Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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Günter Scholz

Das Dülmener Nönnken — Anna Katharina Emmerick

Wer war eigentlich die Emmerick?

Ein junger Soldat aus Dülmen gerät im Zweiten Weltkrieg in französische Gefangenschaft. Er hat das Glück, bei einem Bauern zum Arbeitseinsatz zu kommen. Der Bauer möchte gern wissen, woher aus Deutschland sein Mitarbeiter kommt. Da der Gefangene nicht annimmt, dass der Franzose weiß, wo Dülmen liegt, sagt er: „Aus Westfalen, aus der Gegend von Münster.“ Der Franzose fragt: „Liegt das bei Dülmen, wo Anna Katharina Emmerick gelebt hat?“ „Ja, genau, dort komme ich her.“

Das ist nicht einer der verrückten Zufälle, die es immer wieder in der Welt gibt, sondern sagt etwas aus über die Verbreitung der Visionen der Emmerick. In Frankreich hatte die Emmerick eine aktive Gemeinde. Der französische Dichter Paul Claudel z.B. beschreibt in einer Abhandlung seine „Conversion“, die Rückkehr zu dem angestammten Glauben: „Die Bücher, die mir in dieser Epoche am meisten geholfen haben, sind: die Heilige Schrift, Dantes Gedicht (Die göttliche Komödie) und die wunderbaren Erzählungen der Schwester Emmerick“, und er empfiehlt einem guten Freund: „Die Bücher mit den wunderbaren Offenbarungen der Anna Katharina Emmerick über das Leben unseres Herrn zu lesen.“

Bei den katholischen Familien im Münsterland gehörte „Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christi“ wie der Katechismus zu den Werken der Glaubenslehre und der christlichen Erbauung. Es war ein viel gelesenes Buch. Denn das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts waren eine Zeit von großer Leseintensität. Es gab keine anderen Medien als die gedruckten, es gab auch sonst wenig Abwechslung im Leben. Aber gegenüber den vorhergehenden Jahrhunderten war durch die Schulpflicht die Fähigkeit zu lesen zu einem Allgemeingut geworden. So konnten auch die einfachen Leute den engen Horizont ihres Lebens erweitern. Einige Bücher konnten sich fast alle leisten. Diese Bücher wurden intensiv und immer wieder gelesen.

Handzeichnung von Julia Gräfin Schmiesing-Kerssenbrock.
Die Abbildung zeigt eine Handzeichnung von Julia Gräfin Schmiesing-Kerssenbrock, die durch Emmericks Freundin Luise Hensel korrigiert wurde. Die Randbeschriftung weist darauf hin: "Die liebe selige Louise Hensel hat diese Züge, welche ich unter ihren Augen nach ihrer Anleitung entwarf, mit eigener zitternder Hand corrigirt u[nd] dann als der ehrw[ürdigen] Emmerich ähnlich erklärt. Glora Patri et Filio".

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts musste man deshalb keinem Dülmener und nur wenigen Katholiken im Münsterland erklären, wer die Emmerick war. Doch auch von denen wusste wohl kaum jemand, dass die Visionen der Emmerick im 19. Jahrhundert eine größere Verbreitung gefunden haben als die Werke von Goethe und Schiller. Und das nicht nur in Deutschland, sondern die Visionen sind in viele Sprachen übersetzt worden und auch dort in hohen Auflagenzahlen erschienen. Die Emmerick war so im 19. Jahrhundert eine wichtige Gestalt einer neuen, durch das Buch begründeten Volksfrömmigkeit, die nicht mehr unmittelbar in den Kirchen, sondern im privaten Raum, in den Familien ihren Ort hatte. „Es gab sicher kein Haus, wo nicht ’Das bittere Leiden’ in der Fastenzeit gelesen wurde“, sagte eine Teilnehmerin des Emmerick-Symposions 1982. Auch in Italien, das wahrlich keinen Mangel an Heiligen hat, war die Emmerick bekannt. 1858 stifteten zwei adlige Damen aus Rom das Kreuz, das auf dem Grab der Emmerick errichtet wurde.

Dülmen ist durch die Emmerick bekannt geworden, den meisten Dülmenern ist das, wie dem jungen Soldaten in französischer Gefangenschaft, gar nicht so bewusst. Wer war diese Emmerick?

