Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2003

Wolfgang Werp

Das neue Stadtquartier BENDIX in Dülmen

In den beiden bisherigen Beiträgen sind die Geschichte der Dülmener Textilindustrie in ihren Schwerpunkten und die Familienunternehmen Bendix, Ketteler/Specht und Leeser behandelt worden. Wie dabei aufgezeigt wurde, ist die Zeit der Dülmener Textilfamilien Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu Ende gegangen. Die beiden Grundstücke der Familien Ketteler/Specht und Leeser waren bereits vor vielen Jahren einer neuen Nutzung als Gewerbeflächen bzw. als Turnhalle für die Hermann-Leeser-Schule zugeführt worden.1

Abschließend wird über die Neugestaltung des "Bendix-Viertels" nach dem Erwerb des etwa 6,85 ha großen Geländes durch die Stadt Dülmen berichtet. Schon jetzt ist erkennbar, dass die Verwirklichung der Pläne für einen interessanten, gemischtgenutzten Wohn-, Dienstleistungs-, Kultur- und Bildungsstandort im Süden der Stadt schon weit vorangetrieben worden ist.2 Natürlich bleibt noch vieles zu tun, bevor der gesamte Sanierungskomplex zu einem abgerundeten und vitalen Stadtteil gereift sein wird.

Erste Gestaltungsversuche durch die Familie Bendix

Wegen der schwierigen betrieblichen wirtschaftlichen Lage ergab sich ungefähr ab Ende 1992 für die Familie Bendix die Notwendigkeit einer anderweitigen sinnvollen Nutzung des großflächigen, stadtnahe gelegenen Betriebsgeländes, das auf etwa 20.000 qm mit Betriebsgebäuden bebaut war, im Umfang von ca. 22.000 qm Verkehrs- und Hofflächen auswies und schließlich zum größten Teil aus etwa 26.500 qm Grünflächen bestand.

Klaus Otto Bendix als Initiator versuchte daher zunächst in eigener Regie durch eine großzügige Wohnbebauung einen architektonischen Akzent im südlichen Stadtbereich zu setzen. Der bekannte Berliner Architekt Dr. Bernhard Binder, der auch das schöne Anwesen der Familie Bendix am Kapellenweg gestaltet hatte, wurde mit der Planung beauftragt, die schnell konkrete Formen annahm. Am 8. September 1992 präsentierte er seine Überlegungen und Pläne dem Bauausschuss der Stadt Dülmen: Geplant waren Miet- und Eigentumswohnungen für voraussichtlich 1.000 Bewohner.3 Eckpfeiler des gesamten Vorhabens sollten die teilweise schon unter Denkmalschutz stehenden Fabrikgebäude werden, in denen so genannte Lofts (großzügige Wohnungen im Industriestil mit wenigen Trennwänden) gestaltet werden sollten. Nach den Plänen war eine familiäre, wohnliche Atmosphäre mit viel Luft, Licht und Grün vorgesehen. Dabei sollten nach den Vorstellungen des Architekten als Gegenstück zu den bestehenden Fabrikanlagen Gebäude "mit einer gewissen Gleichwertigkeit auch in der Höhe" entstehen. "An der Wette" hätten kleinere Einheiten einen ausgewogenen Übergang bilden können. Der zylindrische Baukörper des 1954 errichteten ehemaligen Pförtnerhauses im Ostteil des Geländes wurde ebenfalls als besonders erhaltenswert gekennzeichnet. Schließlich galt die Aufmerksamkeit des Planers dem eindrucksvollen Baumbestand aus mächtigen Blutbuchen und Platanen. Die Vielfalt der möglichen Gestaltungswege sollte auch durch die zusätzliche Beteiligung anderer Architekturbüros angeregt werden. Seitens der Stadt Dülmen wurde die schnelle Schaffung der planungsrechtlichen Voraussetzungen zugesagt.

Gebäude der Dreizylinder-Spinnerei und der Zweizylinder-Spinnerei
Gebäude der Dreizylinder-Spinnerei von 1907/8 (links) und der Zweizylinder-Spinnerei von 1924 (rechts).

