Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2002

Wolfgang Werp

Zur Geschichte der Dülmener Textilindustrie

Anlässlich des Erwerbs des ehemaligen Betriebsgeländes der Firma Paul Bendix durch die Stadt Dülmen und der Neugestaltung des gesamten Komplexes mit der Errichtung des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums, neuer Wohnungen und sozio-kultureller Einrichtungen wurden die Dülmener in den letzten Jahren immer wieder mit der Entwicklung des „Bendixviertels“ befasst. Erfreulicherweise konnten bei der Neugestaltung hervorragende denkmalpflegerische, kulturelle, soziale und wirtschaftliche Aspekte beachtet und mit der Stadtentwicklung in Einklang gebracht und erfolgreich umgesetzt werden, die den Einsatz erheblicher öffentlicher Mittel rechtfertigen sollten. Es gibt also viele aktuelle Anknüpfungspunkte, um sich mit der Geschichte und Entwicklung dieses südlichen Stadtbereiches näher zu befassen und sie zu beleuchten.

Um die Erläuterung der Dülmener Geschichte haben sich viele Heimatfreunde verdient gemacht. Auch die Dülmener Wirtschaftsgeschichte ist wegen ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Gemeinwesens beschrieben worden. Seit der Fortsetzung der Herausgabe der Dülmener Heimatblätter nach den Wirren des 2. Weltkrieges im Jahre 1954 (so genannte Neue Folge) haben sich entsprechend der Bedeutung wirtschaftlicher Fragen für die Entwicklung der Stadt Dülmen verschiedene branchenübergreifende Untersuchungen mit diesem Bereich auseinandergesetzt und in den Heimatblättern zu aufschlussreichen Veröffentlichungen geführt. Von der das Münsterland viele Jahrhunderte beherrschenden Landwirtschaft, von den örtlichen Handwerkerschaften, von der aufgrund der Erzfunde im Dülmener Raum begründeten Eisenverarbeitung und von den später hinzukommenden Verarbeitungs- und Dienstleistungsbranchen ist vielfach berichtet worden. Die Textilindustrie hat aber bei der Berichterstattung in den Dülmener Heimatblättern — von kurzen Hinweisen abgesehen — bisher nicht im Vordergrund gestanden, obwohl in den drei größeren Dülmener Textilbetrieben Bendix, Ketteler/Specht und Leeser, allen voran in der Spinnerei und Weberei Bendix, in den beiden letzten von der Industrialisierung geprägten Jahrhunderten die meisten Dülmener Arbeitsplätze angeboten werden konnten. Dies mag damit zusammenhängen, dass es sich bei allen drei Textilbetrieben bekanntlich um Familienunternehmen handelt, die im Gegensatz zu anonymen Handelsgesellschaften — wie zum Beispiel der Dülmener Eisenhütte — in manchen Bereichen größere Diskretion erwarten dürfen. Natürlich ist zur Entwicklung der Textilindustrie in Westfalen während des Industriezeitalters darüber hinaus auch in der wissenschaftlichen und branchenbezogenen Fachliteratur ausführliches Material verfügbar.

Zunächst wird in einem Überblick die Geschichte der westfälischen, der westmünsterländischen und natürlich der Dülmener Textilindustrie in ihrer Blütezeit im 19. und 20. Jahrhundert und über ihre wichtigsten Entwicklungsphasen berichtet. Dabei stehen wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund. Es werden aber immer wieder zur Verdeutlichung der handelnden Persönlichkeiten Verbindungslinien zu sozialen, politischen, religiösen und kulturellen Aktivitäten gesucht. Im zweiten Beitrag soll dann am Beispiel der betrieblichen Entwicklung des größten Dülmener Textilunternehmens Bendix die Geschichte und Bedeutung der Textilindustrie für unsere Heimatstadt Dülmen beleuchtet werden. Anschließend wird in einem dritten Beitrag die Neugestaltung des ehemaligen Betriebsgeländes der Firma Bendix als gelungenes Stadtentwicklungsprojekt vorgestellt.

Grundzüge der Geschichte der münsterländischen und Dülmener Textilindustrie

Ausgangslage

Die Fertigung von Garnen und Geweben aus tierischen und pflanzlichen Stoffen durch den Menschen ist eine der ersten bekannten Betätigungen des Menschen. Sie ist schon seit der Jungsteinzeit (ca. 4000 vor Christus) nachgewiesen. Auch die einzelnen Arbeitsschritte zur Nutzung von Fasern und Wollen über das Spinnen zum Weben sind seit dieser Zeit nachweisbar, obwohl Funde von Geweben wegen der Verrottbarkeit der Materialien sehr selten sind.

Fast jede münsterländische Familie hat bis in die Neuzeit für den eigenen Bedarf gesponnen und gewoben. Ohne anlässlich dieser Untersuchung alle Verästelungen der Anfänge und Entwicklungen textiler Arbeit — entweder in Heimarbeit oder gewerblich — und deren Vermarktung verfolgen zu wollen, kann davon ausgegangen werden, dass schon seit dem 14. Jahrhundert im Münsterland vor allem im Bocholter und Dülmener Raum große Mengen von Flachs angebaut und gezogen wurden. Das vielfach feuchte Klima und der leichte bis mittelschwere Boden waren für bestimmte inländische wie ausländische Flachssamen recht günstig. Auch die Schafhaltung zur Gewinnung von Fleisch und Wolle war weit verbreitet. Dies hängt damit zusammen, dass die klimatischen Bedingungen im nordwestdeutschen Raum und besonders die Bodenbeschaffenheit im Münsterland bei geringerer Bodengüte neben der Viehzucht zum Anbau einfacherer Flachs- und Hanfarten führten. Letztere wurden zu gröberen Leinwandarten wie dem „Löwendlinnen“ verarbeitet. So ist es zu erklären, dass auch in Dülmen neben vielen anderen Berufsgruppen seit 1423 „Lynnenwever“ und „Wüllner“ nachgewiesen sind. Schon 1433 wurde durch bischöfliche Verordnungen bestimmt, dass Tuchhändler („wantsnyder“) und Schneider („scroder“) wie auch Kaufleute („kremer“) ihre Waren außerhalb der Märkte verkaufen durften.

Wesentliche Teile der Entwicklung der Stadt Dülmen und ihrer Bürgerschaft wurden in den vergangenen zwei Jahrhunderten durch die Veränderungen aufgrund des Übergangs von der landwirtschaftlichen zur industriellen Gesellschaft im 19. Jahrhundert bestimmt. Als Ausgangspunkt von Untersuchungen zu den gewaltigen wirtschaftlichen, strukturellen und sozialen Umwälzungen in dieser Zeit steht die gesicherte Kenntnis, dass die Dülmener bereits seit dem Mittelalter neben der landwirtschaftlichen Betätigung als Ackerbauern in zahlreichen handwerklichen Berufen gleichermaßen ausgeprägt tätig waren. Dies darf aber noch nicht als gewerbliche Betätigung gewertet werden, da diese erst mit der Abhaltung von Märkten und Jahrmärkten nach der Verleihung der Stadtrechte zur Entfaltung kommen konnte.

Herstellung von Garnen und Geweben in Heimarbeit

Die handwerklichen Fertigkeiten zur Flachs- und Wollverarbeitung wurden in den bäuerlichen Familien von Generation zu Generation weiter gegeben: Es ergaben sich über die Jahrhunderte nur wenige Verbesserungen, von der Ablösung der Handspindel durch das Flügelspinnrad (um 1600) einmal abgesehen. Beispielhaft sei gefragt: Wer kann sich heute noch unter der Flachsbrake etwas vorstellen, mit der der Flachs gebrochen wurde, nachdem er in der „Wasser-, Tau- oder Bodenröste“ gewesen und getrocknet worden war? Wozu diente ein Flachskamm? Wie funktionierte ein Hechelbock, in den ein Hechelbrett eingespannt wurde? Ganze Bündel von Flachsfasern wurden durch eiserne Zinken gezogen, um sie zu spalten und die längeren von den kürzeren Strängen auszusondern. Diese konnten dann mit dem Spinnrad zu langen Fäden gesponnen werden. Welche Aufgaben hatte eine Haspel? Mit ihr werden die versponnenen Fäden vereinigt und gebündelt. Wozu diente das Spulhandrad? Die fertigen Garne wurden teilweise auf Spulen gelagert. Sie konnten dann auf dem Handwebstuhl als Kett- und Schussfäden verwoben werden.

