Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2005

Hans Rudolf Schlieker

Tagebucheinträge vom Kriegsende 1945

Der ehemalige Bürgermeister Hans Rudolf Schlieker führt seit seiner Jugend Tagebuch. Das Ende des Zweiten Weltkriegs jährte sich am 8. Mai 2005 zum 60. Mal. Aus diesem Anlass bot Hans Rudolf Schlieker der Redaktion der Dülmener Heimatblätter eine Abschrift seiner damaligen Tagebucheinträge zur Veröffentlichung an. Abgedruckt werden die Aufzeichnungen vom 18. März 1945 - wenige Tage vor der völligen Zerstörung der Dülmener Altstadt durch alliierte Bomber - bis zum 1. April 1945 -, dem zweiten Tag des Kriegsendes in Dülmen. Die Wiedergabe folgt buchstabengetreu der Vorlage, ausgelassen wurden lediglich Angaben, die für die Geschehnisse unerheblich waren. Die Erläuterungen und Illustrationen stellte Friedrich-Wilhelm Hemann unter anderem nach Rücksprache mit Hans Rudolf Schlieker und Wilhelm-Gottfried Specht zusammen.

Die Redaktion

Sonntag, 18. März

Heute ging der Zauber mit Alarm schon um 8.00 Uhr los! Und es hielt sich so den ganzen Tag dran. Hier gab es am Morgen eine außerordentlich rege Jagdbombertätigkeit.

Villa Specht in den 1920er Jahren (links) und Ende der 1940er Jahre (rechts)
Die linke Abbildung der Villa Specht entstand in den 1920er Jahren mit Blick auf die Straßenfront zum Nonnenwall. Die rechte Abbildung zeigt die Ruine der Villa, vom gleichen Standpunkt aus aufgenommen, zu Ende der 1940er Jahre.

Montag, 19. März

Wir haben jetzt von morgens 8.00 oder 9.00 Uhr bis abends 18.00 Uhr Alarm, meistens Vollalarm. Nachmittags 15.15 Uhr ein neuer Angriff von Marauders1 auf die Stadt, wobei einige 50-100 Bomben in unser Viertel2 fielen. WG3 und ich waren gerade in der Stadt und suchten im Bunker der Herzoglichen Verwaltung4 Unterschlupf. In Spechts5 Garten allein 10 Trichter. Die alte Villa6 ein Volltreffer.

Mittwoch, 21. März

In dieser vergangenen Nacht schlief ich das letzte Mal in meinem Zimmer. Heute morgen wieder so rechtzeitig Alarm, dass ich nicht einmal mehr ein Frühstück bekam. Gegen 9.00 Uhr erneuter Angriff auf die Stadt, bei dem sehr viel zerstört wurde.7 Ringsum um unser Haus fielen schwere Sprengbomben, so dass es im Innern ordentlich verwüstet wurde. Wir mußten der Luftlage wegen bis zum Spätnachmittag im Keller bleiben. Dann brachte uns ein Wagen von Bendix8 mit Holiet9 als Fahrer zu Kleimann10 nach Welte, nachdem Kahle11 Großmama12 und Tante Mimy13 schon vorher hingebracht hatte. Dülmen brannte bei der Wegfahrt.

Bauentwurf für die Vorderfront des Wohn- und Geschäftshauses Schlieker (1923)
Bauentwurf für die Vorderfront des Wohn- und Geschäftshauses Schlieker an der Gartenstraße 3 (1923)

Donnerstag, 22. März

Heute ein erneuter schwerer Angriff auf Dülmen, bei dem unter anderm die Eisenhütte14 zerstört wurde. Neue große Brände. Viermot[orige] Flugzeuge, Zeitzünder. Früh am Abend in die Stadt und stellte fest, dass am Nachmittag auch unser Haus, außer den Kellerräumen, vollständig ausgebrannt war. Holte noch sehr viel Sachen aus den Trümmern heraus. Dülmen ist zerstört.

Freitag, 23. März

Am Nachmittag fuhr ich mit Kleimann zu unseren Lagerplätzen Halterner Straße15 und Ostbahnhof16, die beide unversehrt sind. Dort traf ich niemanden an.

