Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2001

Thomas Kortmann

"… nicht vernhomen konnen, daß derselbe an solchen sachen schuldich wehr"

Der Zaubereiprozess gegen Heinrich Jaspers

Einleitung

Im August 1619 wurde der Eigenhörige Heinrich Jaspers aus Buldern unter Protest seines Grund- und Gerichtsherrn Georg Heinrich von Diepenbrock im Auftrag der fürstlichen Beamten des Amtes Dülmen verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, mit dem Teufel im Bunde zu sein und seine Umwelt durch Zauberei zu schädigen. Verhaftung und Anklage gingen ein jahrelanges juristisches Tauziehen voraus, das Jaspers schlechten Leumund und seine „ehrlose“ Stellung innerhalb der Dorfgesellschaft offenbarte. Mit der Einleitung des Prozesses konnten nun die mehr oder weniger offen geäußerten Beschuldigungen gegen den vermeintlichen Zauberer offiziell vorgebracht werden.

In diesem Prozess spiegelt sich die Bedrohtheit dieser "verlorenen Welten" (Arthur Imhof) und "riskierten Zeiten" (Paul Münch) unserer Vorfahren wieder. Sie waren der festen Gewissheit, dass nur Gott sie wirklich bewahren konnte. Dieser Gott aber, so das Bild der Frühen Neuzeit, hatte die Bewahrung streng an die Einhaltung seiner Gebote und Weisungen geknüpft. Der Gott der konfessionellen Reorganisierung, die unter Ferdinand von Bayern im Fürstbistum Münster mit aller Konsequenz betrieben wurde, war ein strenger, richtender Gott, der keine Sünde ungestraft ließ und um seiner Majestät willen nicht lassen konnte. Auf diesem Hintergrund war die "bekannte Tat" des Heinrich Jaspers, dho hab ehr Gott almechtig, seine gebodde, de hilge kircke und alle hilgen gottz versaken mußen (Fol. 257v), für die Dorfgemeinschaft höchst gefährlich. Gemäß frühneuzeitlicher Vorstellung ging entstandener Schaden bzw. Leid in der dörflichen Gesellschaft aus einer Störung des göttlichen Kosmos hervor, der zum eigenen Heil wieder hergestellt werden musste. Dieses Nebeneinander von guten und bösen Mächten war allgegenwärtig.


Titelblatt der "Peinlichen Gerichtsordnung" Kaiser Karls V. von 1532 (Ausgabe 1559).

Der vorliegende Beitrag möchte den Hexereiprozess gegen Heinrich Jaspers in der Lebens- und Ideenwelt des frühneuzeitlichen Menschen verorten, die eine andere als die Gegenwärtige war. Dieses Unterfangen ist um so schwieriger, als die Gestalt des "Hexers" oder "Zauberers" aus Märchenerzählungen als Verkörperung des Bösen und Dämonischen einerseits oder die Hexe als Identifikationsfigur der feministischen Bewegung andererseits in das kollektive Gedächtnis eingegangen ist. Mit dem, was im Verfahren gegen Heinrich Jaspers überliefert wurde, haben diese Vorstellungen nicht das Geringste zu tun. Wird Jaspers hier als tovener oder zeuberer bezeichnet, der der Hexerey beschuldigt wird, dann spricht daraus die elaborierte Hexenlehre der Frühen Neuzeit, wie sie den Zeitgenossen aus dem 1487 veröffentlichten "Hexenhammer" bekannt war. Dieser gab dem Hexenbild klare Konturen. Die Hexe bzw. der Zauberer wurde als Repräsentant(in) einer gefährlichen Hexensekte gefürchtet, die (der) sich im "Teufelspakt" gegen die Menschen verschwor und Gott verleugnete, in der "Teufelsbuhlschaft", einer Art "magischer Hochzeit", den Pakt besiegelte, durch "Schadenszauber" Menschen und Vieh schädigte oder tötete und auf dem "Hexensabbat", der stets auf übernatürliche Weise aufgesucht wurde, dem Satan huldigte und ihre Mittäter/-innen traf. Dieses "Hexenmuster", das sich auch im Prozess gegen Heinrich Jaspers findet, war natürlich Produkt der Phantasie und Einbildung - Jaspers war unschuldig. Allerdings gehörte der Hexenglaube zum integralen Bestandteil des kulturellen Systems der Frühen Neuzeit und kann damit nicht als Wahn oder krankhafte Verirrung gesehen werden. Im Folgenden soll der Teufelskreis aus Gerücht, offener und subtiler Beschuldigung, sozialer Isolation und Verteidigungsstrategien, die nur Schlimmeres verursachten, skizziert werden. Daneben gilt es, das spezifisch-männliche Magieverständnis als Ausdruck funktionaler gesellschaftlicher Rollenzuweisungen zu begreifen. Männer und Frauen fungierten als magische Spezialistinnen und Spezialisten in klar als "männlich" oder "weiblich" definierten Bereichen, die der gesellschaftlichen Arbeits- und Rollenverteilung entlehnt waren. Aufgrund des mit ca. 30 % vergleichbar hohen Männeranteils in den Hexereiprozessen im Westmünsterland tritt diese lokale Besonderheit deutlich hervor.