Im 15. und 16. Jahrhundert entwickelten die Handwerker mit ihren Zünften und Gilden über die Familien hinaus lebhafte Aktivitäten zur Sicherung ihrer gemeinsamen beruflichen und familiären Interessen. Im beginnenden 17. Jahrhundert waren vor allem die Wandmacher- und Klein-Linnentuchmachergilde aktiv. Auch im Münsterland spielten die Leinewebergilden wegen ihrer Pflege von Brauchtum und Geselligkeit sowie der Sorge um standespolitische Fragen eine wichtige gesellschaftliche Rolle. Um 1800 waren die Gilden der Woll- und Leinenweber in Dülmen stark vertreten. In einem Dülmener Gildebrief aus dem Jahre 1628 heißt es: „…dass zu solcher ihrer Handarbeit ihnen viele Eintracht, sunst mancherlei Unrichtigkeit durch fremde, dann auch anders zu wege gebracht und dadurch in ihrer Nahrung ein großer Nachteil und Eingriff zugefügt wurde…“. Zur Abwehr solcherlei Kummers hatten die der Wandmachergilde angehörenden Bürger der Stadt Dülmen das Recht, hier ihr Handwerk auszuüben, während fremde Wandmacher der Stadt fernzuhalten waren. Mit der Stärkung der Stellung der Städte und des Kaufmannsstandes kam auch Dülmen mit anderen Nachbarstädten sogar zu Kontakten mit der Handelsorganisation der Hanse, deren Aktivitäten die Stadt für den eigenen Handel zu nutzen suchte. Wie aus alten Urkunden bekannt ist, wurden fällige Beiträge Ende des 16. Jahrhunderts wegen deren wirtschaftlichen Niederganges aber nicht mehr geleistet, so dass die Mitgliedschaft Dülmens schnell wieder beendet war. Damit hatte jedenfalls eine weitere Phase wirtschaftlicher Erfolgsversuche Dülmens ein frühes Ende gefunden.

Unruhige Zeiten

Im 17. und 18. Jahrhundert fanden sich die Dülmener wie das ganze Umland in einer misslichen Lage. Durch eine Folge von kriegsbedingten Belagerungen, Zerstörungen, Einquartierungen und Verwüstungen kam es zu erheblicher Not und Verschuldung der Bewohner von Stadt und Land. Denn der Spanisch-Niederländische Krieg (1566 – 1609), der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648), der Französisch-Niederländische Krieg (1672 – 1679), der Siebenjährige Krieg (1756 – 1763) und schließlich auch die Französische Revolution hatten tiefe Spuren hinterlassen. Bekannt sind beispielsweise aus den Jahren 1741/42 die Schilderungen des Herzogs Emanuel von Croÿ in seinen mehrbändigen Aufzeichnungen „Memoires de ma vie“ („Erinnerungen meines Lebens“). Hier hat er auch Notizen über seine Reisen durch das Fürstbistum Münster mit dem Münsterland und Dülmen festgehalten. Er reiste im Auftrag des französischen Königs Ludwig XV., um in Norddeutschland und Westfalen militärische Operationsmöglichkeiten zu erkunden. Dülmen blieb als „klein und ziemlich hässlich“ in seiner Erinnerung.

Bezeichnend für die damaligen schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse sind auch die Eingaben und Bittgesuche des Dülmener Bürgers Frans Willem Schlüter aus dem Jahre 1768 an Domkapitel und Regierung in Münster, denn die Regierung versuchte zu dieser Zeit, Handel und Gewerbe unter die Arme zu greifen. Schlüter hatte in Dülmen eine Band- und Zwirnfabrik aufgebaut und ausweislich der in alten Dülmener Heimatblättern zitierten Schriftstücke um eine — heute würde man sagen — Subvention für die Anschaffung von Betriebsgeräten gebeten, mit deren Einsatz er mehr Arbeiter hätte beschäftigen können. Dort heißt es: „… habe es auch würklich durch meine Mühe und Arbeit so weit gebracht, dass ich es selbigem (gemeint ist ein Konkurrenzunternehmen) in der Bonität nachmachen kann, und werde auch mit ihnen auf die Dauer Preis halten können, weilen das Meiste Garn in hiesiger Gegend gesponnen wird, weilen dieses aber eine Fabrique, welche sehr abgangig und viele geringe Leute, welche sonsten keine schwere Arbeit verrichten können, alß Krumme, am Füßen Lahme und Kinder von 9 a 10 Jahren ihr Brod damit verdienen können, wie ich deren auch schon über 30 in Arbeit habe, dan ich habe schon drei Bandtstühle, hinreichen, um das gantze Land damit zu versehen, weilen ich ohne dahin schon vielen Debit (Absatz) außerhalb des Landes als in Specio nach Holland und Vrieslandt habe, so haben sich auch schon viele geringe Leute gemeldet, dass sie gerne wollten Arbeit haben und auch das Bandt machen lernen; ich kann ihnen auch Arbeit genug geben, allein es fehlet ihnen an die benötigte Gereitschaft (Gerätschaft), welche ich aus dem meinigen unmöglich alle anzuschaffen imstande bin …“. Fehlende finanzielle Eigenmittel waren also immer schon Sorgen aufstrebender Unternehmen.

Umfang der Textilherstellung rund um Dülmen

Zum Umfang der Tätigkeit des heimischen Leinengewerbes im westfälischen Raum liegen für die Zeit um etwa 1800 erstmals verlässliche Daten vor: In Dülmen gab es angeblich schon vor der Jahrhundertwende um 1772 rund um Dülmen etwa 117 Leineweber mit 9 Lehrlingen und 10 Meistern. Eine andere alte Tabelle verzeichnet zu dieser Zeit 31 Kaufleute mit wollenen Tüchern. Danach kamen auf je 1000 Einwohner über 100 Leinenwebstühle, wobei im Kreis Coesfeld das Verhältnis von Haupterwerb zu Nebenerwerb etwa ein Viertel zu drei Vierteln betrug. Die Bevölkerung der Stadt Dülmen mit dem Kirchspiel, Hausdülmen und Merfeld wuchs in dieser Zeit von insgesamt 6.315 im Jahre 1818 auf 8.534 im Jahre 1871, auf 9.503 im Jahre 1890 und auf 12.514 Einwohner im Jahre 1910.

Nach Aussagen der Dülmener Wandmachergildemeister wurden um 1800 an die 160 bis 170 Stück Tuche in Dülmen hergestellt, von denen jedes 80 Ellen lang war. Zur Ergänzung: Die Maßeinheit der Elle war vom Unterarm abgeleitet. Sie betrug meistens zwischen 0,5 und 0,8 Meter. Allein in Deutschland gab es in dieser Bandbreite über 100 verschiedene Ellenmaße. Verarbeitet wurden teilweise inländische, teilweise ausländische Garne und Wolle. Da professionelle Weber besonders aufgrund ihrer Berufserfahrung größere Geschicklichkeit beim Weben entwickelten, konnten sie sich gegenüber den ihnen später Konkurrenz machenden Verlegern, deren Marktposition unten erläutert wird, lange Zeit gut behaupten. Es gab damals in der Stadt Dülmen etwa 13 Tuchmachermeister, von denen jeder einen eigenen Webstuhl besaß. Aus den spärlichen Unterlagen ist bekannt, dass ab 1575 in Dülmen zwei von Angehörigen der Wullenwebergilde betriebene Walkmühlen benutzt wurden, von denen eine vor den Toren der Stadt lag. Sie war mit einer Kornmühle verbunden. Es soll sich hierbei um die Große Teichsmühle gehandelt haben. Viel später gegen 1780 war vom damaligen Landesherrn eine weitere Walkmühle eingerichtet worden, die schließlich verpachtet wurde. Die Regierung des Hochstifts Münster erließ 1781 eine „Verordnung wegen des Leinenwarenhandels“, in der es u.a. hieß: „… Aus dem Flachsanbau entsteht in hiesigem Hochstifte eine der vornehmsten Nahrungszweigen und er ist deshalb von solcher Wichtigkeit, dass er alle Vorsorge und Achtsamkeit verdient. Nebst der guten Auswahl und Bearbeitung des Bodens hanget dessen guter Erfolg von der Tüchtigkeit des Leinsamens ab …“. Schon seit Jahrhunderten gehörten somit Säen, Spinnen und Weben zum Tageslauf der ländlichen und auch weiter Teile der städtischen Bevölkerung. Sie waren selbstverständlicher Teil der Ausstattung des Hauses im Münsterland. In Hausdülmen zum Beispiel ist die Hausweberei seit langem überliefert: Hier „rasselten in jedem Haus mehrere Webstühle und an die hundert Gesellen und Lehrlinge, zum Teil aus weiterer Entfernung herbeigeeilt, waren hier in dieser Industrie tätig …“. Um das Jahr 1800 hatten der Flachsanbau und die Herstellung von Leinwand als ein wichtiger Erwerbszweig der Heimarbeit in Westfalen schon eine lange Tradition. Nach einer Zählung der Webstühle im Jahre 1816 in Verbindung mit einer Volkszählung ergaben sich für den Kreis Coesfeld 234 gewerblich und 1.200 im Nebenerwerb genutzte Webstühle. Nach einer anderen Quelle wurden um das Jahr 1818 rund um Dülmen etwa 300 Handwebstühle gezählt, auf denen etwa 2.000 bis 3.000 Stücke Leinwand erstellt wurden. Unter Hinzurechnung von Buldern, Darup, Hiddingsel und Rorup sollen es sogar bis zu 6.000 Stücke gewesen sein.

