Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2000

Sabine Heise

Zeitgenossinnen aus Dülmen

Zum 50. Geburtstag des Landes Nordrhein-Westfalen erarbeitete das Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit eine Wanderausstellung über 25 beispielhafte „Zeitgenossinnen“. Diese Ausstellung wurde seit 1998, um die Biografien lokalgeschichtlich relevanter Frauen aus dem Kreis Coesfeld erweitert, in verschiedenen Städten und Gemeinden des Kreises gezeigt. In Kooperation zwischen der Gleichstellungsstelle, dem Stadtarchiv und der Stadtbücherei Dülmen war die erweiterte Landesausstellung im November 2000 in Dülmen zu sehen.

In Anlehnung an den Beitrag der Kreisausstellung über die Merfelder Politikerin Elisabeth Küper wurden Porträts von drei Frauen erstellt, die in Dülmen politisch und ehrenamtlich tätig waren bzw. sind und die verschiedenen Generationen angehören. Maria Worstbrock, 1907 geboren, war die erste Politikerin nach Kriegsende und von 1949 bis 1956 im Rat der Stadt Dülmen tätig. Hildegard Freytag, geboren 1922, war in der Zeit von 1969 bis 1985 im Stadtrat. Dorothea Hainke, 1940 geboren, ist seit 1979 im Rat und war von 1994 bis 1999 erste Bürgermeisterin der Stadt Dülmen. Die folgenden Texte porträtieren die drei Frauen als Zeitzeuginnen bestimmter geschichtlicher Perioden, verbunden mit ihrem Weg in die Politik und andere Bereiche sozialen Handelns.

Das Stadtarchiv Dülmen möchte die Geschichte(n) von Frauen in dieser Stadt sichtbar machen, die Geschichte(n) von Frauen, die im öffentlichen Leben standen, ebenso, wie die der im privaten wirkenden, weniger bekannten Frauen. Eine Buchpublikation zum Thema „Frauenarbeit in Dülmen 1945 – 1961“ wird im nächsten Jahr erscheinen.

Maria Worstbrock:

Ich bin - mit Gottes Hilfe - ein Jahrhundertmensch geworden

Die Frau, die diesen Satz an das Ende ihrer für die Familie bestimmten Lebenserinnerungen stellt, kann dies mit Recht von sich behaupten. Maria Worstbrock war nach 1945 als erste Frau im Rat der Stadt Dülmen tätig und ist vielen Dülmenerinnen und Dülmenern als Gründerin der Familienbildungsstätte bekannt. Sie kann auf fast ein Jahrhundert wechselhafter Zeit- und persönlicher Geschichte zurückblicken. Geboren wird Frau Worstbrock im Jahr 1907 als Maria Alsdorf in Münster, zu einer Zeit, als Westfalen noch preußisch ist. Der Vater ist beamteter Leiter des Bekleidungsamtes des VII. Armeekorps in Münster. Getauft wird Maria Alsdorf in der Garnisonskirche Heilig Kreuz. Den Militarismus des deutschen Kaiserreichs, den Ersten Weltkrieg und seine Folgen erlebt das Kind bewusst mit. Im Schulunterricht werden die ruhmreichen Schlachten des deutschen Volkes Unterrichtsgegenstand, während die Wirklichkeit alles andere als glanzvoll ist. Nachbarn fallen im Krieg, die Versorgung der Bevölkerung ist katastrophal und es herrscht großer Hunger. Die Großmutter verliert ihr Vermögen bei der Inflation von 1922.

In den Jahren des Ersten Weltkrieges besucht Maria Alsdorf die Grundschule, 1917 wechselt sie zur Mittelschule. Die Direktorin rät den Eltern, sie auf das Lyzeum der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung nach Handorf zu schicken. Zu der Zeit, als Maria Alsdorf zu Schule geht, gibt es noch eigene höhere Lehranstalten für Mädchen. Das Lyzeum ist eine Schulform, auf die die sogenannte Studienanstalt oder das Oberlyzeum aufbauen, in denen Mädchen auch das Abitur ablegen können. Maria Alsdorf besucht zunächst das Lyzeum in Handorf und wechselt nach der Lyzeumsreife 1924 auf die in Münster neu gegründete Marienschule, ein Oberlyzeum. Maria Alsdorf ist eine von nur neun Schülerinnen, die an der Marienschule das Erstabitur machen, so streng waren vorher die Benotungen. Die von der Schule ausgestellten Zeugnisse müssen zur Gegenzeichnung zum Kultusministerium nach Berlin geschickt werden. Hier werden die Noten zur Enttäuschung aller Schülerinnen abgewertet. Die preußischen Beamten sind evangelisch und in einer Zeit konfessioneller Spannungen katholischen Einrichtungen nicht wohlgesonnen.