Der Zauberglaube im Westmünsterland

In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts konzentrierten sich im Münsterland die Hexenprozesse, eine Entwicklung, die Fürstbischof Ferdinand von Bayern (1612-1650) zwar nicht explizit förderte, an der er jedoch nicht unbeteiligt war. Aufgrund seiner innenpolitischen Schwerpunktsetzung auf die Wiederherstellung des katholischen Glaubens entwickelte sich eine entschiedene Unduldsamkeit gegenüber abergläubischen Praktiken. Diese Intoleranz übte einen entscheidenden Einfluss auf die Hexenprozesse aus, hielt man doch den Teufel, um dessen Bekämpfung es bei den Verfahren ging, für den größten Feind des katholischen Bekenntnisses. Der Fürstbischof selbst galt als besonders hexenfürchtig und prozesswillig. So hatte er für das Erzbistum Köln angeordnet, allenthalben im Erzstift mit Ausrottung des gräulichen Lasters der Hexerei vorzugehen. Da er als Landesherr über die für die Hexenprozesse zuständige Kriminalgerichtsbarkeit entschied, waren von dieser Seite günstige Voraussetzungen für die vielen Verfahren gegeben, die im Fürstbistum nach den Richtlinien der "Peinlichen Halsgerichtsordnung" Karls V. von 1532 (Carolina) durchgeführt wurden.

Das Fürstbistum Münster darf als ein relativ verfolgungsarmes Gebiet betrachtet werden. Konkret nachweisbar sind für den Zeitraum zwischen der Mitte des 16. und dem Ende des 17. Jahrhunderts etwa 450 Hexereiverfahren, die in ca. 160 Fällen mit der Hinrichtung der betroffenen Person endeten. Untersuchungen zu den Städten Borken und Coesfeld, den Herrlichkeiten Lembeck und Ostendorf, dem Patrimonialgericht Davensberg-Nordkirchen, dem domkapitularischen Gericht Lüdinghausen und dem Amt Werne zeigen, dass sich gerade in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts Zauberer- und Hexenprozesse um das Amt Dülmen konzentrierten.


Amts- und Gerichtsbezirke im Dülmener Raum.

Die landesherrlichen Gerichte haben eine besonnenere Hexenverfolgung betrieben, die das Ausarten in Massenprozesse verhinderte. Daneben dürften die Formalien des Gerichtsalltags und die eigentliche Prozessführung durch Juristen in Münster eine Distanz zum Kesseltreiben innerhalb des Dorfes aufgebaut haben. Nachhaltiger war die Verfolgungsbereitschaft an den Patrimonialgerichten, die ein unabhängiges Agieren in Strafsachen für sich beanspruchten. Die Hexenprozesse im Amt Dülmen breiteten sich wahrscheinlich über Besagungen in den Herrlichkeiten Lembeck und Ostendorf bzw. anderer umliegender Gerichte aus, und scheinen wiederum die Verfolgung am Nachbargericht in Lüdinghausen angeheizt zu haben. In Dülmen entstand durch die allgemein existenzbedrohenden Umstände dieser Zeit ein idealer Nährboden für den Hexenwahn. So wütete im Jahre 1617 die Pest in Lüdinghausen und Umgebung, wo sie viele Menschen dahinraffte. Allerdings zeigt der Prozess gegen Heinrich Jaspers, dass eine Erklärung der Verfolgung nur aufgrund ökonomischer und sozialer Veränderungen zu kurz greift, und mindestens durch die dörflichen „Attributionsmechanismen“ ergänzt werden muss. Ein Unglück lässt sich nicht rational bewältigen, also wird ein Sündenbock ermittelt.

Die Gerichtsbarkeit

Im Fürstbistum Münster gab es ein Nebeneinander von privaten Gerichten, „Beifängen“ - das waren aus dem Gogericht herausgelöste Bezirke mit einem eigenen Gerichtsherrn -, und landesherrlichen Amtsgerichten, die von Beamten des Fürstbistums verwaltet wurden. Aus diesem Nebeneinander resultierte ein prozessrechtliches Chaos, das schon die Zeitgenossen nicht zu durchschauen vermochten und Auslöser für viele Streitigkeiten um die Zuständigkeit in Gerichtsangelegenheiten war.

Dieser Konflikt zwischen dem Landesherrn und dem landsässigen Stiftsadel förderte die Hexenverfolgung im Oberstift des Fürstbistums Münster, bemühte sich doch im Zeitalter der Konfessionalisierung die Stiftsregierung um die Zentralisierung von Herrschaft und um die alleinige Durchführung von Strafverfahren in peinlichen Sachen. Wurden von daher die der Hexerei angeklagten Personen oft Opfer der adeligen Selbstbehauptung, so profitierte Heinrich Jaspers aus der uneindeutigen Zuständigkeitslage. Er tritt in den Quellen als Eigenhöriger des Hauses Buldern auf. Sein Gerichtsherr ist also Georg Heinrich von Diepenbrock, dessen Familie seit der Mitte des 15. Jahrhunderts auf dem Haus Buldern ansässig war und seit 1476 das Dorf Buldern als Beifang besaß, während der Rest des Kirchspiels der landesherrlichen Gerichtsbarkeit unterstand. Die Gerichtsverhandlungen an diesem Beifanggericht fanden an dem gewonttlichem Gerichtzplattz unther der Lynden in unregelmäßigen Abständen unter der Leitung eines von den von Diepenbrocks bestellten Richters und zweier Freischöffen statt.

