Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2000

Friedrich-Wilhelm Hemann

Zwangsarbeit in Dülmen

Ein Lebensschicksal

Bereits in der unmittelbaren Nachkriegszeit erfolgte zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den westlichen Nachbarländern, aus denen während des Zweiten Weltkriegs Menschen zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht worden waren, ein Ausgleich. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern aus dem östlichen Europa blieben Entschädigungen bis zum gesamteuropäischen Wendejahr 1989 vorenthalten. Erst im Jahre 2000, mehr als 55 Jahre nach dem Kriegsende und der zwangsweisen Rekrutierung von Millionen Frauen, Männern und Jugendlichen aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten in Polen und der Sowjetunion, kamen die Verhandlungen über Entschädigungsleistungen zum Abschluss. Während die nicht wenigen jungen Frauen und Männer, die zur Arbeit in der Landwirtschaft gezwungen worden waren - im Bereich des heutigen Stadtgebiets immerhin 434 Personen aus Polen und der Sowjetunion -, keine Zahlungen erhalten sollen, werden die in der gewerblichen und industriellen Wirtschaft eingesetzten Zwangsarbeiter aufgrund des von ihnen zu erbringenden Nachweises über ihre Arbeitszeit in Deutschland entschädigt.

Aufgrund dieser gesetzlichen Regelung gingen seit 1997 zehn Anfragen im Stadtarchiv Dülmen ein, die hauptsächlich von ehemaligen Zwangsarbeitern der Eisenhütte Prinz Rudolph stammen. Von den zehn Zuschriften enthielten drei Schreiben detailliertere Angaben über die Lebensgeschichte der ehemaligen Zwangsarbeiter. Nachdem das Stadtarchiv fast sämtlichen Anfragestellern ihre Arbeitszeiten in Dülmen mit detaillierten Zeitangaben bescheinigen konnte, wurden diese gebeten, ihren Lebensweg bzw. ihre Erlebnisse in Dülmen mitzuteilen. Eines der daraufhin eingegangenen Schreiben wird im folgenden abgedruckt. Ihm werden Eingangs einige allgemeine Hintergrundinformation vorangestellt.

Zu Beginn des Krieges handelte es sich bei den besonders in der Landwirtschaft eingesetzten Arbeitskräften um polnische Kriegsgefangene, die die Arbeitskraft der zur Wehrmacht eingezogen Söhne und Ehemänner auf dem Lande ersetzen sollten. Die ab 1941 kriegsgefangenen Sowjetrussen kamen im Gegensatz zu den Kriegsgefangenen anderer Nationen nur zum Teil zum Arbeitseinsatz, weil der Großteil binnen weniger Wochen in der Gefangenschaft an Unterernährung und Krankheiten starb.

Der Arbeitskräftemangel in der deutschen Wirtschaft wurde im Verlauf des Krieges immer drückender. Zunächst noch auf Freiwilligkeit basierende Anwerbungsversuche in den Niederlanden, Belgien und Italien konnten immer weniger die durch die Einziehungen zum Militärdienst entstehenden Lücken auffüllen. Die deutsche Arbeitsverwaltung im Reich ging daraufhin im Verbund mit der Militärverwaltung in den besetzten Gebieten in Polen, der Ukraine und Weißrussland daran, fehlende Arbeiter mit Hilfe einer rigorosen Durchsetzung der Arbeitspflicht zu erhalten. Betroffen waren davon besonders Jugendliche, die nach dem Abschluss der Schule keine Lehr- und Arbeitsstelle finden konnten.

Gleichzeitig mit der Besatzung war die Meldepflicht und eine Lebensmittelversorgung eingeführt worden. Personen in den besetzten Ländern war so gut wie unmöglich, sich mit Lebensmittel zu versorgen, ohne polizeilich gemeldet zu sein. Die polizeiliche Meldung hatte wiederum zur Folge, dass die Besatzung über die Arbeitsverhältnisse informiert war. Ab 1942 kam es dann zu Straßenrazzien bei denen Jugendliche, junge Frauen und Männer, die keine Beschäftigung nachweisen konnten, verhaftet und ins deutsche Reich transportiert wurden. Dort erfolgte die Weiterverteilung über die Arbeitsämter auf die Industrie- und Gewerbebetriebe.