Leben und Arbeiten im Familienverband

Die Lebensbedingungen der damaligen Zeit - große Familien, geringe Löhne, erhebliche Abgabepflichten an Grund- und Landesherrn — führten wegen dieser sozialen Gegebenheiten bei weiten Teilen der abhängigen ländlichen Bevölkerung neben der vorrangigen agrarischen Betätigung zwangsläufig zur Notwendigkeit eines zweiten Broterwerbs während der Wintermonate. In den wohlhabenderen Familien spann und webte man nur in seinen Mußestunden. Dies hatte gleichzeitig den Vorteil, dass alle Familienmitglieder das Frühjahr und die Sommer- und Herbstmonate mit der aushäusigen landwirtschaftlichen Arbeit und zusätzlich die Winterzeit beim Spinnen und Weben nutzen konnten oder auch mussten, um das Durchkommen der Familie zu gewährleisten. So sicherten viele Heuerlings- oder Kötterfamilien ihren Lebensunterhalt. Sie waren dadurch leichter in der Lage, ihre Abgaben an den Grundherren zu entrichten, um ihre Existenz auch bei fehlendem eigenen Haus oder Hof zu erhalten. Dieser Aspekt mag aus heutiger Sicht weit hergeholt erscheinen, er gewinnt aber an Bedeutung, wenn man bedenkt, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch Hungersnöte infolge von Missernten und einer erheblichen Zunahme der Bevölkerung große Ernährungskrisen eintraten, die vom Einzelnen nur durch kleinere Rücklagen aus einem Nebenerwerb überstanden werden konnten.

Zudem versuchten in dieser Zeit die jeweiligen Landesherren, dem öffentliche Betteln und dem Müßiggang entgegenzuwirken. 1803 nahm der Herzog von Croÿ diese Initiativen auf und errichtete ein Armenhaus, in dem zunächst an 40 Spinnrädern gearbeitet wurde. Ein Jahr später kamen einige Webstühle dazu. Aus einem Bericht eines Aufsehers an den Herzog von Croÿ ist zu entnehmen: „… viele Arme, die zur Arbeit Lust hatten, fühlten bald durch diese Wohltat ihre verbesserte Lage. Jeder Arme, der sich zur Arbeit meldete, erhielt das nötige Gerät und die Materialien …“. Leider ist diese Anstalt in den Kriegswirren um 1807 und eine Nachfolgerin in 1819 wieder eingegangen. Für viele jüngere Dülmener blieb schließlich nur die Auswanderung.

Von der Eigenbedarfsdeckung zum Handel

Natürlich hatten das Spinnen und Weben zunächst nur dem Eigenbedarf gedient. Mit der Zunahme der Herstellung, dem Anlegen von Vorräten und insbesondere der Verbesserung der Verkehrswege entstand schnell ein lebhafter Handel von Garnen und Geweben, der ursprünglich durch Tausch und Handel in der Nachbarschaft, im Dorf und in der Stadt abgewickelt wurde. Später veräußerte man die Waren über die nachfragenden Bürgerschaften und weiter verarbeitenden Handwerker auf Jahrmärkten, die bis zur Mitte des 19. Jahrhundert praktisch in allen Dörfern und Städten des Münsterlandes zu den Höhepunkten des dörflichen oder städtischen Lebens gehörten und für den Handel und Warenaustausch zwischen den ländlichen und städtischen Regionen von größter Bedeutung waren. Ein immer umfangreicheres Warenangebot — heute würde man von Massenwaren sprechen — und die Ausweitung der Märkte im Laufe der wirtschaftlichen Entwicklung führten schon im ausgehenden Mittelalter speziell für Textilien zur Beteiligung von zwischengeschalteten Händlern, die den Spinnern und Webern die Vermarktung abnahmen.

Faktoreien und Verlagsgeschäfte

In Dülmen gab es in dieser Zeit etwa 20 Leinwandhändler, die die Textilwaren im Münsterland von Alters her nach einem erfolgreichen System vermarkteten: In den einzelnen Hausweberorten wurden Leinenempfangsstellen, so genannte „Faktoreien“ eingerichtet, in denen in der Handlungsform des Verlages agiert wurde. In diesen Fällen stellte ein Kaufmann (als Verleger) einer Mehrzahl von Produzenten (den Verlegten) Rohstoffe zur Fertigung von Waren zur Verfügung, aus denen diese mit ihren eigenen Spinnrädern oder Handwebstühlen zuhause Garne oder Gewebe herstellten. Der Absatz wurde dann wiederum vom Verleger sichergestellt. Die Verlegten erhielten eine festgelegte Vergütung. Dieser Weblohn betrug während der Zeit von 1818 bis 1848 je nach der Qualität des Tuches fünf bis elf Mark je Stück von 62 Ellen Länge. Zum Vergleich betrug der Preis einer Kuh damals etwa 41 Mark. Diese Geschäftsabwicklung war auch im Dülmener Raum bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitet, ehe sie durch den eigentlichen Fabrikbetrieb abgelöst wurde.

Insbesondere schon im Zeitalter des Merkantilismus bis zum Ende des 18. Jahrhunderts hatten sich die wirtschaftlichen Betrachtungsweisen vor allem in England als Folgen der internationalen Wirtschaftskontakte und der staatlichen Wirtschaftsführung geändert. Die Aktivitäten des Staates in Richtung einer „Gewerbeförderung“ wurden immer größer. Schwerpunkt sollte vor allem der Warenexport sein. In Deutschland waren die staatlichen Eingriffsmöglichkeiten wegen der vielen kleinen Territorialstaaten begrenzt. Die deutschen Fürstentümer richteten ihr Augenmerk mehr auf den jeweiligen Finanzbedarf. Um diesen mit den Aufgaben gewachsenen Bedarf zu befriedigen, waren zur Erreichung höherer Abgaben auch Förderungen einträglicher Wirtschaftzweige wie des Handels und des Gewerbes vonnöten. Dies führte im westlichen Münsterland zu einem Anwachsen des Handels mit den holländischen Nachbarn. Große Teile des westfälischen, also auch das münsterländischen Leinens wurden exportiert. Der Verkauf der Textilien in das Ausland führte zu einer Blüte des münsterländisch-niederländischen Handels, teilweise auch mit dem Ziel der englischen und kolonialen Märkte.

Die „Tödden“ aus dem Emsland

Im Münsterland waren die reisenden Garn- und Gewebehändler, die in ihrer speziellen Ausrichtung auf das Geschäft mit den ostniederländischen Nachbarn als „Tödden“ bekannt geworden sind, aus den wirtschaftlichen Kreisläufen nicht wegzudenken. Sie zogen als Wanderhändler durch die Lande und kauften und verkauften im überregionalen Hausiergeschäft. Ihre Bezeichnung stammt wohl aus dem Plattdeutschen „tödden“ oder wegen der örtlich verschiedenen Aussprache auch „tüötten“. Dies bedeutet „schleppen, ziehen sowie auch schwer bepackt dahertrotten“.

