Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2001

Filomena Müller

Neue Heimat Dülmen

Im vergangenen Jahr schlossen sich die — teilweise seit mehr als drei Jahrzehnten — in Dülmen lebenden Portugiesen zu einer „Portugiesischen Gemeinschaft Dülmen“ zusammen. Dieses Ereignis ist Anlass genug, nach der Vorstellung der größten ausländischen Bevölkerungsgruppe, der Türkischen, nun die aus Portugal stammenden Dülmener zu Wort kommen zu lassen. Die gebürtige Portugiesin Filomena Müller (41), verheiratet, Mutter dreier Kinder und Vorsitzende der Schulpflegschaft der Johann-Gutenberg-Schule konnte zur Abfassung dieses Artikels gewonnen werden, der vier typische Lebensläufe von portugiesisch stämmigen Dülmenern widerspiegelt.

Portugal — Land und Leute

Portugal ist seit dem Jahre 1139 selbstständig, nachdem es vorher, wie Spanien, von den Mauren besetzt gewesen war. Das Land ist so groß wie Österreich, hat ungefähr ebenso viele Einwohner und ist fast genauso gebirgig. Damit hört die Vergleichbarkeit jedoch auf.

Es ist erstaunlich, dass man so wenig von Portugiesen spricht, wenn es um die Entdeckung der Welt geht. Kolumbus war eigentlich Portugiese. Geboren wurde er zwar in Genua, er lebte und studierte aber in Lissabon. Erst als dort Konflikte mit dem Hof entstanden, wechselte er die Fahne und ging nach Spanien. Für den spanischen König entdeckte er Amerika, als er eigentlich nach Indien reisen wollte.

Einiges — aber nur wenig — haben die Portugiesen mit den Spaniern gemeinsam: Den Stolz und die Scheu, sich lächerlich zu machen. Dazu die Furcht, dass die Ehre einen Fleck bekommen könnte. Faszinierend ist, dass sich der Stolz in Portugal mit einer ungekünstelten Bescheidenheit paart. Diese Bescheidenheit geht aber nicht soweit, dass man sich nicht gerne „Herr Doktor“ nennen ließe, auch wenn man es nicht ist. Wenn es je einen guten Menschen auf der Welt gegeben hat, muss er wohl Portugiese gewesen sein. Geduld und Bescheidenheit, Nachsicht und Verständnis, Großzügigkeit und Gastfreundschaft, Zurückhaltung und Feingefühl, Heiterkeit und stille Besinnung, das zeichnet echte Portugiesen aus und deshalb sollen folgende vier von 127 Portugiesen in Dülmen vorgestellt werden.

Jose Zina

Jose Zina (1965)
Jose Zina (1965)

Im Jahr 1965 kam Jose Zina mit einem Arbeitsvertrag nach Dülmen. Nach 26 Monaten Wehrdienst in Angola hatte er als Bonus für seine Dienste diesen Arbeitsvertrag bekommen. Man darf nicht vergessen, dass zu diesem Zeitpunkt in Portugal die letzte Diktatur Europas unter Salazar herrschte. Zina, genau wie die Anderen, ergriff diese Chance und ging nach Deutschland. Er hatte damals zwar auch einen Arbeitsplatz in Portugal bei der T.L.P. (heute Telekom Portugal), doch obwohl die T.L.P. eine staatliche Firma war, verdiente man sehr schlecht und die zukünftige Existenz war immer infrage gestellt. Damals verdiente Jose Zina als Junggeselle 1.150 Escudos (= 11,50 DM) im Monat. Zum Vergleich mit meinem Vater [F.M.] war Jose ein gut bezahlter Arbeiter. Mein Vater verdiente damals als Vater von zwei Kindern bei Philips Portugal umgerechnet 38,00 DM im Monat. Zina war dann bis 1967 bei der Firma Bendix beschäftigt, als die Weberei Kurzarbeit anmeldete. Daraufhin wechselte Zina nach Ratingen. Aber nach einem Jahr holte ihn die Firma Bendix zurück. In den neunziger Jahren wurde Zina dann wieder entlassen, als die Firma Bendix in Konkurs ging und er zum Arbeitsamt gehen musste. Jose Zina erhielt wieder eine neue Stelle, aber dann erkrankte er. Heute ist er 61 Jahre und seit sieben Jahren arbeitsunfähig. Er lebt gerne in Dülmen, obwohl er eigentlich nur ein paar Jahre hier bleiben wollte.

Er ist immer noch da, und ich frage ihn, warum? Eigentlich wegen seiner Kinder und jetzt auch noch wegen seiner Krankheit. In Portugal ist seine Krankheit heute fast noch unbekannt und er kann es nicht riskieren, dorthin zurückzukehren.