Sonntag, 25. März

Schon gegen 5.00 Uhr nach Dülmen, wo Kleimann mit Wagen und 4 Arbeitern hinfuhren. Wir holten noch sehr viele Sachen aus den Kellern. Gegen ½ 9.00 Uhr waren wir wieder in Welte. Tagsüber sehr starke Bombereinflüge. Gestern alliierte Truppen über den Rhein bei Wesel und gleichzeitig Luftlandetruppen bei Dingden und Dinslaken im Rücken der deutschen Truppen. Abends mit dem Wagen Matratzen und andere Dinge zu Springeneer17 gebracht.

Stadtplan von Dülmen aus dem Jahre 1934
Stadtplan von Dülmen aus dem Jahre 1934
Die Ziffern beziehen sich auf die Anmerkungsnummern.

Dienstag, 27. März

Da es den ganzen Tag sehr diesig und nebelig war, so hatten wir vor Tieffliegern Ruhe. Am Nachmittag nach Dülmen. Unser Tresor ist übrigens unbeschädigt, obgleich die Stahltür bei dem Brande offenstand und die Akten und die Papiere im Vorzimmer vollständig verbrannten.

Mittwoch, 28. März

Heute den ganzen Tag über wieder sehr lebhafte Ja[gd]bo[mber]-Tätigkeit. Der Rückmarsch beginnt. Die ganze Nacht über vom frühen Abend an fuhren Wagen und maschierten bzw. liefen in aufgelöster Ordnung die Kolonnen vorüber.

Donnerstag, 29. März

Auch heute den ganzen Tag über zurückflutende Kolonnen. An sich ein trauriger Anblick. Hitlers Kriegsmaschine ist in völliger Auflösung. Die Alliierten sind mit ihren Panzerspitzen schon über Dülmen hinaus. Morgen dürften sie hier [in Welte] sein. Dann ist für uns "la guerre fini"18.

Karfreitag, 30. März

Windig, regnerisch, wo ist die Front? In dieser Nacht rollten die letzten deutschen Panzer zurück. Danach wurden selbst die lächerlichsten Brückchen gesprengt. Das war heute in der Frühe. Aber wo ist die Front? Heute Mittag rollten die ersten amerikanischen Panzerspähwagen durch Welte. Dülmen und Rorup sind besetzt. Der Nazismus ist tot!

Samstag, 31. März

Die zurückflutenden deutschen Armeen waren — national betrachtet — ein Trauerspiel 1. Ranges, doch im Hinblick auf Nazismus und Militarismus eine Genugtuung!

Ostersonntag, 1. April

Das Wetter ist schlecht. Seit gestern sehr stürmisch und teilweise auch regnerisch. Nachmittags mit Studienrat Sievert19 zu Spechts20, wo wir Kaffee tranken. Als wir zu Kleimanns zurückkamen, erfuhren wir, dass verschiedentlich amerik[anische] Soldaten dort gewesen und Uhren, Schmuck und Geld mitgenommen hatten. Daraufhin gingen wir gleich zu Springeneer, wo wir davon Kenntnis gaben. Außerdem ließen wir auch Spechts entsprechende Nachricht zukommen. Die Soldaten waren von einer polnischen Division.

1. B 26 Martin-Marauder, ein zweimotoriger Jagdbomber: Heinz Brathe, Totaler Krieg — Totale Niederlage. Dülmen 1945, Dülmen 1995 (Dülmener Heimatblätter, Sonderausgabe März 1995), S. 27.

2. Das 1923 errichtete Wohn- und Geschäftshaus der Firma F.A. Schlieker lag an der Gartenstraße, Nr. 3. Gemeint ist hier der Bereich zwischen Münster Straße und Elsa-Brändström-Straße.

3. WG = Wilhelm-Gottfried Specht, ein Freund Schliekers.

4. Der Sitz der herzoglichen Verwaltung befand sich von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Zerstörung 1945 an der Münsterstraße Nr. 17, in einem Gebäude, das auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Agnetenberg errichtet worden war.

5. Das Betriebsgelände der 1883 gegründeten Leineweberei A.W. Ketteler dehnte sich zwischen Elsa-Brändström-Straße und Nonnenwall aus.