Leider sind sämtliche Betriebsunterlagen der Eisenhütte Prinz Rudolph im März 1945 vernichtet worden, wodurch die näheren Hintergründe unbekannt bleiben, die im Frühjahr 1943 zur Zuweisung von 80 polnischen und ukrainischen Zwangsarbeitern führten. Immerhin gewährt das Schreiben von Kliment Feodor Michailuk, der heute im Dorf Datschoe auf der Krim lebt, einen exemplarischen Einblick in die Umstände, die ihn zur Zwangsarbeit nach Dülmen führten, und den weiteren Verlauf seines Lebens.

Sicherlich sollte man einige euphemistische Wendungen und im Nachhinein verklärte Erinnerungen nicht überbewerten, aus ihnen lässt sich aber im Vergleich zu anderen Zeugnissen die große Bandbreite ablesen, die bei der Behandlung von Zwangsarbeitern an der Tagesordnung war. Sie unterschied sich je nach Betrieb und Branche — in der Landwirtschaft auch von Hof zu Hof.

In den Arbeitserziehungslagern war eine Behandlung wie in den Konzentrationslagern anzutreffen. Im Bergbau unter Tage und in den großen Rüstungskomplexen war das Lagerleben durch Schikanen und einen teilweise unmenschlichen Umgang geprägt, während in kleinen Gewerbebetrieben und auf dem Lande durchaus auch Verhältnisse anzutreffen waren, die sich kaum von dem zu Gesellen und zum Gesinde unterschieden.

Es folgt nun der Wortlaut des Schreibens von Kliment Feodor Michailuk vom 28. April 2000:

Ich bin sehr froh, dass Sie mir den Brief geschrieben haben und dass Sie sich dafür interessieren, wie ich nach Deutschland kam, wie die Zwangsarbeit war und was nach der Befreiung geschah, sowie wie mein weiteres Schicksal war.

Als ich Ihren Brief bekommen habe, habe ich lange vor Freude geweint, weil ich den Brief von dem Menschen erhalten habe, der so viel Gutes für mich getan hat, und ich mich bei ihm nicht bedanken kann. Ich habe auch geweint, weil ich so viel im Lager in Bochum erlebt habe und es so viele Deutsche gibt, die mir in Dülmen und in Bochum so viel Gutes getan haben, die mir das Leben gerettet haben, und ich mich bei ihnen bis heute kaum bedanken konnte.

Ich bin tief gläubig, ich lese die Bibel, habe sie mehr als zehnmal vom Alten bis zum Neuen Testament gelesen und lese sie weiter, um zu begreifen, was ich beim letzten Mal nicht begreifen konnte. Das bedeutet, dass alles, was ich hier schreibe, pure Wahrheit ist, denn ich habe Ehrfurcht vor Gott.

Im Jahre 1935 sind meine Eltern auf der Suche nach einem besseren Leben aus Kirowograd nach Stalino (heute Donezk) gezogen, das 1941 von den Deutschen besetzt wurde. Stalino war eine Industriestadt, eine Stadt der Bergarbeiter, aber die sowjetische Armee hat sie ohne einen einzigen Schuss aufgegeben. Wie auf einer Militärparade kam die deutsche Armee durch unsere Siedlung auf dem Weg aus der Stadt zum Bahnhof. Ich war damals 16 Jahre alt.

Im Januar oder Februar 1942 habe ich eine Vorladung bekommen, bin hingegangen und wurde registriert. Dann habe ich erfahren, dass ich an einem bestimmten Tag nach einer bestimmten Adresse kommen musste, um nach Deutschland zu fahren. Es sind sehr viele Menschen zu diesem Sammelpunkt gekommen, man hat uns in die Güterwaggons „geladen“ und nach Deutschland gefahren. Meine Mutter kam, um Abschied von mir zu nehmen, aber es hat nicht geklappt, und sie musste nach Hause gehen, ohne mich gesehen zu haben.

