Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

Heimatverein Dülmen e. V. | Dülmener Heimatblätter | Hefte | Register | Anmerkungen | Mitarbeit | Kontakt

<< Heft 2, 2000

Werner Jostmeier

Zehn Jahre Städtefreundschaft Dülmen - Fehrbellin

Viele Publikationen erinnern in diesen Wochen an die Wiedervereinigung und die zahlreichen Partnerschaften mit Kommunen und Kreisen der ehemaligen DDR und an die damit verbundenen menschlichen Begegnungen.

Entstehung und Entwicklung der Partnerschaft zwischen den Kreisen Coesfeld und Neuruppin sind vielfach dokumentiert, so z.B. in der Schrift des Kreises Coesfeld „Wir sind ein Volk“ zum 5. Jahrestag dieser Partnerschaft vom Oktober 1994 sowie in Presseberichten anlässlich des 10. Jahrestages der Wiedervereinigung.

Geprägt und belebt werden Partnerschaften zwischen Kommunen jedoch weniger durch offizielle Kontakte auf Kreisebene. Mit Leben erfüllt, vertieft und durch menschliche Begegnungen hautnah erfahrbar wurde und wird die Partnerschaft zwischen beiden Kreisen erst durch die vielfältigen Aktivitäten und Verbindungen der Vereine, Verbände und anderer Organisationen der Städte und Gemeinden. Es kann gar nicht hoch genug eingeschätzt und gewürdigt werden, wie sehr zum Beispiel Sportvereine, Feuerwehren, Krankenhäuser, Schulklassen, Firmen, Chöre, kirchliche Gruppen, Gliederungen der Parteien, Privatinitiativen usw. zum Abbau der Mauer in den Köpfen, zum gegenseitigen Verstehen und zu vielfachen Freundschaften beigetragen haben.

Aber wie sind diese Partnerschaften zwischen den einzelnen Kommunen beider Kreise entstanden? Wieso gab es keinen Wettlauf oder gar Streit aller elf Gemeinden des Kreises Coesfeld um die attraktivsten Partnerstädte z.B. Rheinsberg und Neuruppin? Warum gab es keinen Parteienstreit, kontroverse Rats- oder Kreistagsdebatten oder öffentliche Diskussionen darüber, welche Gemeinde sich wann mit wem wie und warum partnerschaftlich liierte? Eine der fruchtbarsten Partnerschaften entwickelte sich zwischen Dülmen und Fehrbellin. Wie war es möglich, dass die Verantwortlichen beider Städte eine Partnerschaft des kleinen brandenburgischen Fehrbellin mit der einwohnermäßig zehn mal größeren und größten Stadt im Kreis Coesfeld Dülmen ohne Diskussionen akzeptierten und umgehend tatkräftig gestalteten?

Nachdem sich nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 die Ereignisse überschlugen, stand zunächst überhaupt nicht fest, mit wem der Kreis Coesfeld eine Partnerschaft eingehen wollte/sollte. Noch am 17. Januar 1990 fasste der Kreistag den Beschluss „Der Kreis Coesfeld soll Kontakte mit einem vergleichbaren DDR-Kreis aufnehmen“.

Aufgrund einer Landräte-Konferenz und früherer privater Kontakte konnten Verbindungen mit dem Kreis Neuruppin hergestellt werden, die in der Folge auf Coesfelder Seite im wesentlichen durch Oberkreisdirektor Goß, Landrat Göller, stellvertretenden Landrat Tietze, ehemaligen Landrat Knipper sowie die Herren Bosman, Pieper und Mische von der Kreisverwaltung aufgebaut und intensiviert wurden. Auf Neuruppiner Seite wirkten im wesentlichen mit: Ernst Bahr (späterer Landrat und MdB), Frau Heinrich (Landrat Bahrs „rechte Hand“), Werner Grünberg (Kreistagspräsident), Herr Thel (Vorsitzender des Rates des Kreises, heutiger Bürgermeister von Neuruppin) Hans-Peter Schurz (Leiter des A-Capella-Chores).

Bereits mehrere Wochen zuvor hatte mich der CDU-Kreisvorstand und die CDU-Kreistagsfraktion zum „Partnerschafts-Beauftragten“ bestimmt. Zudem hatte ich durch meine berufliche Tätigkeit im Postministerium in Bonn neue Strukturen mit DDR-Organisationen aufzubauen. Brieflich und telefonisch konnten so bereits Ende 1989 Verbindungen zu Neuruppiner Organisationen und zur dortigen Kreis-CDU hergestellt werden.

Am Rande eines Sonderparteitages der CDU in Berlin fand am 16. Januar 1990 im historischen Cäcilienhof in Potsdam (Vier-Mächte-Konferenz über Deutschland 1945) eine Begegnung von Kommunalpolitikern aus NRW und Brandenburg statt, an der auch vier Vertreter aus dem Kreis Neuruppin teilnahmen, u.a. der Vermessungsingenieur Detlef Glase aus Fehrbellin, der kurz nach der Wende zum neuen Vorsitzenden der Kreis-CDU gewählt worden war. Mit diesen vier Vertretern des Kreises Neuruppin konnte ich noch am gleichen Tag die grundsätzliche Bereitschaft zum Aufbau einer Kreispartnerschaft abklären; weitere Gesprächs- und Besuchstermine wurden vereinbart.