Ein diese Überlegungen umsetzender Bebauungsplan lag den städtischen Gremien am 1. Juli 1993 zur Entscheidung vor. Dieser Schritt wäre notwendig gewesen, um "die geordnete städtebauliche Entwicklung bei der Umwandlung des Gewerbegebietes zum Wohngebiet" zu gewährleisten. Nach den Planungen war die Erhaltung des vorhandenen wertvollen Baumbestandes sicherzustellen. Das galt auch für das Gelände innerhalb des VillenparkeS. Zudem sollte das Gelände zwischen den bis zu fünfgeschossigen Wohngebäuden durch Neuanpflanzungen im Bereich der Wohnstraßen und der zu errichtenden Stellplatzflächen eine Aufwertung erfahren. Schließlich wurde vorgesehen, im Bereich der Lüdinghauser Straße auch Platz für öffentliche Parkplätze zu schaffen. Bei der Umgestaltung waren vorrangig die erhaltenswerten oder gar denkmalgeschützten Fabrikgebäude zu berücksichtigen. Der 48 Meter hohe Schornstein galt ebenfalls als "denkmalswert" und sollte aus gestalterischen wie historischen Gründen erhalten werden. Die seit 1975 leer stehende Villa der Familie Bendix an der Lüdinghauser Straße war in ihrer baulichen Substanz derart zerstört, dass ein Erhalt kaum in Betracht gezogen werden konnte. Es wurden aber in Ergänzung der Pläne fünf Kinderspielplätze mit Flächen von insgesamt mehr als 2.000 qm vorgesehen, die innerhalb des gesamten Plangebietes verteilt werden sollen. Auch für die Gestaltung der Dachflächen, der farblichen Gestaltungsmittel für Fassaden und Außenwände bis zur Höhe der Hecken in den Vorgärten wurden zur Sicherstellung des "Eindrucks einer offenen Anlage" markante Festlegungen getroffen.4

Einwendungen gegen die Planungen

Dieser erste Entwurf bedurfte allerdings aufgrund der Einwendungen von privater wie auch von politischer Seite der Überarbeitung. Insbesondere die Höhe der geplanten Stadthäuser und die bisher nicht vorgesehene Erhaltung der parkähnlichen Anlage im Bereich der alten Villa Bendix einschließlich des wertvollen Baumbestandes, der Schwimmbecken, Stützmauern und Treppen hatten zu den Änderungswünschen geführt. Vier neu in die Planung aufgenommene siebengeschossige Hochhäuser jeweils an den Anfangs- bzw. Endpunkten der Erschließungsstraße - nach Auffassung des Berliner Architekten zur "Sicherstellung der wirtschaftlichen Tragfähigkeit des Gesamtkonzeptes" - sorgten weiter für lebhafte Diskussionen in den beteiligten politischen Gremien.5 Die ausführliche Debatte zog sich bis zur Klärung weiterer Einzelfragen und der Verabschiedung eines endgültigen Bebauungsplanes etliche Monate hin.

Keine Chance zur Vermarktung durch den Investor

Im Zuge der Vermarktungsversuche stellte sich für den bisherigen Investor jedoch im Laufe der folgenden Monate heraus, dass die gewünschte Gestaltung als Wohnpark mit gewerblichen Einstreuungen in der von ihm gewünschten anspruchsvollen Bauweise bei der gegebenen Marktlage wirtschaftlich nicht zu realisieren war, da selbst bei dieser stadtnahen Lage ein entsprechendes Käuferpotential in Dülmen nicht zu finden war. Die Familie Bendix verzichtete daher auf weitere eigene Gestaltungswege und entschied sich schließlich zu einer Veräußerung des gesamten Grundstückskomplexes.

Pläne der Stadt Dülmen zum Kauf des Bendix-Geländes

Im Laufe des Jahres 1996 brachte die Debatte um eine notwendige Erweiterung des seit langem viel zu kleinen Dülmener Clemens-Brentano-Gymnasiums (CBG) bzw. die Gründung eines zweiten Dülmener Gymnasiums neues Leben in die Überlegungen. Dieser bisher im Zusammenhang mit dem in der Nachbarschaft gelegenen Bendix-Gelände im Hintergrund gebliebene neue Aspekt einer Veränderung der Dülmener Schullandschaft war ein wesentlicher Gesichtspunkt für das relativ schnell aufkommende Interesse der Stadt Dülmen am Erwerb des ehemaligen Betriebsgeländes.6 Mitte des Jahres 1996 wurden allerdings konkrete Entscheidungen notwendig, weil die Mittel für eine Schulerweiterung des CBG bereits bewilligt waren. Aus der Sicht der Landesregierung war es den örtlichen Gremien überlassen, ob sie diese Schulbaumittel für eine Aufstockung des CBG oder einen Umbau von Räumlichkeiten im Bendix-Gelände zur Unterbringung einiger Klassen des CBG verwandten. Der Verfasser war damals in der Schulpflegschaft des CBG tätig und erinnert sich langwieriger und sehr kontroverser Debatten der Schulgremien über die Notwendigkeit einer Aufstockung des CBG oder gar der Errichtung eines völlig neuen Dülmener Gymnasiums im Bendix-Viertel. Auch bei den politischen Parteien gabes viel Diskussionsstoff.

Blick vom Werkstor an der Lüdinghauser Straße auf das Betriebsgelände
Blick vom Werkstor an der Lüdinghauser Straße auf das Betriebsgelände.

