Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 1, 2006

Wolfgang Werp

Neuerscheinungen

Lydia Gawrilova, Ein kleines Flämmchen. Wie eine Zwangsarbeiterin überlebte, hg. von Eva Daeneke, Dietern Hohaus und Matthias Wagner, Bielefeld 2005 (Quellen zur Regionalgeschichte, Band 11).

Diese bewegende Autobiographie der russischen Zwangsarbeiterin Lydia Gawrilova aus Taganrog, einer Provinzstadt am Asowschen Meer zwischen der Krim und dem Donezk-Becken, schildert neben den Kindheitserinnerungen ihre Deportation als Siebzehnjährige ins Ruhrgebiet im Jahre 1942. Dort musste sie auf einer Zeche und Ziegelei Schwerstarbeit verrichten. Sie erkrankt und flüchtet. Auf ihrer Flucht kommt sie auf einen Bauernhof ins Münsterland. Sie wird in das Konzentrationslager Bergen-Belsen eingeliefert und überlebt. Sie ist vorübergehend genesen und nach Kriegsende über England in ihre Heimat zurückkehrt.

Die Verfasserin hat mit ihrem Erlebnisbericht den ca. 3 Millionen sowjetischen ZwangsarbeiterInnen ein beeindruckendes literarisches Denkmal gesetzt und ihnen ihren Bericht gewidmet: „Meine lieben Landsleute! Seid weise und barmherzig zu denjenigen, die erst die Höllenlager Deutschlands überlebt haben, dann nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat oft als Verräter behandelt wurden und jetzt wortlos und ohne Anklagen in ihrer Heimat aus dem Leben gehen!“ Stationen ihres Weges waren u.a. Recklinghausen, Langenbochum, Herten, Lüdinghausen, wieder Langenbochum, Haltern, Dülmen, Senden, Kloster Gerleve, Bad Lippspringe, Paderborn und endlich London …

Über ihre Flucht berichtet Lydia ausführlich. Zitat Seite 165: „Drei Tage und drei Nächte ging ich lange Wege über Land. Ich erholte mich etwas mit Unterbrechungen im Wald und hatte genug zu essen. In der Dunkelheit kam ich zum Glück zu dem kleinen Städtchen Dülmen. Die Nacht war hell und still, ich ging an gemütlichen, mit Efeu bewachsenen Bauernhäusern vorbei. Die sauberen Straßen, Häuser und Geschäfte lagen in tiefem Schlaf. Die Ruhe wurde von der großen Kirche geschützt. Hier stand die Figur der andächtig betenden Katharina Emmerick […] In Buldern wäre meine bisher vom Glück begleitete Wanderung beinahe gescheitert. […] Vom Zentrum der Ortschaft gingen die Wege auseinander, einige breit, andere eng ohne oder mit Asphalt. Wie sollte ich den richtigen Weg finden? Hier gab es keine Wegweiser mit den Namen der Bauernhöfe. Die Ortsansässigen kannten sich hier aus […]. In der Dorfmitte erhob sich eine hohe Kirche und rundherum, wie unter ihrem Schutz, schliefen friedlich ein- und zweistöckige Häuser. Doch was sah ich? Unmittelbar vor mir war eine Stacheldrahtsperre.“

Es folgen Arbeit auf einem Bauernhof, Abtransport nach Bergen-Belsen im Februar 1945, Befreiung und Überführung zum Kloster Gerleve, das nach dem Zweiten Weltkrieg als Krankenhaus für Zwangsarbeiter genutzt wurde wie auch Einsätze als Kinderpflegerin in Bad Lippspringe und Umgebung.

Ein lesenswertes Dokument, das das Leben im Ruhrgebiet und unsere münsterländische Heimat aus der Sicht einer jahrelang Heimatlosen und Geschundenen beeindruckend dokumentiert, wobei Abweisung und Hilfsbereitschaft durch die Einheimischen gleichermaßen nebeneinander stehen.

100 Jahre Pfarrkirche St. Pankratius Buldern 1906 – 2006, hg. von der Kath. Kirchengemeinde St. Pankratius, Gestaltung Gisela Klöpper, Dülmen-Buldern 2006.

Anlässlich der Erinnerung an die Fertigstellung und Einweihung der Pfarrkirche St. Pankratius in Buldern vor 100 Jahren hat Gisela Klöpper mit einem engagierten Team eine umfassende Chronik mit vielen aufschlussreichen Informationen rund um die katholische Kirchengemeinde St. Pankratius in Buldern zusammengetragen und in einem bestens ausgestatteten und reich bebilderten Band ausgebreitet. Dank ihrer Fachkenntnisse als technischer Zeichnerin, aktiver Pfarrsekretärin und Haushälterin des Pfarrers Aloys Rohlmann gelang eine inhaltsreiche und weit über die genannte Zeitspanne hinaus gehende Darstellung der Geschichte der Kirchengemeinde mit lesenswerten Details.