Aufgrund der Insellage des Gerichtsbezirks inmitten des landesherrlichen Amtes Dülmen verwundert es nicht, wenn es immer wieder Auseinandersetzungen um die Zuständigkeit der Zivil- und Kriminaljurisdiktion gab, die aber in einem Vergleich zwischen den münsterischen Räten und dem Freiherrn Georg Heinrich von Diepenbrock zu Buldern vom 6. Februar 1619 einen vorläufigen Endpunkt erreichten. Ausdrücklich wird festgelegt, daß der von Diepenbroichs in bezirks seines angegebenen Bulderen byfangs … ohn unser beambt unsers haus und ambts Düllmen … die probe, vroge, accise allein habe und genieß, ebenermaßen alle executiones, asserta, einsetzung in civilibus und waßdeme ferner anfragt fur sich privatione verfrag, auch waß bruchtfellig allein bestrafe. Allerdings beanspruchte die Stiftsregierung die Kriminalgerichtsbarkeit. Der Freiherr hatte die thäteren nach beschehenen angeriff an die landesherrlichen Beamten in Dülmen auszuliefern. Schon am 10. August 1619 sah Georg Heinrich von Diepenbrock diesen Vergleich gebrochen, verhaftete doch der Gerichtsdiener des Amtes Dülmen, Melchior Rusche, ohne vorherige Ankündigung oder Begründung seinen Eigenhörigen Heinrich Jaspers, wogegen von Diepenbrock noch am selben Tag Klage bei Heinrich Höningh, dem Rentmeister des Amtes Dülmen, erhob und eine Erklärung für dieses Vorgehen erbat (Fol. 233r). Da Jaspers aber der Zauberei bezichtigt wurde, unterstand er gemäß der Carolina der Kriminal- bzw. in diesem Fall der landesherrlichen Jurisdiktion.


Gerichtsbezirk des Beifangs Buldern.

Die Vorgeschichte des Verfahrens

Heinrich Jaspers stand schon seit mehreren Jahren im Verdacht der Zauberei. Der im Jahre 1616 der Zauberei überführte und verbrannte Johann zum Kotten will Jaspers auf dem Hexensabbat gesehen haben und "besagte" ihn als Komplizen. Zum Kotten sagte damals aus, Jaspers sei ihme gleichschuldich, sei er doch auf dem nächtlichen Tanz der spilmann gewesen, wo er auf einem Seil tanzte und einen Weidenstock als Flöte benutzte. Außerdem habe er das pottecken mit der Salbe in Verwahrung gehabt, mit der sich die Hexen vor dem Flug zum Tanze bzw. von der Versammlung nach Hause einschmierten (Fol. 234r). Die Besagung durch zum Kotten, gemeinsam mit ihm auf dem Hexentanz gewesen zu sein, zeigt die schlechte Stellung Jaspers innerhalb der dörflichen Hierarchie bzw. des dörflichen Leumundes auf. Als ein weiteres Indiz für seine Schuld gilt seine Wasserprobe vom 6. Juli 1615, bei der er "geflossen" sein soll, woraufhin er gegen den Rat des Büttels zu Lembeck (Fol. 250v) zwar nach Buldern zurückgekehrt sei, sich aber versteckt hielt (Fol. 234r).


Die Hexenprobe "auf dem kalten Wasser". Nach einem Holzschnitt des 16. Jahrhunderts.

Heinrich Jaspers fühlte sich schon im Juli 1615 unter dem Druck familiärer Hexereibelastungen und wiederholter Bezichtigungen aus der Nachbarschaft, die bereits ein bedrohliches Ausmaß an Öffentlichkeit erreicht haben mussten, zu einer Offensivtat gezwungen: Er reiste zusammen mit seiner Schwester Grete in die Herrlichkeit Lembeck und unterzog sich der Wasserprobe. Bei dieser "westfälischen Spezialität" zur Abwehr von Zaubereiverdächtigungen wurde dem vermeintlichen Zauberer die rechte Hand an den linken Fuß und die linke Hand an den rechten Fuß gebunden. Dann wurde der Verdächtige zum Zwecke der Wahrheitsfindung auf das Wasser geworfen. Gesichert waren die Probanden mit einer Leine, mit der sie der Scharfrichter wieder ins Boot zurückziehen konnte. Im Gegensatz zu anderen Territorien trat die Wasserprobe im Fürstbistum Münster nicht als eine Station im Hexenprozess, sondern als selbst gewähltes Reinigungsmittel vor einer offiziellen Anklage auf. Die Wasserprobe findet in den Prozessakten des Heinrich Jaspers eine so selbstverständliche Verwendung, dass sie als etablierte soziale Praxis der münsterischen Untertanen angesehen werden kann. Wer wie Jaspers in den Verdacht der Zauberei kam, unterzog sich ihr in der Hoffnung, einen öffentlichen und amtlichen Beweis der eigenen Unschuld zu erlangen. Als Jaspers und seine Schwester Grete auf dem Wasser schwammen, kam das im zeitgenössischen Horizont einem Schuldbeweis nahe, basierte doch die Wasserprobe auf der Annahme, dass nur der ätherisch leichte Körper eines Zauberers bzw. einer Hexe vom reinen Wasser abgestoßen werden würde. Wenn auch, wie im Fall des Heinrich Jaspers, das Scheitern der Wasserprobe nicht unbedingt zur Prozesseröffnung führte, so aber doch zur sozialen Ausgrenzung innerhalb der Dorfgemeinschaft und einer Verstärkung der kursierenden Zaubereigerüchte. So wurde Jaspers durch der einwöhner kinder und jungens aus dem Dorf vertrieben, während sich seine Schwester Grete aus Angst vor den sozialen und strafrechtlichen Konsequenzen negst vor Dülmen zu des Richters dick […] vorsetzlich erseuft und also umbs leben gebracht. Am 9. Juli 1615 gab die Stiftsregierung die Anweisung, die verstorbene Grete zu verbrennen.