Zwei „Machbarkeitsstudien“

Zur Durchleuchtung dieser denkbaren gestalterischen Möglichkeiten wurden zwei Entwicklungsstudien in Auftrag gegeben, um Lösungsvorschläge für ein Schulgelände, eine hochwertige Wohn- und Mischnutzung, ein attraktives Freiraumkonzept mit angemessener Integration der denkmalgeschützten Gebäude, eine planungsrechtliche Sicherheit und schließlich eine Basis für die Vermarktung zu erreichen. Entsprechend dem zitierten Ratsbeschluss war die Beantragung von Fördermitteln aus den verschiedensten Quellen für den Städtebau zur Revitalisierung von Industriebrachen, für den Schulbau oder für denkmalpflegerische Maßnahmen zu durchleuchten. Neben den städtebaulichen und stadtentwicklungspolitisch interessanten Aspekten war es notwendig, als wesentlichen Beitrag zur Gesamtfinanzierung die Vermarktung baureifer Grundstücke bei relativ niedrigen Gestehungskosten sicherzustellen.7 Studien für ein Gymnasium mit angeschlossener Turnhalle und integriertem Jugendbereich wurden vom Architekturbüro Schmitz in Aachen und der Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen (LEG) erstellt und am 5. Juni 1997 in der Aula der Herrmann-Leeser-Schule der Öffentlichkeit vorgestellt.

Kurzum, nach weiteren langen Diskussionen, harten Verhandlungen, Besichtigungen und Gesprächen mit verschiedenen privaten und staatlichen Beteiligten, vorrangig natürlich in den politischen Gremien der Stadt Dülmen, hat der Rat der Stadt Dülmen am 26. Juni 1997 in einem Projektbeschluss den Erwerb und die Entwicklung des Bendix-Geländes einstimmig empfohlen, um hierdurch neue Lösungswege zu ebnen. Zur Durchführung aller damit verbundenen Maßnahmen sollte ein Sondervermögen in der Form eines eigenbetrieblichen „Grundstücksentwicklungsunternehmen der Stadt Dülmen“ (GED) gebildet werden.

Nun begannen neue Planungen und Nutzungsüberlegungen. Neben der Reaktivierung der Flächen unter der Perspektive „Wohnen im Park“ mit einer hochwertigen, der Innenstadtrandlage angepassten Nutzung mussten neue Ziele integriert werden. Kernstück der geplanten Flächenentwicklung waren bisher neben den für die Entwicklung des südlichen Stadtgebietes wichtigen Wohnbaugrundstücken die zwei denkmalgeschützten Spinnereigebäude, die möglicherweise als Gymnasium mit Sporthallen oder Jugendeinrichtungen umgenutzt und den Schulraumbedarf decken sollten.

Die Diskussion um ein weiteres Dülmener Gymnasium

Die entscheidende Frage, ob Dülmen damit nur eine Erweiterung des CBG oder ein neues zweites Gymnasium im Bendix-Viertel bekommen würde, blieb aber zunächst offen.

Am 1. Juli 1997 besichtigte Regierungspräsident Dr. Jörg Twenhöven mit seinem Schulbaudezernenten Peter Ost auf einer Orientierungstour das Bendix-Gelände und sprach von dem "ganz besonderen Charme des baulichen Konzepts und davon, dass es sinnvoll sei, die neue Schule in den Bendix-Gebäuden einzuplanen".8 Beteiligt waren Bürgermeisterin Dorothea Hainke mit ihren beiden Stellvertretern Karl Ridder und Cornelia Bromberg, Stadtdirektor Heinrich Schenk, die Beigeordneten Clemens Leushacke und Christa Krollzig sowie Vertreter aller Fraktionen des Rates der Stadt Dülmen und weitere Mitarbeiter der Verwaltung. Die Lage eines Gymnasiums auf dem Bendix-Gelände wurde allgemein als optimal betrachtet, weil es dann mit dem CBG und dem Richard-von-Weizsäcker-Kolleg mit dem Schwerpunkt Wirtschaft drei benachbarte Schulen mit unterschiedlichen Profilen gebe, die zum Abitur führten. Dies sei angesichts der Bahnhofsnähe auch ein lohnendes Angebot für auswärtige Schüler.

Im Laufe der weiteren Meinungsbildung tendierten die politischen Gremien immer mehr zur Errichtung eines weiteren Gymnasiums in Dülmen. Hierbei gaben die räumlichen, baulichen, insbesondere statischen Belastbarkeiten im CBG wie auch die Bedenken gegen eine Verlagerung der Hauptschule aus dem Schulzentrum in das neue Viertel wesentliche Argumente. Außerdem bestand besonders aus dem Kreis interessierter Eltern ein lebhaftes Interesse an der Chance der Integration von behinderten Schülern in ein neu zu bildendes Gymnasium. Für die Umgestaltung der alten Spinnereigebäude zu schulischen Zwecken war dem bekannten Architekten Josef Paul Kleihues von den Dülmener politischen Gremien bereits vor dem Wettbewerb um die Gestaltung des Restgeländes wegen seiner erfolgreichen Erfahrungen mit Schulbauten in Westfalen eine Präferenz signalisiert worden.