Anna Katharinas eigenständige Entwicklung in einer von Armut und harter Arbeit geprägten Welt

Sie wurde 1774 als fünftes von neun Kinder der Köttersleute Emmerick in der Bauerschaft Flamschen in Coesfeld geboren. Das Geburtshaus kann heute noch besichtigt werden und bietet einen guten Einblick in das Leben der einfachen Leute auf dem Lande. Kötter bearbeiteten selbständig eine kleine Bauernstelle, die zu einem großen Hof gehörte. Sie waren dem Hof zu Abgaben, vor allem aber zu Arbeitsleistungen verpflichtet.

Köttersleute mussten deshalb hart arbeiten. Die teilweise sandigen Böden brachten damals ohne Kunstdünger nur geringe Erträge. Da es keine Landmaschinen gab, mussten die oft körperlich schweren Arbeiten von Menschen geleistet werden. Fast alles, was man im Haushalt brauchte, wurde in der Landwirtschaft erzeugt und in häuslicher Arbeit gefertigt: alle Lebensmittel, Brennstoffe, der Flachs zur Gewinnung des Leinens. Selbst die Stoffe wurden bei den einfachen Leuten noch im Haus hergestellt. Der Flachs wurde im Haus versponnen und verwebt und die Leinenstoffe auf den Wiesen gebleicht.

Anna Katharina war schon als kleines Kind in diese Arbeiten eingespannt. Denn die Mutter mit den zahlreichen Schwangerschaften und Geburten, mit den vielen heranwachsenden Kindern und mit der Arbeit in dem ländlichen Haushalt war völlig überfordert. Dazu kamen noch Krankheiten. Zwei der neun Kinder starben sehr früh, nur fünf kamen in das Erwachsenenalter. Der Vater erkrankte im besten Alter. Und Anna Katharina erzählt, wie sie als Kind verzweifelt gebetet hat, da beide Eltern schwer krank waren.

Es gab zwar die Möglichkeit zur Schule zu gehen, doch für die Armen hatte die Arbeit Vorrang. Deshalb konnte Anna Katharina auch nur vier Monate die Schule besuchen. Sie wurde als gute Schülerin gelobt. Doch gewann sie ihre Bildung recht eigenständig in der Teilnahme an den kirchlichen Feiern, in den Gesprächen mit den Eltern, hauptsächlich aber wohl dadurch, dass sie alle freie Zeit zum Lesen nutzte. Nachts erwischten die Eltern das Mädchen oft, wie es sich lesend oder auch betend mit kleinen Endchen von Kerzen, die es sich „besorgt“ hatte, in ein Eckchen des Hauses zurückgezogen hatte.

Diese religiöse Bildung eröffnete ihr die Tür in eine andere Welt. Sie war fasziniert von den Erzählungen der Bibel, von den Geschichten der Heiligen, von den bildlichen Darstellungen der heiligen Ereignisse, von den Festen der Kirche. Sie fühlte sich in ihrer religiösen Sensibilität tief angesprochen und bald erwachte in ihr der Wunsch, Nonne zu werden, um so im Gebet, in der Meditation leben zu können.

Ihre Eltern widersetzten sich hartnäckig diesem Wunsch, sie wussten, dass er nicht erfüllbar war. Klöster standen nur bürgerlichen Schichten offen. Eine Mitgift oder eine Ausbildung als Lehrerin oder Organistin waren Voraussetzungen für den Eintritt.

Da Anna Katharina wegen ihrer schwachen Konstitution auf Dauer für die Arbeit auf dem Land nicht besonders geeignet war, gaben die Eltern sie bei einer Näherin in Coesfeld in die Ausbildung. Sie hofften auch, die Tochter mit dieser beruflichen Perspektive von dem Klosterwunsch abzubringen. Mit einer einjährigen Unterbrechung wegen Krankheit verbrachte Anna Katharina fünf Jahre in Coesfeld und wurde eine recht geschickte Näherin. Danach kehrte sie wieder nach Haus zurück und arbeitete als Haus- und Wandernäherin. Der Vater baute ihr eine Nähstube an den Kotten an. Das war der Arbeits-, Wohn- und Schlafraum für sie und ihr Lehrmädchen. Wegen ihrer Geschicklichkeit und ihres Fleißes war sie sehr gefragt, und konnte so auch einige Ersparnisse erwerben.