Das Abitur der Maria Alsdorf fällt in die Zeit der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie, die von gesellschaftlichen und kulturellen Aufbrüchen einerseits und von politischen und wirtschaftlichen Krisen andererseits gekennzeichnet ist. Im Aufbruch ist die Jugendbewegung, die im Kaiserreich noch nicht gesellschaftlich akzeptiert war. Frauen erhalten mit der Verfassung von 1919 erstmals das aktive und passive Wahlrecht. Maria Alsdorf beginnt ein Studium der Volkswirtschaft und tritt während ihres Studiums dem Windhorst-Bund bei, einer Jugendorganisation der katholischen Zentrumspartei. Das Vorbild dieser Jugendlichen ist der katholische Theologe und Religionsphilosoph Romano Guardini (1885 – 1968). In Abkehr vom Militarismus der Vergangenheit tragen die Jugendlichen Sandalen und sportliche Kleidung. Neben dieser Aufbruchstimmung herrschen bei den jungen Leuten aber auch Not und berufliche Perspektivlosigkeit vor, und so manches Vorhaben verläuft anders, als geplant, so auch das Studium von Maria Alsdorf. Das nötige Geld fehlt, da es noch kein Studiendarlehn gibt. Ihre Familie kann sie finanziell nicht unterstützen, sondern sie muss zum Unterhalt der Familie beitragen. Maria Alsdorf arbeitet bei der Provinzialverwaltung, zunächst bei der landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft, zwei Jahre später im Vor- und Frühgeschichtlichen Museum. Wegen der Erwerbsarbeit und der häuslichen Belastungen durch kranke Familienangehörige kann sie ihr Studienziel Volkswirtschaft mit dem Schwerpunkt Sozialwissenschaften nicht erreichen. Trotzdem hört sie Vorlesungen bei Professor Weber und arbeitet in ihrer wenigen freien Zeit am volkswirtschaftlichen Institut.

Im Jahre 1929 lernt Maria Alsdorf Philipp Worstbrock kennen, der Rendant und Organist der Pfarrgemeinde St. Viktor in Dülmen ist. Sie heiraten 1930 und auf diese Weise kommt Frau Worstbrock von der Provinzialhauptstadt Münster in die Kleinstadt Dülmen, ein Umzug, der nicht leicht fällt und anfangs oft Heimweh verursacht. Die ersten Jahre in Dülmen sind für sie trotzdem eine glückliche Zeit. 1931 kommt die erste Tochter zu Welt, 1933 die zweite Tochter und 1935 ein Sohn. Dann hinterlässt die nationalsozialistische Diktatur Spuren im Familienleben. Philipp Worstbrock wird von dem nationalsozialistischen Umfeld so sehr angefeindet, dass die Familie beschließt, nach Münster zu ziehen. Doch sind die Zeiten auch dort nicht einfacher. Im nationalsozialistischen Sinne als „politisch unzuverlässig“ eingestuft, bekommt Philipp Worstbrock keine Stelle. 1940 ermittelt die Geheime Staatspolizei wegen eines falsch adressierten Feldpostbriefes gegen die Familie. Die Wohnung wird durchsucht und Maria Worstbrock verhört. Nun fühlt sich die Familie auch in Münster nicht mehr sicher. Eine Rückkehr nach Dülmen wird aber dadurch erschwert, dass das Haus der Worstbrocks inzwischen beschlagnahmt wurde. In einer Nacht- und Nebelaktion gelingt es der Familie, das Haus wieder zu beziehen. Philipp Worstbrock wird trotz seines Alters wiederholt zum Schanzeinsatz eingezogen. In seiner Abwesenheit erledigt Maria Worstbrock die Geschäfte der Kirchenkasse von St. Viktor.