Die Kirchengemeinde Buldern ist als Pfarre seit dem Jahre 1188 nachgewiesen. Als ältester Teil stammt der Turm der ursprünglichen Pfarrkirche St. Pankratius, die heute „Alte Kirche“ genannt wird, etwa aus dem 11., das gotische Kirchenschiff aus dem 15. Jahrhundert. 1715 wurde die Kirche renoviert. Die Ritter von Buldern als Grundherren und Lehnsinhaber des Hofes Buldern waren Eigentümer der Kirche und besetzten die Pfarrstelle. Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts war dies nach den Familien Lembeck und Diepenbrock die freiherrliche Familie von Romberg. Später gingen die adligen Rechte in ein formales Patronatsrecht über. Heute wird dies von der Familie von Kerssenbrock ausgeübt. Deshalb waren auch Georg Graf von Kerssenbrock und seine Gemahlin Ines gern gesehene Gäste bei den Jubiläumsfestlichkeiten im Mai 2006.

Am 16. Dezember 1900 beschloss der Kirchenvorstand unter Vorsitz von Pfarrer Theodor Kappenberg den Bau einer neuen Pfarrkirche, der dann im Juni 1904 aufgenommen wurde. In dem einstimmigen Beschluss hieß es u.a.: „Die Kirche hierselbst ist für die Zahl der Einwohner zu klein. Die Plätze so beengt, daß weder Knien noch bequemes Sitzen möglich ist, die Wände durch Feuchtigkeit verdorben, so daß ein Neubau nicht umgangen werden kann.“ Die Gemeinde Buldern hatte zu dieser Zeit, z.B. im Jahre 1905, 1.170 katholische und 12 evangelische Einwohner. Am Ostermontag 1905 war die Grundsteinlegung. Der seit Juni 1904 in Buldern tätige Pastor Tellen konnte dann am 13. Mai 1906 die vorläufige Weihe vornehmen. Nach weiteren Ausstattungsarbeiten, insbesondere nach der zunächst streitigen Errichtung des neuen Hochaltares, weihte Bischof Illigens die Kirche am 20. Mai 1911. Die Entwürfe stammten von Prof. Ludwig Becker aus Mainz und Architekt Sunder-Plaßmann aus Münster, die Bauausführung aus Ziegeln und Sandstein lag in Händen der damals schon renommierten Dülmener Bauunternehmung Kirschner. Die Gesamtkosten des Kirchenneubaus betrugen etwa 133.000 Mark. Freiherr Clemens von Romberg erwarb die Alte Kirche im Jahre 1913, um sie zu einer Gruftkirche mit 48 Sargnischen für seine Familie umzugestalten.

Die Festschrift führt mit mehreren Grußworten in die Thematik ein, widmet sich dann der Entstehungsgeschichte der Gemeinde, vor allem auch der Alten Kirche. Es folgt eine ausführliche Würdigung aller in Buldern tätigen Pfarrer, Kapläne, Vikare und Pastoralreferenten. Auch die Lebenswerke der Ordensleute in und aus Buldern werden vorgestellt. Ein weiterer Abschnitt erläutert die Ausstattung der beiden Bulderner Kirchen: Von den Bildwerken des Hl. Hugo und Hl. Bruno in der alten Dorfkirche, den Kreuzweg-Stationen, den Kirchenfenstern, dem Hungertuch aus dem Jahre 2003 (siehe DH, Jahrgang 50, 2003, S. 87-90) bis zu dem im Jahre 2004 anlässlich der Seligsprechung der Anna Katharina Emmerick entstandenen Gemälde der Emmerick aus der Hand der in Buldern lebenden Künstlerin Magdalena Sadkiewicz zeugt diese Sammlung mit gelungenen Texten und Fotografien vom gestalterischen Interesse der Bulderner Kirchengemeinde. Berichte über die Kirchenschätze und Erläuterungen zu den verschiedenen Kirchenerneuerungen sowie zum Orgelwerk, zu den schönsten Paramenten und zur Entwicklung des Kirchenchores runden das Gesamtbild ab.

Die gelungene Festschrift vermittelt dem Heimatfreund im Zusammenblick mit Dieter Potentes „Buldern so wie es war“ aus dem Jahre 2000 (siehe DH, Jahrgang 47, 2000, S. 47) ein umfassendes Bild dörflicher Gemeinschaft, wenn auch die unterschiedlichen Formate und Layouts der beiden Werke diese nahe liegende Gesamtsicht nicht unterstützen. Wie die lebendige Kirchengemeinde trägt jedenfalls der weit sichtbare Kirchturm der 100-jährigen Pfarrkirche St. Pankratius Buldern zur Prägung des münsterländischen Dorfbildes bei.