Anna Katharinas Weg ins Kloster

Trotz des beruflichen Erfolges und der gewonnenen Selbständigkeit verfolgte sie weiterhin ihr Lebensziel, den Eintritt in ein Kloster, wurde aber überall abgewiesen. Als sie hörte, dass ein Kloster in Münster eine Organistin suchte, gab sie ihren Beruf auf, verdingte sich bei dem Organisten Söntgen in Coesfeld und erwartete als Entgelt für ihre Arbeit das Erlernen des Orgelspielens. Sie war inzwischen 25 Jahre (zu ihrer Zeit heirateten die Frauen zwischen 18 und 22 Jahren, hatten damit den endgültigen Platz in ihrem Leben gefunden). Die Familie Söntgen war durch lange Krankheit und Tod der Hausfrau so verschuldet, dass Anna Katharina ihre ganze Arbeitskraft, aber auch alle ihre Ersparnisse einsetzte, damit die Familie überleben konnte. Manchmal hatten sie acht Tage lang kein Brot. Sie wusste, dass sie mit der Hingabe ihrer Ersparnisse jede Chance, in ein Kloster zu kommen, verlor. Doch war sie der Meinung, Gott habe sie der Familie als Helferin geschickt.

Anna Katharina konnte Clara, die Tochter des Organisten, mit der sie die Schlafstelle teilte, ebenfalls für das Kloster begeistern. Diese Tochter war als Lehrerin und als Organistin ausgebildet und wurde von dem Kloster Agnetenberg in Dülmen wegen ihrer Fähigkeiten gern aufgenommen. Anna Katharina hatte das Glück, dass sowohl Clara Söntgen, vor allem aber auch der Organist Söntgen darauf bestanden, dass Clara nur zusammen mit Anna Katharina in das Kloster eintrat. Anna Katharina meinte, Gott habe nun ihre Ersparnisse zwiefach verwandt, einmal zur Hilfe für die verarmte Familie, zum anderen für ihren Eintritt in das Kloster. Bei der Aufnahme in das Kloster war sie 28 Jahre (Clara Söntgen gerade 17). Anna Katharina bezeichnete die Zeit, die sie im Kloster verbringen konnte, als die schönste ihres Lebens.

Ihr Weg ins Kloster beruhte nicht auf traditionellen Rollenvorstellungen. Die Rolle der Nonne bot damals jungen Frauen außerhalb der Heirat einen durch traditionelle religiöse Vorstellungen sinnvollen Lebensweg. Anna Katharinas Entscheidung für das Kloster aber war die Konsequenz einer eigenständigen religiösen Erfahrung. Das Gottesbild der damaligen Zeit war stark bestimmt von der Vorstellung des strafenden Gottes. Deshalb bestimmte die Angst vor der Sünde auch ganz stark die religiöse Welt des Kindes und der heranwachsenden Anna Katharina. Sie hatte gegenüber anderen Kindern nicht nur eine gesteigerte Sensibilität: Schmerz, Not, Unglück von anderen gingen ihr so nah, dass sie körperlich mitfühlte. Vor allem aber besaß sie eine phänomenale eidetische Vorstellungsgabe. Kinder verfügen in einem gewissen Maße alle darüber, sie können sich in Bildern eine andere Welt vorstellen, sie können im Spiel ihre reale Welt in eine andere Welt verwandeln. Die Kiste, in der sie sitzen, ist dann ein Auto. Anna Katharina konnte alles, was sie las oder hörte, in Bilder umsetzen. Da sie in dieser Form der bildlichen Betrachtung betete, und sie betete viel, wurde diese Fähigkeit immer ausgeprägter und verlor sich nicht mit dem Erwachsenwerden, wie es sonst üblich ist. Wie in einem Film konnte sie an den in der Bibel beschriebenen Ereignissen teilnehmen. So war sie z.B. mit Maria und Joseph zur Weihnachtszeit unterwegs auf dem Weg nach Betlehem.