Die Zeiten nach 1945 sind für Frau Worstbrock und ihre Familie schwere Jahre. Das Haus ist zum großen Teil zerstört worden, die Versorgungslage schlecht. Der Versuch, sich zur Lehrerin ausbilden zu lassen, scheitert an dem enormen häuslichen und familiären Arbeitspensum und der räumlichen Entfernung zur Ausbildungsstätte. Philipp Worstbrock haben die Jahre von Diktatur, Krieg und die Zerstörung von St. Viktor so zermürbt, dass er schwer erkrankt und 1951 stirbt. Der Blickwinkel von Frau Worstbrock konzentriert sich in diesen Jahren nicht allein auf das Schicksal ihrer Familie, sondern ebenso auf das gesellschaftliche Umfeld: „Und dann habe ich gedacht, Dülmen liegt so am Boden zerstört, wir müssen doch etwas machen.“ Zunächst gründet Frau Worstbrock deshalb den Katholischen Deutschen Frauenbund in Dülmen neu. 1948 tritt sie auf Wunsch des Rektors Terlohe der Zentrumspartei bei, für die sie 1949 in den Rat der Stadt Dülmen einzieht. Sie gelangt zu der Erkenntnis, dass in der neuen Demokratie eine Fusion zwischen der alten, katholischen Zentrumspartei und der neugegründeten, interkonfessionellen CDU unausweichlich ist. Mit dieser Auffassung trifft sie beim Vorstand des Zentrums in Dülmen auf kein Verständnis. Frau Worstbrock tritt deshalb im März 1950 alleine der CDU bei. Maria Worstbrock ist bis 1956 im Schul-, Kultur- und Sozialausschuss tätig, in dem sie zeitweise auch Vorsitzende ist. Für ihr politisches und soziales Engagement in den schweren Jahren des Wiederaufbaus verleiht ihr Konrad Adenauer 1956 die anlässlich seines achtzigsten Geburtstages von ihm gestiftete silberne Plakette. Diese Ehrung wird ihr als einzigem Dülmener CDU-Mitglied zuteil.

Mit dem Ende des parteipolitischen Engagements hört das Wirken der Maria Worstbrock keinesfalls auf. Angeregt vom Katholischen Deutschen Frauenbund beginnt sie mit dem Aufbau einer Mütterschule, um den Frauen, die während des Krieges Witwe geworden waren, eine Anlaufstelle zu bieten. Außerdem sollen Frauen dort die Möglichkeit bekommen, hauswirtschaftliche und familienpflegerische Kenntnisse zu erlangen. In den fünfziger Jahren geht man noch traditionell davon aus, dass Frauen für die Haus- und Familienarbeit zuständig sind. Gleichzeitig haben viele Frauen in den Jahren des Mangels diese Kenntnisse nicht erworben; dem sollte Abhilfe geschaffen werden.

1956 kann die Mütterschule in der Aula des alten Gymnasiums eröffnet werden. Die ersten Kurse finden in der Marienschule und in verschiedenen Schulbaracken statt. Da Frau Worstbrock den Kursteilnehmerinnen und den Kursleiterinnen diesen Zustand auf Dauer nicht zumuten will, verfolgt sie bald die Idee eines Neubaus, für die sie den Dechanten Dümpelmann gewinnen kann. Er stellt ein Grundstück zur Verfügung und Frau Worstbrock gelingt es, beim Bistum Münster und beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe die für den Bau nötigen Gelder zu beantragen. Im Oktober 1959 kann die Mütterschule eingeweiht werden. Sie besteht aus vier Küchen, einem Esszimmer, einem Nähzimmer mit sechs Nähmaschinen, einem Gymnastikraum, drei Duschen mit WC, drei Toiletten, einem Säuglingspflegeraum, einem Büro und einem Vortragsraum. Es ist nicht erstaunlich, dass dieses Pilotprojekt auch außerhalb Dülmens bewundert wird.

