Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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Ralf Oldenburg

Die Beziehungen des Dichters Max von Spiessen zu Dülmen

Die Beziehungen des Dichters Max von Spiessen zu Dülmen

Der Vater, Levin von Spiessen (1800-1879), Sohn des Hauptmanns Ludwig August von Spiessen (1747-1830) und der Florentine von Tassigny (1758-?) wurde, nachdem er bereits 1823 in die juristische Laufbahn eingetreten war, als Assessor 1840 nach Dülmen versetzt und arbeitete dort als Kreisrichter zwischen 1849 und 1877, bevor er sich ins Privatleben zurückzog. Max von Spiessen erinnert sich in "Tante Kläres Raritäten": Mein Vater war als Beamter in das kleine Nest versetzt worden (…). Dem Vater geht es trotz seiner 79 Jahre gut; er hält sich prächtig und ich sehe ihn jeden Mittag punkt 3 Uhr, spazieren gehen.

Zuvor hatte Spiessens Vater am 23. Mai 1839 Maria Aloysia Engelberta von Rump zu Dellwig (1817-1868) geheiratet. Das Paar lebte in Dülmen zunächst in der Lüdinghauser Straße Nr. 119, dem Sitz des letzten fürstbischöflich-münsterischen Amtsrentmeisters Clemens Mersmann.1 Später zog man zur Miete in ein Haus auf der Münsterstraße 64 in Marktplatznähe.2 Aus dieser Ehe gingen insgesamt sechs Kinder hervor: August von Spiessen, der Erstgeborene, starb mit nicht einmal acht Monaten (31. Januar  - 13. September 1843); der Zweitgeborene, nach ihm benannte August von Spiessen, wurde am 15. September 1844 geboren und war um 1880 königlicher Forstmeister in Winkel im Rheingau. Er heiratete in Rudolstadt am 5. Oktober 1875 Maria von Bertrab (1854-1938) und starb zu Eltville am 13. Januar 1915. Am 26. Juli 1847 feierte die Familie von Spiessen die Geburt ihres dritten Kindes, das sie Clemens nannte. Dieser starb unverheiratet als Regierungsbeamter am 18. Juli 1884 in Metz. Karl, geboren am 22. Februar 1849, wurde am 5. Januar 1875 zum Priester geweiht und war ab dem 1. Juli 1875 Kaplan in Bensheim/Hessen, wo er am 5. Mai 1884 starb. Es folgte Max von Spiessen, der am 22. Juni 1852 geboren wurde. In seinem Taufbuch werden als Paten genannt: Max von Kerkerink und Marie Antoinette von Devivere, geborene von Gaugreben. Letztere bewohnte an der Ecke Lüdinghauser Straße/Münsterstraße ein Haus, das überall in der ganzen Stadt wegen seiner spiralförmigen Giebelornamente das "Schneckenhaus" hieß. Schließlich erblickte am 25. Juni 1855 Maria Antonia von Spiessen das Licht der Welt. Sie heiratete in Dülmen am 19. Mai 1875 den königlich-preußischen Landgerichtsrat Adolf von Kleinsorgen (1834-1903), zog mit ihm nach Hechingen (Baden-Württemberg) und starb am 7. November 1916 in Freiburg.3

Die Familie von Spiessen war befreundet mit der Familie von Wintgens und der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Als diese mit ihrer Mutter auf einer Rückreise von Süddeutschland im September 1844 Dülmen besuchte, wurden beide von Frau von Spiessen in der alten Post empfangen. Die Eltern des Dichters wurden auf dem Emmerickfriedhof nahe der Lüdinghauser Straße (Grab 11, links vom Hauptweg) beigesetzt.4