Gebäude der Dreizylinder-Spinnerei
Gebäude der Dreizylinder-Spinnerei.

Aktionsplan der Stadt Dülmen

Nach den positiven Weichenstellungen des Rates der Stadt begannen zahlreiche konkrete Maßnahmen zur Realisierung des Bendix-Projektes: Von verschiedensten Stellen des Bundes und des Landes sollten Fördermittel beantragt werden. Mit der LEG wurde ein Betreuungsvertrag für die Planung und Durchführung eines Wettbewerbs zur städtebaulichen und wirtschaftlichen Optimierung des bisherigen Planungskonzeptes und der Festlegung der zukünftigen Bebauung abgeschlossen und die Änderung des Flächennutzungsplanes der Stadt Dülmen und des Bebauungsplanes für das alte Betriebsgelände mit den neuen städtebaulichen Zielvorstellungen erarbeitet. Der Abschluss eines Architektenvertrages zur Planung und Durchführung der Maßnahme „Bau Gymnasium/Sporthalle/Jugendbereich“ und der Entwicklung des Restgeländes durch einen weiteren Architektenwettbewerb war auf den Weg zu bringen: Danach sollten mehrere Architektur- und Stadtplanungsbüros aufgefordert werden, ihre Vorstellungen für das Planungsgebiet zu unterbreiten.

Geschoss der Zweizylinder-Spinnerei
Ein Geschoss der Zweizylinder-Spinnerei vor dem Umbau.

Nachdem Ende August 1997 der Bescheid der Bezirksregierung Münster mit der Zustimmung zur Errichtung eines zweiten Gymnasiums erteilt worden war, stellte der Rat der Stadt etwa 8,3 Millionen Mark für den Kauf des Bendix-Geländes bereit. Am 7. Oktober 1997 wurden die Verträge über die Veräußerung des Betriebsgeländes dann von Vertretern der Familie Bendix und der Stadt Dülmen mit der notariellen Beurkundung endgültig bestätigt.9 Damit konnte die lange geplante Umgestaltung des gesamten Terrains beginnen und insbesondere der Umbau der alten Spinnereigebäude zu einem Gymnasialneubau mit einem vorläufigen Bauvolumen von etwa 28 Millionen Mark und weiteren Wohngebäuden und gewerblichen Objekten mit Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe beginnen.

Masterplan des Architekturbüros Pfeiffer-Ellermann-Preckel
Masterplan des Architekturbüros Pfeiffer-Ellermann-Preckel.

Sieben Architekturbüros im Wettbewerb gemeinsam erfolgreich

Zur Erarbeitung von vergleichenden Entwicklungsstudien wurden von der LEG in einem ersten Schritt sieben Architekturbüros verpflichtet: Böckermann und Schlieker aus Dülmen, Deozé & Dr. Ammann aus Münster, Eschen aus Dülmen, Kleihues & Kleihues aus Berlin/Dülmen-Rorup, Pfeiffer, Ellermann und Preckel aus Lüdinghausen, Rotthäuser aus Haltern und Saltzmann & Saltzmann-Stoll aus Münster, die mit ihren Entwürfen auch gleich Angebote von Bau- oder Generalbauunternehmen vorlegen sollten.

In einem weiteren Schritt wurde durch eine "Gestaltungskommission" aus Vertretern der Stadt Dülmen, des Ministeriums für Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes NRW, der LEG und dem bekannten Professor für Architektur Manfred Hegger aus Kassel als Moderator eine Vorauslese getroffen. Diese Kommission konnte sich nach langwierigen Beratungen nicht auf einen Siegerentwurf einigen. Sie favorisierte vielmehr eine aus allen Architektenentwürfen "zusammengepuzzelte" Planung, wie die Dülmener Presse süffisant berichtete,10 die die Vorzüge der verschiedenen Vorschläge bündelte und in wesentlichen Teilen als Grundlage zur weiteren Planung verwendet werden sollte. Auch die Planungen für den Umbau der Spinnereien in eine Aula, eine Mensa und verschiedene Fachräume mussten mangels finanzieller Mittel noch einmal angepasst werden.

In einem zweiten Durchgang konnten die Architekten zu 18 sogenannten Baufeldern möglichst variable Baupläne vorlegen, die sowohl Ein- und Zweifamilienhäuser als auch Reihenhäuser vorsahen. Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Park um die Villa Bendix, wo als Ersatz für diese ein markantes Gebäude entstehen soll. Als Ergebnis aller Entwürfe wurde ein so genannter Masterplan, den das Architektenbüro Pfeiffer, Ellermann und Preckel vorgelegt hatte, wegen seiner optimalen Umsetzung der Gestaltungsziele als Grundlage für die Konzeption und den Bebauungsplan ausgewählt.