Frau Worstbrock bleibt bis 1969 Leiterin der Mütterschule. Zwischenzeitlich ist sie auch Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Mütterschulen und deren Landesgeschäftsführerin. In dieser Zeit verfolgt sie das Ziel, die Mütterschulen in „Familienbildungsstätte“ umzubenennen, um auf diese Weise auch Männer und Kinder in die Familienweiterbildung einzubinden. Mit diesem Vorschlag ist Frau Worstbrock ihrer Zeit voraus, der Vorschlag stößt auf wenig Resonanz. In Dülmen aber führt sie den Namen „Familienbildungsstätte“ ein. Als Landesgeschäftsführerin organisiert sie kostengünstige Freizeiten und Fahrten für alleinstehende Frauen.

Für ihre Arbeit wurde Frau Worstbrock zweimal von offizieller Seite geehrt: 1969 zunächst mit dem Bundesverdienstkreuz, ein Jahr später verlieh ihr die Stadt Dülmen die Kulturplakette. Unabhängig von allen offiziellen Ehrungen zeigen die Dülmener Bürgerinnen (und Bürger) heute durch den regen Besuch der Kurse der Familienbildungsstätte, dass sich der Einsatz für Gründung und Bau sehr gelohnt hat. So hat Maria Worstbrock bleibende Spuren hinterlassen.

Hildegard Freytag

Ich war richtig süchtig nach Informationen über Politik

Ein Zitat von Hildegard Freytag, die insgesamt fünfzehn Jahre, von 1969 bis 1985 dem Rat der Stadt Dülmen angehörte und deren politisches Interesse bereits in den Nachkriegsjahren geweckt wurde.

Geboren wird Hildegard Freytag 1922 in Duisburg. Die Mutter stirbt zwei Tage nach der Geburt, so dass der aus Dülmen stammende Vater mit dem Kind plötzlich alleine dasteht. In dieser Situation nimmt der Großvater den Säugling mit in die Heimatstadt seines Sohnes, da in seinem Haus eine junge Familie mit einem Kind wohnt, die die Betreuung des Kindes mit übernehmen kann. Als Hildegard Freytag im schulpflichtigen Alter ist, holt sie der Vater, der inzwischen ein zweites Mal geheiratet hat, zurück nach Duisburg. Nach dem Besuch der Grundschule kommt Frau Freytag auf ein städtisches Lyzeum, eine höhere Schule für Mädchen. Im Anschluss daran besucht sie eine städtische Höhere Handelsschule, in der Mädchen und Jungen unterrichtet werden.

Kindheit und Jugend fallen in die Zeit des Nationalsozialismus. Nach der Schulzeit muss Hildegard Freytag ein sogenanntes Pflichtjahr machen, da es seit dem 15. Februar 1938 Gesetz ist, dass alle unverheirateten Mädchen unter 25 Jahren vor dem Eintritt in die Berufstätigkeit ein Jahr in der Haus- oder Landwirtschaft gearbeitet haben müssen. Hildegard Freytag kommt auf einen Bauernhof in Schleswig-Holstein. Für sich persönlich macht sie dort gute Erfahrungen. Retrospektiv lehnt sie die Einrichtung Pflichtjahr ab, da diese einen staatlichen Zwang darstellte, unter dem viele sehr gelitten haben.

Nach dem Pflichtjahr erhält Frau Freytag eine Stelle in der Buchhaltung einer Firma, die Geldschränke und Tresore herstellt. Als sie erfährt, dass sie im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen keine Gehaltserhöhung erhält, beschließt sie, sich nach einer anderen Stelle umzusehen. Durch Vermittlung eines Bekannten bekommt sie 1940 eine Anstellung in der Registratur der Staatsanwaltschaft in Duisburg, wo sie einerseits gerne arbeitet, weil sie dort Kontakt mit Menschen hat, oft mit solchen, die wegen kleinerer Delikte bei der Staatsanwaltschaft vorgeladen werden. Andererseits kommt sie auch mit der Unrechtsjustiz des nationalsozialistischen Regimes in Berührung. So stellt die junge Frau fest, dass aus einer bestimmten Anstalt für Geisteskranke immer wieder Nachrichten kommen, wonach ein Patient an Herzversagen verstorben sei. Als sie dies Kollegen mitteilt, wird sie von ihrem Chef streng verwarnt. Fortan spricht sie nur noch mit dem Vater über Dinge, die sie belasten. Als eine Bekannte wegen eines politischen Witzes von der Geheimen Staatspolizei angezeigt wird, setzt sie sich dafür ein, dass es zu keinem Verfahren kommt.