Um einen Einblick in die Eigenart dieser Kaufmannschaft zu geben, sei auf die ausführlichen und spannenden Erzählungen von Josef Winckler, der durch seinen „Tollen Bomberg“ am bekanntesten geworden ist, in seinem im Jahre 1926 erschienenen Buch „Pumpernickel“ verwiesen. Winckler stammte aus Rheine, also aus der Nachbarschaft jener Dörfer Mettingen und Hopsten in der alten Grafschaft Lingen, aus denen viele Tödden kamen und zum Hausieren in westliche Richtung bis Belgien zogen. Der Erzähler fragt den Leser eindringlich: „Wer waren denn nun die Tödden … ? Die dürfen vor allem nicht verwechselt werden mit den Hollandgängern, jenen armen Köttern und Heuersleuten der Gemeinde, die im Frühjahr zu Trupps von zwanzig bis dreißig Mann zuweilen noch nach Holland pilgerten. Männer, die in einem großen Sack aus Plüsch, Sichel und Harke, dazu eine Seite Speck auf dem Buckel mitschleppten und zu Fuß über die Grenze marschierten. Sie trugen auch vielfach blaue weite Überhosen, eine Handbreit unten zu kurz, Püntkerhosen, über die eigentlichen Buxen; ihre weiten Blusen hießen Bluserune, regendicht, straßengrau. Sie blieben bis zum Herbst fort und arbeiteten bei den reichen holländischen Bauern, sparten ihren Lohn und kamen im Oktober noch abgemagerter, noch ausgemergelter zurück. Dann bezahlten die Frauen in den Geschäften des Dorfes ihre unterdessen aufgehäuften Schulden … Nach der einen Überlieferung entstanden die ’Tödden’ zur Zeit des Alten Fritz im Siebenjährigen Krieg, da Schlesien verwüstet wurde und viele Schlesinger als Kaufleute und Händler, meist mit Leinen, auswanderten … Nach anderer Lesart kamen sie auf während der großen Kontinentalsperre, da der Schmuggel von- und zur See sich lohnte und der Bedarf des Binnenlandes bei den zahllosen Zollschranken der vielen Einzelländchen befriedigt werden konnte …“. Im weiteren Verlauf der Erzählung wird die geschäftliche Entwicklung dieser „Zunft“ bis zu den bekannten Konfektionsgeschäften und Kaufhäusern wie C. & A. Brenninkmeyer, Boecker oder Hettlage vorgestellt.

Warenkontrolle durch die „Leggen“

Die Textilien des Münsterlandes mussten in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts vor dem Verkauf wegen der Qualitäts- und damit Preisunterschiede der Gewebe besondere Qualitätskontrollen durchlaufen. Dies geschah hierzulande in den so genannten „Leggen“. Das Wort „Legge“, niederdeutsch „Leye“, ist von „legen“ abgeleitet. Gemeint ist damit eine Stätte, an der die Leinenwaren über einen als „Leggebank“ bezeichneten Messtisch gezogen und so bewertet wurden. Ihre Standorte an den Stadttoren oder in den Rathäusern entwickelten sich zu wichtigen Handelsplätzen für Leinwandwaren. Da das westmünsterländische Löwendlinnen entsprechend der etwas niedrigeren Flachsqualität nicht zu den hochwertigsten zählte, war die Zahl der Leggen hier höher als im ostwestfälischen Raum, weil dort dank besserer Bodenqualität höherwertiger Flachs angebaut werden konnte. Die Ware wurde gemessen, die Kett- und Schussfäden mit dem „Fadenzähler“, einer kleinen Lupe mit verschiedenen Messbereichen, ausgezählt und bestätigt. Ein Stempel oder eine Tuchplombe garantierte dann die Warenqualität. Dies sind alles Merkmale, die bis heute durch vergleichbare Gütezeichen wie zum Beispiel die „Schwurhand“ für Leinen und Halbleinen als Zeichen hochwertiger Ware oder als Ausweis hoher Farbechtheit oder Lichtunempfindlichkeit selbstverständlich sind. Gegen 1810 wurden die Leggen im westfälischen Raum unter dem Einfluss der französischen Besetzung abgeschafft. Doch bereits um 1815 nach ihrer zeitweiligen Wiedereinführung durch die preußische Verwaltung bis 1830 blieben sie umstritten. Später wurden sie ohnehin wegen des Rückgangs der nebengewerblichen Weberei überflüssig. Damit entfielen auch die Gütemarkierungen alter Art, da die Städte keine Kontrollen mehr vornahmen und die Textilbranche die Qualität ihrer Waren durch eigene Gütezeichen bewertete.

Die drei Dülmener Textilunternehmerfamilien

Familie Bendix

In diese Zeit ist auch der Beginn der geschäftlichen Tätigkeiten der Familie Bendix in Dülmen zu legen. Die Familie kam aus Billerbeck nach Dülmen und war zunächst als Händler tätig. Etwa im Jahre 1824 begann der Firmengründer Moses Bendix mit einem Kapital von 1.000 Talern ein Handelsunternehmen mit Leinen. Dieses wurde schon bald auf das ertragreichere Verlagssystem umgestellt. Die Rohgarne stammten zum größten Teil aus dem Bielefelder Raum, wurden den Dülmener Webern zur Verarbeitung übergeben und anschließend von Bendix vermarktet. Auf Einzelheiten der weiteren Entwicklung des Familienunternehmens wird noch eingegangen.

Familie Ketteler/Specht

Auch die spätere Dülmener Weberei A.W. Ketteler hat ihre Ursprünge in dieser Zeit. Die Keimzelle des Familienunternehmens war ein Manufaktur-, Modewaren- und Konfektionsgeschäft mit Garnen, Stoffen und allerlei Kurzwaren im Ortskern Dülmens auf der Lüdinghauser Straße (heute Kerckhoff, früher Rubbert), das von dem Kaufmann Anton Wilhelm Ketteler im Jahre 1843 gegründet wurde. A.W. Ketteler war in Haselünne geboren und von Greven nach Dülmen gekommen. Später gliederte er dem Laden zusätzlich eine Leinenfaktorei an. Dank des Verlagssystems und der damit einhergehenden unternehmerischen Risikofreude kam dieser Handel im Laufe der Entwicklung zu größeren Dimensionen. Üblicherweise wurden zum Beispiel von den Dülmener Bauern Stoffe im Kettelerschen Geschäft eingekauft, zum Schneidermeister gebracht und von diesem zu Anzügen geschneidert. Wie sich noch zeigen wird, war A.W. Ketteler ein emsiger und vielseitiger Unternehmer. Er heiratete eine Tochter des Juweliers Baltzer in Münster. Aus der Ehe ging die Tochter Sophie hervor.

Familie Leeser

Auch die Familie Leeser ist schon vor ihrer Betätigung als industrieller Webereibetrieb in Dülmen als Handelsgeschäft nachgewiesen. Seit dem Jahre 1723 sind die Leesers in Dülmen bekannt. In einer „Schatzungsliste“ der Stadt wird nämlich ein Isaac Eliazar genannt, der ein Jahrgeld von 8 Reichstalern zu zahlen hatte. Auch im Zusammenhang mit einem Gerichtsverfahren aus demselben Jahr wurde über Mitglieder einer jüdischen Familie Eliazar — später Laeser und nach der Vergabe fester Familiennamen an alle jüdischen Familien im Jahre 1813 Leeser — in Dülmen berichtet: Es ging um ein gerichtliches Ermittlungsverfahren vor dem Richter und Gografen des fürstlichen Amts Dülmen, in dem die Frau des Juden Isaak Leeser als Zeugin vernommen worden war. Am 27. Dezember 1751 kaufte ausweislich einer Urkunde Isaak Laeser mit seiner Frau Magdalenen Jacob von den Eheleuten Höseker/Uhlenbrock in der Stadtmitte an der Lüdinghauser Straße in der Nähe des „Treppchens“ gegenüber der St. Viktorkirche ein Hausgrundstück, das bis zum Jahre 1938 von seiner Familie bewohnt wurde und somit als deren Familienhaus angesehen werden kann. Die Familie muss schon damals recht vermögend gewesen sei, da ausweislich erhaltener Urkunden mehrmals Grundstücke in und vor der Stadt gekauft wurden. Sie betätigte sich vornehmlich als Schlächter, Vieh- und wohl auch Getreidehändler. Übrigens sind die Eheleute Leeser wie viele ihrer Nachkommen bis zur Errichtung des neuen jüdischen Friedhofes auf dem „Wewerink-Esch“ im Jahre 1905 auf dem 1761 vor dem Lüdinghauser Tor errichteten alten jüdischen Friedhof beerdigt worden. Dieser ist auf Betreiben des damaligen nationalsozialistischen Bürgermeisters der Stadt Dülmen im Frühjahr 1937 einschließlich der alten Friedhofsmauer „eingeebnet“ und in eine bepflanzte Grünfläche verwandelt worden, da er ein „Verkehrshindernis“ darstelle. Seit dem 11. November 1979 erinnert hieran an gleicher Stelle als Mahnmal ein eindrucksvoller Gedenkstein.

