Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2002

A.L. Bonsey

Mein Kriegsdienst 1915 – 18

Vorbemerkung von Rudolf Hermanns

Durch einen glücklichen Zufall gelangte eine biographische Schildung eines Aufenthalts im Kriegsgefangenenlager Dülmen aus dem Ersten Weltkrieg in das Stadtarchiv Dülmen. Da die Wahlpflichtgruppen Archäologie der Johann-Gutenberg-Schule schon seit mehreren Jahren Ausgrabungen im Bereich des ehemaligen Lagers durchführen, griffen wir gerne die Anregung des Stadtarchivars Dr. Friedrich-Wilhelm Hemann auf, den in englischer Sprache abgefaßten Bericht von A.L. Bonsey über seine Kriegszeit insbesondere seinen Aufenthalt im Dülmener Lager im Englisch-Unterricht zu übersetzen. Zum einen durften Aufschlüsse über den Lageralltag jenseits der überlieferten Normen und Regelungen erhofft werden, die den Ausgrabungen zu gute kommen sollten. Andererseits bestand im Englisch-Unterricht die Möglichkeit, nicht nur trockenen Lehrbuchstoff zur Unterrichtsgrundlage zu machen, sondern mühsam angeeignete Vokabeln und Grammatik einmal praktisch nutzbringend mit lokalem Kolorit angereichert anzuwenden. Eine freiwillige Arbeitsgruppe der 9. Klasse ging außerhalb des Unterrichts mit Begeisterung ans Werk und übersetzte nicht nur die Dülmen betreffende Passage, sondern auch die restlichen 44 eng beschriebenen Seiten.

Der Bericht eines englischen Gefangenen des Ersten Weltkrieges bedarf, damit wir ihn heute richtig einordnen können, eines einführenden Kommentars, der die besonderen Bedingungen der Zeit von 1918 in Erinnerung ruft.

Durch die britische Blockade der Seewege war Deutschland von wichtigen Handelswegen abgeschnitten worden. Die für die Kriegsführung notwendigen Rohstoffe, aber auch viele Handelsgüter und besonders Nahrungsmittel fehlten, zumal die Wirtschaft auf Kriegsproduktion umgestellt worden war. In Deutschland herrschte seit dem Winter 1916/17 Hunger („Steckrübenwinter“), dem viele Menschen zum Opfer fielen. Lebensmittelkarten sollten die wenigen Nahrungsmittel gerecht verteilen: Zum Beispiel wurden 250 g Fleisch und 250 g Brot auf Kreisebene ausgegeben — wenn diese Mengen vorhanden waren. Auch die Nahrungsmittelmenge für Kriegsgefangene war genau festgelegt. Es gab Nahrungsmittel-Listen des Kriegsministeriums und des Versorgungsamtes Hiltrup für den Bereich des VII. Armee-Korps, jedoch existierten diese Lebensmittel größtenteils nur auf dem Papier!

Kleinere Arbeitskommandos wie das K 5 „Gymnasium“ in Dülmen konnten nach Hiltrup melden, dass Steckrüben- oder Kartoffelvorräte angelegt worden waren, so dass man gut über den Winter kam. Die Rechnungen des K 5 zeigen, dass zu Anfang des Krieges noch große Mengen Fleisch und Wurst bei privaten Metzgern in Dülmen eingekauft wurden. Danach übernahm eine Garnisionsschlachterei in Dülmen die Versorgung.

Im Laufe der Kriegsjahre hatte man versucht, Ersatzstoffe für Nahrungsmittel und Verbrauchsgüter zu finden, so wurde zum Beispiel Maismehl für die Brotherstellung benutzt. Baumwolle zur Textilproduktion fehlte ebenso dramatisch.

Der Adressat des Berichts von A.L. Bonsey war das britische Kriegsministerium, das jeden Rückkehrer aus deutscher Kriegsgefangenschaft genau befragte. Bonsey befand sich in der unangenehmen Situation, seine Gefangennahme durch die Deutschen begründen zu müssen. Er führte dazu die Unzuverlässigkeit der neben den Briten kämpfenden Portugiesen an. Die Deutschen hätten die portugiesische Frontlinie durchbrochen und die englische von hinten aufgerollt.

Nach der Haager Landkriegs-Konvention von 1907 waren kriegsgefangene Mannschaftsdienstgrade zur Arbeit verpflichtet. Ein Viertel des Verdienstes bekamen sie als „Arbeitsbelohnung“ oft in Lagergeld ausgezahlt. Damit konnten sie in den Verkaufsbaracken kleine Dinge des täglichen Bedarfs kaufen.

