Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2002

Wolfgang Werp

Neuerscheinungen

Max von Spiessen, Leseausgabe Schollinsen, herausgegeben von Ralf Oldenburg, Norderstedt 2002.

Anlässlich der Wiederkehr des 150. Geburtstages von Max von Spiessen entstand die von Dr. Ralf Oldenburg herausgegebene Leseausgabe von 30 bisher unveröffentlichten Erzählungen, die er selbst unter dem Stichwort „Schollinsen“ zusammengefasst hatte. Der Nachlass dieses bodenständigen münsterländischen Dichters gelangte durch die Vermittlung seiner Schwägerin Maria von Spiessen und des Dülmener Archivars August Hölscher in das Stadtarchiv Dülmen. Hier hat sich der Herausgeber in mühevoller Kleinarbeit mit den umfangreichen Manuskripten Max von Spiessens befasst, sich in die vielen handschriftlichen Erzählungen und Notizen eingelesen, das Material schließlich geordnet und in den Computer eingegeben. Das Ergebnis dieser Arbeit ist die jetzt vorgelegte Sammlung von Geschichten und Legenden, die die zum 600-jährigen Bestehen der Stadt Dülmen 1911 erschienene dreibändige Geschichtenreihe „Tante Kläres Raritäten“ eindrucksvoll ergänzt und damit alle noch nicht veröffentlichten Novellen des Dichters vorstellt.

Wer war Max von Spiessen? Er wurde als zweitjüngstes von sechs Kindern des viele Jahrzehnte am Gericht in Dülmen tätigen Kreisrichters Levin von Spiessen und der Maria von Rump am 22. Juni 1852 in Dülmen geboren. Nach dem Abschluss der Schulzeit mit dem Abitur wandte sich der junge Mann zunächst einer Militärlaufbahn zu, die ihn nach verschiedenen Stationen der Ausbildung 1877 als Fahnenjunker zum 4. Westfälischen Kürassierregiment nach Hamm führte. Später übernahm er als Offizier ein Kommando als Reitlehrer an der Kriegsschule in Metz. 1880 quittierte er als Rittmeister den Dienst, zog nach Münster, heiratete Theresia von Druffel und kam mit seiner Frau nach Dülmen zurück, wo er von 1880 bis 1890 im östlich der Stadt Dülmen gelegenen Haus Osthof lebte. 1890 zog man wieder nach Münster, um sich vornehmlich dem literarischen Schaffen zu widmen. Max von Spiessen starb am 5. November 1921 in Münster.

Die wichtigsten Werke in Kürze: 1901/1903 verfasste Max von Spiessen das zweibändige „Wappenbuch des Westfälischen Adels“; 1911 erschienen „Tante Kläres Raritäten“, außerdem in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Albert Weskamp eine Abhandlung über „Die Rittersitze in Dülmen und die auf ihnen ansässigen Geschlechter“ wie auch „Sagen und Legenden aus der Gegend von Dülmen“. Die beiden letztgenannten Schriften sind in der Festschrift „Geschichte der Stadt Dülmen 1311 – 1911“ aus Anlass der 600-jährigen Jubelfeier der Stadt bereits veröffentlicht worden. Auch in den Dülmener Heimatblättern sind mehrere seiner Gedichte, Sagen und Legenden vollständig oder gekürzt vorgestellt worden. Der nachgelassene Roman „Röslein auf der Heiden“ und eine Biografie des Dichters warten noch auf ihre Veröffentlichung.

