehrmachtsjacke gekleidet, auf dem Kopf einen Stahlhelm und einen Karabiner mit aufgepflanztem Seitengewehr haltend. Eine zweite Aufnahme, wo ich das Geschütz als Karussell benutze, existiert leider nicht mehr. Von uns Kindern wurde gern ein aus Holz gebauter Flakhochstand mit Treppe und Wachbude auf halber Höhe als Spielplatz benutzt (12). Heute ist dort die Ecke Ostlandwehr/An der Steinkuhle. Ein Scheinwerfer (17) stand teilweise an der heutigen Ecke Anna-Katharina-Emmerikstraße/An der Steinkuhle. Hier befand sich nach dem Krieg lange Zeit eine Nissenhütte, die als Behelfswohnung diente. Massive Wehrmachtsunterkünfte aus Stein (8) waren auch am alten Zigeunerweg (heute Nordlandwehr) errichtet worden.

Mein Elternhaus (14) aus dem Jahre 1899, erbaut von der damaligen Firma Kirschner, war schon nach dem ersten Luftangriff am 9. Februar 1945 nicht mehr bewohnbar. Es steht aber heute noch gegenüber der Tankstelle und neben dem Geschäft Lidl, wo sich das 1945 zerstörte Wohnhaus der Familie Pierick befunden hatte. Die alte Frau Pierick hatte nur noch tot aus den Trümmern des ehemaligen Hauses geborgen werden können. Im Eingangsbereich des heutigen Geschäftsgebäudes Lidl war nach dem Angriff ein riesiger Bombentrichter. Vor dem Bereich, in dem sich heute die Autofirma Bleker befindet, war am Sonntag, den 11. Februar 1945, eine Bombe Ursache dafür gewesen, dass Anton Wilkesmann, der den Polenfeldzug unter Opferung eines Armes überstanden hatte und an der Merfelder Straße die Schranken der Eisenbahn auf und zu drehen durfte, nur noch tot an der Hecke beim Hause Bockey gefunden wurde (15). Er traute sich nicht in den behelfsmäßigen Luftschutzkeller. Frau Wilkesmann zeigte ihn meiner Mutter und mir, indem sie die Decke von seinem Körper hob. Er sah eigentlich unverletzt aus. Der Luftdruck der Bombe soll ihm die Lunge zerrissen haben. Ein Verwandter von mir, Weckermann, hatte zusammen mit dem Besitzer des Hofes Schulte Wien am Vortag sein Leben verloren, als beide versuchten, die Schäden des ersten Angriffs an dem Hofe (3) etwas zu beheben. Weckermann wohnte im Kotten von Schulte Wien (4) und war Polizist. Nach dem Krieg war eine Zeit lang noch das Grab eines gefallenen deutschen Soldaten an der Ecke Münsterstraße/Anna-Katharina-Emmerickstraße im Garten des Hauses Jasper (16) zu sehen. Von den alten Posthäusern (18) stehen heute noch zwei. Die Kleingärten (19), gepachtet vom Herzog von Croÿ, haben gerade in der Nachkriegszeit gute Ernährungsergänzung zu den geringen Kalorienmengen geboten. Heute versorgt dort im Industriebereich McDonalds hungrige Mäuler mit seinen Produkten.

Aufnahme des Hauses Münster Straße Nr. 183 aus dem Jahre 1912
Aufnahme des Hauses Münster Straße Nr. 183 aus dem Jahre 1912

Die alte Badeanstalt (20) hatte während meiner Kindheit nie Wasser. Der Tiberbach wurde aber davor gestaut und dort wurde eifrig geplanscht wie in der Steinkuhle (11), die für uns Kinder angenehm durch ein paar Bombentrichter erweitert worden war. Neben der Badeanstalt, bis etwa zur Bahnstrecke, war nach dem Wehrmachtszusammenbruch ein Auffanglager für deutsche Kriegsgefangene (21).

Alte Badeanstalt am Ostdamm
Alte Badeanstalt am Ostdamm

Auf dem Abstellgleis der Bahnstrecke (23) stand noch lange Zeit ein geschlossener Güterwagen mit Munition der Wehrmacht. Die Pulverstangen der schweren Granaten wurden gern genommen, um sie zerkleinert zum Feuer anzünden zu verwenden. Ich erlebte allerdings auch, wie Jugendliche eine Stange in einen fast leeren Benzinkanister zündeten und dieser im hohen Bogen durch die Gegend flog.

Von dem Holzlager Kirschner (22) erhielten wir unser „Anmachholz“ zum Anzünden des Herdes. Es war Abfallholz und konnte in Bollerwagen gekauft und abgeholt werden. Am heutigen Hülsenweg stand schon seinerzeit ein Bauernhaus von Alfons Strietholt (13), das später zu einer Gartenwirtschaft und zu einem Restaurant umgebaut wurde.

Im Jahre 2005 erkennt man auf der Karte eine durch die Bebauung stark veränderte Landschaft. Wo früher die Wiesen und Felder vom Bauern Schulte Wien lagen, liegt das Bebauungsgebiet rund um den Tiberberg, Ostfeldmark, Worth und Nienkamp. Wo seinerzeit die leichte Flak stationiert war (9), beginnt heute, die Straße Auf dem Quellberg vom Ostdamm abzuzweigen, der früher nur die Ringstraße hieß. An der Abzweigung des Berghover Wegs von der Ostlandwehr war der „Ascheberg“, eine Müllkippe von Dülmen. Im Bereich der 8,8 cm Geschützstellungen (5, 6) liegt heute das Industriegebiet, unter anderem mit dem Kaufhaus Real und der Firma Tobaccoland.

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