Wöchentlich durfte ein Paket aus der Heimat empfangen werden, der Gefangene durfte zwei Briefe pro Woche schreiben — das Internationale Rote Kreuz sorgte für den Transport der Post. Durch einen unglücklichen Zufall bekam Bonsey seine Pakete erst, als er sich bereits im Winter im Lager Münster I befand und krank im Hospital lag.

Da es sich um einen Bericht handelt, erfahren wir wenig über die sozial-kommunikative Ebene und das „Innenleben“ oder die Gedankenwelt des A.L. Bonsey. Es ist der Blick eines Soldaten, der ungewollt in „Feindeshand“ geraten ist und sich damit abzufinden hat.

Die Übersetzung versuchte so nah wie möglich am Text zu bleiben. Viele Begriffe aus dem Militärbereich erschwerten dabei die Arbeit. Auch die zeitbedingte Satzstruktur — Stellung des Prädikats oder der Adverbien — erstaunte die Übersetzer zuweilen.

Das Dülmener Lager („Dullmen Camp“)

Als wir alle am Ausladebahnhof standen, bekamen wir unsere Gefangenen-Nummer und wurden nochmals gezählt. Dann liefen wir zum Kriegsgefangenen-Lager, dass etwa fünf Kilometer vom Bahnhof entfernt war. Seit 14 Tagen hatten wir nur sehr wenig zu essen bekommen, so dass wir immer schwächer geworden waren. Deswegen hielten einige von uns den Marsch zum Lager nicht durch, sie kamen später nach.

Dieses Kriegsgefangenen-Lager war bei Dülmen („Dullmen“) in Westfalen. Es war fast ein neues Lager. Früher hatte dort ein Kiefernwald gestanden, die Kiefern hatte man jedoch abgeholzt und für den Bau von Holzbaracken verwendet. Der Boden war hier sehr sandig, sechs bis acht Zentimeter tief sandig.

Eingang zum Kriegsgefangenenlager in Hausdülmen.
Eingang zum Kriegsgefangenenlager in Hausdülmen.

Als wir ins Lager kamen, wurden wir zuerst zu einer großen Baracke geführt, unsere Namen und Gefangenen-Nummern registrierte man dort. Dann durchsuchte man uns nach kleineren Gegenständen, die wir noch bei uns hatten, wie Taschenmesser, Sicherheitsrasierer und Fotos. Sie nahmen uns tatsächlich alles weg. Wir hatten nur noch unsere alten, schmutzigen Khaki-Uniformen, in denen man uns gefangengenommen hatte. Bei unserer Ankunft im Lager müssen wir wie eine arme, niedergeschlagene Gesellschaft ausgesehen haben. In dieser Baracke blieben wir 48 Stunden unter Quarantäne, damit keine Krankheiten unter uns ausbrechen sollten. Nach diesen zwei Tagen wurden wir zur Bade-Baracke gebracht und alle konnten ein Dusch-Bad nehmen. Das war gut und erfrischte uns, denn es war das erste Waschen, das wir nach den drei Wochen unserer Gefangennahme hatten.

Die Friseure kamen auch und schnitten unsere Haare kurz, wir sahen richtig kahlköpfig aus. Das Überraschendste in der Bade-Baracke war der Umstand gewesen, dass wir uns mit Sand waschen mussten. Seife gab es nicht, da die Deutschen sehr knapp an Seife waren. Der Sand war sehr rau am Körper, er kratzte jedoch nicht sehr — es war mein erstes Experiment, mich mit Sand zu waschen. Als wir uns abtrocknen wollten, mussten wir Handtücher benutzen, die aus gedrehtem Papier bestanden und genau so wie Handtücher aussahen, aber wir bemerkten schnell den Unterschied, denn sie nahmen nicht so gut das Wasser auf wie normale Handtücher. Aber das war wohl der beste Ersatz, den die Deutschen für Handtücher finden konnten, wie für alle Dinge ein Ersatzstoff gefunden worden war, sogar für Nahrungsmittel.

Nach dem Aufenthalt in der Bade-Baracke — Duschen und Haarschneiden — wurden wir in einen mit Stacheldraht umzäunten Lagerbereich gebracht. Die Baracken waren sehr gut. Die schlimmste Sache war das Essen. Wir konnten nicht genug zu essen bekommen. Wir hatten ja schon drei Wochen hungern müssen.

Die Haare der Gefangenen wurden kurz geschnitten, um die Ausbreitung von Ungeziefer zu unterbinden.
Die Haare der Gefangenen wurden kurz geschnitten, um die Ausbreitung von Ungeziefer zu unterbinden.

