Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2002

Karl Helmer

Erinnerung für die Zukunft

Heinz Brathe zur Vollendung des achtzigsten Lebensjahres

Haben wir nicht Mühe genug, unsere gegenwärtigen Probleme zu bewältigen, müssen wir uns auch noch mit der Vergangenheit belasten, mit Armut und Not vergangener Generationen, all den entsetzlichen Geschehnissen von Tyrannei, Unterdrückung, Mord, Krieg und Zerstörung? Gehört es nicht ins Feld der Liebhabereien, die Umstände und Maßgaben der Erhebung Dülmens zur Stadt, das Leben des Stiftes zu St. Viktor, die Amtsführung der Bürgermeister der Vergangenheit zu erkunden, so recht geeignet für Rentner und Pensionäre? Gewiss, wäre da nicht die persönliche Freude ein Antrieb, würden die mühevolle Suche, die schwierige und zeitraubende Prüfung und Auswertung von Quellen schnell das Interesse lähmen. Doch ist da ein anderes im Spiele.

Die gesellschaftspolitische Diskussion der siebziger und achtziger Jahre warf der Heimatgeschichte vor, sie halte die Menschen, ganz wie die Operette, in einer schönen Traumwelt und verhindere die Kritik und die notwendige politische Aktion in der Gegenwart. Geschichtsschreibung generell diene bestenfalls dazu, Fehlentwicklungen aufzudecken, um sich gezielt von ihnen absetzen zu können. Doch war schon nach 1980 im praktisch öffentlichen Leben eine Abwendung von theoriegeleiteten Diskussionen zu bemerken. Ganz auffällig ist es, dass seither zahlreiche Museen, auch Heimatmuseen wiederbelebt und neu gegründet wurden. Der Besuch reißt nicht ab, Ausstellungen finden lebhaftes Interesse. Spätestens seit den neunziger Jahren mag man sich auch in Philosophie, Wissenschaft und in der großen Politik nicht mehr mit dem Vokabular soziopolitischer Provenienz schmücken, der Leitbegriff der Gesellschaft ist verblasst und durch den der Kultur abgelöst.

Kultur, will man einen differenzierenden Begriff und nicht jede Äußerung des Menschen hinzurechnen, ist nicht ohne den Gedanken der Zeit zu fassen, gleich, ob lediglich ein Nacheinander benannt wird oder die Ereignisse und Handlungen als Fortschritt oder Zerfall gedeutet werden. Gleichermaßen dürfte gelten, dass die Kategorie des Raumes die Felder von Kulturen mitbestimmt, aber nicht abschließt, denn Kultur wird pluralisch gedacht. Das heißt, dass Kultur ohne Geschichte nicht zu fassen ist und die Räume unterschiedlichen Kulturen Heimat geben können.

So mag man es theoretisch sehen, doch fragt sich zugleich, was Geschichte, Heimatgeschichte zumal, mit dem Leben der Menschen in ihrer Zeit zu tun hat. Offenbar, das zeigt sich als erstes, erlebt man die Geschichte der eigenen vertrauten Umwelt als das ruhende Gegenreich zur Hetze des täglichen Lebens, des Berufs, in dem schnelle Modernisierung, permanente Umorientierung keine Zeit lassen, in dem das einzig Dauerhafte die Veränderung ist.

Und weiter: Die Kultur der Heimat, der Stadt, in der man lebt, ihre Geschichte bilden den Gegenpol zur Schaffung übernationaler Zusammenschlüsse, ja zur Globalisierung. Eine Europäisierung ist geboten, globales Denken und weltweites Wirtschaften sind offenbar vonnöten. Doch können weder die große Welt noch Europa in ihrer Abstraktheit jene Bindungen und festen Orte bieten, die das Lebensumfeld der Gemeinde und der Stadt bereit hält, und die die notwendige Sicherheit gewähren, ohne die wir Menschen verloren sind.

Ludger Hillermann gratulierte dem Ehrenmitglied Heinz Brathe zu seinem 80. Geburtstag.
Ludger Hillermann gratulierte dem Ehrenmitglied Heinz Brathe zu seinem 80. Geburtstag.

Ferner erlaubt es der eigene Ort, Spuren zu den Generationen vor uns zu lesen, sich der eigenen Herkunft bewusst zu werden, damit man weiß, woher man kommt und wer man ist, und sicher sein kann, dass nach uns weitere Generationen in dieser Stadt leben werden, denen wir verpflichtet sind und in deren Erinnerung wir weiterleben werden. Es ist ein Stückchen säkularer Transzendenz, das im Bewusstsein der Menschen in die Lücke verblassender Religiosität drängt und das Antworten erwartet.

Auch dieses mag gelten: Der Umgang mit der Geschichte unterbricht und verzögert die rasende Fahrt der Zeit. Man möchte anhalten, wenigstens für Momente, damit das Leben nicht gar so schnell ein Ende hat. Geschichtsschreibung, so kann man es deuten, ist Verzögerung durch Erinnerung und damit kulturell begründet, denn Kultur ist bewusste Verlangsamung.

Und ein letztes mag angedeutet sein: Besonders die Historie der engeren Region regt dazu an, das Leben und Handeln der Menschen der Vergangenheit aus der Erinnerung als Entwurf zu begreifen, der in seinem Gelingen und Missraten eine Deutung für das gegenwärtige Leben erlaubt. Glückliche Entscheidungen und falsche Wege werden sichtbar, vergessene Möglichkeiten rücken ins Licht. Heimatgeschichte zeigt aus der Erinnerung Perspektiven in die Zukunft. Historia magistra vitae, Geschichte Lehrmeisterin des Lebens? Gewiss nicht so, dass man sie zur Lösung von Problemen kurzschrittig befragen könnte, wohl allerdings als Deuterin der Möglichkeiten des Menschen, der förderlichen so gut wie der schädlichen. Geschichte, besonders die anschaulich erfahrene der unmittelbaren Umgebung, macht nachdenklich, sie lässt zögern und macht skeptisch angesichts ganz schneller und glatter Lösungen, und sie mahnt zur Besonnenheit.

Heinz Brathe hat in den vergangenen fünf Jahrzehnten eine Fülle von Beiträgen zur Geschichte der Stadt verfasst. Überzeugend und gewiss in diesem Genre ungewöhnlich bindet er die Historie der Heimat an die deutsche und europäische Geschichte. Stadt- und Heimatgeschichte erhalten so eine umgreifende Erklärung und Deutung, und umgekehrt erfahren die nationale und die übernationale Geschichte eine eindrucksvolle Konkretisierung.

Sein Beitrag zur Geschichte und damit zur Kultur der Stadt Dülmen ist seit langen Jahren anerkannt und gewürdigt. Mit großem Respekt vor seinem Werk gilt mein Glückwunsch meinem ehemaligen Lehrer und dem verehrten Menschen Heinz Brathe.

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