Was bedeuten die als „Schollinsen“ zusammengefassten Geschichten? Nach der eigenen Darstellung von Spiessens sind Schollinsen zusammen gesammelte glänzende Steinchen, farbige Glasstückchen oder Scherben von buntem, bemalten Porzellan, die er mit anderen Kindern in seiner Jugend gesammelt, in einen „bunt gestrickten Beutel getan“ und dann auch getauscht oder verkungelt hat. Hiermit vergleicht er seine 30 Erzählungen, in denen es tatsächlich kunterbunt zugeht. Sie stellen ein Sammelsurium von Geschichten, Anekdoten, Familiensagas und Adelsdönekes dar, an das sich der heutige Leser zunächst herantasten muss. Die Geschichten beruhen auf Erzählungen Dritter, Unterhaltungen mit alten Damen und Offizieren und auch zufälligem Erinnern, das Max von Spiessen zum Verweilen, Festhalten und schließlich Niederschreiben veranlasst hat. Seine Figuren erinnern manchmal an eine vornehm wirkende Scheinwelt der Hedwig Courths-Mahler oder ihr benachbarter Erzählerinnen und Erzähler. Es geht um Freuden und Leiden, um Liebe und Verzicht, um Militärs und deren Dienerschaft, um adelige Herrschaften, einfache Bürger und schlaue Bauern. Kurzum, der Geist wird zum Rückblick in vergangene Zeiten animiert und das Gemüt zum Verweilen in gefühlvollen Ahnungen veranlasst.

Als Beispiel die erkennbar in Dülmen beheimatete Schauergeschichte Nr. 10: „Das Wildenhaus“. Dieses stand nach dem interessanten, aufschlussreichen und ergänzenden Kommentar des Herausgebers bis zu seinem Abbruch im Jahre 1896 in der Dülmener Neustraße (heute Borkener Straße). Die Geschichte selbst spricht davon, dass früher möglicherweise Wilde in ihm gehaust haben und es in ihm gespukt habe. Obwohl das Haus schon länger unbewohnt war, wollen Vorübereilende hinter den plötzlich geöffneten Blendläden Lichterschein und sogar das Gesicht einer tief verschleierten, in altmodischer Tracht am Fenster stehenden Dame gesehen haben. Ihr Gesicht habe sich plötzlich als Totenschädel dargestellt und sei genau so schnell wieder verschwunden gewesen wie die Blendläden geschlossen worden seien. Unser in der Ichform erzählender Schriftsteller wollte das Haus als Kind schließlich selbst einmal von innen sehen. Das Innere war jedoch enttäuschend: Große tennenartige leere Räume, man kletterte auf den Speicher. Ein kleiner Hund „Waldi“ wird auf die Spur von Ratten und Mäusen gebracht. Die neugierigen Kinder fanden ein verschlossenes Kästchen und brachten es Max von Spiessens Vater, war er doch „Kreisgerichtsrat“. Dieser öffnete schließlich das Behältnis, das statt erhoffter Juwelen einige Blätter vergilbten Papiers enthielt: Es war die im Jahre 1694 altmodisch und unleserlich geschriebene Lebensgeschichte der Magdalena von Wüllen, die vom Richter Wort für Wort abgeschrieben und nach dessen Tod vom Erzähler wieder gefunden worden ist. Danach war die alte Frau vereinsamt und krank, und ist an ihrem Lebenskummer allein und praktisch lebendig begraben im Wildenhaus geblieben. In einem älteren Sterberegister von 1695 fand sich dann ein Hinweis auf die Bestattung einer Frau, „so ihre Sinne nimmer gehabt“ habe. Das alte Haus an der Neustraße aber wurde an einen Holzhändler veräußert, der in ihm nach dem Gemunkel des Städtchens einen Schatz gefunden haben könnte. Und wenn es nicht abgebrochen worden wäre, dann stände es noch heute an der Borkener Straße …

Solche oder ähnliche von Max von Spiessen weit und farbig ausgemalte Erzählungen findet der Leser in verschiedensten Variationen. Es ist das Verdienst des Herausgebers, diesen nicht leicht verständlichen Schatz ausgegraben und einer neugierigen Leserschaft geöffnet zu haben. Die Literaturforschung wird sich dieser neuen Erzählungen über Land und Leute, Sitten und Bräuche, Sagen und Legenden im Münsterland noch im Einzelnen annehmen müssen, um eine Bewertung des Gesamtwerkes des Dülmener Genealogen und Schriftstellers zu finden. Der aufmerksame, an adeliger und großbürgerlicher Familienkunde interessierte Leser darf sich dank des lobenswerten Engagements des Herausgebers einer aufschlussreichen Lektüre widmen und sich zudem auf weitere angekündigte Veröffentlichungen aus dem Nachlass Max von Spiessens freuen.

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