1944 wird die Staatsanwaltschaft in Duisburg aufgelöst und Frau Freytag zieht nach Dülmen, wo ihre Familie wohnt. Nach Kriegsende ist sie bei der Stadtverwaltung tätig, zunächst als Dolmetscherin und später als Angestellte in verschiedenen anderen Bereichen. Da ihr Ehemann ebenfalls bei der Stadtverwaltung arbeitet, wird ihr in den fünfziger Jahren gekündigt. Zu dieser Zeit ist es verpönt, dass bei der Stadtverwaltung beide Eheleute beschäftigt sind. Frau Freytag erhält ein Zeugnis, in dem es heißt, dass sie gekündigt habe, weil sie sich ganz ihrem Haushalt widmen wolle. Frau Freytag lehnt dieses Zeugnis ab und setzt durch, dass der wahre Kündigungsgrund aufgenommen wird. Sie bemerkt zu dieser Zeit: „Man hat zwar schon mal von der Gleichberechtigung gehört, aber so genau nahm man es in Dülmen auch wieder nicht. Ich glaube, keine Partei würde es heute gerne hören, dass sie mal solchen Blödsinn gemacht hat.“

Nach Kriegsende entwickelt Frau Freytag ein großes Interesse an Politik. Sie ist „richtig süchtig nach Informationen über Politik“ und besucht zahlreiche Versammlungen, was nur wenige Frauen damals tun (konnten). Eine Frau, die ihr besonders imponiert, ist die Zentrums-Politikerin Helene Wessel (1898 – 1969). Frau Freytag kann sich aber auch „furchtbar erregen“, so zum Beispiel darüber, als Rudolf Amelunxen, (1888 – 1969) Oberpräsident der Provinz Westfalen, bzw. 1946/47 Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, vom Wirtschaftswunder spricht. Die junge Frau schreibt ihm einen Brief, in dem sie den Begriff „Wunder“ in Frage stellt und sie erhält auch eine Antwort, die sie allerdings ebenso kritisch hinterfragt. In diesen Jahren denkt sie jedoch nicht daran, selbst politisch aktiv zu werden. Diese Idee kommt erst viele Jahre später auf, als sie Anfang vierzig ist. Frau Freytag wird mit den Schulverhältnissen in Dülmen konfrontiert, die ihr nicht gefallen. Dagegen will sie etwas tun. Ihr wird gesagt, dass sie nur über die Mitgliedschaft in einer Partei wirklich etwas verändern kann. Frau Freytag, die „eigentlich gegen alle Parteien ein bisschen was einzuwenden hatte“, beschließt 1964 der CDU beizutreten, weil diese Partei ihr gefühlsmäßig am nächsten steht. Sie besucht regelmäßig die monatlichen Versammlungen. Einen Platz im Schulausschuss, den sie eigentlich anstrebt, erhält sie nicht, worüber sie zunächst enttäuscht ist. Später, im Jahr 1968, wird sie aber gefragt, ob sie für den Rat der Stadt Dülmen kandidieren will. Nach gemeinsamer Überlegung mit ihrem Mann willigt sie ein. Hildegard Freytag kommt 1969 in den Stadtrat, wo sie zeitweise die einzige Frau ist. Bis 1984 arbeitet sie in mehreren Ausschüssen: im Hauptausschuss, im Jugend- und Familienpflegeausschuss (Ausschuss für Soziales und Familienfragen) - dessen Vorsitzende sie zeitweise ist -, im Jugendausschuss (Jugendwohlfahrtsausschuss), im Unterausschuss Jugendzentrum und im Ausschuss für Kultur- und Weiterbildungswesen. Sie ist in dieser Zeit im Kindergartenbeirat, im Behindertenbeirat und im Verwaltungsrat der Stadtsparkasse Dülmen tätig.

1969 wählt man(n) sie in den Fraktionsvorstand der CDU und zu dessen Geschäftsführerin. In der Frauenunion ist sie zeitweise Kreisvorsitzende. Nach der Kommunalreform 1975 wird Hildegard Freytag Ortsvorsteherin im Bezirk Dülmen-Mitte. 1979 wird sie zweite stellvertretende Bürgermeisterin und 1981 stellvertretende Bürgermeisterin.