Max von Spiessen ging in den Jahren zwischen 1863 und 1866 in die Dülmener Rektoratsschule auf dem Bült, die als Vor- bzw. Mittelschule zum Gymnasium fungierte. Durch Erlass vom 25. Juni 1911 wurde vom Minister der geistlichen und Unterrichts-Angelegenheiten genehmigt, dass die Rektoratsschule dann zu einem Gymnasium (mit realen Nebenabteilungen für die mittleren Klassen) ausgebaut werden konnte. Allein im Jahr 1886 mussten 329 Jungen und 336 Mädchen auf Dülmener Schulen verteilt werden. Im Herbst 1872 legte von Spiessen sein Abiturientenexamen ab. Seine militärische Laufbahn begann er 1875 unter Prinz Carl zu Sayn-Wittgenstein. Er schreibt in der Erzählung "Auf der Biesterbahn" über ihn: Das war ein Mann, wie man ihn selten wiederfindet, gut und edel, leutselig und voller Interesse für das Wohl jedes Einzelnen seiner Untergebenen. Auch mir ist er stets mehr ein lieber Freund als ein strenger Vorgesetzter gewesen. Die Kürassiere wären für ihn durchs Wasser und durchs Feuer gegangen, alle Offiziere des Regiments rechneten es sich zur großen Ehre an, bei seiner Schwadron zu stehen.

Max von Spiessen bestand in der Folgezeit sein Offiziersexamen und trat im Anschluss daran 1877 als Fahnenjunker dem damals in Hamm in Westfalen stationierten 4. Westfälischen Kürassierregiment bei. Im Nachlass Max von Spiessens befindet sich aus dieser Zeit eine am 17. April 1877 verfasste "Kriegswissenschaftliche Arbeit" des 25-jährigen zu der ihm gestellten Aufgabe: "Welche Erfahrungen aus dem letzten Feldzuge sprechen dafür, schon im Frieden Kavallerie-Divisions-Verbände herzustellen?" 1879 übernahm er als Offizier das Kommando als Reitlehrer an der Kriegsschule in Metz, 1880 quittierte er seinen Dienst und heiratete ein Jahr später, am 21. Februar 1881 in Münster Theresia von Druffel, die sich von ihm 1907 wieder scheiden ließ. Das Paar wohnte zunächst auf dem Hause Osthoff bei Dülmen.

Hauptgebäude des Rittersitzes Osthoff (um 1910)
Das 1737 errichtete Hauptgebäude des Rittersitzes Osthoff (um 1910)

Dieses Haus war zunächst im Besitz der Herren von Osthove, die bereits im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt werden. 1302 wird Machorius von Osthove unter den Burgmännern von Haus Dülmen genannt, und 1350 treten die Brüder Machorius und Werner von Osthove, beide Knappen, als Zeugen auf. Später ist Haus Osthoff der befestigte Sitz eines Zweigs der Burgmannsfamilie von Schedelich. Barbara von Schedelich zum Osthove, die sich 1460 mit Burchard von dem Busche vermählte, war die Mutter des berühmten Humanisten Hermann Buschius gewesen, der 1534 auf Osthoff gestorben war. Goddert von Schedelich zum Osthove war um 1540 bischöflicher Amtmann zu Dülmen. Als 1604 mit dessen Enkel Bernhard das aufsitzende Geschlecht im Mannesstamme erloschen war, kam es zu einem Prozesse seiner Schwestern mit Johann von Bischopink, der Haus Osthoff käuflich 1629 an sich gebracht hatte, und erst 1749 konnte dieser Rechtsstreit durch einen Vergleich beendet werden. Klara Richmodis, eine Enkelin Johann von Bischopinks, brachte das Besitztum durch Heirat an Johann Ferdinand von der Wenge, ihre Tochter an Dietrich Friedrich Wilhelm von Hövel, der es an den General Franz Anton von Landsberg verkaufte. Dieser erbaute 1737 das heutige Herrenhaus. Über dem Eingang befindet sich noch heute sein und seiner Frau, Anna Maria von Galen, Wappen eingemauert. Seine Tochter, Antoinette Helene, und einzige Erbin brachte Osthoff um 1740 an die Familie von Korff-Schmising.5

Max von Spiessen geht der Geschichte der Familie von Schedelich nach. Es entstehen die Erzählung „Das Stammbuch der Adelheid von Schedelich“, die Albert Weskamp im zweiten von insgesamt drei Bänden beim Dülmener Verlag Laumann 1911 veröffentlicht als kulturgeschichtliche Erzählungen mit dem Titel „Tante Kläres Raritäten“, und die Reinschrift mit dem Titel „Das Tagebuch der Adelheid von Schedelich“, welche im Nachlass verzeichnet ist.