Heinrich Jaspers unterzog sich gegen den Willen seines Grund- und Gerichtsherrn Georg Heinrich von Diepenbrock der Wasserprobe. Dieser hatte ihm vor dem Gang zur Probe nach Lembeck gedroht, dass er ihm und seiner Familie bei Missachtung seiner Anweisung, den Kotten samt Boden totum suum ius entziehen werde. Von Diepenbrock zögerte nicht, seine Drohung zu realisieren, erschien doch schon am 7. Juli 1615, also einen Tag nach dem Wasserwerfen, der Notar Gerhard Kettler vor Jaspers Kotten, um dessen Frau Catharine und seine Schwester Ennike zu den Ereignissen von Lembeck zu vernehmen. Ennike erklärte, ihr Bruder könne sich seine unglucklich gehaltener wasserprob nur so erklären, dass er in seiner Kinderzeit, als er mit seiner Schwester Grete noch das Bett teilte, solche teufelsche kunst durch ein geringes gebett in der jugendt uf dem bette gelernt habe. Allerdings habe er niemals gedacht, wie es für die Betroffenen typisch war, daß er sich damit des wassers verunwurdiget und schwimmen musste. Die Richtigkeit dieses Gottesurteils war so tief in den Köpfen der Zeitgenossen verhaftet, dass die Kandidaten eher den Fehler bei sich suchten, als die Glaubwürdigkeit der Probe anzuzweifeln.

Damit war der Konflikt um die Wasserprobe im Fall Jaspers aber noch nicht abgeschlossen. Die Stiftsregierung hatte nämlich im Herbst 1611 die Wasserprobe im Fürstbistum strikt verboten und verpflichtete Heinrich Jaspers zur Zahlung einer hohen Geldstrafe, was wiederum von Diepenbrocks Widerstand auf den Plan rief, sah er doch darin einen unrechtmäßigen Eingriff in seine Souveränität als Gerichts- und Grundherr. In Abkehr von seiner eigenen wasserprobenfeindlichen Haltung verteidigte er nun seinen Eigenhörigen und legte gegen die hohe Brüchtenstrafe, mit der Jaspers belegt wurde, Einspruch ein. Da das Verbot der Stiftsregierung, sich der Wasserprobe zu unterziehen, im kerspell Bulderen nicht publiciert worden sei, müsse Jaspers der bueß oder strarff enthebt sein (Fol. 237r). Tatsächlich hatte der Freiherr damit Erfolg, denn von der Zahlung der Brüchten blieb Jaspers scheinbar verschont.

Der schlechte Leumund des Heinrich Jaspers, der durch die gescheiterte Wasserprobe und die öffentlich verlesene Besagung durch Johann zum Kotten bei dessen Hinrichtung weiteren Nährboden erhielt, reichte, um ein Strafverfahren gegen ihn zu eröffnen (Art. 44 C.C.C.). Obwohl Jaspers schon seit mehreren Jahren einen „bösen Leumund“ hatte und das „gemeine Geschrei“ immer offener zu Tage trat, wird erst jetzt gerichtlich gegen ihn vorgegangen, worin sich eine These der neueren Hexenforschung bestätigt, dass „es nur dort zu Hexenverfolgungen kommen konnte, wo der Verfolgungswille von unten mit der Verfolgungsbereitschaft von oben zusammentraf“.

Nach der von Bischof Johann von Hoya 1571 erlassenen Landgerichtsordnung wurden Strafprozesse auf der Grundlage der Carolina geführt. Nach Artikel 1 des III. Teiles der Landgerichtsordnung galt das Gericht des Tatortes, im Prozess gegen Heinrich Jaspers also Dülmen, als erstinstanzlich zuständig für Kriminalsachen. Wenn Richter und Schöffen eines Amtsgerichts einen Fall für hoch und wichtig einschätzten, sollten sie die Akten an unparteiische Rechtsgelehrte verschicken. Diese waren für gewöhnlich bei der münsterischen Regierung selbst tätige Juristen, die sogenannten münsterischen Räte, die im Laufe der Frühen Neuzeit die Verfahren in peinlichen Sachen der landesherrlichen Gerichte ganz an sich zogen. Vor Ort wurde nur noch, wie auch im Prozess gegen Heinrich Jaspers, das Verfahren eröffnet und der Sachverhalt festgestellt, während alle weiteren Entscheidungen (Zeugenverhöre, Klärung von Indizien, Abfassung des Endurteils) in Münster gefällt wurden.

Die Eröffnung der Verfahrens

Nach der Zahlung einer Kaution durch den Grundherrn von Diepenbrock wurde Jaspers der schweren gefencknus erledigt (Fol. 236r), verblieb allerdings weiterhin im Turm auf Haus Dülmen und wurde weiter vernommen. Der Freiherr musste den Eingriff in seinen Jurisdiktionsbereich akzeptieren, insistierte aber bei der Stiftsregierung darauf, über das weitere Verfahren genau informiert zu werden. Die Bestrafung des Angeklagten durch die Zahlung einer hohen Geldstrafe lehnte er ab, verursache diese doch für Jaspers Familie lauter armuet und ihm selber großen preiuditz und unfurtheil (Fol. 236v). Allerdings wusste der Rentmeister des Amtes Dülmen, Heinrich Höningh, von Diepenbrock zu beruhigen, schließlich wehren wieder denselben [Jaspers] solche starke inditia und vermutungen, damit sie wieder denselben zu rechte woll bestrafen könten.