Bei Repräsentationsaufgaben als stellvertretende Bürgermeisterin erlebt Frau Freytag, dass Politik und Gesellschaft darauf ausgerichtet sind, dass Männer öffentliche Positionen einnehmen und Frauen der private „Anhang“ dieser Männer sind. Frau Freytag befindet sich auf offiziellen Veranstaltungen als einzige Politikerin häufig allein unter Männern, ihr Ehemann muss in dieser Zeit an einem Begleitprogramm teilnehmen, was sich ausschließlich an die Zielgruppe der mitgebrachten Ehefrauen richtet.

Bei den Wahlen 1984 verliert Frau Freytag ihr Ratsmandat, wird aber erneut zur Ortsvorsteherin für Dülmen-Mitte gewählt und bleibt Mitglied des Fraktionsvorstandes. 1989 kandidiert sie nicht mehr für den Rat, arbeitet aber weiterhin als sachkundige Bürgerin in mehreren Ausschüssen mit. Zwischenzeitlich ist sie Mitglied im Beschwerdeausschuss für Wehrdienstverweigerer und Schöffin beim Amtsgericht.

Parallel zu ihrer parteipolitischen Arbeit engagiert sich Frau Freytag im Verband der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderten und Sozialrentner Deutschlands (VdK). 1982 wird sie Vorsitzende des VdK-Ortsverbandes Dülmen, seit 1994 ist sie Kreisvorsitzende.

Frau Freytag, die für ihr politisches und soziales Engagement 1982 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam, ist weiterhin in der Öffentlichkeit präsent, nicht mehr in der aktiven Politik, sondern im vorpolitischen Raum. Das Soziale, sagt sie, liegt ihr und war auch das, was ihr bei der Kommunalpolitik immer am meisten gelegen hat und wo sie mit dem Herzen dabei war. Ergänzt werden muss, dass Hildegard Freytag neben Herz auch ein scharfer Verstand, Humor und Sachkompetenz zu eigen sind.

Dorothea Hainke

In meiner eigenen Lebensgeschichte ist Chancengleichheit etwas sehr Wichtiges

Chancengleichheit ist ein Begriff, der in den Jahren von 1965 bis 1975 Bedeutung erlangte, als das Bildungssystem dahingehend reformiert wurde, dass Kinder aller Gesellschaftskreise, Jungen wie Mädchen, die gleichen Chancen in der Schule, in der Ausbildung und an den Universitäten haben sollten. Frau Hainke ist dieser Begriff deshalb so wichtig, weil sie selbst erfahren hat, dass Bildung und Ausbildung ihr nicht selbstverständlich zur Verfügung standen.

Im Jahr 1946 kommt Dorothea Hainke als sechsjähriges Kind mit ihrer Mutter und ihren Großeltern in ein Dorf nahe Dülmen. Die Familie gehört zu den Menschen, die im Rahmen der Verträge von Potsdam aus Schlesien ausgesiedelt wurden, so die offizielle Terminologie für die in der Praxis spontan und kurzfristig erfolgten Vertreibungen. Die Familie hat alles verloren und besitzt nur noch die Dinge, die sie in wenigen Taschen mitnehmen konnte.