Jose Zina in der Spinnerei Bendix.
Jose Zina in der Spinnerei Bendix.

Ich fragte Ihn noch, wenn das nicht wäre, würden Sie zurückkehren? Haben Sie, Herr Zina, Heimweh nach Dülmen, wenn Sie in Portugal Urlaub machen? Auf die erste Frage antwortete er: „Ich kann mir gut vorstellen, wenn ich eines Tages nach Portugal zurückkehren würde, hätte ich mit Sicherheit viele Anpassungsschwierigkeiten. Ich wohne seit 36 Jahren in Dülmen. Natürlich ist es schön, wenn ich meine Familie in Portugal besuche und es ist auch verständlich, dass ich Heimweh nach Dülmen habe. Sie dürfen nicht vergessen, dass Dülmen auch ein Teil von mir ist. Hier sind meine Kinder geboren, hier leben meine Kinder und außerdem, die Familie ist das beste Schmuckstück, dass man überhaupt besitzen kann. Deshalb bleibe ich bei meinem Schmuck.“

Herr Zina ist der älteste Portugiese in Dülmen und Schatzmeister der Portugiesischen Gemeinschaft Dülmen.

Antonio Pequenao

Ist 61 Jahre alt und seit einem Jahr Rentner. Seit 1966 lebt er in Dülmen und ist unter den gleichen Vorraussetzungen wie Jose Zina nach Dülmen gekommen. Auch er hatte 26 Monate Wehrpflicht in Angola verbracht.

Antonio Pequenao ist der zweitälteste Portugiese in Dülmen. Auch er wollte nur drei oder vier Jahre bleiben. In der Zeit zwischen 1965 und 1967 waren 34 portugiesische Männer in Dülmen. Alles Junggesellen, die an der Eisenbahnstraße lebten. Man konnte zu dieser Zeit nur Familienmitglieder zu sich holen. Diese erhielten jedoch auch alle einen Arbeitsvertrag.

Antonio Pequenao (1970)
Antonio Pequenao (1970)

Antonio Pequenao war nur ein Jahr bei der Firma Bendix und wechselte dann zu einer Strickwarenfabrik. Dort blieb er bis 1973. Danach wurde er gefragt, ob er für die Firma Pelster als Betreuer der Portugiesen arbeiten würde und ob er 30 Männer aus Portugal holen könnte. Diese Männer sind auch gekommen, aber Pequenao lehnte das Jobangebot ab. Sein Traum war ein anderer. Er wollte gerne Dreher werden und ging dann zur Firma Lienenbrügger. In den neunziger Jahren gab es wirtschaftliche Probleme und Antonio Pequenao wurde entlassen. [Anmerkung: Wie die Fa. Lienenbrügger am 3.2.2005 mitgeteilt hat, wurde Antonio Pequenao nicht entlassen, sondern hat selbst gekündigt.] Über neun Jahre lang blieb er arbeitslos. Das waren harte Zeiten und ohne seine "Kinder" hätte er es nicht geschafft.

Antonio Pequenao ist verheiratet und hat in Dülmen 25 „Kinder“, und zwar die „Saisonarbeiter“ der Firma Pelster. Dies sind seine „Kinder“, weil Pequenao diese Männer seit acht Jahren betreut. Sie arbeiten oft auf Montage und darum brauchen diese Männer einen „Vater“ wie Antonio Pequenao. Er macht alles für diese Männer, vom Blumengießen bis zu Bankangelegenheiten.

Antonio Pequenao ist sehr bekannt, so bekannt, dass ich ihn „Patriarch“ nenne. Schon 1967 hatte Pequenao bei der Gründung des Portugiesischen Zentrums in Münster mitgearbeitet. Er sagt: „Solche Zentren sind sehr wichtig“, und danach ist er in den siebziger Jahren von einem katholischen Priester aus Münster wegen des gleichen Themas — Portugiesisches Zentrum in Dülmen — angesprochen worden. Pequenao sagte: „Wo habe ich das Geld dafür?“. Das portugiesische Konsulat unterstützte ihn finanziell. Von diesem Geld sind zuerst Fußballtrikots angeschafft und auch Ausflüge veranstaltet worden. Dass war alles! Diese Portugiesische Association hatte keine Überlebenschance. Erstens war sie nicht offiziell wie die Heutige und zweitens gab es keine Resonanz von den Portugiesen selbst.