6. Die Witwe des Firmeninhabers Josef Specht errichtete 1903 ein Wohnhaus am Nonnenwall Nr. 2 — die Villa Specht.

7. Zu den Ereignissen: Brathe, wie Anm. 1, S. 14ff.

8. Die Leineweberei und Spinnerei Paul Bendix bzw. die 1943 durch Arisierung umbenannte „Spinnweberei Dülmen — Denicke & Co.“ war der größte Industriebetrieb in Dülmen. Das Firmengelände erstreckte sich zwischen Friedrich-Ruin-Straße, Lüdinghauser Straße und An der Wette.

9. Johannes Holiet, Lüdinghauser Straße Nr. 105, arbeitete als Kraftfahrer bei der Firma Bendix.

10. Bernard Kleimann, Landwirt in Welte, Nr. 8.

11. August Kahle, Osthover Weg Nr. 7, hatte als Bierverleger einen Kraftwagen und war mit der Witwe Johann Schlieker bekannt.

12. Johanna Schlieker geborene Bertrand (1864 – 1945), Witwe des Kaufmanns und Geschäftsinhabers der Holzhandlung F.A. Schlieker Leonard Schlieker (1857 – 1905).

13. Maria Schlieker verheiratet mit dem Kölner Fabrikbesitzer Peter Stühlen.

14. Die 1842 gegründete Eisenhütte Prinz Rudolph war der älteste Industriebetrieb Dülmens. Während des Zweiten Weltkriegs produzierte die 1937 den Reichswerken-Hermann-Göring angegliederte Eisenhütte U-Boot-Deckel und Ausrüstungsgegenstände für den Bergbau. Wegen der kriegswichtigen Produktion ersetzten ab 1943 polnische und ukrainische Zwangsarbeiter zum Kriegsdienst eingezogene Arbeiter der Eisenhütte.

15. Der Kaufmann Friedrich Anton Schlieker legte 1864 eine Dampfsägemühle in der Feldmark 76, in der Nähe der Eisenhütte Prinz Rudolph an der späteren Halterner Straße an. Die Firma F.A. Schlieker lieferte Grubenholz für die Zechen im Ruhrgebiet (Gelsenkirchen) und im Aachener Raum.

16. Nach dem Bau der Eisenbahnstrecke Dortmund-Enschede (1875) legte die Firma F.A. Schlieker am Ostbahnhof einen Holzlagerplatz an, um das eingekaufte Holz entweder direkt an die Zechen zu versenden oder in dem Sägewerk an der Halterner Straße weiterzuverarbeiten. Mit Gründung der Firma Phoenix Handelsgesellschaft (1924) durch den Kommerzienrat Bernard Schlieker errichtete man eine Privatanschlussbahn am Ostbahnhof, mit der aus das Betriebsgelände am Ostdamm beschickt wurde, wo 1926 Bandsägen zur Weiterverarbeitung aufgestellt wurden.

17. Alfons Springeneer, Landwirt in Welte, Nr. 21. Hier wohnten Hans Rudolf Schlieker und Ludwig Sievert nach der Zerstörung der Stadt.

18. Der Krieg ist aus!

19. Studienrat Ludwig Sievert, 1885 als vierter Sohn des zweiten Küsters Wilhelm Sievert und seiner Frau Gertrud, geborene Pankock, in Dülmen geboren, war ein Freund von Rudolf Schlieker und lebte nach seinem politisch bedingten Ausscheiden aus dem Schuldienst in Ostpreußen in dessen Haushalt. Sievert suchte gegen Kriegsende für den Fall, dass Dülmen bombardiert würde, nach Ausweich- und Notunterkünften in den Bauerschaften. So knüpfte er den Kontakt zu den Landwirten Kleimann, Springeneer und Peter.

20. Die Familie des Fabrikanten Otto Specht wohnte bei Alfons Peter, dem Pächter von Haus Ueding, das dem Herzog von Croÿ gehörte. Der Leiter der herzoglichen Verwaltung, Domänenrat August Kreuz, hatte auf Haus Ueding ein Zimmer als Ausweichquartier und Notunterkunft.

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