Dorothea Hainke kommt in eine Dorfschule, wo sie wegen ihres schlesischen Dialektes auffällt und von den plattdeutsch sprechenden Kindern ausgelacht wird. Die Verbindungen zwischen den einheimischen, katholischen Kindern und den „dazugezogenen“, meist evangelischen Kindern erlebt sie als nicht sehr stark. Es gibt aber eine Freundin, die ihr hilft, sich in der neuen Kultur zurechtzufinden. 1951 zieht Dorothea Hainke mit ihrer Mutter nach Dülmen. Dies bringt einen Schulwechsel mit sich. In der neuen Schule hat das Mädchen Erfolgserlebnisse, und es erfährt Förderung von Lehrern und Lehrerinnen. Wie aber soll es nach dem Ende der Schulzeit weitergehen? „Wir haben alles verloren. Was du im Kopf hast, das kann dir keiner nehmen“, meint die Mutter und beschließt, dass Dorothea Hainke eine weiterführende Schule besuchen soll. Das ist zur damaligen Zeit, als noch Schulgeld bezahlt werden musste, nicht selbstverständlich. Frau Hainke besucht zunächst die Haushaltungsschule des Kreises Coesfeld, eine traditionelle Mädchenschule, die mit dem Abschluss „Geprüfte Hausgehilfin“ endet. Lehrer raten zu einem weiteren Schulbesuch, und so macht Dorothea Hainke an den Gewerblichen und Hauswirtschaftlichen Lehranstalten der Provinzialhauptstadt Münster auf dem zweiten Bildungsweg die mittlere Reife nach. Der zweite Bildungsweg bietet Menschen, die nicht die Realschule oder das Gymnasium besuchen konnten, die Möglichkeit, Schulabschlüsse nachzuholen. In der Klasse von Frau Hainke sind dies Schüler, die hauptsächlich aufgrund der Eigenschaft „weiblich“ von den traditionell denkenden Eltern zunächst nicht zu einer weiterführenden Schule geschickt worden waren. Die meisten von ihnen stammen aus finanziell stabilen Elternhäusern. Anders sieht es bei Dorothea Hainke aus. Ihre Mutter ist Witwe mit einer kleinen Rente und arbeitet als Putzfrau. Bevor es für die Schule Beihilfen gibt, kontrolliert das Sozialamt die Zeugnisse. Beides empfindet Frau Hainke als so belastend, dass ihr die soziale Benachteiligung von Menschen und die Chancengleichheit bis heute ein großes Anliegen sind.

Nach der Mittleren Reife will Frau Hainke erst einmal eine andere Stadt kennenlernen. Sie geht 1958 nach Bielefeld, wo sie ein Jahr lang bei einer Fabrikantenfamilie mit vier Kindern arbeitet. Anschließend macht sie in der Privaten Frauenfachschule für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen des Diakonissenhauses Münster eine Ausbildung als Erzieherin. Nach ihrem Examen im Jahr 1961 arbeitet sie in Lemgo in einer sogenannten Heilerziehungs- und Pflegeanstalt für Geistesschwache und Epileptiker, eine Einrichtung, die es heute in dieser Form nicht mehr gibt, da dieser Bereich inzwischen reformiert und ausdifferenziert worden ist.