Nachdem die Dülmener Amtleute weitere Indizien gesammelt hatten (Fol. 238r), übersandte die Stiftsregierung die Anklageschrift im Fall Jaspers und ordnete die Eröffnung des Verfahrens gegen Heinrich Jaspers an (Fol. 239r), dem der Gograf Johann Neilingh am Freitag, den 23. August 1619, nachkam. Die Anklage offenbart den schlechten Leumund des Angeklagten. Ihm wurde zur Last gelegt (Fol. 246v-249r), sich mit dem laster der Zauberei besudelt zu haben (§ 2) und von Jugend auf damit bezichtigt worden zu sein (§ 3). Obwohl er darum wusste und es sogar zu einer "Bezichtigung ins Angesicht" gekommen war (§ 6), habe er sich nie verteidigt (§§ 5, 7). Darüber hinaus wurde ihm der Umgang mit berüchtigten Personen vorgeworfen (§ 8). Auch seine Herkunft aus einer "berüchtigten Familie" wirkte belastend. So seien schon seine Mutter und seine Schwester, die sich 1615 aus mißmurth und foercht, daß sie justificiert werden sollte, selbst ertränkte (§ 10), im Verdacht der Zauberei gewesen (§ 9). Sie hätten sich zusammen mit anderen Hexen und Zauberern nachts getroffen (§ 11). Johann zum Kotten habe unter der Folter (§ 13) und im darauffolgenden Geständnis (§ 17), den Angeklagten, seine Schwester und seine Mutter besagt und behauptet, dass sie ufn dantz gewesen wahre (§ 14), wobei Heinrich Jaspers der Spielman gewesen sei, der gar lieblich und schon ufn dicken seil spielen konnte (§ 15). Zudem habe er dat Pottken mit der Salbe gehabt, mit der sie sich vor dem Gang zum Tanz und nach Hause eingerieben hätten (§ 16). Jaspers wurde darüber hinaus vorgeworfen, aufgrund dieses Gerüchts untergetaucht zu sein (§ 18), sich zur Wasserprobe begeben zu haben, auf dem Wasser geschwommen zu sein (§ 19) und sich danach erneut versteckt zu haben (§ 20). Daraufhin habe er mit Hilfe seines Schwiegervaters Dreihaus bei den Beamten des Amtes Dülmen um Schutz gebeten, der ihm aber nicht gewährt wurde (§ 21). Des weiteren wurde ihm vorgeworfen, einige Rinder (biester) des Bauern Herdemann und seiner Nachbarn durch Schadenszauber umgebracht zu haben (§ 23), was ihm auch von diesem persönlich vorgeworfen wurde (§ 24). Eben jener Vorwurf des Schadenszaubers und die Tatsache, dass Jaspers von jugend auf der zeubery bezichtigt wurde (Fol. 238r), wogen besonders schwer.

Heinrich Jaspers antwortete unter Eid auf alle Anklagepunkte (Fol. 249v-251r): Er gestand, von dem Zaubereigerücht gewusst zu haben (ad 4), sei aber nicht in der Lage gewesen, sich dagegen zur Wehr zu setzen (ad 5/6). Von einem Hexereigerücht über die Mutter wisse er nichts, wohl aber von dem über seine Schwester (ad 9), deren Ertrinken er bestätigte (ad 10). Kontakte mit Johann zum Kotten habe er nur beiläufig gehabt (ad 11) und auch dessen Hinrichtung habe er nicht gesehen (ad 12). Eine Besagung durch zum Kotten schloss Heinrich Jaspers nicht aus. Die Ausübung „zauberischer Aktivitäten“ durch ihn, seine Schwester und seine Mutter bestritt er (ad 13 – 17). Auch habe er nicht aufgrund seines schlechten Leumundes seinen Kotten verlassen (ad 18). Er gab zu, sich der Wasserprobe unterzogen zu haben, wisse aber nicht, ob er gesunken oder geschwommen sei (ad 19). Er habe sich auch nicht versteckt, sondern sei als Böttcher in Dülmen und Buldern seiner Arbeit nachgegangen (ad 20). Die abgewiesene Bitte um Geleitschutz sei von seiner Frau ausgegangen (ad 21). Von einer Tötung der Rinder des Bauern Herdemann und dessen Nachbarn wisse er nichts (ad 23). Allerdings sei ihm der plötzliche Tod eines von Herdemanns Pferden, das Heinrich Jaspers zusammen mit Johann zur Schuren pfänden wollte, zur Last gelegt worden, wogegen er sich aber erfolgreich zur Wehr setzen konnte (ad 24).

Die geschilderten Ehrenkränkungen und Bezichtigungen gehörten zum sozialen Kontrollnetz eines frühneuzeitlichen Dorfes. Geht man davon aus, dass die bäuerliche Welt der Frühen Neuzeit von der Vorstellung der „Summenkonstanz“ geprägt war, einer Auffassung, wonach der Gesamtvorrat aller irdischen Güter weder vermehrt noch vermindert, bestenfalls umverteilt werden konnte, verwundert es nicht, dass dies den alltäglichen Umgang miteinander schwer belastete. In diesem System musste ein Zugewinn der einen Person immer mit einem Verlust der anderen einhergehen. Neid dominierte die zwischenmenschlichen Beziehungen und ließ die Gefahr der sozialen Spannungen besonders in Krisenzeiten anwachsen.

