Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2003

Hermann Maas

Das Hungertuch in der Pfarrkirche St. Pankratius in Buldern

Vom Kunst- und Kulturkreis Buldern wurde in der Fastenzeit 2003 ein Hungertuch für die Pfarrkirche St. Pankratius hergestellt.

Seit alters her ist es Brauch in den Kirchen während der Fastenzeit den Hochaltar mit einem Tuch zu verhüllen und damit den Blicken der Gläubigen zu entziehen. Dies Fasten- oder Hungertuch (Velum quadragesimale) ist das Tuch für die 40-tägige Fastenzeit. In der Mundart wird es „Schmachtlappen“ oder „Hungerdook“ genannt. Es soll zu Fasten und Buße auffordern und zur geistigen Auseinandersetzung mit dem Leiden Christi anregen. Historische Hungertücher sind in Westfalen aus dem 14. bis zum 19. Jahrhundert erhalten. Von der alten Bulderner Kirche ist ein Hungertuch aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts überliefert. Drei Fragmente werden im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg aufbewahrt. Ein viertes Stück des zerschnittenen Hungertuches ist im Landesmuseum in Münster zu sehen.

Fragment des Hungertuchs aus der Pfarrkirche Buldern, (17. Jahrhundert); Filetarbeit in Leinen mit zwei Füllungen.
Fragment des Hungertuchs aus der Pfarrkirche Buldern, (17. Jahrhundert); Filetarbeit in Leinen mit zwei Füllungen. Dargestellt sind zwei Szenen der PAssionsgeschichte: Jesus auf dem Ölberg und seine Geißelung (Abbildung in: Bau- und Kunstdenkmäler, Tafel 14, Nr. 4).

Der Kunst- und Kulturkreis Buldern hat mit dem neuen Hungertuch den Versuch unternommen vier Motive des alten Hungertuches mit zeitnahen Aufgaben und Fragen der Gemeinde zu verbinden.

Die alten Hungertücher in Westfalen sind meist als Leinenstickerei hergestellt und enthalten Szenen der Passion Christi. In anderen Gebieten sind gemalte Hungertücher entstanden, z.B. das Virgener Fastentuch von 1598 und bemalte Hungertücher, die im Landesmuseum in Zürich und in St. Gallen aufbewahrt werden. Hervorzuheben ist das mit Ölfarbe auf nichtgrundiertem Leinen 1471 nach einer Hungersnot in Zittau gemalt wurde. Ebenso bedeutend ist das sehr große gemalte Hungertuch in Freiburg i/Br. aus dem Jahre 1612.

In Leinenarbeiten hergestellte Hungertücher aus neuerer Zeit sind von Lotte Bach, Schapdetten, entworfen. Allein 18 Hungertücher sind aus ihrer Hand im Münsterland entstanden. Sie verwendet biblische Themen, um auf die leiblichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit hinzuweisen. Ihre letzte Arbeit war 1995 das Hungertuch für die Pfarrkirche in Appelhülsen.

Aufteilung des Hungertuchs
Aufteilung des Hungertuchs.

Das neue Hungertuch für die Bulderner Kirche ist aus Stoff mit textilen Farben gestaltet, auf den verschiedene Symbole aufgemalt sind (Mischtechnik). Vier Tücher (1,00 × 1,80 m) und ein Mittelstück (1,20 × 2,60 m) sind mit schmalen Übergangsstücken vernäht.

Insgesamt ergibt sich daraus eine Kreuzesform, bei der die Horizontale (5,50 m) weit auslädt. Damit soll angedeutet werden, dass der weltlich-irdische Bereich mit den religiösen Gedanken und Bemühungen der Menschen besonders angesprochen werden soll. Die Aufteilung in fünf Teilstücke symbolisiert die fünf Wunden Christi.

Als Grundfarben wurden liturgische und weitere Symbolfarben verwendet. Das Mittelstück ist in tiefem Rot gehalten und deutet auf das Blut Christi hin, durch das die Menschen erlöst sind. Die violette Farbe ist die Farbe der Fastenzeit und der Passion. Das Gelbgrün symbolisiert Leben und Hoffnung. Es zwingt nicht zur geistigen Auseinandersetzung wie das Violett, sondern wirkt entspannend und lässt Raum für Meditation.

Aufteilung des Hungertuches

Das Mittelstück, in kräftigem Rot, zeigt eine Dornenkrone, die auf das Leid der Passion hindeutet. Sie ist aber auch Symbol für die Herrschaft Christi. In der Bibel heißt es: „Sei getreu bis in den Tod, dann wirst du die Krone des Lebens empfangen“ (Offb 2,10). Hindurch schimmert eine Kugel in unklarer, von Dunst umgebener Atmosphäre — Symbol für überirdisches Leben. Die Horizontale des Kreuzes wird verstärkt durch schwarze Bänder, die von oben herab das Tuch durchziehen. Sie weisen auf den überirdischen Bezug des Hungertuches hin. Die Christen sollen nicht Selig-Besitzende, sondern vom Heiligen Geist inspirierte Suchende und Fragende sein.

Auf violettem Tuch sind im linken Teilstück die Ölbergszene und ein Symbol für Leid, seelische Verwundung und Behinderung vereinigt. Es wird aufgefordert, das den Mitmenschen zugefügte Leid solidarisch mitzutragen und auf die Menschen zuzugehen. Das Fragment aus dem alten Hungertuch stellt die Ölbergszene dar. Christus nimmt die Passion auf sich, um den Menschen zu helfen, um sie zu erlösen.

Hungertuch in der Pfarrkirche St. Pankratius
Hungertuch in der Pfarrkirche St. Pankratius.

Das zweite Teilstück ist gelbgrün grundiert. Dargestellt ist der Tod. Hell leuchtet das Jenseits, das neue Jerusalem, aus dem dunklen Durchgang hervor. Das alte Bild zeigt Christus, der Pilatus vorgeführt wird: „Seht welch ein Mensch.“ Christus steht dort im Angesicht der Passion und des Todes.

Das gelbgrüne Teilstück auf der rechten Seite zeigt einen Brückenschlag zur Partnergemeinde „Vitorino Freire“ in Brasilien. Dort wird eine Landwirtschaftschule von der Kirchengemeinde St. Pankratius finanziert, damit die Bevölkerung über wirkungsvolle Ackerbaumethoden unterrichtet wird. Eine Brücke soll Buldern mit den Partnern in Brasilien verbinden. Sie ist noch nicht vollendet und starke Gegensätze zwischen arm und reich müssen überbrückt werden. Brücken sind auch ein Symbol für die Vermittlung von Gott mit den Menschen. Das Fragment des alten Hungertuches zeigt die Dornenkrönung Christi.

Auf violettem Grund ist auf dem rechten Teilstück eine Hand dargestellt. Eine gebende Hand, die nicht nur materielle Güter gibt, wie durch die umgebenden Rosen angedeutet. Auf leibliche und geistige Werke der Barmherzigkeit, Mitmenschlichkeit und Partnerschaft weist die Hand hin. Im Gegensatz dazu im Fragment des alten Hungertuches die Hände der Schergen, die Christus geißeln.

Quelle:

Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Coesfeld, bearb. von A. Ludorff, Münster 1913 (Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, Bd. 36), S. 30 und Tafel 14, Nr. 4.

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