Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2005

Ludger Hillermann

Wer die Zukunft will, muss die Vergangenheit kennen — Überlegungen zum Abschied

Die über 80-jährige Geschichte des Heimatvereins Dülmen war sehr wechselhaft und den Erfordernissen der Zeit entsprechend ausgestaltet.1 Im Jahre 1995 wurde aus dem Verkehrs- und Heimatverein wieder der Heimatverein Dülmen e. V. Als vorrangiges Ziel rückte in den Vordergrund: Heimatliebe zu wecken und die Kenntnis der Heimat zu vertiefen. Am 25. Mai 1996 wurde ich zum Vorsitzenden des Heimatvereins Dülmen gewählt.

Der Wunsch, die eigene Herkunft, die Wurzel zu erkunden, wächst in der Dülmener Bevölkerung. Der an der Zürcher Universität lehrende Philosoph Hermann Lübbe charakterisiert die Zeiterscheinung folgendermaßen: Nie zuvor war eine Zivilisation vergangenheitsbezogener als unsere eigene. Das Ausmaß unserer Anstrengungen, Vergangenes gegenwärtig zu halten, ist historisch singulär.2

Neue Heimatvereine entstehen

Was Lübbe theoretisch erörterte, wurde in Dülmen Wirklichkeit. Von 1994 bis 2000 entstanden im Raum Dülmen drei Heimatvereine: 1994 in Rorup, 1998 in Welte und 2000 in Merfeld.

In Buldern und Dülmen-Mitte bestehen die Vereine schon seit Jahrzehnten. Die Stadt Dülmen zählt heute fünf Heimatvereine. In den Ortsteilen Hausdülmen und Hiddingsel bildeten sich Initiativen, die den Heimatgedanken pflegen, die Geschichte der Ortsteile erforschen und alle Bemühungen unterstützen, die Heimatliebe zu wecken.

Im Jahre 2001 gelang es, diese Vereine und Initiativen zu motivieren, an der Herausgabe der „Dülmener Heimatblätter“ mitzuwirken. Zweimal im Jahr trifft sich das Redaktionsteam der Heimatblätter. Es nehmen Vertreter der oben genannten Vereine und Initiativen teil. Seit 2001 sind die Ortsteile mit Berichten in den Heimatblättern vertreten. Die Vielfalt der Geschichte im Dülmener Raum wird auf diese Weise der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt.

Stadtmodelle

Im Jahre 1945 wurde die historische Innenstadt Dülmens fast völlig zerstört. Es ist das Anliegen des Vereins, der nächsten Generation und den Neubürgern die „unterschiedlichen Gesichter der Stadt“ im Laufe der Geschichte näher zu bringen. Im Jahre 1997 ließ der Verein ein Modell erstellen, das die Stadt am Ende des 18. Jahrhunderts zeigt, eine mittelalterliche Stadt mit kompletter Stadtbefestigung.

Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts veränderte Dülmen stark, deshalb plant der Verein ein zweites Modell, das Dülmen vor der Zerstörung, also in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, zeigt. Durch großzügige Spenden von Dülmener Banken, Vereinen und Privatpersonen sind die Kosten zusammen. Der Auftrag kann vergeben werden.

In diesem Zusammenhang möchte ich erwähnen, dass seit dem 1. September 1997 der Archivar Dr. Friedrich-Wilhelm Hemann das Stadtrchiv in Dülmen leitet. Durch die sehr gute Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Hemann wird es dem Heimatverein möglich, seine in der Satzung vorgegebenen Aufgaben in hohem Maße zu erfüllen. So übernahm Herr Dr. Hemann die wissenschaftliche Begleitung der Stadtmodelle, die Beratung und Anregungen bei den Redaktionskonferenzen der Heimatblätter und deren technische Umsetzung sowie die Aufbereitung der Archivbestände. Dies erleichtert den Nutzern (Schulen, Vereinen und Privatpersonen) die Arbeit. Die Besucherzahlen des Stadtarchivs steigen. Ausstellungen und Veranstaltungen lassen ein lebendiges Bild der Dülmener Vergangenheit entstehen. Allein zum 200-jährigen Gedenken an den Reichsdeputationshauptschluss im Jahre 2003 gab es mehrere Vorträge, ein Konzert und eine Ausstellung, die das kulturellen Wirken der damals in Dülmen aufgelösten Klöster würdigte. Für das mit großer Sachkenntnis geleistete Engagement sind wir Herrn Dr. Hemann dankbar.