Mit dem Scheitern der Wasserprobe und der Eröffnung des Inquisitionsprozesses erschienen den Bewohner des Dorfes sehr viele Handlungen des Angeklagten in einem anderen Licht. So wird eine schon länger zurückliegende Klage gegen Jaspers wieder aktuell, wonach er der versuchten Vergiftung des Johann zur Geist bei einem Trinkgelage bezichtigt wurde (Fol. 251v-252r). Bei der angesetzten Verhandlung sei der Beschuldigte nicht erschienen, was jetzt als Schuldeingeständnis interpretiert wurde. Reichte den Strafverfolgern zur Inhaftierung Heinrich Jaspers das Gerücht der Zauberei, wozu die Besagung nur ein Indiz war, so waren im Sinne der Carolina weitere Gebärden, Worte und Werke, die zauberey auf sich tragen, notwendig, um die Folter einzuleiten (Art. 44 C.C.C.). Der Vorwurf des Schadenszaubers und der versuchten Vergiftung genügten, um bei den münsterischen Räten die scharpfe nachfrage (Fol. 252v) zu beantragen. Trotzdem ermittelten die Beamten weitere Fälle von Schadenszauber: Jaspers habe Herdemanns Pferd über den Rücken gestrichen, woraufhin dieses eingegangen sei. Ebenso wird ihm nun die Vergiftung von Else Renpeschen und des jungen Johann Ernstz vorgeworfen, die sich aber beide wieder erholt hätten (Fol. 254r/v). Jaspers bestritt alle diese Vorwürfe, merkte aber an, dass der betrunkene Herdemann ihn einmal einen tovener [Zauberer] geschulden habe (Fol. 254v). Dieser Hinweis des Heinrich Jaspers zeigt, wie sehr er bereits im Dorf in die Defensive gedrängt worden war, offen mit dem Vorwurf der Zauberei bezichtigt wurde und in der Öffentlichkeit mit einer direkten Ehrminderung konfrontiert werden konnte.

Die "peinliche" Befragung


Anwendung der Folter bei der "peinlichen Befragung" auf einem Holzschnitt des 16. Jahrhunderts.

Da Jaspers weder gestanden noch entlastende Tatsachen zu seiner Verteidigung hatte vorbringen können, verfügte die Stiftsregierung, daß der Angeclageter zur Peinlichen frag gestelt werden soll (Fol. 255v). Die Carolina billigte und ordnete die Folter ausdrücklich als Mittel der Wahrheitsfindung an, was die privilegierte Stellung des Scharfrichters im Strafprozess begründete. De facto handelte es sich um die gewaltsame Herbeiführung des Geständnisses der wesentlichen Tatbestände der Hexerei. Am Montag, den 2. September 1619, korrigierte Jaspers unter der "peinlichen Befragung" sein "gütliches Geständnis" (Fol. 256r-261r). Er sagte aus, dass seine Schwester Grete ihm vor 20 Jahren auf dem Bett von Christenminschen ohnehrhorte selsame gebedde gelernet, die er zum Schadenszauber über Menschen und Vieh sprechen könnte (Fol. 256r). Auch habe er vom Teufel materie empfangen, mit der er die Wegenersche, die Schwester seines Vaters, gelähmt habe, weil diese mit Jaspers Mutter Streit hatte. Diese materie diene auch dazu, Bäume vertrocknen zu lassen, was er aber nur am eigenen Baum praktiziert habe. Über diese Aussage wunderte sich seine Frau, die in ihrer Zeugenaussage nichts von einem vertrockneten Apfelbaum wusste (Fol. 264r). Des weiteren habe er auf Befehl des Teufels, der ihm als Rabe erschienen sei, das Pferd des Bauern Herdemann an den Kopf gefasst und dabei das "geheime Gebet" gesprochen, so dass das Pferd verendet sei (Fol. 256v). Im folgenden gesteht er schädigenden Viehzauber an seinen eigenen Kälbern, Ferkeln, Gänsen und an seiner Kuh, die er daraufhin noch an Johann Große Hülshof verkauft habe (Fol. 257r). Den Bruder seiner Mutter, Heinrich zum Kottbusche, habe er durch Sprechungh deß gebetts ein Ferkel getötet, weil er es ihm nicht verkaufen wollte (Fol. 257r). Heinrich Jaspers gestand, Gott, dessen Geboten und der heiligen Kirche abgeschworen zu haben (Fol. 257v). Schwer belastete er Berndt Wegener aus Nottuln, der die "Zauberkunst" von seiner Schwester gelernt habe. Jaspers sagte aus, seit zwanzig Jahren mit anderen Zauberern Umgang gehabt zu haben. Die Packechor, das weibliche Pendant zum Teufel, wäre auf dem Hexensabbat seine bole gewesen, mit der er aber nie geschlechtlich verkehrt, sondern nur mit ihr alleine auf dem Pfarrhof getanzt habe. Der Teufel trat als Franß Luttke von Ipenburen auf (Fol. 258r). Immer wieder betonte er die Unschuld seiner Mutter, und dass er nur sich selbst geschadet habe (Fol. 258v). Seine verstorbene Schwester Grete, so Jaspers, sei auf der nächtlichen Versammlung zunächst ihr spilman gewesen. Nach ihrem Tod habe er selbst diese Aufgabe eingenommen, ehe Berndt Wegener damit betraut wurde (Fol. 259r). Nach volkstümlicher Auffassung verpflichteten sich die Hexen bzw. Zauberer auf dem Hexensabbat darauf, mit Hilfe ihrer vom Teufel erworbenen Fähigkeit zum maleficium, also Böses zu tun. Jaspers berichtet, der Teufel sei ihm auf dem Hexensabbat in der Gestalt eines schwarzen Ziegenbocks erschienen und habe ihn gerügt, d[a]z ehr nicht mehr schadens gedahn hette (Fol. 260v).