Von einem Übergangslager in Deutschland wurde ich mit 36 meiner Altersgenossen von einem Deutschen in Zivilkleidung ausgewählt und nach Bochum gebracht. Es war — wie ich mich erinnere — die Werkerstrasse. Wir kamen in das alte Werkklubgebäude mit einem kleinen Hinterhof, wo später zwei Baracken gebaut wurden. Von dieser Straße aus, nur etwa 80 – 100 Meter weiter konnte man durch die Tore zum Werk gelangen. Die andere Seite des Werkes ging auf die Hauptstraße hinaus. Der Hinterhof grenzte an den Stadtfriedhof. Im Klubsaal hat man Schlafbänke in drei Ebenen aufgestellt. Man hat uns für drei Tage eingesperrt und erst am vierten Tag unter Bewachung zur Dreherei gebracht — ich denke, dass sie die vierte links war. Rechts, etwas auf der Höhe, war ein Verkaufsstand, wo man Limonade kaufen konnte.

Die deutschen Vorarbeiter haben uns nach Arbeiten verteilt: Die einen gingen zu den Bohrbänken, die anderen zur Schmiede, wo man Nietnägel am Gasofen aufwärmen und dann sie zu den pneumatischen Hämmern bringen sollte. Einige lackierten mit Sprühpistolen die neu montierten Förderbände für Zechen. Mich hat keiner genommen, vielleicht weil ich so schlecht aussah. Ich hatte eine Uniformhose an, die mir der Mann meiner Schwester gegeben hatte. Aber so soll es vom Gott vorherbestimmt gewesen sein. Ich hatte keine festen Aufgaben und der Vorarbeiter ließ mich alles Mögliche tun. Aber die Uniformhose habe ich nicht mehr getragen.

Nach einer Zeit haben der Vorarbeiter und der Meister wohl meine Fähigkeiten erkannt und mich zum Metall schneiden geschickt. Der Vorarbeiter hat mir gezeigt, wie man die Hähne an den Sauerstoff- und den Acetylenflaschen aufmacht und das Gerät anzündet. Ich habe so etwa zehn Minuten geschnitten, und dann hat das Gerät Feuer „eingesaugt“ — so etwas passiert oft. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und stand ratlos da. Der Vorarbeiter hat mir die ganze Zeit aufmerksam zugesehen. Er ist zu mir gelaufen, hat mir das Gerät aus der Hand gerissen — es konnte in Sekundenschnelle verschmelzen — und es ausgemacht. Dann hat er mir so einen Hieb versetzt, dass ich umgefallen bin. Er hat mich am Kragen gepackt und zuerst auf das linke und dann das rechte Ohr gehauen, und dann noch auf die Nase. Als ich mich wieder gefangen hatte, zeigte mir der Vorarbeiter erneut, wie man das Gerät anzündet, wie man schneidet und dann das Feuer ausmacht. Das hat 15 Minuten gedauert, ich habe alles kapiert und bin dann ein echter Profi geworden.

Nachdem ich nach Deutschland gebracht worden war, wurde auch mein älterer Bruder eingezogen. Er ist in eine Zeche geraten, aber er war magenkrank, und wurde deswegen mit 24 oder 25 anderen ebenso kranken Arbeitern nach Dülmen in eine Fabrik gebracht. Er hat dort als Dreher gearbeitet.

Durch unsere Tante, die in Kirowograd lebte, habe ich den Briefkontakt mit meinem Bruder aufgenommen — wir durften einen Brief pro Monat schreiben — und erfahren, dass er in Dülmen ist und näher bei mir sein möchte. Ich habe seine Gedanken verstanden und habe am einem Sonntag morgen früh, noch in der Dunkelheit, das Fenster im Keller, wo wir uns während der Bombenangriffe versteckten, zerschlagen und bin so auf den Friedhof gelangt. Das hat nur deswegen geklappt, weil der Wächter vergessen hat, den Keller nach dem Bombenangriff zuzuschließen. In dem Raum, wo wir untergebracht waren, gab es eine Tür in den Keller und das habe ich gesehen. Eine Zeit davor habe ich herumgefragt und den Weg nach Dülmen herausgefunden. Ich bin mit dem Zug gefahren und einiger Zeit endlich in Dülmen angekommen. Bei der Ankunft gab es Probleme, aber alles ist gut ausgegangen. Gott war mit mir. Ich habe das Lager gefunden, wo mein Bruder Ivan wohnte. Das Lager befand sich am Stadtrand im Westen, auf der einen Seite der Straße nach Düsseldorf war das Werk und auf der anderen das Lager, das aus zwei Baracken bestand. Es gab keinen Zaun, wir konnten uns frei bewegen. Es gab 24 – 25 Russen und Ukrainer, fast genau so viele Polen, einige Holländer und Belgier.