Jeden Morgen hatten wir einen namentlichen Appell um sechs Uhr. Dafür mussten wir aus unseren Baracken kommen und vor den Wachhäuschen in unserem Lagerbereich vorbeimarschieren. Danach konnten wir unser „Frühstück“ einnehmen, wie sie es nannten. Das war um sieben Uhr, es gab einen halben Liter „Kaffee“, wie sie es nannten. Dieser „Kaffee“ bestand aus gerösteten Kastanien, die in Mehl gedrückt worden waren. Das war das „Kaffee“-Mehl. Etwas Essbares zum Frühstück gab es nicht.

Etwas zu essen gab es zum Mittag. Wir bekamen dann einen halben Liter Suppe. Diese Suppe bestand aus Kohl mit einigen frischen Erbsen und Körnern, die wie Kanarienfutter aussahen, der andere Teil bestand aus Wasser. Wir waren glücklich, wenn wir ein kleines Stück Kartoffel darin fanden. Damit mussten wir bis zur „Teezeit“ um sechs Uhr auskommen. Dann gab es noch einen halben Liter dieses „leckeren“ Kaffees. Sonst nichts.

Und das war alles, was wir zu essen bekamen, das gleiche „Menu“ jeden Tag, solange wir in diesem Lager waren. Wir gingen herum und suchten Kartoffelschalen aus den Mülleimern, um unsere Essensration aufzubessern, denn wir waren völlig ausgehungert und freuten uns über jedes Stückchen Nahrung, das wir finden konnten. Es gab nicht viel in den Mülleimern, aber wir waren froh über das, was wir fanden. Als wir noch in Frankreich mit unserer Truppe kämpften, hatten wir manchmal gehungert. Doch wie in diesem Lager haben wir noch nie gehungert. Wir lernten, was Hunger war.

Während wir in diesem Lager waren, impften sie uns gegen Pocken, Cholera und Gelbfieber, fünf- oder sechsmal in den ersten vierzehn Tagen. Erst in die Arme und dann in die Brust. Sie riefen uns aus unseren Baracken und ließen uns in Reih und Glied antreten. Der deutsche Arzt kam dann die Reihe mit seiner Spritze entlang und stach uns mit der Injektionsnadel, wie er es für richtig hielt. Ich glaubte, sie versuchten verschiedene Krankheitserreger zu spritzen, um zu sehen, wie sie wirkten. Das dachten wir damals alle.

Das "Lausoleum", die Quarantäne- und Entlausungsbaracke des Lagers.
Das "Lausoleum", die Quarantäne- und Entlausungsbaracke des Lagers.

Wachposten waren überall, in unserem Bereich (Gruppe II) und auch im äußeren Lager. Der äußere Bereich des Lagers war mit den üblichen Stacheldrahtzäunen umgeben. In der Nacht wurde das Lager von Scheinwerfern erleuchtet, die aus Bogenlampen bestanden und an acht Meter hohen Pfosten hingen. So hatte man uns jederzeit unter Bewachung.

Nach drei Wochen in diesem Lager erkrankte ich an Ruhr. Man brachte mich ins Lazarett, wo ich einen Monat blieb. Das Lazarett befand sich im hinteren Bereich des Lagers.

Die einzige Behandlung, die ich gegen diese Krankheit erhielt, war etwas Opium, damit ich schlafen konnte. Man hatte mich ins Lazarett tragen und ins Bett legen müssen, in solch einem schwachen Zustand war ich. Das Essen war nicht besser als in unserm Lagerbereich.

Die Lazarettgruppe bestand aus einer separaten Anlage mit vier Krankenbaracken, einer chirurgischen Station, Wirtschaftsgebäude und Waschbaracke.
Die Lazarettgruppe bestand aus einer separaten Anlage mit vier Krankenbaracken, einer chirurgischen Station, Wirtschaftsgebäude und Waschbaracke.

Es hatte keinen Geschmack und bestand fast nur aus Wasser. Mein Zustand wurde immer schlechter. Die sanitären Bedingungen im Lazarett waren unbeschreiblich. So krank wie ich war, musste ich aus dem Bett heraus, um zu den Toiletten zu gelangen, so gut ich es konnte. Glücklicherweise waren die Toiletten nur ein paar Meter entfernt in einem Durchgang. Der Gestank und die Fliegen waren hier fast unerträglich Anfang Mai.

Der alte deutsche Pastor kam fast täglich zu Besuch, er sprach aber nicht Englisch, doch ich war froh ihn zu sehen und konnte seine Worte verstehen. Am Ende der vierten Woche wurde ich entlassen, doch ich war noch so krank, dass ich kaum laufen oder längere Zeit stehen konnte. Mit einem Mitgefangenen musste ich wieder zu meiner Baracke zurück. Als wir am nächsten Tag wieder zum Appell gerufen wurden, rief man von einer Liste Namen auf. Mein Name war auch dabei. Sie sagten, ich hätte mich freiwillig für die Zechenarbeit gemeldet, denn unsere kleine Gruppe sei dazu bestimmt, in der Zeche zu arbeiten. Als sie meinen Namen aufriefen, trat ich aus der Reihe einen Schritt nach vorn, wie es in der britischen Armee üblich ist, wenn man mit einem Offizier bei der Parade sprechen will.