Der Söhne Leffmann (1810 – 1885) und Salomon (1811 – 1886) von Jacob Leeser (1776 – 1826) jedenfalls beschäftigten sich auch mit Textilwaren. Aus dem Dülmener Handelsregister von 1862 sind für Leffmann Betätigungen als Kaufmann mit einem „Ellenwarengeschäft“ überliefert. Wiederum sind etliche Grundstücksgeschäfte von Interesse: Leffmann Leeser kaufte nämlich vor der Stadt im Gebiet „Reitacker“ Gärten, Wiesen und Weiden. Möglicherweise wurde auf diesen von den Brüdern die spätere Leinenweberei L. & S. Leeser gegründet. Auch Salomon Leeser betätigte sich ab 1862 als Kaufmann in Dülmen. Er kaufte im Jahre 1851 unter anderen ein Hausgrundstück in Dülmen an der früheren Marktstraße neben Eisenwaren Timpte, in dem seine Nachfahren bis 1938 gelebt haben. Nach der Zerstörung 1945 wurde es nicht wieder aufgebaut.

1869 gründeten die Brüder dann ein gemeinsames Unternehmen, das neben Getreide mit handgewebtem Leinen im Verlagsgeschäft handelte. Dieses Unternehmen erlebte besonders nach dem Kriege 1870 – 1871 einen erheblichen Aufschwung, als Leffmann Leesers Sohn Jacob L. Leeser nach Beendigung seines Militärdienstes 1872 eine Reisetätigkeit für das Verlagsgeschäft aufnahm und diesem zu weiterer Blüte verhalf.

Der Ursprung des Karstadt-Konzerns am Dülmener Markt

Schließlich darf in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben, dass auch die Eltern des späteren Warenhausunternehmers Theodor Althoff im Jahre 1858 das Stammhaus am Markt in Dülmen gegründet haben. Es handelte sich um ein Kurz-, Weiß- und Wollwarengeschäft. Der Junior absolvierte hier seine Lehrjahre und übernahm das Geschäft nach dem Tode des Vaters im Jahre 1885. Später gründete er in Dortmund beginnend immer mehr Filialen und wandelte seine Läden in richtige Textilkaufhäuser um, die sich dann zum Karstadt-Konzern entwickelten.

Dülmen erhält zwei Bahnhöfe

In früheren Jahrhunderten hatten die Wege zu Lande und zu Wasser für die Kommunikation der Menschen und den aufkommenden Handel noch nicht die große Bedeutung, die ihnen mit den internationalen Verflechtungen auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete im beginnenden Industriezeitalter zukam. Zwar waren auch schon im Mittelalter außer einem beschränkten Warenverkehr mit Kurieren und Reitstafetten die Menschen selbst, also neben den von Residenz zu Residenz umherziehenden Landesherren auch Kaufleute, Händler, Prediger, Pilger, Gelehrte, Künstler, reisende Handels- und Handwerksleute oder Vagabunden viel unterwegs.

Die münsterländische Bruch- und Heidelandschaft war aber nicht leicht passierbar. Deshalb hatte auch Napoleon 1811 in einer Verordnung den Bau der großen Heerstraße von Wesel über Dülmen nach Münster, Osnabrück, Bremen und Hamburg angeordnet. Die preußische Regierung führte gleich nach 1815 den Ausbau der Chausseen fort. Wie lange sich diese Maßnahmen hinzogen sieht man daran, dass die Staatsstraßen erst gegen 1875 gebührenfrei benutzt werden konnten. Mit der lohnenden Nutzbarmachung der Dampfkraft beim Bau von Lokomotiven für die Eisenbahn nahmen Handel und Verkehr endlich viel größere Ausmaße an. Im Westmünsterland war der Ausbau wichtiger Bahnstrecken ein willkommener Begleiter für die schnelle wirtschaftliche Entwicklung. Insbesondere die von der Köln-Mindener-Eisenbahngesellschaft ab 1847 realisierte West-Ost-Verbindung von Köln über Oberhausen, Gelsenkirchen, Dortmund, Hamm und Minden erschloss umsatzträchtige Wirtschaftsräume, vor allem im nahen Ruhrrevier.

In Dülmen tauchte erstmalig 1862 der Plan auf, „eine Eisenbahn von Paris nach Hamburg“ zu bauen. In Rat und Verwaltung der Stadt ging es hoch her. Es wurden zwei Bürger bestellt, die die Interessen Dülmens bei der Regierung zu vertreten hatten. Ein Professor aus Gent erhielt noch im selben Jahr den Auftrag für vorbereitende Vermessungsvorarbeiten. In dem Auftrag hieß es etwa: „… Euer Hochwohlgeboren werden hierdurch veranlasst, das Publikum von den bevorstehenden Nivellements und anderen Aufnahmearbeiten in Kenntnis zu setzen und darauf aufmerksam zu machen, dass jede Verletzung oder Beseitigung von den Vermessungsbeamten aufzustellenden Richtstangen und Stationspfählen Bestrafung nach § 43 der Feld-Polizei-Ordnung vom 11. November 1847 nach sich ziehen wird.“

Nach langen Verhandlungen und Querelen wurde die Strecke Essen-Münster in der heutigen Trassenführung gebaut und das Teilstück Münster-Haltern zum 1. Januar 1870 dem öffentlichen Verkehr übergeben. Am 15. Juni 1875 entstand mit der Eröffnung der Strecke Dortmund-Gronau ein Kreuzungspunkt. Als absurdes Ergebnis eines weiteren längeren Streites vornehmlich zwischen den beiden beteiligten Bahngesellschaften über den Bahnhofsbau erhielten die Dülmener den „Hauptbahnhof“ für die untere und nur etwa 200 Meter entfernt den Bahnhof „Dülmen-Ost“ für die obere Trasse. Dies alles kann man — nicht ohne schmunzelnd an Schilda zu denken — in alten Heimatblättern nachlesen.

Im Ergebnis garantierte die günstige Verkehrsanbindung in alle vier Himmelsrichtungen aber trotzdem weitere wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten der Stadt Dülmen.

Aus Verlegern werden Fabrikanten

Eine weitere positive Entwicklung und eine wesentliche Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Dülmener Bevölkerung ergab sich erst bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts durch die Auswirkungen der industriellen und sozialen Reformen, die vornehmlich in England ihre stärksten Impulse hatten und anschließend den europäischen Kontinent erreichten. Die Entdeckung fremder Länder, die weltweite Gründung von Kolonien und die moderneren Verkehrsmittel zu Wasser und zu Lande veränderten die Lebensvoraussetzungen der Menschen.

Die industrielle Revolution

Insbesondere auf der britischen Insel und auch schon in Belgien hatte sich zum Ende des 18. Jahrhunderts ein deutlicher Wandel der wirtschaftlichen Strukturen vollzogen. Die einsetzende Industrialisierung hatte hier erhebliche wirtschaftliche und soziale Veränderungen gebracht und bei der Textilherstellung durch die Entwicklung der Spinnmaschine oder die Einführung des mechanischen Webstuhls für neue Maßstäbe gesorgt. Begründet wurde dieser Wandel nicht zuletzt durch die mit der Entdeckung ferner Länder einhergehende Kolonialisierung, durch die Weiterentwicklung des internationalen Handels sowie durch den Ausbau der Schifffahrt. Dies führte zunächst zu einer weiteren Stärkung der englischen Handelsüberschüsse nach Übersee und gezwungenermaßen zu einer Öffnung der europäischen Märkte. Auch die in amerikanischen Plantagen auf für europäische Verhältnisse riesigen Arealen angebaute Baumwolle wurde so immer mehr zum Konkurrenten der heimischen Fasern und Wolle.