Finanzielle Konzeptionen

Erstmals im ersten Halbjahr 1998 wurden die finanziellen Größenordnungen der geplanten Maßnahmen deutlich: Insgesamt wurde in diesem Planungsstadium mit Investitionen von etwa 150 Millionen Mark gerechnet, von denen im Wesentlichen 50 Millionen Mark für den Bau von Wohnungen, etwa 25 bis 30 Millionen Mark für die gewerblichen Objekte z.B. im zu sanierenden denkmalgeschützten Lagerhaus oder andere Dienstleistungsbetriebe an der Lüdinghauser Straße und weitere 60 Millionen Mark für die Umgestaltung der Spinnereien zu einem Gymnasium mit 28 Klassenräumen, Turnhalle, Jugend- und Freizeitzentrum sowie weitere Beträge für die restlichen notwendigen Anlagen entfallen werden.11

Die Entscheidung für ein neues Gymnasium

Schnell nahmen die Pläne weitere Gestalt an und so konnten Stadtdirektor Heinrich Schenk und Baudezernent Clemens Leushacke im Frühsommer 1998 in den Fachausschüssen des Rates der Stadt erläutern, dass auf eine Aufstockung des CBG für mehr als 10 Millionen Mark verzichtet werde und statt dessen in der alten Zweizylinderspinnerei ein neues Gymnasium mit dem Arbeitstitel "Bendix-Gymnasium" entstehen sollte. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war neben den Finanzierungszusagen des Landes die Tatsache, dass wegen wachsender Schülerzahlen beim CBG in der Zukunft bis zu sieben Klassen je Jahrgang hätten eingerichtet werden müssen und wegen der aktuellen Raumnot bereits einige Klassen in der benachbarten Hauptschule untergebracht und zudem zusätzlich etliche Klassen der fünften und sechsten Jahrgangsstufe in der alten Overbergschule "geparkt" worden waren. Nach den Vorstellungen der Verwaltung sollte das neue Gymnasium auch Einrichtungen für so genannte sonderpädagogische Fördergruppen (integrative Erziehung) bekommen.12

Umbau des Dreizylinder-Spinnerei-Gebäudes zu einer Turnhalle und für Räume der Jugendarbeit
Umbau des Dreizylinder-Spinnerei-Gebäudes zu einer Turnhalle und für Räume der Jugendarbeit.

Bis zum Jahresende 1998 wurden der Stadt Dülmen Schulbaufördermittel des Landes in Höhe von fast 10 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. Die Förderung bezog sich vornehmlich auf 18 Unterrichtsräume des Sekundarbereichs I und 9 Räume des Bereichs II sowie auf Räume für naturwissenschaftliche, musische und informationstechnische Sonderklassen. Weitere mindestens 3 Millionen Mark Schulbaumittel und ein Zuschuss für die Einrichtung von zwei sonderpädagogischen Fördergruppen sind ebenfalls für 1999 nach der Verabschiedung des Landeshaushaltes avisiert worden. Schon zum Beginn des Schuljahres 1999/2000 sollten die ersten drei Klassen den Schulbetrieb in der alten Overbergschule aufnehmen und etwa ein Jahr später mit den nächsten drei Klassen zusammen in die neuen Räumlichkeiten einziehen. Über den Namen des Gymnasiums wurde in Dülmen noch lebhaft gestritten.13

Weitere Mittelzusagen für das Gesamtprojekt

Von der Bezirksregierung in Münster wurden gleichzeitig Mittelzusagen aus dem Bereich Städtebauförderung zur Revitalisierung von Brachen angekündigt. Dazu kamen im Dezember 1998 Stadterneuerungsmittel in Höhe von etwa 4 Millionen Mark aus den Förderbereichen Stadterneuerung für die Unterbringung von Einrichtungen der Jugendarbeit.14 Am 10. September 1998 waren durch Beschluss des Bauausschusses wichtige bauordnungsrechtliche Regelungen wie der Flächennutzungsplan und der Bebauungsplan für Teilbereiche des Bendix-Geländes mit dem aktuellen Planungsstand offen gelegt worden, die zum 31. Dezember 1998 in Kraft traten. Damit war neben der Umnutzung der Gebäude für schulische Zwecke die geplante Wohnbebauung ermöglicht. Im östlichen Teil des Plangebietes sollte demnach endgültig eine komprimierte, streng gegliederte Wohnbebauung entstehen, die hauptsächlich aus flächensparenden Reihen- und Doppelhäusern bestehen wird.15 Nach seiner Verabschiedung erlangte der Bebauungsplan zum 31. Dezember 1998 seine Bestandskraft. Die Abrissarbeiten einer nicht mehr nutzbaren Halle hatten am 11. September 1998 begonnen. Bald sollten das Polizeigebäude, die alte Villa Bendix und manche abbruchreife Immobilie folgen.