Ausweiskarte der Kriegsgefangenen des
  Dülmener Lagers.
Ausweiskarte der Kriegsgefangenen des Dülmener Lagers
Der Besitzer dieser Erkennungskarte der belgische Kavallerist Paul Vermeulen, geriet am 6. März 1918 in Kriegsgefangenschaft. Über Lager in Belgien gelangte er nach Dülmen, später nach Minden. Am 18. Dezember 1918 kehrte er nach Belgien zurück, wo er am 5. Juni 1919 nicht einmal zwanzigjährig im Lazarett Leopoldsburg verstarb.

Der deutsche Offizier sprach mich an. Ich sagte, dass sie einen Fehler gemacht hätten, denn ich hätte mich nicht freiwillig gemeldet, ich sei erst gestern aus dem Lazarett entlassen worden. Ich käme aus Sussex in England und dort gebe es keine Kohlenminen, und ich hätte noch niemals eine Zeche gesehen. Die Antwort des Offiziers war: „Wenn du noch nie eine Zeche gesehen hast, ist das deine Chance eine kennen zu lernen, denn du gehst mit dieser Gruppe morgen zur Zechenarbeit.“ Ich musste mich damit abfinden und mit den anderen gehen. Ich hatte den deutschen Offizier durch mein Einmischen wütend gemacht, aber ich wusste, dass ich noch zu krank war, um zu arbeiten. Unsere kleine Gruppe war am nächsten Morgen wieder beim Appell, nun um zu den Zechen nach Dortmund (bei Essen) zu fahren, fast 60 km von unserem Lager entfernt. Wir fuhren mit dem Zug, drei Wachposten begleiteten uns. Der Wachposten, der in unserem Abteil saß, war ein gutmütiger Kerl.

Er versuchte mit uns zu sprechen, als der Zug abgefahren war, und am Mittag teilte er sein Essen mit uns, obgleich er und die anderen Wachposten selbst nicht viel bekamen. Aber was er hatte, das teilte er mit uns. Auf diese Weise bekamen wir wenigstens einen Mund voll Essen an diesem Tag. Er gab einigen von uns sogar von seinen Zigaretten, die er in der Tasche hatte. So nahm unsere Reise noch einen glücklichen Verlauf.

Es war etwa gegen vier Uhr, als wir Dortmund erreichten, eine sehr große Stadt mit vielen Zechen und Hochöfen, die wir sehen konnten, als wir auf dem Weg zu unserer Zeche waren. Unsere deutschen Wachposten verloren bald den Weg, da sie noch nie in Dortmund gewesen waren, doch nach einiger Zeit kamen wir an der Zeche an. Wir waren erstaunt, noch mehr britische Kriegsgefangene dort anzutreffen. Sie waren Ende 1914 nach der Schlacht von Mons in Gefangenschaft geraten. Diese Burschen waren sehr froh uns zu sehen, denn wir konnten ihnen erzählen, wie die Dinge standen und der Krieg sich entwickelt hatte. Sie kannten nur das, was die Deutschen aus ihrer Sicht ihnen darüber gesagt hatten. Wir wurden über das Zechengelände direkt zu einer Baracke gebracht, die unsere Unterkunft war.

Es gab viele Kriegsgefangene, Franzosen, Belgier, Russen, Rumänen, und alle mussten in dieser großen Zeche arbeiten, entweder Untertage oder in einem anderen Teil der Zeche. Unsere kleine Gesellschaft wurde in drei Gruppen aufgeteilt und zu verschiedenem Schichtdienst abgestellt. Meine erste Schicht war die „Frühschicht“, wie sie es nannten, sie begann um fünf Uhr morgens. Wir wurden immer um 4.30 Uhr aufgerufen und bekamen ein kleines Stück Schwarzbrot und einen halben Liter „Kaffee“, dessen Geschmack wir schon von Dülmen her kannten. Um Viertel vor vier mussten wir zum Appell antreten und dann waren wir fertig, um den ganzen Tag in der Kohlengrube zu arbeiten.

(Übersetzung: Schülerinnen des 9. Schuljahres, E — Kurs Englisch)

Leitung: Rudolf Hermanns
Arbeitsgemeinschaft Archäologie
Johann-Gutenberg-Schule, Dülmen, Oktober 2002

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