Einen erheblichen Einschnitt brachte dem austarierten Textilweltmarkt die von Napoleon im Jahre 1806 verfügte so genannte Kontinentalsperre, die eine Begrenzung der englischen Vormachtstellung auf den Weltmärkten bringen sollte. England wurde tatsächlich von den bisher üblichen Handelswegen abgeschnitten. Es konnte weder seine Waren auf dem europäischen Festland absetzen, noch von dort Güter beziehen. Die englischen Hersteller mussten sich weltweit nach neuen Käufern und Lieferanten umsehen.

In diesem Zusammenhang muss kurz auf die deutschen Zollgesetze von 1818 und den Deutschen Zollverein von 1834 eingegangen werden: Die meisten deutschen Staaten hatten sich nämlich zusammengeschlossen, um durch die Abschaffung der Binnenzölle größere Wirtschaftsgebiete zu erreichen. Durch den Verzicht auf eigene Abgabenrechte konnte ein erhebliches Wachstum des Handels und der Märkte gefördert werden.

Neue Märkte mit neuen Konkurrenten

Diese Erschließung neuer Märkte führte bald zum Siegeszug der Baumwolle über den Flachs und damit neben anderen Faktoren wie der Erfindung der Dampfmaschine oder der Schaffung neuer Verkehrsverbindungen durch die Eisenbahn zum späteren Niedergang des Flachsanbaues und damit auch der hergebrachten Leinenhausweberei im westlichen Münsterland. So waren es die Baumwollspinnereien, die in der technischen Entwicklung und dem Mechanisierungsgrad den Leinewebereien davoneilten. Erst nach der Jahrhundertmitte machte dann die Flachsspinnerei wieder etwas Boden gut. Mit dem Zusammenbruch ihrer Märkte aufgrund der Preisvorteile für die Baumwollgewebe erlitt die Leinenerzeugung in Westfalen dann doch entscheidende Einbrüche, da die münsterländischen Leinengewebe nicht mehr so gefragt waren und über den holländischen Handel schwieriger exportiert werden konnten. Auch der Dülmener Leinen- und Tuchhandel blieb von diesem Niedergang nicht verschont. Der Siegeszug der neuen Rohstoffe wie Baumwolle oder Jute zum europäischen Festland beschleunigte die Verdrängung der ursprünglichen familiären Klein-Weber-Betriebe durch kapitalintensive mehrstufige Großbetriebe mit Spinnerei, Weberei, Färberei und Veredlung in einer Hand. Schon im Jahre 1818 hatte die Flachsspindel in der Fabrik etwa 120mal soviel geliefert wie ein Handspinnrad.

Auswirkung der Preußischen Bodenreformen

Schließlich war für den Niedergang der Hausweberei der Umstand entscheidend, dass nach der französischen Besetzung mit der Teilung der Marken begonnen worden war und dann durch die am 7. Juni 1821 in Münster errichtete Generalkommission bis zum Jahre 1848 insgesamt 3.134 Dienst- und Abgabenpflichtige abgelöst worden sind. Allein in den Jahren 1830 – 1860 gingen im Kreis Coesfeld 27.664 Hektar in Privatbesitz über. Noch am 13. März 1868 hat sich die Generalkommission in einer Entscheidung „betreffend die Teilung des Grundvermögens der Münsterstraße-Interessenten zu Dülmen, in der Mitwicker Mark“ mit solchen Auseinandersetzungsverfahren befasst und Parzellen zwischen etlichen Dülmener Bürgern, u.a. auch der Witwe Sara Bendix, aufgeteilt. Zur Nutzbarmachung dieser Ländereien brauchte man Arbeitskräfte. Damit sanken die oben angesprochenen Mußestunden bzw. Zweit„jobs“ für winterliche Spinn- oder Webzeiten erheblich. Dies führte zu Arbeitskräftemangel und Lohnerhöhungen. Die zeitaufwendige Leinenherstellung wurde teurer und blieb auf der Strecke. Auch die zunehmende Verwendung zugekaufter oder vom Verleger gestellter Maschinengarne führte bei den Hauswebern zu einer Abnahme des Interesses an der Webarbeit.

Das „weiße Industriegebiet Westfalens“

Damit war das Zeitalter der Hausweberei als familiärem Kleinbetrieb beendet. So entwickelte sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Deutschland als Folge weltweiter wirtschaftlicher, politischer und sozialer Veränderungen mit anderen wichtigen Industriezweigen auch die industrielle Textilfabrikation. Der überlieferte, zur Ergänzung und Stärkung der bäuerlichen Einkommen notwendige Nebenerwerb durch handwerkliches Weben als Heimarbeit konnte wegen der mechanischen Massenherstellung nicht mehr mithalten. Vielmehr erreichten die Verarbeitung von Flachs und Garnen zu Leinen oder Halbleinenerzeugnissen und die Baumwollweberei durch maschinelle Verfahren bis dahin unbekannte Dimensionen und die hiesige Textilindustrie weltweiten Ruhm. Unter Bezug auf das Engagement seiner Unternehmer und den Fleiß seiner Bürgerinnen und Bürger sprach man bald vom westlichen Münsterland als „dem weißen Industriegebiet Westfalens“.

Zwischen den Weltkriegen

Die weiter steile Aufwärtsentwicklung der westfälischen Baumwollindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgte aus der unaufhaltsamen Mechanisierung, die durch die Aufhebung des Exportverbots für englische Textilmaschinen möglich geworden war. Außerdem konnten jetzt das unausgeschöpfte Reservoir an heimischen Facharbeitskräften voll genutzt und in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg sogar noch holländische Kräfte angeworben werden. Auch der Kriegsbedarf sorgte für eine Auslastung der Fabrikationskapazitäten. Die Inflation brachte dann einen Tiefstand. Es zeigten sich düstere Wolken für die Branche, da es an ausländischem Rohmaterial fehlte, insbesondere an Flachs, Garnen und Wolle aus Russland. Es folgten Stilllegungen und Zwangswirtschaft, die erst 1921 wieder aufgehoben wurden.

Insgesamt war die Zahl der im Münsterland betriebenen Webstühle für Leinen und Halbleinen von 7.254 im Jahre 1914 auf 7.094 im Jahre 1926 und schließlich 5.922 im Jahre 1929 zurückgegangen. Es gab vielfach Kurzarbeit. Erst durch die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der 30er Jahre trat eine wesentliche Besserung ein. Danach waren die Spinnereien und Webereien dank der großen ausländischen Nachfrage schnell wieder ausgelastet. Auch die Ergebnisse der Baumwollwebereien nahmen zu. Vor und während des 2. Weltkrieges stieg die Verwendung inländischer Garne, Wolle und auch synthetischer Fasern kriegsbedingt drastisch an, da unter Verzicht auf Kostengünstigkeit den kriegswirtschaftlichen Anforderungen genügt werden mußte. Die Belegschaft bestand vorwiegend aus Frauen und einigen zwangsverpflichteten oder kriegsgefangenen Ausländern.

Industrieansiedlungen in Dülmen

Zurück zu den Anfängen der Textilindustrie in Dülmen: Die erste Dampfmaschine stand in Dülmen allerdings nicht bei einem Textilunternehmen. Vielmehr begann das Industriezeitalter hier bei der schon seit 1753 bestehenden Mühle und Brennerei Schücking mit der Erweiterung um eine mit Dampf angetriebene Kornmühle. Der erste industriell geführte Dülmener Betrieb war aber die am 5. April 1842 vor dem Berggericht in Bochum gegründete Hütte „Gewerkschaft Prinz Rudolph Eisenhütte“. Erst etliche Jahre später kamen die drei Dülmener industriell geführten Textilbetriebe hinzu. Hergestellt wurde vielfach glattes weißes Reinleinen. Aufgrund des hohen Preises ging man bald auch auf Halbleinen über, indem man je nach der Nachfrage zwischen den teureren und den preisgünstigeren Artikeln wechselte. Schließlich stieg auch die Herstellung von Baumwollgeweben aus Preisgründen immer weiter.

Hervorzuheben ist, dass zwei der drei diese Unternehmen tragenden Familien jüdischen Glaubens waren. Schon die beiden Westfalen-Lexika der Jahre 1832 und 1835 zeigen das Engagement der jüdischen Bürger unter den Spinnerei- und Webereibesitzern an. Es lohnt sich im Blick auf die Dülmener Wirtschaftsgeschichte, den erfolgreichen, später aber auch schmerzhaften und krisenhaften Weg dieser drei Dülmener Firmen weiter zu verfolgen.