Der volkstümliche Teufel, wie er im Prozess gegen Jaspers auftritt, hatte sehr vertraute, menschliche Züge. Auch der Hexensabbat gleicht im vorliegenden Verfahren eher einem ländlichen Tanzvergnügen, als einer „orgiastischen Veranstaltung“, wo geschlechtlich verkehrt wurde. Heinrich Jaspers berichtete, dass er, Grethe (Schwester des Johann zum Kotten), die Gokesche, Grete (Schwester des Heinrich Jaspers), die Wegenersche und ihr Sohn Berndt zusammen von acht Uhr abends bis etwa um halb eins in der Nacht auf dem „Tanz“ im Pfarrhof getanzt, getrunken und musiziert hätten. Dort hätte der jeweilige „Spielmann“ auf den verschiedensten Gegenständen musiziert und auf einem Seil getanzt. So habe seine Schwester ihre Krücke als Geige genutzt (Fol. 259r). Das Auftragen einer geheimnisvollen Salbe erlaubte es ihm, schneller zu laufen als ein Pferd. Berndt Wegener habe den Salbentopf auf dem Hexentanz mit sich geführt, danach habe der Teufel ihn immer mitgenommen (Fol. 259r). Er gab auch zu, Else Renpeschen nach einem Streit mit einer Kanne Bier vergiftet zu haben, so dass sie ein halbes Jahr krank gewesen sei (Fol. 260r). Auch habe er Johann zur Geist mit dem von seiner Schwester gelernten Gebet erkranken lassen. In seinen abschließenden Aussagen spricht er davon, dass der Teufel ihm im Gefängnis in Gestalt verschiedener Vögel (Rabe, Elster, Krähe) erschienen sei, ihm für das „peinliche“ Verhör Mut zugesprochen hätte und seine Hilfe zugesagt habe (Fol. 260v-261r).

An das peinliche Verhör schloss sich am 6. September  die Vernehmung von acht Zeugen an (Fol. 261v-264r). Es kann davon ausgegangen werden, dass in diesen Zeugenaussagen die kollektive Dorfmeinung repräsentativ wiedergegeben wurde. Von den acht Zeugen sagten nur zwei nicht zu Ungunsten des Angeklagten aus. Heinrich zum Kottbusch verhielt sich neutral (Fol. 261v-262r), die Ehefrau des Heinrich Jaspers hingegen sehr ambivalent: Einerseits war sie als seine Gattin verpflichtet, ihrem Mann zu helfen - sie nannte daher nur Ereignisse, bei denen sie selbst geschädigt wurde -, andererseits musste sie sich von ihrem Mann wirkungsvoll distanzieren, um nicht selbst in Zaubereiverdacht zu geraten. Die Aussagen der Dorfbewohner offenbaren, dass abergläubische Vorstellungen und volkstümliche Zauberpraktiken zum festen Bestandteil ihres Alltags gehörten. So suchte die erkrankte Else Renpeschen den Pastor zu Herbern auf, der ihr zur Heilung zwei "Tränke" mischte (Fol. 262v-263r). In der Praxis der breiten Bevölkerung waren Aberglauben und katholische Religion weniger stark getrennt. Ebenso habe der Bauer Herdemann wegen seines erkrankten Pferdes bei einem Herrn Lukes in Davensberg raeth gesucht, da es ansonsten gestorben wäre (Fol. 263r). Auch Johann zur Geist erfuhr nach der Vergiftung durch Heinrich Jaspers Hilfe von einem Gerd Funke aus Lette (Fol. 263v). Religion und Magie waren selbstverständlich kombinierbare und austauschbare Handlungsmöglichkeiten. Lediglich die schwarze Magie, den Schadenszauber, der die Dorfbevölkerung existentiell gefährdete, galt es zu verfolgen.

Bekenntnis und "endlicher Gerichtstag"

Am Montag, den 17. September 1619, wiederholte Heinrich Jaspers sein "peinliches" Bekenntnis uf freien fueßen, ohngespannen und gebunden (Fol. 264v). Diesmal präzisierte und komprimierte er seine Aussagen bezüglich des Zaubereivergehens: Den Teufelspakt schmückte er aus (Fol. 265r), vier- oder fünfmal sei er auf dem Hexentanz gewesen, wo er als Spielmann auf einem Stock gespielt habe. Er widerrief, irgend jemanden durch Zauberei Schaden zugefügt zu haben, außer sich selbst und Herdemanns Pferd. Sein vorheriges Geständnis, er habe weitere Personen durch Zauberei geschädigt, korrigierte er, solchs wehr nicht wahr, sondern hab ehs auß Pein gesacht (Fol. 266v). Zudem habe er nie aus eigenem Antrieb Böses getan, sondern nur im Auftrag seiner Schwester. Dieses "gütliche" Bekenntnis wurde zusammen mit dem übrigen Prozessmaterial noch am selben Tag nach Münster zur weiteren Bearbeitung geschickt (Fol. 241r). Bereits am 20. September 1619 ordnete Johann Hobbeling als Vertreter der Stiftsregierung an, dass das vom Juristen Johann Block verfasste Urteil, Tod durch Verbrennen, auszuführen sei (Fol. 242r). Am 2. Oktober 1619 bitten Drost und Rentmeister des Amtes Dülmen die Stiftsregierung um eine Strafminderung, wenn er [Jaspers] uber seine begangenen sunde ein hertzliches leidwesen tragett (vgl. auch Art. 79 C.C.C.). Der Angeklagte, so die Eingabe an die Räte, sollte mit dem Schwert hingerichtet und danach bestattet werden (Fol. 243r/v). Die Stiftsregierung verfügte schließlich am 3. Oktober 1619, dass Heinrich Jaspers erdrosselt werden könne, aber danach andern zum Abscheulichen exempel mit dem feuer hingerichtet werden müsse (Fol. 244r).