Sie betete oft vor dem ausdrucksvollen Coesfelder Kreuz in der Lambertikirche. In ihrer Form des bildlichen Betrachtens wurde das am Kreuz Dargestellte zu bildlicher Vergegenwärtigung. Sie sah das Leiden Christi vor sich, als wäre sie unmittelbarer Zeuge der Kreuzigung. Da wurde ihr bewusst: Ein Gott, der alles, was Menschen sich an Leiden zufügen, der alle Schmerzen und Erniedrigungen, die Menschen erleiden, auf sich nimmt, der alles Verlassensein und den Tod wie alle Menschen erleidet, kann nur ein unendlich liebender Gott sein. Denn er tut das, um alle Menschen von Leid, von Schmerzen, von Sünde und Schuld zu befreien. „Alle diese unermessliche Liebe an den Sündern zu üben, war der Herr Mensch und Bruder der Sünder geworden, um die Strafe aller ihrer Schuld auf sich zu nehmen.“ Er wird damit allen Leidenden, Erniedrigten zum Partner: Und so sieht sie vor sich, wie Christus vom Kreuz her, alle Menschen in seine Arme schließen möchte. Diese Erfahrung des liebenden Gottes wird zum Mittelpunkt ihres Lebens. In ihrer Sensibilität spürt sie die Wunden, die Christus für die Menschen trägt, und fühlt von da an die Schmerzen, wie sie durch eine Dornenkrone verursacht sein könnten.

Das Kloster bietet ihr die Möglichkeit, betend und meditierend, in der täglichen Feier der Messe, diesem Geheimnis der Liebe Gottes nahe zu sein. Gleichzeitig aber geht von ihrer Erfahrung der Liebe Gottes die Verpflichtung und die Kraft aus, die im Gebet erfahrene Liebe Gottes in radikaler Nächstenliebe weiter zu geben, wie z.B. ihre Hilfe bei den Söntgens zeigt. Auch im Orden ist sie voller Hilfsbereitschaft z.B. bei der Pflege von kranken Mitschwestern oder von Patienten, die der Orden zeitweilig aufnimmt. Sie näht selbst noch aus kleinsten Flicken Kleidungsstücke für arme Kinder.

Leider aber erfährt sie durch Krankheiten ganz erhebliche körperliche Einschränkungen. Sie leidet an einer schweren Lungenkrankheit und an schweren Magen- und Darmkrankheiten, die sie an den Rand des Todes bringen. Beim Hochziehen eines Korbes mit nasser Wäsche stürzt ihr der Korb auf den Unterleib. Sie leidet zeitlebens an den Folgen. Aber trotz ihrer Krankheiten schont sie sich nicht, rafft sich immer wieder auf zur Arbeit und ist, sobald sie arbeitsfähig ist, auch eine in ihrer Umsicht und in ihrem Fleiß geschätzte Arbeitskraft.

Anna Katharina wird durch die Stigmatisation in die Öffentlichkeit gezerrt

1811 wurden von Napoleon, der damals weite Teile Europas beherrschte, alle geistlichen Orden aufgehoben. 1812 mussten die Nonnen in Dülmen das Kloster verlassen, der Klosterbesitz wurde dem Herzog von Croÿ übertragen. Als letzte verließ Anna Katharina Emmerick krank, gestützt auf eine Magd, das Kloster. Sie war eine gescheiterte Frau. Der große Traum vom Kloster, für den sie so viel eingesetzt hatte, war nach zehn Jahren geplatzt. Im Kloster hatte sie nur eine geringfügige Rolle gespielt und nun stand sie krank, mittellos, ohne Zugehörigkeit zu einem Familienverband vor dem Nichts.

Sie fand Unterkunft als Haushälterin bei dem Abbé Lambert, einem während der französischen Revolution aus Frankreich emigrierten Geistlichen, der ebenfalls das Kloster Agnetenberg, in dem er als Geistlicher gewirkt hatte, verlassen musste. Sie konnte den Haushalt nur ein halbes Jahr führen, denn sie erkrankte so schwer, dass sie bis zu ihrem Tod 1824 fast ständig ans Bett gefesselt war. Immer wieder war sie in den letzten zwölf Jahren ihres Lebens dem Tode nahe. Dennoch wird in diesen Jahren aus der so bedeutungslosen Frau „das Dülmener Nönnken“, als das sie allenthalben in Deutschland bekannt wurde.