Besuch ehemaliger jüdischer Mitbürger

Im Herbst des Jahres 2003 fanden sich unter der Führung des Heimatvereins unterschiedliche Initiativen zusammen, um ehemalige jüdische Bürgerinnen und Bürger nach Dülmen einzuladen.

Dank der Spenden von Dülmener Institutionen und Privatpersonen sowie der Unterstützung durch die Berliner Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ konnten wir ehemalige jüdische Mitbürger in unsere Stadt bitten. Vom 25. Januar 2004 bis zum 1. Februar 2004 weilten Frau Liesel Wohl geb. Cahn aus Argentinien mit ihren Töchtern Gaby und Claudia aus Israel, Herr Günter Pins mit seiner Ehefrau Lili aus Argentinien und Frau Becker-Leeser aus Holland in Dülmen. Bei verschiedenen Veranstaltungen dieser Woche kam es zu einem Wiedersehen der Gäste mit zahlreichen ihnen noch bekannten Dülmener Bürgern. Die Podiumsdiskussion mit den Zeitzeugen am 27. Januar - dem Holocaust-Gedenktag — war die beeindruckendste Begegnung der Woche.

Am Abreisetag konnten wir resümieren: Als die Gäste kamen, waren sie uns fremd, jetzt haben wir neue Freunde gewonnen. - Die Begegnung war geprägt von Herzlichkeit und Wärme.

Für den Arbeitskreis unter dem Dach des Heimatvereins ist die Arbeit nicht abgeschlossen. Der Besuch aus Argentinien und Israel und eine Befragung von Zeitzeugen aus Dülmen wird aufgearbeitet und veröffentlicht. Es soll eine Hilfe werden, den Exodus der Juden und den Holocaust zu bearbeiten und zu verarbeiten.

Anna Katharina Emmerick

Anfragen des Touristik-Büros um Führungen von Radtouristen und anderen Gästen der Stadt Dülmen zu Anna Katharina Emmerick gaben dem Vorstand den Anstoß, das Leben dieser bedeutenden Frau im geschichtlichen Kontext zu erkunden und für Gäste darzustellen. Berühmte Persönlichkeiten des frühen 19. Jahrhunderts waren in das armselige Ackerstädtchen Dülmen gereist, um dieser Frau, die quer durch Europa Aufmerksamkeit erregte, zu begegnen. Um die Persönlichkeit Anna Katharina Emmerick hinreichend würdigen zu können, kam es im November 1999 zur Gründung der Fachgruppe „Emmerick“. Zweimal im Jahr treffen sich circa 15 Teilnehmer, um sich über den Stand der Forschung zu informieren und die praktischen Erfordernisse für die Betreuung der Besucher zu besprechen.

Einen ersten Erfolg konnte der Arbeitskreis im März 2002 erzielen. In einem Brief an die Bischöfliche Emmerick-Kommission wurde auf das unzureichende museumspädagogische Konzept der Emmerick-Gedächtnisstätte aufmerksam gemacht. Wir sind Studiendirektor a.D. Günter Scholz dankbar für den Entwurf dieses Briefes. Bald fanden gemeinsame Überlegungen von Diözese, Pfarrei, Emmerick-Bund und Heimatverein zur Umgestaltung der Gedächtnisstätte statt. Die Diözesanleitung entsprach dem Wunsch der Verantwortlichen, die Gedächtnisstätte von Maria Königin in die Räume der ehemaligen Bücherei der Pfarrkirche Heilig Kreuz zu verlegen und neu zu gestalten.