Am Montag ist mein Bruder zur Arbeit gegangen und hat dem Besitzer des Werkes gesagt, dass sein jüngerer Bruder ankommen ist, der früher bei einem Bauern gearbeitet hat, aber nicht weiß, wo. Es gab nur eine einzige Stelle des Schweißers in der Dreherei des Werkes. Sie war besetzt durch einen Arbeiter, der bald in die Rente gehen sollte und schon drei Monate krank war. Der Besitzer hat angeordnet, dass ich nach der Mittagspause mit der Arbeit beginnen soll. Man hat mir zu essen gegeben und dann den neuen Arbeitsplatz gezeigt. Alle Leute, die damals dort gearbeitet haben, sollen sich sehr gut an mich erinnern können, weil ich der einzige Schweißer war. Sauerstoff- und Acetylenbehälter standen auf einer Karre und die Schläuche hat man auf die Griffe aufgewickelt. Ich hatte viel in allen Abteilungen des Werkes zu arbeiten, überall, wo ich benötigt wurde.

Als ich in Dülmen angekommen bin, war ich Haut und Knochen. Im Lager haben in der Küche zwei deutsche Frauen gearbeitet, die eine war klein und etwas korpulent und die andere war groß und dünn. Immer wenn ich zum Mittagessen kam, hat die zweite zu mir gesagt: „Oh, mein kleiner“ und hat mir immer Nachschlag gegeben. Als ich etwas zugenommen hatte, hat sie gesagt: „Oh, bist du dick“. Obwohl es in Bochum wirklich schlecht war, bin im nachhinein sehr zufrieden, dass ich dort den Beruf des Schweißers erlernt habe. Dieser Beruf hat mir das Leben in Dülmen und später in Donezk gerettet. In Dülmen war es gut, wir konnten uns frei bewegen, das Essen war zufriedenstellend. Ich bin immer sehr dankbar und bitte den Herrgott, allen Menschen zu danken, die mir damals so viel Aufmerksamkeit geschenkt haben, besonders dem Besitzer der Eisenhütte Prinz Rudolph, der Mitleid mit mir hatte und mir Arbeit gegeben hat.

Ungefähr eine Woche vor der Befreiung wurde die Eisenhütte und das Lager von der amerikanischen und englischen Luftwaffe zerstört, die Verwaltung in der Stadt hat nicht mehr funktioniert und wir waren uns selbst überlassen. Aber Gott war mit uns. Nach dem erstem Tag, an dem wir heftig bombardiert worden waren - es waren 300 amerikanische viermotorige Flugzeuge -, begegneten ich und mein Bruder auf der Wiese mit einer Wassergrube hinter dem Lager auf der westlichen Seite einem Deutschen mit seiner Frau und Tochter. Er hat 200 – 300 Meter südlich vom Lager gewohnt. Sein Name war Klim, seine Frau hieß Ketti und seine 13-jährige Tochter Helga. Ihr Familiennamen ist mir entfallen. Als wir sie gesehen haben, sind sie mit dem Fahrrad aus der Stadt gefahren. Klim hat uns gerufen und gesagt, dass wir uns in seinem Hof in Keller vor den Bombenangriffen verstecken können und dass er morgen kommt und uns aus der Stadt holt. Diese Familie kannten wir noch aus der Lagerzeit, sie haben uns schon früher geholfen, wie sie nur konnten. Am zweiten Tag, wieder nach einem schrecklichem Bombardement — es waren mehr als 600 englische zweimotorige Flugzeuge — kam Klim mit dem Fahrrad und hat uns aus der Stadt geholt, dorthin, wo seine Familie auf einem alten Bauernhof eine provisorische Unterkunft gefunden hat.