Ausgelöst wurde die so schnell einsetzende Publizität durch ihre Stigmatisation. Es gab damals auch schon ohne Radio und Fernsehen eine funktionierende Öffentlichkeit. Verbreitet wurden solche Nachrichten durch ein dichtes, über die Ländergrenzen reichendes Netz des Briefverkehrs in den adligen und bürgerlichen Kreisen. Die Nachrichten erreichten dadurch die vielen Abendgesellschaften, in denen man sich zur Unterhaltung traf, und natürlich auch in den unterschiedlichen Ländern und Regionen die Zeitungen und Zeitschriften, die damals zumeist nur regionale Reichweite hatten.

Bei Anna Katharina Emmerick waren im Verlauf des Jahres 1812 aus den Schmerzen, in denen sie die Wundmale Christi mitfühlte, in unterschiedlicher Reihenfolge offene Wundmale entstanden: An Händen und Füßen, entsprechend den durch die Kreuzesnägel entstandenen Wunden, an der Brust, wo die Lanze in den Körper Christi eingedrungen war, bildete sich bei der Emmerick ein erkennbares Kreuz, am Kopf nadelfeine Einstiche, wie sie Christus durch die Dornenkrone erlitten hatte. Durch eine Indiskretion wurde dies öffentlich bekannt, was bisher nur die Emmerick und ihr Beichtvater wussten, und was sie unbedingt geheim halten wollten, was sich auf Dauer aber wegen der Sichtbarkeit der Wunden an den Händen auch nicht hätte geheim halten lassen.

Für Anna Katharina war das ein großes Unglück, denn sie, die Gebet und Meditation, die Zwiesprache mit Gott gesucht hatte, wurde nun der Öffentlichkeit preisgegeben, ihre Würde wurde verletzt. Immer wieder musste sie fremden Menschen die Wunden zeigen, dazu auch ihre Brust entblößen. Bei den Untersuchungen, 1814 durch eine kirchliche Behörde, 1818 durch eine staatliche, wurde sie Tag und Nacht von fremden Männern bewacht. Sie wehrte sich vor allem dagegen, dass sie von den einen als Heilige verehrt, von anderen als medizinische Sensation angesehen, von wieder anderen als Betrügerin gebrandmarkt wurde.

Auch die offizielle Kirche war nicht glücklich über die Nachrichten, die aus Dülmen kamen. Schon zwei Tage nachdem der Dülmener Dechant dem Generalvikar in Münster — der Bischofsstuhl war damals vakant, die Verantwortung für das Bistum trug deshalb der Generalvikar — das Phänomen mitgeteilt hatte, war der Generalvikar selbst mit einer kleinen Kommission in Dülmen. Und das in einer Zeit, da wegen der Enteignung der Kirchengüter die Verwaltung des Bistums vor unvorstellbaren Aufgaben stand. Am liebsten hätte der Generalvikar gesehen, wenn sich die Sache totschweigen ließe. Deshalb erteilte er ein Besuchsverbot. Besucher der Kranken mussten die Genehmigung des Dechanten einholen. Wie nutzlos das war, wurde schon am nächsten Tag demonstriert, als Dr. Krauthausen, der als behandelnder Arzt unbehindert Zugang hatte, seine kranke Frau auf einem Stuhl in das Zimmer der Emmerick tragen ließ, damit die Berührung der Emmerick und ihr Gebet der Kranken Heilung bringe. Das Zimmer der Emmerick lag auch zunächst zu ebener Erde — bei einem nicht unterkellerten Haus leicht einsehbar — an einer Hauptstraße. Die Dülmener drängten sich vor dem Fenster, so dass die Einschränkung der Besuche sich sowieso als sinnlos erwies. Der Dechant bat den Generalvikar auch bald darum, ihn von der Kontrolle der Besuche zu entbinden, da er sonst seine beruflichen Pflichten nicht erfüllen könnte.