Der Termin der Seligsprechung kam für alle überraschend

Damit setzte sich der Heimatverein verstärkt mit den religiösen Fragestellungen in Zusammenhang mit Anna Katharina Emmerick auseinander.

Dr. Hemann stellte eine informative Ausstellung über Anna Katharina Emmerick, ihre Zeit und die Zeitgenossen zusammen, die vom 10. Oktober bis 28. Februar 2005 in der Alten Sparkasse zu sehen war.

Erstmalig kooperierten Heimatverein, Emmerick-Bund und Stadtarchiv für eine gemeinsame Veröffentlichung. Noch im Jahr 2004 erschien der Band „Anna Katharina Emmerick — Spuren“. Die Ereignisse in Rom am 3. Oktober 2005, dem Tag der Seligsprechung, einige Beiträge von Günter Scholz und der Katalog der Ausstellung sind in diesem Werk veröffentlicht.

Der Arbeitskreis Emmerick wird sich weiter zweimal im Jahr treffen. Alle Personen, die Führungen durch die neu gestaltete Kirche und die Emmerick-Gedächtnisstätte leiten, nehmen an diesem Arbeitskreis teil. Vorrangiges Ziel wird die Überlegung sein, wie die Besucher und Pilger begleitet und geführt werden können.

Heimatverein und Zukunft

Zur Zeit hat der Heimatverein Dülmen 494 Mitglieder. Es bestehen 4 Arbeitskreise: Denkmalpflege, Plattdeutsch, Anna Katharina Emmerick und Jugend. Jährlich werden drei bis vier Exkursionen wie der Besuch von Ausstellungen und Radtouren durchgeführt.. Der Heimatverein gibt zweimal im Jahr die „Dülmener Heimatblätter“ heraus. So der knappe Ist-Zustand. Bei genauem Zuschauen ergibt sich folgendes Bild: Am 2. Juni 2005 wurde Erik Potthoff zum neuen Vorsitzenden gewählt. Zu diesem Zeitpunkt schied auch der Geschäftsführer Herr Gude aus. Er ist städtischer Bediensteter. Diese Verzahnung kommt noch aus der Zeit, als der Heimatverein als Verkehrs- und Heimatverein firmierte. Die „neue Mannschaft“ muss zusätzlich die Aufgaben der Geschäftsführung übernehmen. Ich stelle dankbar fest, dass sich Männer und Frauen zur Verfügung gestellt haben, die alle noch im Erwerbsleben stehen und dieses Ehrenamt übernommen haben:

Der neue 1. Vorsitzende Erik Potthoff bei der Verabschiedung von Ludger Hillermann
Der neue 1. Vorsitzende Erik Potthoff bei der Verabschiedung von Ludger Hillermann

Heimatpflege kann nur gelingen, wenn Menschen bereit sind, die Ist-Situation der Gesellschaft wahrzunehmen und in die Zukunft zu schauen. Für die Bewältigung der Gegenwartsaufgaben ist es notwendig, Wurzeln zu haben, zu Hause zu sein, sich geborgen zu wissen. Je früher diese Beheimatung gelingt, um so tragfähiger ist das Fundament. Meinem Nachfolger bin ich dankbar, dass er vor Jahren schon mit der Jugendarbeit begonnen hat. In der letzten Jahreshauptversammlung stellte sich Lara Niewerth als Sprecherin der Jugendgruppe vor. Ein zartes Pflänzchen beginnt zu wachsen. Ich wünsche von Herzen dieser Pflanze „Jugendgruppe“ und dem neuen Vorstand bei allen Unternehmungen viel Erfolg.

Wenn wir von jemandem sagen, er habe keine Heimat, so ist das ungefähr soviel, als ob wir sagten: Sein Dasein habe keinen Mittelpunkt.

Eduard Spranger (1923)

1. Heinz Brathe, Im Pendelschlag der Zeit — Zwischen Heimatpflege und Verkehrswerbung, in Dülmener Heimatblätter 1/ 2, 1999, S. 2 – 13.

2. Frankfurter Rundschau vom 30. Juni 2001.

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