Am 6. und 7. Februar 1990 fanden neben offiziellen Gesprächen einer Delegation des Kreises Coesfeld unter Landrat Göller und Oberkreisdirektor Goß auch mehr oder weniger private Gespräche statt zwischen unserem CDU-Kreisgeschäftsführer Hans Peter Egger und mir einerseits sowie CDU-Vertretern, Kreistagsmitgliedern, Bürgermeistern, Pfarrern, Ärzten, Mitgliedern von Bürgerinitiativen sowie vielen Privatpersonen auf Neuruppiner Seite. Hier sind vor allem zu nennen: Jürgen Appelt, Anne-Karin und Detlef Glase, Chritiane Graf, Christiane Schramm, Michael Kohlmeyer, Karin Nierath, Wolfgng Bohry, Michael May, Dr. Helmut Luthardt, Ehepaar Kuhne (Reisebüro Rheinsberg), Roswitha Funk sowie Pfarrer Hans-Joachim Schubach aus Lindow.

Mehrere Tage wurden wir förmlich herumgereicht. Neben tiefgehenden, bewegenden menschlichen Begegnungen war das Ergebnis dieser Gespräche eine lange Namens- und Adressenliste und der feste Wille, so schnell wie möglich und auf möglichst vielen Bereichen zu partnerschaftlichen Verbindungen zwischen den Städten und Gemeinden des Kreises Coesfeld zu kommen. Ergebnis war aber auch eine bis heute andauernde mehr private Freundschaft zur Familie Glase. (Anne Glase wurde wenige Wochen später in die Volkskammer gewählt und vertritt heute in der zweiten Wahlperiode das Land Brandenburg im Europa-Parlament.)

Die Zeit drängte. Der Wettlauf der westdeutschen Städte und Kreise um Partnerschaften entbrannte. Für uns, als Vertreter der Kreis-CDU aber besonders bedeutsam: Auch der Parteienwettbewerb um die besten Startbedingungen hatte begonnen; denn seit dem 1. Januar 1990 herrschte Visums- und völlige Reisefreiheit, und bereits für den 18. März 1990 waren die Volkskammerwahl und für den 6. Mai 1990 die Kommunalwahlen in der Noch-DDR terminiert.

Langes Kennenlernen, lange Debatten und ein Feilschen der Räte, Bürgermeister und/oder Stadt- und Gemeindedirektoren im Kreis Coesfeld konnten wir uns also nicht leisten. Während auf Kreisebene partnerschaftliche Strukturen schnell Gestalt annahmen, war die Lage auf kommunaler Ebene wesentlich komplizierter: Im Kreis Coesfeld standen elf Städte/Gemeinden Gewehr bei Fuß; auf DDR-Seite hatten wir es mit über 50 Städten sowie kleinen und kleinsten selbständigen Dörfern zu tun. Keiner dort fühlte sich zuständig, keiner wollte und konnte entscheiden. Neue Parteien, SPD, Neues Forum, Demokratischer Aufbruch, DSU usw. bildeten sich ja gerade erst bzw. waren im Kreis Neuruppin kaum vertreten, und die CDU tauschte in erheblichem Maße ihr Führungspersonal aus.

Vor diesem Hintergrund hatten wir uns dazu entschieden, weder in Bonn, Düsseldorf oder Berlin noch in Brandenburg oder Potsdam zu fragen, wer zuständig ist oder welche Konzepte „oben“ erarbeitet würden. Wir haben Fakten geschaffen, auf die „normative Kraft des Faktischen“ vertraut und der Welle der Hilfsbereitschaft und dem Tatendrang auf beiden Seiten Bahn und Richtung gegeben. Und das wurde wie folgt organisiert:

Bereits für den 21. Februar 1990 hatten wir zu einer „Vorsitzenden-Konferenz“ nach Dülmen geladen. Hier waren neben etwa 70 Entscheidungsträgern der CDU des Kreises Coesfeld mit Michael May auch ein Bürgermeister und CDU-Vorstandsmitglied aus dem Kreis Neuruppin vertreten. Um von vornherein jeglichen Streit und zeitraubende Diskussionen darüber zu vermeiden, welche Gemeinde des Kreises Coesfeld am besten zu welchem Dorf oder welcher Stadt des Kreises Neuruppin passt, hatten wir ein Konzept erarbeitet, dass jeder Kommune des Kreises Coesfeld eine größere Gemeinde mit mehreren Dörfern auf Neuruppiner Seite zuordnete. Maßstab dabei war für uns nicht nur die Frage, welche Kommunen passen zueinander, sondern vor allem: welche interessierten und handelnden Personen auf DDR-Seite würden mit den verantwortlich Handelnden auf Coesfelder Seite vertrauensvoll und am besten zusammenarbeiten, um möglichst schnell und effizient unter Einbeziehung vieler Gruppen und Organisationen Partnerschaften aufzubauen.