Die Stadt wurde von den Amerikanern befreit. Wir haben die sich nähernde Front von weitem sehen können. Aus Dülmen flogen über uns Artilleriegeschosse auf eine Siedlung — ich habe vergessen, wie sie hieß — sie lag im Nordwesten. Dann kamen die Panzer. Als die Front weiter ging, wurde es auf einmal ruhig. Klim ist in sein Haus zurückgekehrt und hat uns mitgenommen. Das Haus war etwas zerstört, aber wir haben es repariert. Ich und mein Bruder Ivan haben uns im Lager für Russen und Ukrainer angemeldet, aber haben weiter bei Klim gewohnt. Ich denke, dass sein Nachname Hermann war. Er hatte zwei Söhne. Der ältere ist bei Leningrad (Sankt Petersburg) gefallen, der andere ist auch an der Front gewesen, ist aber zurückgekommen, sein Name könnte Franz sein. Ich und mein schon verstorbener Bruder sind voller Dankbarkeit gegenüber der Familie von Klim dafür, dass sie uns das Leben gerettet hat und mit allem, was sie konnten, geholfen haben.

Nach dem Kriegsende wurde Dülmen von den Engländern verwaltet, die amerikanische Armee zog weiter und englische Truppen marschierten in die Stadt ein. Wir haben bei Klim’s Familie vier Monate gewohnt, als man mit dem Transport der ehemaligen Zwangsarbeiter in die sowjetische Zone begonnen hat. Wir wurden benachrichtigt und in ein Übergangslager gebracht.

Sie schreiben, dass es nach der Befreiung Angriffe und Plünderungen seitens der Zwangsarbeiter gegeben hat. Es war wirklich so. Ich habe das mit meinen eigenen Augen gesehen. Es war schrecklich. Einmal habe ich eine deutsche Familie verteidigt, die in der Nacht von sieben Personen angegriffen wurde. Ich hatte Glück, dass von drei Kugeln nur eine meine Kleidung an der Brust unten links durchschlug. Das war im Dorf Kamenka in der 5. Fischunterabteilung. Die Hauptabteilung befand sich in der Stadt Junkermünde (?), wo ich und mein Bruder in der sowjetischen Zone in Ostdeutschland gearbeitet hatten, bevor wir in die Heimat geschickt wurden.

Aus Deutschland sind ich und mein Bruder in der Kleidung gekommen, die uns Klim’s Familie gegeben hat. Für Ivan hat man etwas unter der Kleidung der Söhne gefunden und mir hat man einen Anzug genäht. Wir haben kein Gepäck mit gehabt, Gott sei der Zeuge dessen!

Aus Deutschland wurde ich früher als mein Bruder zurück in die Heimat geschickt, aber nicht nach Donezk, sondern nach Dneprodserczinsk, in die Siedlung Baglei, in genauso ein Arbeitslager wie in Deutschland. Das war bei einem Werk, wo Beton produziert wurde. Wir haben damals für unsere Arbeit 300 – 350 Rubel bekommen und mussten davon Lebensmittel kaufen. Allerdings konnten wir für dieses Geld auf dem Markt nur dreieinhalb Laibe Brot kaufen. Es gab keine Arbeit für meinen Beruf, man könnte nicht kündigen, man konnte seine Papiere nicht bekommen. Ich habe dort rund sechs Monate gearbeitet und bin eines Tages nicht zur Arbeit gegangen. Dafür wurde ich nach dem Gesetz vom 26. Juni 1940 zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. In Dülmen ließ man mich satt essen und hat eine meiner Ausbildung entsprechende Arbeit gefunden, und die Sowjetmacht hat mich ins Gefängnis geschickt. Die ersten Tage habe ich im Untersuchungshaft in Dneprodserczinsk verbracht. Ich habe drei Tage nichts zu essen bekommen, man sagte, man hätte mich noch nicht registriert.