Um 1890 siedelte das Paar nach Münster über, wo es in der Langenstraße 28 ein eigenes Heim erwarb. Dort setzte auch die eigentliche literarische Schaffenszeit des Dichters ein: 1901/1903 legte er das zweibändige "Wappenbuch des Westfälischen Adels" vor, ein Ergebnis jahrelanger genealogischer und heraldischer Studien in vielen westfälischen Adelshäusern mit 144 Textseiten, Erläuterungen und Quellenangaben sowie mit 354 Tafeln gezeichneter Wappen.6 Anlässlich der 600. Wiederkehr des Tages der Ernennung Dülmens zur Stadt erschienen nicht nur in Albert Weskamps "Geschichte der Stadt Dülmen" eine Abhandlung in Zusammenarbeit mit diesem unter dem Titel "Die Rittersitze in Dülmen und die auf ihnen ansässigen Geschlechter", sondern im gleichen Buch waren auch Sagen und Legenden aus der Gegend von Dülmen abgedruckt. Es sind dieses "Die Uewelgünne" und "Der selige Johannes von Merfeld". Der "Münsterische Anzeiger" veröffentlichte im selben Jahr "Die Hexe von Engsterstein". Bei Kriegsausbruch 1914 fand Max von Spiessen Verwendung im inneren Militärdienst. Er starb am 5. November 1921 in Münster.

Der Nachlass wurde, so schreibt Ludwig Bielefeld 1926 in den "Heimatblätter[n]", von den Erben Max von Spiessens aus Münster an August Hölscher nach Dülmen zur Veröffentlichung gegeben, um dort von den Damen Ferdinande (1875-1953) und Wilhelmine Wenner (1876-1953) gesichtet und geordnet zu werden. Zu den Wenners war Max von Spiessen des öfteren donnerstags mit dem 12-Uhr-Zug aus Münster gekommen, teils, um - wie es auf einer seiner nachgelassenen Postkarten, datiert auf den 14. Mai 1905, an "Frau Amtsgerichtsrath Sophie Wenner g[e]b[orene] Fr[au] von Schelver" (1839-1911) heißt - den Mittag bei Ihnen zuzubringen, teils, um deren beide Kinder Ferdy und Minchen zu besuchen. Sophie Wenner war mit Gerichtsrat Alexander Wenner (1830-1909) verheiratet. Dieser amtierte in Dülmen von 1879 bis 1895 als Amtsrichter. Zuvor hatte Levin von Spiessen von 1849 bis 1877 diese Stelle innegehabt. Max von Spiessen schreibt am 15. Dezember 1905: Es freute mich so Minchen auf dem Bazar zu sehen. Es war nur ein so großes Gedränge doch war es wunderschön (…). Es freut mich, dass es Ferdy doch besser geht. Hoffentlich ist sie Weihnachten ganz wieder hergestellt.

Insgesamt sind sieben aus dem Nachlass Max von Spiessens stammende Postkarten aus dem Zeitraum zwischen 1905 und 1920 an die Familie Wenner im Stadtarchiv archiviert. Ferdinande, Wilhelmine sowie der Archivar Wilhelm Wenner (1878-1945/46) wohnten bis Anfang Dezember 1948 bei der Frau Nordmann in deren Dülmener Gärtnerei. Danach zogen die beiden Frauen in ihr früheres Haus auf der Münsterstraße 51 zurück, das vom Bombenkrieg jedoch zu 80% zerstört war. Familie Löhning hat das Haus dann in mehreren Etappen wieder aufgebaut und den Damen Wenner eine Wohnung hergerichtet. Es bestand eine eigene Klingelleitung von Wenners zu Löhnings. Die Mahlzeiten wurden warm in die Wohnung gebracht, ebenso wurden zwei Öfen beheizt, einschließlich Brennmaterial, Strom und Wasser bezahlt und die Wäsche gemacht. Ferdinande, Wilhelmine und Wilhelm wurden in der Gruft ihrer Eltern auf dem Mühlenweg-Friedhof beerdigt.7