Antonio Pequenao wünscht sich, dass die heutige Association in Dülmen wirklich erfolgreich ist und dass die Portugiesen — anders als damals — lernen, im Team zu arbeiten. Antonio Pequenao ist in den achtziger Jahren gewählt worden und zwar offiziell in der Aula des Schulzentrums als Sprecher der Portugiesen. Wer ihn damals motiviert hat, war Clemens Timmerkamp. Wenn man so sagen darf, war Herr Timmerkamp der „Vater der Integration in Dülmen“. Als offizieller Sprecher durfte Pequenao an den Ratssitzungen teilnehmen, hatte jedoch kein Stimmrecht.

Antonio Pequenao ist ein sehr bescheidener Mensch und trotzdem sehr wichtig für alle Portugiesen in Dülmen. Sein Hobby ist der Fußball. Er spielte schon in Münster, in Rorup, in Rödder und beim D.J.K.-Dülmen bei den Alten Herren.

Victor Simoes Luis

Der Vorsitzende der Portugiesischen Gemeinschaft Dülmen Victor Simoes Luis ist der Einzige, den ich kenne, der aus Liebe nach Dülmen gekommen ist. Er ist verheiratet mit einer sehr engagierten Frau, von der er selbst sagt, dass er ohne ihre Unterstützung nicht so vieles schaffen würde.

Ich nenne Victor unseren „Fadista“. Fadista ist ein Fado-Sänger und was ist Fado? Fado ist ein Volkslied. Ein Lied, das von der „Saudade“ handelt und „Saudade“ ist eigentlich die schwermütige „Sehnsucht nach etwas“ (Liebe oder Heimat etc.), obwohl die Portugiesen sehr humorvolle Menschen sind. Sie haben eine stetige Bereitschaft, lauthals zu lachen und dicht daneben die ebenso große Bereitwilligkeit, von einem Augenblick zum anderen in die Saudade zu verfallen. In eine Art von süßer Traurigkeit, die meist grundlos ist, aber deshalb nicht weniger tief empfunden wird. Wenn Victor Fado singt, hat jeder von uns, egal ob er die Sprache versteht oder nicht, am Ende feuchte Augen.

Victor ist 1974 zur Zeit der portugiesischen „Nelken-Revolution“ nach Dülmen gekommen. Er hatte keinen Arbeitsvertrag und schon gar keine Aufenthaltserlaubnis, obwohl er schon verheiratet war. Wie gesagt, er kam nur wegen der Liebe nach Deutschland und damals konnte jeder Ausländer nur mit einem Touristenvisum einreisen, obwohl er schon verheiratet war. Es spielte keine Rolle. Seine Frau lebte schon viele Jahre in Dülmen und war Arbeiterin bei der Firma Bendix.

Aber er hatte Glück. Die Familie Rüschkamp gab ihm Arbeit und dadurch erhielt Victor eine befristete Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung. Er durfte für ein Jahr hier bleiben und so ging es weiter. Die erste — heute 26 Jahre alte — Tochter wurde geboren. Mit der Tochter gab es weitere Probleme, da sie zu einer Tagesmutter gegeben werden musste. Abgegeben nur, weil die Eltern nicht in der gleichen Firma arbeiteten. Sonst hätte die Möglichkeit bestanden, in Schichten zu arbeiten. Die zweite Tochter Marisa - eine hervorragende Fußballspielerin von Grün-Weiß-Hausdülmen — kam 1984 zur Welt, als beide Eltern arbeitslos waren und das Leben schon an sich nicht einfach war. Aber die Liebe hat die beiden noch enger zusammengeschweißt und sie haben es tatsächlich geschafft. Frau Luis bekam noch eine Abfindung von der Firma Bendix und Victor Simoes Luis erhielt einen Job bei Draht-Müller, wo er heute noch beschäftigt ist.

Für Victor Simoes Luis sind lachen, sprechen und helfen die wichtigsten Dinge nach seiner Familie. Die Hauptsache ist, er kann helfen und auch wenn er improvisieren muss.

Anibal da Costa mit seiner Tochter.
Anibal da Costa mit seiner Tochter.

Anibal da Costa

Seit vier Jahren lebt Anibal da Costa in Dülmen. Der 39 Jahre alte, verheiratete Vater von zwei Kindern, ist er der einzige Portugiese, der heute sagt: „Ich bin gekommen, um zu bleiben.“ Sein größter Traum ist es, sich selbstständig zu machen. Dies ist vielleicht die Antwort auf die Frage: „Warum gibt es noch kein Portugiesisches Lokal in Dülmen?“ Anibal da Costa ist einer der wenigen Portugiesen, der hier in Dülmen etwas bauen oder kaufen möchte. Die meisten Portugiesen leben hier zur Miete und bauen dann in Portugal.

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