Die Naturschutzgebiete im Kreis Coesfeld – Bemerkenswerte Lebensräume und Arten von den Höhen der Baumberge bis zu den Niederungen von Stever und Lippe, hg. von der Naturfördergesellschaft für den Kreis Coesfeld e.V., Coesfeld 2006.

Vor uns liegt ein exzellentes Buch für heimatverbundene Naturfreunde und neugierige Fuß- und Radwanderer im Kreis Coesfeld. Zum 10-jährigen Bestehen der Naturfördergesellschaft für den Kreis Coesfeld ist eine lehrreiche vollständige Übersicht über alle Naturschutzgebiete im Kreis erschienen, die die Mitarbeiter der Naturförderstation im Kreis Coesfeld Birgit Stephan, Kerstin Wittjen, Thomas Zimmermann, und Matthias Olthoff mit einer Vielzahl fotografierender Naturfreunde erarbeitet haben.

Auf mehr als fünf Prozent der Kreisfläche bestehen zurzeit etwa 64 kleinere und größere Naturschutzflächen, die in dem reich bebilderten Buch mit viel biologischem Sachverstand einprägsam vorgestellt werden. So sehen wir beispielhaft viele auf der Roten Liste gefährdeter Pflanzen und Tiere stehende Objekte wie den Laubfrosch, die Gebänderten Prachtlibellen, die Sumpf-Schrecken, die Schwarz- und Buntspechte sowie prachtvolle gefährdete Pflanzenfamilien. Jede dieser Arten verdient unsere Aufmerksamkeit und liebevolle Pflege. Mit reichhaltigem, übersichtlichem Kartenmaterial werden neugierige Besucher zu den jeweiligen „wertvollen Ausschnitten unserer Münsterländer Parklandschaft“ geführt, wie Ludger Streyl, Manfred Jung und Georg Lasogga die Biotope in ihrem Vorwort beschreiben. An die besonders sehenswerten Naturschönheiten werden die Leser zusätzlich mit markanten Symbolen herangeführt. Mit Dank und Anerkennung an die vielfach ehrenamtlich tätigen Naturfreunde sollten wir dieses hilfreiche Buch zur Hand nehmen. Es gehört ab sofort zur Ausstattung jedes neugierigen Gastes versteckter und schützenswerter Naturschönheiten im Kreis Coesfeld.

Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld, hg. vom Kreisheimatverein Coesfeld, 30, 2005.

Mit den diesjährigen Beiträgen führen uns die Geschichtsblätter zunächst mit Peter Ilisch zu den „Anfängen des Dorfes Havixbeck“. Weiter geht es mit dem Beitrag von Erwin Dickhoff „Coesfeld in bewegter Zeit – Maßnahmen zur Abwehr sozialrevolutionärer Umtriebe im Jahre 1848“ in die Coesfelder Geschichte. Der Aufsatz von Michael Pieper „Drei Leiterinnen der staatlichen Aufbauschule (Heriburg-Gymnasium) in Coesfeld und ihr Widerstand im Dritten Reich“ und Werner Freses Arbeit zu „Überlieferungen der Häuser Loburg und Patzlar mit Besenborg im Archiv Diepenbrock“ erläutern interessante geschichtliche Hintergründe in unserer Kreisstadt.

Nach Ascheberg und Herbern locken uns das Titelbild der Geschichtsblätter mit einer Ansicht der Strontianitgrube Adrian nebst Abraumhalde aus dem Jahre 1932 und die Abhandlung von Martin Börnchen zum „Strontianitbergbau im Münsterland“. Fast 700 Gruben mit bis zu 2.000 Bergleuten sind im Münsterland gezählt worden. Strontianit war vor der Entdeckung von billigeren Ersatzstoffen für die Zuckerherstellung von großer Bedeutung. Im Zweiten Weltkrieg wurde es auch zur Fabrikation von Leuchtspurmunition verwendet.

Christian Schulze Pellengahr berichtet schließlich „Aus der Geschichte des vormaligen fürstbischöflichen Schultenhofes Steinhorst bei Ascheberg“ und „Zur Geschichte historischer Musikinstrumente im Kreis Coesfeld am Beispiel eines denkmalgeschützten Tafelklaviers aus der Dresdner Werkstatt von Eduard Voigt (1817-1892)“.

Eine Jahreschronik von Elisabeth Stephan rundet den informativen Jahrgang 2005 ab, der sich vortrefflich zum Blick über den berühmten Dülmener Tellerrand eignet.

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