Verantwortlich für die Nachlassüberführung des Max von Spiessen zeichnete damals vor allem eine Schwägerin der Familie, die, so heißt es in einem Artikel der „Dülmener Zeitung“ vom 11. Januar 1922, der Bücherei einen ansehnlichen Teil der Bibliothek Max von Spiessens als Geschenk gemacht und der Manuskriptsammlung zahlreiche der nachgelassenen Schriftstücke, darunter historische Erzählungen und genealogische Aufzeichnungen, als Deposita überwiesen hatte. Zwei Jahre zuvor hatte August Hölscher (1884 – 1953) das Heimatinstitut Mittelmünsterland gegründet, dessen Aufgaben in der geschichtswissenschaftlichen Erforschung des mittleren Münsterlandes, des „Stevergaues“, bestanden, und das, zusammen mit dem Heimatmuseum, im Erdgeschoss des städtischen Gymnasiums untergebracht war. Es standen dort sieben Räume zur Verfügung; in einem von ihnen (Raum 2) befand sich eine Heimatbücherei, die um 1930 etwa 2.000 Bände umfasste. Ein anderer Raum (Raum 6) beherbergte u.a. eine Sammlung wertvoller Manuskripte der Heimatforscher Bielefeld, Hölscher und Max von Spiessen, die zum Teil noch in ungedrucktem Zustand waren, wie die „Heimatblätter“ 1930 zu berichten wussten.

Dem Nachlass lag neben einer wertvollen Goldhaubensammlung, die ebenfalls als Depositum dem damaligen Heimatinstitut Hölschers übergeben wurde, auch eine Waffensammlung bei, die, so ein weiterer Artikel der "Dülmener Zeitung" vom Januar oder Februar 1922, im Gegensatz zu vielen anderen Nachlassstücken nicht im März des Jahres 1922 bei einer Hauptauktion in Köln versteigert wurde, sondern direkt im Haus Max von Spiessens in der Langenstraße 28 unter den Hammer kam, weil eine Überführung ins besetzte Gebiet unmöglich war. Dieses ist so zu erklären, dass die Ehe mit Therese von Druffel kinderlos blieb, was wiederum bedeutete, dass nach Max von Spiessens Tod 1921 keine leiblichen Erben vorhanden waren, die Anspruch auf die Verwahrung des kompletten Nachlassen hätten anmelden und einem Ausverkauf hätten entgegenwirken können. So wurde, wie dann üblich, in der Erbfolge die Verantwortung über den Verbleib des Nachlasses an andere Familienmitglieder weitergegeben. Was nicht in Privatbesitz überging, beispielsweise durch Auktionen, oder im Laufe der Zeit vernichtet wurde, konnte somit von anderen Institutionen erworben werden, wie z.B. die von den neu eingesetzten Erben 1922 dem Staatsarchiv in Münster in 82 Bänden bzw. Heften übergebenen "Stammtafeln des Westfälischen Adels"8 oder Teile des Nachlasses, insbesondere die Altertumssammlungen, die im Besitz des 1908 eröffneten Landesmuseums in Münster ihren Platz fanden.

Auch das Dülmener Stadtarchiv konnte einen Teil-Nachlass erwerben, der sich laut Bestandsverzeichnis der "Literarische(n) Nachlässe in Nordrhein-Westfalen" aus einer Sammlung von 25 Werkmanuskripten und einem Freundschaftsalbum zusammenfügt.9 Tatsächlich stellt dieses nach Durchsicht des archivierten Nachlasses aber nur einen sehr geringen Teil dessen dar, was wirklich im Archiv eingelagert ist. Zu den Prosawerken des Nachlassers zählen, neben bereits Erwähntem, auch viele Erzählungen, die in elf DIN-A5-Heften noch recht viel Unbekanntes über den westfälischen Schriftsteller enthalten.10 So zum Beispiel Erzählungen wie "Tante Caroline", "Der Lieutenant von Lützow", "Mein liebster Kamerad" oder "Der ungeschliffene Edelstein", die zum Teil auf einzelnen Blättern ohne Einband niedergeschrieben oder in den besagten Heften als Reinschrift eingeordnet sind. Insgesamt finden sich an die 54 Erzählungen und Sagen.