Im November 1961 wechselt Dorothea Hainke in einen evangelischen Kindergarten nach Bottrop-Boy-Welheim, der in einem Arbeiterviertel liegt. In Bottrop lernt Frau Hainke ihren Mann kennen. Beide beschließen zwecks Heirat und Familiengründung nach Dülmen zu ziehen. Zunächst versuchen die Eheleute in Dülmen eine Stelle zu bekommen. Dies stellt sich für Frau Hainke wegen des katholischen Umfeldes als nicht ganz einfach heraus. Mit ihrer evangelischen Konfession und Ausbildung darf sie von keinem katholischen Kindergarten angestellt werden. Frau Hainke arbeitet deshalb ab September 1961 zunächst einige Monate im Franz-Hospital als Kinderkrankenschwester. Im März 1964 erhält sie eine Anstellung im städtischen Kindergarten als Kindergärtnerin. Am 1. Januar 1965 wird sie dessen Leiterin. Als Dorothea Hainke mit dem ersten Kind schwanger ist, hört sie auf, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. In den nächsten Jahren konzentriert sie sich hauptsächlich auf ihre Hausfrauen- und Mutterrolle „und ist damit eigentlich recht glücklich gewesen.“ Es kommt aber der Punkt, an dem sie etwas anderes erfahren will, als ausschließlich Familienleben. Frau Hainke besucht Vorträge und beginnt, sich außerhalb der Familie zu engagieren. Über die Krabbelstube der evangelischen Kirche kommt sie in die Gemeindearbeit hinein, arbeitet im Jugendausschuss und im Diakonieausschuss. Nachdenklich bemerkt sie zu dieser Zeit: „Und ich erlebte da eigentlich etwas, was ich heute noch so genau weiß, nämlich, dass ich in dieser Zeit der Familienphase Fähigkeiten verloren hatte, die ich schon mal alle besessen hatte. Und zwar einfach dieses soziale Umgehen mit Erwachsenen in Diskussionen, das ging über Kleidung, das ging über eigenes Geld, ganz wichtige Dinge hatte ich im Laufe der Zeit verloren.“ Frau Hainke, für die Lesen und Wissen bereits in der Schul- und Ausbildungszeit eine zentrale Rolle eingenommen hatten, beginnt neu zu lernen und setzt sich mit den aktuellen Themen der Zeit auseinander. Dieser persönliche Entwicklungsprozess vollzieht sich in den siebziger Jahren, also in einer Zeit, in der sich das Demokratieverständnis dahingehend verändert, dass die Mitwirkung von Menschen in allen Bereichen der Gesellschaft und ihr Mitspracherecht Bedeutung erlangen. 1975 stehen Wahlen vor der Tür. Zusammen mit zwei Nachbarinnen und ihrem Mann besucht Frau Hainke Wahlveranstaltungen aller Parteien, da sie wissen möchten, „was für ein Konzept die Parteien haben und was sie zu sagen haben.“ Erst dann wollen sie eine Wahlentscheidung treffen. Frau Hainke beschließt für sich persönlich, die SPD zu wählen und tritt auch der Partei bei, eine Entscheidung, die sie sich nicht leicht macht. Sie wird Mitglied der SPD im Ortsteil Hausdülmen und besucht in der Folgezeit gemeinsam mit anderen Frauen Seminare der Friedrich-Ebert-Stiftung. Parallel dazu arbeitet sie weiter in der Gemeindearbeit der evangelischen Kirche und ist Elternvertreterin in Kindergarten und Schule. Im Diakonieausschuss der evangelischen Kirchengemeinde entsteht Mitte der siebziger Jahre die Idee, für Kinder aus sozial benachteiligten Familien eine Schulaufgabenhilfe einzurichten. Lehrer, Schülerinnen und Schüler vom Gymnasium und Familienfrauen wie Frau Hainke erteilen Kindern Förderunterricht und spielen mit ihnen. Frau Hainke engagiert sich ebenfalls bei der Arbeiterwohlfahrt. Sie gehört zu den Frauen, die in der Seniorenarbeit aktiv sind. Ein besonderes Anliegen ist Dorothea Hainke die Arbeit mit türkischen Frauen, da sie selbst erlebt hat, wie schwer es ist, fremd zu sein und sich in einer anderen Kultur zurechtzufinden.

1979 wird Frau Hainke Stadtverordnete und arbeitet in den folgenden Jahren in verschiedenen Gremien und Ausschüssen, u.a. im Kindergartenbeirat, im Ausschuss für Soziales und Familienfragen, im Schulausschuss, im Jugendwohlfahrtsausschuss, im Jugendausschuss, im Sozialausschuss, im Werksausschuss, im Umweltausschuss und im Hauptausschuss.

Nach der Kommunalwahl 1989 wird Dorothea Hainke stellvertretende Bürgermeisterin. Von 1994 bis 1999 ist sie Bürgermeisterin der Stadt Dülmen. Bei den Wahlen von 1999 entscheidet sie sich, nicht mehr zu kandidieren, bleibt aber Ratsmitglied.

Die Zeit des Herausgehens aus der Familie, verbunden mit ihrem kirchlichen, sozialen und politischen Engagement, sieht Frau Hainke retrospektiv als einen für sie lebensnotwendigen Schritt an. Die Erfahrung, dass Familie ein Arbeitsplatz ist, den sie gerne eingenommen hat, aber der sie gleichzeitig isoliert hat, macht sie sehr nachdenklich, und sie fragt sich, ob es für Frauen nicht andere Mittel und Wege gibt, das Familienleben mit einem Leben außerhalb der Familie zu vereinbaren. So ist für Dorothea Hainke das Thema Chancengleichheit auch in Bezug auf Frauen und Männer und deren Stellung in Familie und Öffentlichkeit ein wichtiges Anliegen.

Quellen

Worstbrock:

Interviews

Mein Leben im 20. Jahrhundert (Mskr.)

Kirche und Leben vom 10. 1. 1960

Interviews

Freytag:

Stadtarchiv: Stadtverordnete

Dülmener Zeitung vom 14. 4. 1982

Dülmener Zeitung vom 10. 5. 1982

Hainke:

Interviews

Stadtarchiv: Stadtverordnete

Dülmener Zeitung vom 4. 10. 1999

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