Erster Spatenstich am 23. April 1999

Der lang ersehnte erste Spatenstich als symbolischer Beginn der eigentlichen Baumaßnahmen erfolgte dann am 23. April 1999 durch Bürgermeisterin Dorothea Hainke, Ministerin für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport Ilse Brusis aus Düsseldorf und Stadtdirektor Heinrich Schenk. Schmunzelnd freute sich die Bürgermeisterin unter Hinweis auf die erhebliche finanzielle Unterstützung durch das Land den Geldgebern "zeigen zu können, wo wir das viele Geld verbuddeln, das sie uns anvertrauen". Vorher hatte Ministerin Brusis hervorgehoben, dass "es nicht viele Städte gebe, die sich so konsequent wie Dülmen für die Wiedernutzung einer Brachfläche und den Erhalt von Baudenkmälern eingesetzt hätten".16 Die beteiligten Unternehmen und natürlich die interessierte Bürgerschaft waren von der Stadt Dülmen in das ehemalige Lagerhaus eingeladen worden, um allen beteiligten Firmen für ihr Engagement und den Geldgebern für die projektbegleitenden Förderungen zu danken. Unter den Gästen waren auch Regierungspräsident Dr. Jörg Twenhöven und Landrat Hans Pixa. Nachmittags gab es Musik und viele Informationen über die verschiedenen Teilprojekte des Stadtquartiers Bendix.

Neues Seniorenzentrum an der Friedrich-Ruin-Straße

Auch in den nordwestlichen Teil des Planungsgebietes kam bald Bewegung. Die Gestaltungskommission hatte im Mai 1999 entsprechend dem von Architekt Hajo Eschen erarbeiteten Funktions- und Gestaltungskonzept vorgeschlagen, das von dem Coesfelder Generalbauunternehmen Voss + Graue vorgelegte Grundstücksangebot anzunehmen. Das GED konnte also agieren und die Firma Voss + Graue verpflichten. Diese errichtete dann an der Friedrich-Ruin-Straße 36 altengerechte Wohnungen mit Wohnflächen von 66 bis 78 qm, die über einen Aufzug zu erreichen sind. Im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung mit der Heilig-Geist-Stiftung wurden etliche Wohnplätze zusammen mit 18 modernisierten Altenwohnungen der Stiftung auf der östlichen Seite der Friedrich-Ruin-Straße in eine von der Stiftung organisierte Altenbetreuung einbezogen und können zusätzlich über eine Notrufeinrichtung hilfreichen Service bieten. Das von der Stiftung zum Jahresende 2002 in einem Pavillon eingerichtete Betreuungszentrum steht allen eine Betreuungspauschale zahlenden Mitbewohnern der Anlage zur Verfügung. Es soll später als Altentreffpunkt für gemütliche Kaffeerunden oder Veranstaltungen der Seniorenarbeit dienen. Als besonderen Knüller hatte das Bauunternehmen Voss + Graue im Mai 2000 den etwa 120 Meter langen Bauzaun seiner Baustelle an der Friedrich-Ruin-Straße für Kinder und Jugendliche im Rahmen eines Wettbewerbs zum Bemalen freigegeben. Am Fehrbelliner Platz werden inzwischen in einem zweiten Schritt weitere 12 Altenwohnungen gebaut.

Sanierung des imposanten Lagerhauses

Neben diesen Maßnahmen umfasste das Voss + Graue-Projekt auch die Sanierung des denkmalgeschützten Lagerhauses an der Lüdinghauser Straße, das als Dienstleistungs- und Einzelhandelszentrum gestaltet wurde. Die beeindruckende Sandsteinfassade dieses imposanten, repräsentativen Schmuckkästchens aus "Alt-Dülmen" konnte ohne öffentliche Mittel prachtvoll wieder erstehen. Von seinem Innenleben ist zunächst das Bistro "Queens" zu nennen: Auf 160 qm Grundfläche und bei einer beachtlichen Raumhöhe von bis zu sechs Metern entstand ein exquisites Ensemble aus Säulen, großer Theke vor einem üppigen Spiegel und Putten an der Decke, das der Besucher über mehrere Stufen hochsteigend auf edlem Fliesenboden erreicht, um mit einem reichhaltigen Angebot von Speisen und Getränken verwöhnt zu werden.17 Nebenan sorgt das "Tri-Dent Aktiv-Studio" mit einem beispiellosen Spektrum an Angeboten aus dem Fittnessbereich wie Sauna, Solarium, Gymnastik, Bodybuilding, Powerbiking usw. für den notwendigen Ausgleichssport. Außerdem entstanden in den Obergeschossen Praxen, Büros und vier lichtumflutete Appartements mit Maisonnette-Charakter.

Das Lagerhaus von 1902 an der Lüdinghauser Straße vor dem Umbau
Das Lagerhaus von 1902 an der Lüdinghauser Straße vor dem Umbau.