Max von Spiessen informierte August Hölscher am 5. August 1918 über den Stand seiner Erzählungen wie folgt: Ich selbst habe außer dem Westf[älischen] Wappenbuch u[nd] den 3 Bänden Tante Kläres Raritäten nichts herausgegeben. Hier und da z.B. in der Geschichte der Stadt Dülmen und im Kiepenkerl habe ich einige Westf[älische] Novellen veröffentlicht; ich habe noch einige kl[eine] Novellen ungedruckt liegen, auch eine große Menge Genealogien der Westf[älischen] Adelsgeschlechter, die aber noch nicht veröffentlicht sind. Ebenso einen westf[älischen] Roman,Röslein auf der Heiden’. Es ist jetzt eine schlechte Zeit für die Herausgabe solcher Sachen.

„De Kiepenkerl“, ein Westfälischer Volkskalender, erscheinend in den Jahren zwischen 1909 und 1915 bei Fredebeul & Koenen in Essen, führte Max von Spiessen als Mitarbeiter in der Zeit zwischen 1913 und 1915 und veröffentlichte drei Erzählungen: „Frau Anna, die Apothekerin. Historische Erzählungen aus der Zeit des Hexenglaubens“ (1913), die zwölf Jahre später in der in Dortmund erscheinenden Zeitschrift „Die Heimat“ erneut aufgelegt wurde, „Die Mohrenhand. Eine Osnabrücker Volkssage, nacherzählt von Max von Spiessen“ (1914) und 1915 „Die seltsamen Lebensschicksale des Junkers Hans Christophel von Schüngel“, die das Dülmener Stadtarchiv in der Reinschrift unter dem Titel „Seltsame Schicksale des Johann Christoph von Schüngel“ aufbewahrt.

Verfolgt man die Geschichte des in einzelnen Ausgaben abgedruckten Textkorpus von Spiessens, so zeigt sich vor dem Hintergrund der aufbewahrten Reinschriften, dass die Handschrift zum Teil erheblich vom Druckerzeugnis abweicht oder - was viel häufiger der Fall ist - in den so genannten Auswahlausgaben (zum Beispiel die bei Laumann 1911 in drei Bänden erschienenen "Tante Kläres Raritäten") viele Erzählungen erst gar nicht gedruckt wurden. Nach der Auswahlausgabe der von Spiessen autorisierten Werke bei Laumann, erschien 1940 postum eine Auswahl von Erzählungen aus "Tante Kläres Raritäten", die Friedrich Castelle unter dem Titel "Geschichten aus dem,Schneckenhaus’" veröffentlichte.11 Castelle erlaubte es sich, Titel von Erzählungen willkürlich zu ändern, zum Beispiel "Das Marmorherz" in "Die Hexe von Horstmar" oder "Das Paradiesgärtchen" in "Die schwarze Lora". Er fasst Erzählteile zusammen oder lässt Textabschnitte aus, ohne dieses zu kennzeichnen. Castelle verbindet mit der Herausgabe dieses Werkauswahlbandes folgende Intention: In diesen Erzählungen, in denen Volkstum und Menschentum so üppig wuchernd durcheinander quirlen, gehen die wirklichen Menschengeschichten, die Max von Spiessen aus dem Munde seiner Patin hat, ein wenig verloren. Und sie für einen besonderen Band auszuwählen, war meine Aufgabe. (…) [Es lag mir viel daran,] auch dieses Heimat- und Volkstum so deuten zu können, wie Max von Spiessen es in seinen Erzählungen getan hat.12

Um besondere für das (westfälische) „Volks- und Menschentum“ so schätzbare Lebensgeschichten herauszufinden, sie in den Vordergrund, in den Dienst der „Blut- und Boden-Mentalität“ des Dritten Reiches zu stellen, werden Spiessen-Texte hier umgedeutet.

Auch in der Folgezeit werden immer wieder Veröffentlichungen im Namen des Nachlassers getätigt, die im weitesten Sinne aber höchstens als Erzählungen „nach“ Max von Spiessen ihre Berechtigung haben können, die nur als unterhaltende Lektüre für das Münsterland dem Leser dargeboten werden. Sie alle vererben die zuvor schon gemachten Fehler im überlieferten Kulturgut Max von Spiessens weiter.