Nun begann Anna Katharinas Leben in der Öffentlichkeit: Neugierige wollten sie sehen, Wundersüchtige berühren, Skeptiker ihre Betrügerei entlarven, Ärzte die medizinische Sensation untersuchen. Kranke, Leidende suchten ihre Hilfe, ihr Gebet, ihren Trost. Sie hat darunter sehr gelitten. Aber trotz der ungeheuren Belastung allein durch ihre Krankheit, jeder Arzt würde heute einem so Kranken nur den Besuch der engsten Angehörigen gestatten, und der Belastung durch die Besuche spürten die Besucher: „Wenn jemand zu ihr kommt, spricht sie freundlich und teilnehmend mit ihm von allem, worauf das Gespräch kommt. Sie nimmt aus Liebe zu den Menschen teil an allem, was man ihr erzählt“, so bezeugt es Luise Hensel. Wer ihr Gebet wünschte, konnte sicher sein, dass sie sich seiner im Gebet annahm.

In der Zeit, die ihr blieb, nähte sie an Sachen für die Armen. Besucher, die es ermöglichen konnten, brachten ihr Stoffe und Stoffreste. Von ihrer geringen Rente, der Herzog war zu einer Rentenzahlung an die aus dem Kloster gewiesenen Schwestern verpflichtet, sparte sie noch für Hilfsbedürftige.

Menschen, die damals Rang und Namen hatten, die in der damals so bewegten Zeit der Aufklärung, der Revolution, der Kriege, der Säkularisierung ihren Glauben oder die Sicherheit im Glauben verloren hatten, kamen zu ihr. Sie suchten vielleicht Wunder, sie fanden bei ihr das Wunder der Liebe, das sie in ihrer mystischen Begegnung mit Christus erfahren hatte und immer wieder neu erfuhr. Die Menschen spürten, in ihrer Offenheit, ihrer Freundlichkeit gab sie davon etwas weiter, sie fühlten sich sofort in den Gesprächen von ihr angenommen und erfuhren gleichzeitig, dass sie von Gott angenommen sind. Für die meisten Besucher war das natürlich eine persönliche Erfahrung, über die man nicht weiter redete. Dennoch gibt es von einigen noch heute erhaltene Zeugnisse über die Begegnung mit der Emmerick. Ausführlich informiert uns darüber z.B. Dr. Wesener, der Arzt in Dülmen, ein hochgebildeter Mann, der auch während seiner Arbeit als Arzt in Dülmen wissenschaftlich weiter arbeitete und in Fachzeitschriften veröffentlichte. Als er von der Stigmatisation der Emmerick erfuhr, berichtete er: „Ich lachte darüber und machte mich lustig über einen so krassen Aberglauben.“ Schon am nächsten Tag wollte er den vermeintlichen Betrug aufklären. Doch aus der Begegnung erwuchs eine so enge Freundschaft, dass er kostenlos die Behandlung übernahm, sie fast alle Tage besuchte. Er hielt die Begegnungen für so wichtig, dass er sie in einem Tagebuch festgehalten hat. Voller Trauer schreibt er nach ihrem Tod: „Keiner ging ungetröstet von ihr, und ich selbst habe eine teilnehmende Freundin an ihr verloren, die mir oft meine schwere Bürde durch liebreiches Zureden und Gebet fühlbar erleichterte.“

Noch ausführlicher ist das Zeugnis, das Clemens Brentano von seiner Begegnung mit der Emmerick hinterlassen hat. Voller Verzweiflung an seinem eigenen Leben war er nach Dülmen gekommen. Der bekannte Dichter, der ruhelos von einer Universitätsstadt zur anderen gezogen war, der in vielen bürgerlichen Salons als charmanter Unterhalter Aufnahme gefunden hatte, der die Großen seiner Zeit fast alle persönlich kannte, der Charme der Frauen, der schon viele schöne und geistvolle Frauen hatte für sich gewinnen können, der aber immer wieder enttäuscht die geknüpften Beziehungen abbrach, der fand in dem kümmerlichen Kämmerchen der Emmerick - man kann es heute noch im Original in der Emmerick-Gedächtnisstäte sehen -, bei dieser fast wesenlosen Frau einen Ruhepunkt. Es sollte 1818 ein kurzer Besuch werden. Er blieb mit kurzen Unterbrechungen bis zum Tod der Emmerick 1824 in Dülmen. Er fand hier eine ihn bis an sein Lebensende bindende Aufgabe. Die Visionen der Emmerick vom Leben Christi eröffneten ihm eine neue Welt. 16.000 Seiten notierte er am Bett der Kranken. Daraus komponierte er später die Werke, die als Betrachtungen der Emmerick erschienen. Die Begegnung mit der Emmerick hatte ihn umgewandelt. Alle Honorare stiftete er großzügig für die Armen. Allein die Honorare für „Das bittere Leiden“ erbrachten bis zu ihrer 6. Auflage 15.000 Gulden.