Spinnerei und Weberei Paul Bendix

Webstuhl von Firma Robert Hall in Bury/England.
Einer der 1883 von der Firma Robert Hall in Bury/England hergestellten Webstühle, die teilweise bis 1965 in der Weberei A.W. Ketteler eingesetzt waren. Zunächst erfolgte der Antrieb mittels einer Transmission. Später war an jedem Webstuhl ein Elektromotor mit einer Leistung von 75 kW angebracht, der 960 Umdrehungen pro Minute lieferte. Webstühle dieser Art kamen auch bei den Webereien Bendix und Leeser zum Einsatz.

Die Geschichte und Entwicklung der Spinnerei und Weberei Bendix als bei weitem größtes Dülmener Textilunternehmen ist Gegenstand eines Beitrags in der nächsten Ausgabe der Dülmener Heimatblätter.

Weberei A.W. Ketteler

Wir kommen zurück auf Anton Wilhelm Ketteler. Seine Vielseitigkeit zeigte sich bei der Gründung und Eröffnung der Sparkasse in Dülmen. Hier spielte er eine führende Rolle. Mit der Förderung der gemeindlichen Selbstverwaltung und des Selbsthilfegedankens durch die Reformen der Preußischen Regierung war nämlich landesweit die Initiative zur Gründung von Sparkassen ergriffen worden. Bereits im Jahre 1838 war die Errichtung von Sparkassen in Coesfeld und Dülmen von der Regierung in Münster angeregt worden. Wegen finanzieller Engpässe der Stadt verschob sich die Gründung der Kasse jedoch bis zum Jahre 1856. Nach entsprechenden positiven Beschlüssen des Rates der Stadt wurde dann am 4. April 1856 das Sparkassenstatut vom Oberpräsidenten der Provinz Westfalen genehmigt und eine Unterstützung von 80 Taler für die Kosten der Ersteinrichtung der Kasse zugewiesen. Erster Rendant wurde A.W. Ketteler, der als Sicherheit eine Kaution von 100 Taler leistete. Der Geschäftsbetrieb wurde am 1. September 1856 in seinem Haus an der Lüdinghauser Straße mit zunächst nur zwei Geschäftstagen im Monat aufgenommen.

Weberei A.W. Ketteler in den fünfziger Jahren
Weberei A.W. Ketteler in den fünfziger Jahren

Im Jahre 1868 heiratete Josef Specht (1841 – 1896) aus Münster Sophie Ketteler und setzte mit ihr deren väterliches Familienunternehmen A.W. Ketteler fort. Die Vorfahren Spechts hatten bereits über mehrere Generationen in Dülmen gelebt. Dann waren sie in Lüdinghausen wie auch in Münster ansässig. Mit Josef Specht kam die Familie nach Dülmen zurück. Dieser kaufte vor den Toren der Stadt an der heutigen Elsa-Brändström-Straße Grundstücke, baute eine Weberei mit etwa 40 englischen mechanischen Webstühlen und nahm den Betrieb im Jahre 1883 auf. Schon nach kurzer Zeit wurden 76 Webstühle eingesetzt. Es wurden vorrangig hochwertige Halb- und Reinleinenerzeugnisse und auch Baumwollgewebe hergestellt.

Über Josef Specht als einen beliebten und angenehmen Zeitgenossen wird in alten Heimatblättern im Zusammenhang mit dem Lambertus-Singen der Nachbarskinder berichtet: „… Unser Nachbar Specht, der zugleich mit seinem Manufakturwarengeschäft einen lebhaften Handel mit Leinen und Wolle betrieb, war uns Kindern wohlgesinnt. Niemals kam er von der Leipziger Messe zurück, ohne uns irgendein hübsches Spielzeug mitzubringen und im Sommer, wenn er die großen Wollballen verschickte, und die Ballen vor seinem Hause auf der Straße lagerten, ließ er uns ruhig auf ihnen herumtollen, bis sein Handlungsgehilfe Gelsing kam und jeden Ballen mit großen, schwarzen Buchstaben und Zahlen bemalte …“. Sein Textil- und Kurzwarengeschäft in der Innenstadt trat mit der Zeit in den Hintergrund und gelangte über eine Verpachtung zunächst an die Firma Horstmann & Sievering, um schließlich von den Firmen Wiese und Becker übernommen zu werden. Beim Tode von Sophie Specht im Jahre 1903 jedenfalls war das ehemalige elterliche Ladengeschäft schon aufgegeben.

Schreiben Ketteler

Die Weberei entwickelte sich zu einem florierenden Unternehmen und wurde nach dem Tode von Josef und Sophie Specht von ihren beiden Söhnen Wilhelm (1872 – 1941) und Otto Specht (1877 – 1952) später von diesem allein erfolgreich fortgeführt. In den besten Jahren gab es mehr als 150 Beschäftigte. Am 18. Dezember 1943 beging man mit großer Festfolge das 100-jährige Firmenjubiläum: U.a. führte man in den Kinoräumen des „Zentral-Theater“ (später Metropol-Theater) den Heimat-Kultur-Film „Rosse im Ried“ über die Dülmener Wildpferde vor.

Im Bombenhagel des Frühjahres 1945 wurde der gesamte Betrieb vernichtet. Doch sofort nach Kriegsende begannen die zurückgekehrten Mitarbeiter mit dem Wiederaufbau. Ein Gebäudeteil nach dem anderen wurde notdürftig erneuert, falls die notwendigen Materialien ergattert werden konnten. Zu diesem Zwecke reiste der Vater des Verfassers mit Erlaubnis der Militärregierung und dem Fahrrad durch die Lande, um Dachpappe und -pfannen, Kalk, Zement und Steine, Spanplatten oder sonstige Materialien zu „hamstern“. Dies war damals nur mit der zweisprachigen Bescheinigung in der klassischen Übersetzung der als Dolmetscherin bei dem Battery Office und der Stadt Dülmen tätigen Englischlehrerin am Dülmener Gymnasium Hedwig Grote möglich: „… He is authorized to do business for the firm in every kind. He has often to make travels. For this purpose he is to be permitted to go by bycicle and to transport his bycicle by train.“ Ein Webstuhl nach dem anderen wurde entrostet und einsatzfähig gemacht. Im Herbst 1945 konnte die Weberei mit sechs Stühlen wieder aufgenommen werden. Ein notdürftiger Stromanschluss von der Station an der ehemaligen Josefschule sorgte für die wichtige Energieversorgung. Auf ähnlichem Wege war bereits während des Krieges bis Anfang 1945 bei kriegsbedingten Kabelnetzstörungen von A.W. Ketteler erzeugter Strom in das öffentliche Netz geleitet worden, um insbesondere die Lüdinghauser Straße mit dem Krankenhaus und einige Bäckereien rund um die Uhr mit Strom zu versorgen.

So blühte das Geschäft langsam wieder auf, bis zum Jahre 1952 die wesentlichen Schäden beseitigt waren. Nach dem Tode von Otto Specht führten dessen Söhne Wilhelm-Gottfried und Otto Specht das Geschäft fort. Infolge der schon erwähnten Strukturkrise der gesamten deutschen Textilindustrie wurde die Fabrikation eingestellt und die Weberei im Jahre 1966 liquidiert. Das Betriebsgebäude ist seitdem vermietet. Im Jahre 1970 wurden alte und neue Geschäftsbereiche wie der Handel mit Leinen, Halbleinen und Heimtextilien in der Textilgesellschaft A.W. Ketteler fortgeführt.

Weberei L. & S. Leeser

Auch bei der Firma Leeser rückte eine jüngere Generation nach. Jakob L. Leeser (1850 – 1927; Sohn von Leffmann Leeser, in Dülmen vielfach Jacob I Leeser genannt) und sein Vetter Jacob S. Leeser (1858 – 1916; Sohn von Salomon Leeser, in Dülmen vielfach auch Jacob II Leeser genannt) waren inzwischen in das oben angesprochene, von ihren Vätern gegründete Leinenhandelsunternehmen eingetreten. 1888 wurde es um eine mechanische Leinenweberei erweitert und damit in eine „Fabrik“ mit eigener Produktion umgewandelt. Jedenfalls erwähnt das Dülmener Grundbuch bereit 1891 ein Fabrikgebäude auf einem 3.600 qm großen Grundstück an der Stelle der heutigen Dreifachturnhalle der Hermann-Leeser-Realschule an der Elsa-Brändström-Straße.