In der Untersuchungshaft sind alle Beweise über meinen Aufenthalt in Deutschland verloren gegangen, unter anderem auch die Adresse von Klim. Nach vier Monaten wurde ich entlassen und bin in meinen Heimatort Donezk zu meiner Mutter und Schwester zurückgekehrt. Ich habe als Bergarbeiter in der Zeche „8. Zweig“ gearbeitet. Die Grubenarbeiter haben damals 1,2 kg Brot bekommen, und auch von den anderen Lebensmitteln gab es etwas mehr. Ich habe drei Jahre unter der Erde gearbeitet und bin dann zum „Rudoremsawod“ (Kombinat „Stalinschachtstroj“) gewechselt. Dort habe ich alles gezeigt, was ich in Dülmen gelernt habe. Für meine Arbeit wurde ich mit der Medaille „Für den Wiederaufbau der Kohlengruben in Donbass“ ausgezeichnet. Ich habe in diesem Werk sieben Jahre gearbeitet, war verheiratet, hatte einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn war an Brochodenit erkrankt und die Ärzte haben geraten, das Klima zu wechseln. 1957 bin ich mit der Familie auf die Krim übergesiedelt, in die Stadt Sudak, Siedlung Datschnoje, wo ich bis heute lebe. Ich habe im Sowchos „Sudak“ als Weingärtner angefangen. Nach drei Jahren wurde ich zum Vorarbeiter einer rückständigen Arbeitsbrigade befördert, und habe mit Disziplin und Ordnung, die ich in Deutschland gelernt habe, aus dieser Brigade eine der besten gemacht. Wir haben hohe Ernten sehr guter Qualität bekommen. Für diese Arbeit hat mich die Regierung mit zwei Lenin-Orden und mit der Medaille „Für Arbeitsmut“ ausgezeichnet. Die WDNH [die ständige Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft] hat mich mit einer Großen Silbermedaille, mit zwei Silbermedaillen und drei Bronzemedaillen ausgezeichnet. Ich war viermal Teilnehmer der WDNH der UdSSR.

Jetzt bin ich Rentner, Invalide der 1. Gruppe. Wegen einer Krankheit wurde mir 1996 das rechte Bein amputiert. Auch das linke Bein ist nicht gesund. 1987 wurde mir eine Operation am Magen gemacht, aber sie war nicht erfolgreich, bis heute leide ich an dem erhöhten Gallen- und Magensäureausfluss. Ich lebe alleine von Tabletten, aber sie sind teuer.

Ich bitte den Herrgott, dass er Ihnen dankt für Aufmerksamkeit und Sorge, dass Glück und Gesundheit Ihr Leben und das Leben derjenigen begleiten, die an der Ausstellung der Bescheinigung über meine Zwangsarbeit bei der Eisenhütte Prinz Rudolf mitgewirkt haben. Ich habe schon 660 DM bekommen. Dank dieser Bescheinigung habe ich eine Rentenerhöhung von 8 Griwnas bekommen, jetzt beträgt meine Rente 94 Griwnas, die meiner Frau 47 Griwnas.

Mein Gesamteindruck von Deutschland: Deutschland hat mich gelehrt, wie man leben soll, wie man Ordnung und Gesetze einhalten soll. Das war meine Universität.

Ich lebe jetzt mit meiner Frau zusammen. 1998 haben wir goldene Hochzeit gefeiert. Ich habe mein eigenes Haus und soweit es gesundheitlich geht, arbeiten wir im Garten. Die Kinder sind aus dem Haus. Die Tochter lebt in Sewastopol, der Sohn in Russland.

[…]

Warum ich so spät dieses Gespräch beginne? Als wir in die Heimat zurückgekehrt sind, durften wir nichts Gutes darüber erzählen, was wir in Deutschland erlebt haben. Wir wurden Verräter genannt. Die Politik Stalins war so brutal, dass wir Angst hatten, etwas darüber zu sagen. Ich habe Adressen von guten Leuten in Deutschland gehabt. Nach Dülmen habe ich in Ostdeutschland gearbeitet, es gab Fotos, Dokumente, dass ich in den deutschen Arbeitslagern war. Und als ich ins Gefängnis kam, nur deswegen, weil ich nicht zur Arbeit erschien, ist alles verschwunden. Erst nach der demokratischen Wende konnten wir uns zu Wort melden, aber es ist schon zu spät.

(Übersetzung aus dem Russischen: Anatoli Rakhkochkine)

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