In einem Gedicht gibt der große Dichter Zeugnis von der Begegnung mit der Emmerick:

"Ich bin aus fremdem Land gekommen,
Ein fremder Mann,
Du hast mich liebvoll aufgenommen,
Wie Jesus es und Jesu Freundin kann.
Was du gehabt, hast du geteilet,
Dein Brot, jed’ Wort aus Gottes Mund,
Du hast geliebet und geheilet,
Und hast geschlossen mir den neuen Bund.
Ich durft’ dir all mein Heimweh klagen,
Und was mich in der Ferne hält,
du halfst die Last mir hinzutragen
Zum Lamme, das da trägt die Schuld der Welt."

Bis zu seinem Tod 1842 blieb er der Emmerick verbunden. Verzweifelt saß er vor der Fülle der Notizen, versuchte aus den unendlich vielen einzelnen Visionen über das Leben Jesu, das Leben Mariens, der Heiligen, über die Kirche einen Zusammenhang herzustellen, das, was die Emmerick in Bildern gesehen hatte und ihm in ihrer einfachen Sprache nur stammelnd mitteilen konnte, in seine Sprachwelt umzusetzen. Er hatte sich dazu auch eine eigene Bibliothek mit dem Schrifttum der Mystiker angeschafft und bedenkenlos die Bilder der Emmerick aus dem mystischen Schrifttum ergänzt. Da er der Meinung war, dass die Mystik eine eigenständige Form der Offenbarung ist und Anna Katharina aus dieser Offenbarung schöpfte, fühlte er sich berechtigt, zu einer solchen Komposition der unterschiedlichen Quellen.

Natürlich haben diese Werke Brentanos nach den Visionen der Emmerick die anfangs beschriebene Publizität der Emmerick bewirkt. Sie ist wohl die einzige in der katholischen Kirche, die so weit bekannt ist, ohne dass ihr Name in einem Kirchenkalender steht. Und das verdankt sie wahrscheinlich auch Brentano. Denn das erste Verfahren zur Seligsprechung ist zu den Akten gelegt worden, weil man in dem sogenannten Schriftenprozess, in dem die Schriften des zur Seligsprechung Anstehenden auf Widersprüche zur kirchlichen Lehre geprüft werden, nicht mehr feststellen konnte, was aus den Schriften original von der Emmerick, was aus anderen Quellen, was von Brentano stammt.

Quellenhinweise

Akten der kirchlichen Untersuchung über die stigmatisierte Augustinerin Anna Katharina Emmerick nebst zeitgenössischen Stimmen, herausgegeben von P. Winfried Hümpfner O.E.S.A., St. Rita Verlag und Druckerei, Würzburg, Dominikan 1929.

Tagebuch des Dr. med. Franz Wilhelm Wesener über die Augustinerin Anna Katharina Emmerick unter Beifügung anderer auf sie bezüglicher Briefe und Akten, herausgegeben von P. Winfried Hümpfner O.E.S.A., St. Rita Verlag und Druckerei, Würzburg, Dominikan 1926.

Anna Katharina Emmerick könnte bald wieder Aktualität in Dülmen erlangen und Dülmen in Europa erneut bekannt machen. Denn offensichtlich steht ihre Seligsprechung bevor.

Am 21. November dieses Jahres erklärte die zuständige Ärztliche Kommission in Rom die dort vom Bistum Münster eingereichte Heilung einer Clemens-Schwester von einer Kehlkopf- und Lungentuberkulose im fortgeschrittenen Stadium als medizinisch nicht erklärbar und erkannte die Heilung als auf Fürbitte der Emmerick geschehen an.

Im April des vorigen Jahres schon hatte der Papst nach positiver Stellungnahme der zuständigen Kommission Anna Katharina den „heroischen Grad der Tugend“ zuerkannt.

Diese beiden Verfahren sind die Grundlage für eine Selig- oder Heiligsprechung.

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