So ist es denn an der Zeit, den für Dülmen und das Münsterland bedeutsamen Dichter Max von Spiessen einmal in seiner Originalität und Tatsächlichkeit, als aufmerksamen Beobachter seiner Heimat und deren Menschen, als Augenzeuge der münsterländischen Sagen- und Legendenwelt und als Verfasser der teilweise weit zurückliegenden Geschichte Westfalens, genealogisch präzise und mit der Sprachgewalt eines Künstlers, neu zu erleben. Die Pflege, Förderung und Erforschung der Literatur und Sprache Westfalens in ihrer Allgemeingültigkeit einerseits und die Beschäftigung mit dem künstlerischen Werk von Spiessens im Speziellen andererseits, stehen dabei als zwei wichtige Komponenten im Vordergrund des wissenschaftlichen Interesses.

Seit 1998 beschäftigte sich der Verfasser mit den Prosawerken des Nachlassers. Eine Leseausgabe ("Schollinsen") ist 2002 beim Norderstedter Verlag BOD nach mehr als zwei Jahren intensivster Editionsarbeit erschienen.13 Im September 2001 zeigte eine Lesung im Rahmen eines "Literarischen Cafés" in der Dülmener Stadtbücherei die Faszination und Begeisterung, die dem Literaten noch immer entgegengebracht wird. Das Interesse in der Dülmener Bevölkerung für Max von Spiessen, sein Leben und Werk, zeigt die nicht zu unterschätzende Bedeutung eines sowohl sich immer stärker ausprägenden regionalen Literaturbewusstseins als auch die besondere Gewichtung seiner Person innerhalb der westfälischen Literaturforschung, worauf Prof. Dr. Winfried Woesler in seinem Geleitwort zur Leseausgabe ausdrücklich hingewiesen hat.14

Anlässlich des 150. Geburtstags von Max von Spiessen konnte im Jahre 2002 die 234 Seiten umfassende, mit ausführlichem Personen- und Sachregister sowie mit biografischen Dokumenten angereicherte Leseausgabe veröffentlicht werden. Den Leser erwarten 30 „neue“ Erzählungen, die bisher im Nachlass schlummerten.

1. Stadtarchiv Dülmen, Stadt Dülmen SR 1/B, Nr. 119.

2. Ebd., SR 2/A, Nr. 64.

3. Vgl. Die Freiherren von Spiessen. Chronik und Stammtafeln, hg. von Franz Freiherr von Spiessen, Frankfurt/Oder 1938.

4. Anton Bancken, Bestandaufnahme der Denkmäler auf dem Emmerickfriedhof zu Dülmen nach dem Stande vom Oktober 1936, in: Heimat-Blätter (Dülmen), Nr. 11, 1936, S. 1 – 3.

5. Geschichte der Stadt Dülmen. Aus Anlaß der 600jährigen Jubelfeier der Stadt, hg. von Albert Weskamp, Dülmen 1911, S. 141 – 144.

6. Max von Spiessen, Wappenbuch des Westfälischen Adels, 2 Bde., Görlitz 1901 – 1903.

7. Aufgezeichnet von Frau Maria Löhning geborene Bremer (Privatbesitz von Heinz Brathe).

8. Staatsarchiv Münster, Sammlung von Spiessen, 82 Bände (9 Kartons), lose Blätter (1 Karton).

9. Literarische Nachlässe in Nordrhein-Westfalen. Ein Bestandsverzeichnis, bearb. von Dagmar Rohnke-Rostalski, hg.. von Elisabeth Niggemann, Wiesbaden 1995 (Schriften der Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf, Bd. 24).

10. Stadtarchiv Dülmen, Nachlass Max von Spiessen. Der literarische Nachlass Max von Spiessens — Findbuch, bearb. von Ralf Oldenburg, Dülmen 2000.

11. Geschichten aus dem „Schneckenhaus“, hg. von Friedrich Castelle, Dülmen 1940.

12. Ebd. S. 14f. (Vorwort).

13. „Schollinsen“, Max von Spiessen-Leseausgabe, hg. von Ralf Oldenburg, Norderstedt 2002.

14. Ebd. S. 4 (Geleitwort).

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