Vollstreckung einer Verbrennung in einer "Hütte" aus Holzscheiten (oder Strohbündeln). Kupferstich aus dem 17. Jahrhundert.

Am Samstag, den 5. Oktober 1619, fand der "endliche" Gerichtstag, also der Tag der Hinrichtung statt (Fol. 267r-267v). Nach der öffentlichen Verlesung des Urteils, daß gemelter angeclageter wegen deß begangenen greuwlichen Ubels der Zauberei anderen zum abscheuwlichen exempell mitt den feur vom leben zur dem thoete hinzurichten, und dahin zuverdammen sei, wurde Heinrich Jaspers noch am selben Tag unter der Aufsicht des Scharfrichters verbrannt. Über die Modalitäten der Hinrichtung schweigt die Überlieferung.

Es war üblich, dass die Einwohner des Amtes Dülmen Holz für den Scheiterhaufen zur Verfügung stellen mussten. So sollten zur Verbrennung von Annen Borchers am 17. Juli 1622 insgesamt 67 Fuder Holz und 90 Strohschöve von den Bauerschaften der Kirchspiele Haltern, Buldern und Dülmen geliefert werden, zur Hinrichtung der Nyß Dyckmann am 20. September 1622 hingegen nur 32 Fuder Holz und drei Fuder Stroh. Wer dieser Aufforderung nicht nachkam, hatte zwei Maß Hafer Strafe zu zahlen. Bei der Verbrennung von Anne Spekings an den Radstocken am 23. Oktober 1628 (17 Fuder Holz und 1 Fuder Stroh) wurde eine unterlassene Holzlieferung sogar mit fünf Goldgulden Strafe belegt.

Schlussbetrachtung

Es war das vorrangige Ziel dieses Beitrages, den Zaubereiprozess gegen Heinrich Jaspers aufzuarbeiten und mit verfahrensrechtlichen und sozialdynamischen Hintergrund informationen zu erläutern. Dabei wurde der Chronologie des Verfahrens gefolgt, das im Kontext der Frühen Neuzeit und der spezifischen Situation im Fürstbistum Münster verortet wurde. Zwei Beobachtungen sollen die Ausführungen beschließen.

Anders als im kurkölnischen Westfalen, wo Erzbischof Ferdinand studierte Juristen zu Hexenkommissaren ernannte, die die weltlichen Schöffengerichte in ihre Gewalt brachten und mit großer Willkür und Hast Hexen und Zauberer verfolgten, ist von einer derartigen landesherrlichen Bereitschaft im Oberstift Münster nichts zu spüren. Im Westmünsterland war es eher der „Druck von unten“, der Druck der Nachbarn, der aber im landesherrlichen Jurisdiktionsbereich nicht zu einem Prozess geführt hätte, wenn nicht die Stiftsregierung verfolgungswillig gewesen wäre. Die Sorge um das eigene, lebenswichtige Hab und Gut, die eigene Gesundheit und das eigene Leben, erzeugte bei der westmünsterländischen Landbevölkerung eine große Hexenfurcht. So wurde Heinrich Jaspers für das Viehsterben in seiner Nachbarschaft und für die Krankheiten anderer Dorfbewohner verantwortlich gemacht. Es kann eine Bereitschaft festgestellt werden, die Verursacher des eigenen Unglücks in der unmittelbaren Nachbarschaft zu suchen. Der Zauberer oder die Hexe war demnach nicht der Außenseiter, sondern der erbittert verfolgte Nachbar. Der Teufel spielte in den Vorstellungen der Landbevölkerung keine so zentrale Rolle. Das „Hexenmuster“ verband sich mit entsprechenden dörflichen Ritualen, die den Beschuldigten kaum eine Möglichkeit gaben, ihren Verfolgern zu entgehen oder durch ein unauffälliges Verhalten ihren Ruf wiederherzustellen.

Die zweite Beobachtung bezieht sich auf die Spezifika des „männlichen Zauberermusters“, das sich stärker als das „weibliche Hexenmuster“ an der ländlichen Alltagsrealität und am männlichen Ehrencodex orientierte. Der Prozess gegen Heinrich Jaspers beweist, dass die Ereignisse, die einen Mann in einen Hexenprozess verwickelten, Konflikte waren, die entweder den Streit um eine männliche Domäne, die Verteidigung der dem Mann anvertrauten Werte und Güter sowie seine Ehre oder die nicht pflichtgemäße Erfüllung einer den männlichen Dorfbewohnern übertragenen Aufgabe beinhalteten. So verübte Jaspers dreimal einen Zauber aus Rache, weil er sich oder eines seiner Familienmitglieder beleidigt sah, beging Schadenszauber an Nutztieren und (Apfel-)Bäumen und verzauberte nach einem Streit, in dem es scheinbar zur Ehrverletzungen gekommen war, Else Renpeschen und Johann zur Geist. Dieses Geständnis unterscheidet sich von dem der denunzierten Frauen, deren Aussagen sich eher auf die traditionellen Zaubereivorstellungen in Form des Butterzaubers oder der Giftmischerei bezogen.

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