Im Zwischengelände und unter den „schrebergartenähnlich“ gestalteten Grünflächen der Altenwohnungen entsteht durch die Absenkung des Erdgeschosses ein großzügiger Einzelhandelsbereich: Nach den Vorstellungen der Planer können die Dülmener hier demnächst eine Bankfiliale, ein Reisebüro, einen Supermarkt oder ein Internet-Café finden. Ein großer Parkplatz ist von der Lüdinghauser Straße kommend zu erreichen.

Wohnen in Reihenhäusern neben prächtigen Bäumen

Von besonderer Bedeutung für die Entwicklung des südlichen Stadtgebietes war natürlich die Wohnbebauung des GeländeS. Nach den Plänen der Verwaltung wurden im Juli 1999 auf einer Teilfläche des Plangebietes von 27.073 qm Wohnbaugrundstücke für etwa 230 Wohneinheiten an Bauwillige angeboten. Etwa 75 Bewerber hatten sich in den vergangenen Monaten in eine Liste im Rathaus eingetragen und damit ihr ernsthaftes Bauinteresse bekundet. Im östlichen Teilbereich des Wohnquartiers wird eine gegliederte Bebauung aus Reihen- und Doppelhäusern mit einer Grundstücksgröße von etwa 400 qm hauptsächlich als Miet- und Eigentumswohnungen entstehen. Entsprechend der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung gab es auch Rückschläge. So entschloss sich die Stadt auf Grund der veränderten Nachfrage, an der Ecke Friedrich-Ruin-Straße/Kreuzweg anstelle des nicht angenommenen Geschosswohnungsbaus durch die Wohnungsbaugenossenschaft Essen-Nord 19 Reihenhäuser errichten zu lassen.

Ab Februar 2000 begannen die ersten Baumaßnahmen. Am 30. März 2000 wurde von Bürgermeister Jan Dirk Püttmann, der Bauherrin Astrid Wiechers und Bauunternehmer Bernhard Liesert der erste Grundstein eines Doppelhauses gelegt,18 das im Herbst des Jahres bezogen werden konnte. Eine zweite Verkaufsmesse am 28. Mai 2000 diente erneut der Erläuterung der angebotenen Haustypen und natürlich neuen Verkaufsabschlüssen. Nach und nach wurden weitere Flächen bebaut. Die Familie Giera zog am 14. September 2000 als erste in ihre fertig gestellte Doppelhaushälfte an der Straße "An der Spinnerei 26" ein. Sie war von Bürgermeister Jan Dirk Püttmann und vom Beigeordneten Clemens Leushacke mit einem Kugel-Ahorn in ihrem neuen Heim begrüßt worden.19 Heute ist fast das gesamte für Wohnzwecke vorgesehene Teilgebiet erschlossen und bezogen.

Sprengung des Bendix-Schornsteins

Am 30. Oktober 1999 neigte sich der 90 Jahre alte Bendix-Schornstein zur Seite
Am 30. Oktober 1999 neigte sich der 90 Jahre alte Bendix-Schornstein zur Seite.

Wehmütig muss berichtet werden, dass nach dem Schornstein der Weberei Leeser, dessen Sprengung am 22. Juni 1956 vom Verfasser als symbolträchtig für die niedergehende Dülmener Textilindustrie geschildert worden war,20 auch der "Bendix-Schornstein" am 30. Oktober 1999 aus Sicherheitsgründen unter den Augen vieler schaulustiger Dülmener fallen musste, da der Kamin nach Ansicht der Experten oberhalb des wuchtigen Sockelbereiches "alt, schief und morsch war".21

Stadtvillen rund um den ehemaligen Villengarten

Das Gelände um die abgerissene Villa Bendix sollte dagegen seinen Charakter als Park behalten und teilweise öffentlich zugänglich gemacht werden. Der kleine Park mit dem markanten Wasserbassin wird in alter Form wieder erstehen, indem durch eine rechteckige Umrahmung und eine Bepflanzung mit niedrigen Stauden die frühere Beckenform für den Betrachter erkennbar bleibt. Andere wesentliche Erhaltungsmerkmale des alten Gartens der Villa wie Treppenanlagen, Stütz- und Bruchsteinmauern, Fußwege, das kleine Gartenhäuschen, ja sogar der neue einfassende Stahlzaun an der Lüdinghauser Straße sollen an die ehemalige Einfriedigung erinnern. In diesen Bereich werden unter Beachtung des markanten Baumbestandes in lockerer Bauweise Stadtvillen eingestreut. Weitere Einzelheiten wurden auf einer Informations- und Verkaufsaktion der Stadt Dülmen mit fünf Bauträgern und vier Finanzdienstleistern, der so genannten „Bendix-Messe“ am 13./14. September 1999 in der Aula des CBG, gegeben. Das Interesse war groß, die Bebauung wurde zügig fortgesetzt.