Der Betrieb wurde wohl mit knapp 40 Mitarbeitern und einer nicht genau bekannten Zahl von Webstühlen, die von einer Dampfmaschine betrieben wurden, aufgenommen. Die Geschäfte entwickelten sich gut. Es wurden Arbeitskräfte zum Spulen und Weben eingestellt und immer mehr Webstühle eingerichtet. So gab es im Jahre 1898 eine Arbeiterschaft von 47 Personen.

Eine „Fabrikordnung“ und ab dem 15. März 1892 eine „Arbeits-Ordnung“ steuerten den Betrieb. Im Zeitalter der Mitbestimmung hört sich manche dort niedergelegte Regelung heute ungewohnt an, zum Beispiel zur fristlosen Entlassung: „… Arbeiter, die sich innerhalb der Fabrik öffentlicher Verhöhnung der Religion, der guten Sitte, oder grober unsittlicher Handlungen schuldig machen, in betrunkenem Zustande betroffen, oder der Veruntreuung überführt werden, ernstliche Streitigkeiten veranlassen oder daran theilnehmen, können sofort entlassen werden.“

L. & S. Leeser, mechanische Weberei

Jacob L. Leeser war ein rühriger Bürger der Stadt Dülmen. Er war ab 1905 bis 1916 und von 1919 bis 1924 Stadtverordneter der Stadt Dülmen, saß in verschiedenen kommunalen Kommissionen, stand jahrelang der Synagogen-Gemeinde vor, war Vorstandsmitglied des Kriegervereins und 1883 Schützenkönig der Bürgerschützen. Darüber hinaus hat er den Dülmener Heimatverein mitbegründet und dort als Mitglied des Ausschusses der Arbeiter gewirkt. Für seine großen Verdienste um die Stadt erhielt er im Jahre 1911 anlässlich des 600-jährigen Bestehens der Stadt Dülmen den Preußischen Kronen-Orden. Er starb am 17. November 1927. Über seinen Vetter Jacob S. Leeser kann nichts Vergleichbares über öffentliches Auftreten berichtet werden.

Für Jacob S. Leeser trat nach dessen Tod 1916 seine Witwe in den Betrieb ein. 1925 nach ihrem Tode folgte ihr Sohn Ernst Leeser. Gleichzeitig trat auch Herrmann Leeser, ein Sohn von Jacob L. Leeser, in die Gesellschaft ein und wirkte bis zum Jahre 1927 neben seinem Vater. Trotz sich anbahnender Schwierigkeiten mit dem nationalsozialistischen Regime wurde noch im Sommer 1938 das 50-jährige Firmenjubiläum gefeiert.

Wenige Monate später ereignete sich dann ein dunkles Kapitel der Deutschen Geschichte: Nach den Judenpogromen durch die Nationalsozialisten in der Nacht vom 9./10. November 1938, der so genannten „Reichskristallnacht“, dem Anschlag auf die Dülmener Synagoge an der Münsterstraße und auf alle Wohnungen und Geschäfte der Dülmener jüdischen Mitbürger nahm sich Hermann Leeser aus Verzweiflung über die Untaten der Nationalsozialisten das Leben. Die Familie Ernst Leeser bereitete sich auf eine Ausreise nach Südamerika vor. Das Textilunternehmen wurde ein Jahr später an die Gesellschaft Grotthoff & Steven „freiwillig verkauft“ und damit „arisiert“. Bei der fast vollständigen Zerstörung Dülmens im Frühjahr 1945 fielen alle Betriebsgebäude und -einrichtungen den Bombenteppichen der Alliierten zum Opfer.

Nur der Schornstein blieb zunächst erhalten. Er wurde erst viele Jahre später abgerissen. In einer amtlichen Bekanntmachung der Stadt Dülmen hieß es: „… am Mittwoch, dem 22. Juni 1956, nachmittags pünktlich um 15 Uhr wird der Fabrikschornstein auf dem Gelände der früheren Textilfabrik Leeser gesprengt. … Die Bewohner der rings um die Sprengstelle liegenden Häuser werden gebeten, die Fenster rechtzeitig zu öffnen, Glastüren aufzumachen, alles Leichtzerbrechliche z.B. Kronleuchterschalen, Statuen etc. zu schützen und für die persönliche Sicherheit der Familienangehörigen Sorge zu tragen, da u.U. mit Steinschlag zu rechnen ist.“ Der Verfasser selbst hat in etwa 50 Metern Entfernung von seinem Elternhaus aus die Sprengung beobachtet und mit seinen Geschwistern auf das Zerbrechen elterlicher Kronleuchter und Statuen vergeblich gewartet. Die Sprengung des Schornsteins war fast ein Symbol für den folgenden Niedergang der Dülmener Textilindustrie.

Um 1950 hat noch die Witwe Hermann Leesers, Rhea Leeser, mit 22 reparierten Webstühlen einen Wiederbeginn in Notunterkünften am Kreuzweg versucht. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen für einen Erfolg waren aber nicht gegeben, da veränderte Produktionsmethoden und neue kostengünstigere Märkte — vor allem in Fernen Osten — immer konkurrenzfähiger wurden. Auch weitere Rechtsnachfolger konnten das Unternehmen daher nicht dauerhaft sanieren. Im Jahre 1956 wurde das alte Betriebsgelände veräußert.

Entstehung der Dülmener Bekleidungsindustrie

Die den Spinnereien und Webereien nahe stehende Bekleidungsindustrie und das -handwerk bildeten auch in Dülmen einen eigenen Wirtschaftszweig. Als Folge des Aufschwungs und der Bedeutung der industriellen Textilherstellung in Dülmen siedelten sich auch benachbarte Branchen an, die gewebte Waren veredelten und verarbeiteten. Hier wurden sowohl manuell als auch maschinell Schnitte entworfen, Stoffe zugeschnitten, Näharbeiten durchgeführt oder Strickwaren gefertigt. Schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts war die Firma Hovenjürgen in Dülmen in diesem Bereich tätig. Später kamen u.a. die Kleiderfabrik Schloten mit 1960 schon etwa 250 Mitarbeitern, die Firmen Kämmerer und Köhler, Fritz Reinermann, Niedrich, Rudi Löbbert, Fischer, Vogtländische Wäschefabrik Uphues, Steilmann, Reher, Bienhüls und Wöstenkötter hinzu. Sie alle stellten im Bereich Textil und Bekleidung wesentliche Wirtschaftsfaktoren im Dülmener Raum dar. Die Darstellung ihrer Geschichte und Bedeutung für Dülmen hätte den Rahmen dieser Abhandlung gesprengt.

Die Textilindustrie in der Krise

Nach den großen Schäden durch die Zerstörungen des 2. Weltkrieges und einem rasanten Wiederaufbau in den 50er Jahren kam es kaum zehn Jahre später zu einem krisenhaften Einbruch, wie an den für die gesamte Branche beispielhaften Schwierigkeiten der beiden oben vorgestellten Dülmener Familienunternehmen erkennbar wird.

Infolge ihrer Abhängigkeit von der günstigeren Einfuhr wesentlicher Rohstoffe, dem Lohngefälle innerhalb der inzwischen weltweiten Leinen- und Baumwollproduktion und dem damit einhergehenden Druck billigerer Importwaren auf den europäischen Markt wie auch schließlich der noch weiter fortschreitenden Automation am Arbeitsplatz war die heimische Textilindustrie nicht mehr konkurrenzfähig. Dies führte nach und nach zu Kurzarbeit und Entlassungen. Viele Arbeitskräfte mussten sich in neuen, zukunftsträchtigeren Bereichen neue Beschäftigungen suchen. Bald folgten trotz etlicher staatlicher Unterstützungsversuche durch Landesdarlehen oder -bürgschaften eine Umstellung auf modernere Spezialartikel und eine Rückkehr der betrieblichen Aktivitäten zum reinen Warenhandel. Etliche Betriebe mussten auch stillgelegt und abgewickelt werden. Damit war ein bedeutsames Kapitel der westmünsterländischen und Dülmener Industriegeschichte beendet.

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