Um auch die Zustimmung des stellvertretenden Landrates Tietze und der SPD zu erreichen, beinhaltete unser Konzept vorab den Vorschlag, Ascheberg mit Rheinsberg zu verbinden. Insgesamt sah das Partnerschaftskonzept wie folgt aus:

  1. Aschebergmit Rheinsberg sowie den Dörfern Glienecke, Zühlen, Braunsberg, Zecow, Rheinshagen und Dierberg
  2. Billerbeck mit Annaberg
  3. Kreisstadt Coesfeldmit der Kreisstadt Neuruppin sowie den Dörfern Treskow, Molchow, Krangen und Tornow
  4. Dülmenmit Fehrbellin sowie den Dörfern Protzen, Linum, Leutzke, Wustrau, Langen und Buskow
  5. Havixbeckmit Flecken Zechlin, Zechlin Dorf, Zechlinerhütte, Kagar und Wallitz
  6. Lettemit Karwe (nachträglich zugeordnet; s.u.)
  7. (alte Kreisstadt) Lüdinghausenmit (der historischen Stadt) Altruppin sowie den Dörfern Wuthenow, Nietwerder, Wulkow, Radensleben
  8. Nordkirchenmit Katerbow, Rägelin, Netzeband, Frankendorf und Pfalzheim
  9. Nottulnmit Lindow, Schönberg, Herzberg und Rüthnick
  10. Rosendahlmit Dabergotz, Kränzlin, Bechlin, Gottberg, Walsleben, Wildberg, Kerzlin
  11. Olfenmit Prettin
  12. Sendenmit Karwe

Dieser Vorschlag wurde von allen Teilnehmern zum Teil sofort, zum Teil nach Rücksprache in den Gemeinden, ausnahmslos akzeptiert. Im Laufe der Zeit entstanden noch weitere oder andere Städtefreundschaften, so z.B. zwischen Senden und der Stadt Jessen im damaligen Bezirk Cottbus und späteren Land Sachsen-Anhalt.

Heute, 10 Jahre nach einer beispielhaften Bilanz der Städtefreundschaft zwischen Dülmen und Fehrbellin gebe ich gerne zu, dass das von Anfang an harmonische und freundschaftliche Zusammenarbeiten mit dem Ehepaar Glase aus Fehrbellin und die Hoffnung auf konstruktive und sachliche Ergebnisse in der Zusammenarbeit mit diesen beiden mit ein Grund für mich war, zwei doch eigentlich so ungleiche Städte wie Dülmen und Fehrbellin für eine Partnerschaft vorzuschlagen. Ein weiterer Grund war zugegebenermaßen der historische, zauberhafte Klang, der sich wegen des entscheidenden Sieges des Großen Kurfürsten von Preußen über die Schweden in der Schlacht bei Fehrbellin im Jahre 1675 mit diesem Namen verband.

Richtig mit Leben gefüllt wurden die Städtepartnerschaften durch den sofort am Tag darauf, dem 22. Februar 1990, einsetzenden regen Besuchsaustausch. Folgende Stationen sind bis zur Aufnahme der offiziellen Städtefreundschaft zwischen Dülmen und Fehrbellin zu erwähnen:

Wie zahlreich, vielfältig, wirtschaftlich effizient, kulturell bereichernd und menschlich bewegend die Begegnungen, Verbindungen und Arbeitshilfen auf beiden Seiten waren, ist mehrfach von vielen Seiten beschrieben worden und lässt sich nur ermessen von denen, die unmittelbar beteiligt waren.

Als Fazit bleibt: Aus dem Risiko und der Not der Umstände unmittelbar nach der Wende, unter Zeitdruck zwei in Größe und Struktur so unterschiedliche Städte wie Dülmen und Fehrbellin zu einer Partnerschaft auf den Weg zu schicken, hat sich eine der aktivsten, wirtschaftlich, kulturell und administrativ fruchtbarsten und menschlich bereicherndsten Formen kommunaler Zusammenarbeit entwickelt.

Abschließend bleibt nur, ein herzliches Dankeschön zu sagen allen, die — auf welcher Ebene, in welcher Organisation auch immer — mit dazu beitragen haben, dass diese Partnerschaften so nachhaltig, intensiv und dauerhaft mit Leben gefüllt wurden. Hoffen wir, dass das für viele Menschen hüben wie drüben für viele Jahrzehnte und Generationen gleichermaßen bereichernd bleibt.

Quellen:

Meldungen der Dülmener Zeitung

Stadtarchiv Dülmen, Bestand Freundschaftsverein Fehrbellin-Dülmen.

Copyright © Heimatverein Dülmen e. V.. Alle Rechte vorbehalten.

Die Verwendung der Beiträge ist nur zum persönlichen Bedarf gestattet.