Die Errichtung des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums

Nachdem die Entscheidung für ein neues städtisches Gymnasium gefallen war, ging es jetzt um die Einzelheiten der Errichtung dieser in der Nachbarschaft von zwei ebenfalls zum Abitur führenden Anstalten gelegenen Schule. Bald sollte diese Schullandschaft vom Bahnhof bis zum CBG als die „Dülmener Schulachse“ bezeichnet werden.

Zunächst zu den Gebäuden: Die architektonische und bautechnische Gestaltung kam im Jahre 2000 dank des Einsatzes des renommierten Architekten Josef Paul Kleihues voll in Schwung.22 Dieser weltweit tätige Planer und vielfach ausgezeichnete Designer mit Büros in Dülmen-Rorup und Berlin übernahm die nicht leichte Aufgabe, eine Symbiose aus den Altbauten der Spinnereien mit ihren wuchtigen Wänden und Ecktürmen und den Anforderungen an ein modernes "Haus des Lernens" zu schaffen.23 Er konnte dabei auf seine Erfahrungen aus anderen Schulbauprojekten in Westfalen zwischen 1994 und 2000, so in seiner Heimatstadt Rheine, in Bocholt, Coesfeld und Telgte zurückgreifen. Um zwei Lichthöfe gruppierte er in den gewaltigen Baukomplex der alten Zweizylinderspinnerei vorwiegend die Klassenräume. Dabei wurde auf der Südseite des Gebäudes die Fassade geöffnet, um im Treppenhaus ein großzügiges Glasfeld vom Sockel bis zur Traufe zu schaffen. Im vorderen Bereich der ehemaligen Dreizylinderspinnerei konnten die Jugendeinrichtungen des Begegnungszentrums und die dreizügige 48 mal 28 Meter große Sporthalle untergebracht werden. Dieser Altbau wurde entkernt und mit einer neuen Deckenkonstruktion versehen, zu der auch eine den Raum zur Friedrich-Ruin-Straße öffnende großflächige Glasfassade gehörte, die die Turnhalle meisterlich zu einem riesigen Schaukasten umfunktionierte. Hier ist ein harmonischer Kontrast zwischen Alt und Neu besonders gelungen.24 Am 29. September 2000 konnte das Richtfest des Gymnasiums bei bestem Sommerwetter in der Dreifachturnhalle zünftig gefeiert und schon im Schuljahr 2000/2001 der Schulbetrieb in den neu gestalteten Räumen mit den ersten Klassen aufgenommen werden.

Nun zum Schulgeschehen selbst: Im Frühjahr 2000 benannte der Rat der Stadt Dülmen die Schule „Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium“. Damit wurde eine lange Diskussion beendet, in der es vorrangig um eine weibliche Patin der Schule gegangen war und als solche zunächst gegen die Wünsche der Familie vielfach deren Prinzipalin von 1932 bis 1982, Frau Else Bendix, favorisiert worden war.

Das neue Gymnasium hatte seinen Schulbetrieb am 20. August 1999 mit dem Beginn des Schuljahres 1999/2000 aufgenommen. Die ersten drei Klassen des Jahrgangs 5 wurden in der alten Overbergschule untergebracht. Als Leiter des Gymnasiums war Franz-Joachim Hollenhorst bestellt worden, der gerade eine andere Schule erfolgreich aufgebaut hatte und auch privatim mit großem Einsatz integrative Arbeit betreut. Er war bereits seit dem Frühjahr 1999 in Dülmen und hatte die vorbereitenden Arbeiten zur Gründung des Gymnasiums begleitet. Wesentlicher Schwerpunkt der schulischen Anliegen sollte neben dem normalen Schulprogramm insbesondere die Einrichtung von sonderpädagogischen Fördergruppen (integrierte Fördergruppen) sein, die dem Gymnasium ein einmaliges Gepräge in der Schullandschaft des Landes geben sollten.

Zu Beginn des Schuljahres 2001/2002 konnte das neue Schulgebäude bezogen werden und ein regulärer Aufbau beginnen, der sich Jahr für Jahr zu einer voll ausgebauten Schule entwickeln wird. Im Laufe der folgenden Jahre kommen nämlich jeweils drei Klassen neu dazu, so dass die Schule heute im Schuljahr 2003/2004 je drei Parallelklassen der Jahrgänge 5 bis 9 umfasst. Die Schülerinnen und Schüler wie auch das Lehrerkollegium, die Eltern und Freunde haben der Einrichtung zu einem schwungvollen Start verholfen und vielfältige Aktivitäten eingefädelt: Erinnert sei an die anspruchsvolle Palette der Arbeitsgemeinschaften, die große Zuwendung für die sonderpädagogische Fördergruppe und die musikalischen Aktivitäten der Musikgruppe mit dem originellen Namen Band-X (sprich: Bendix).25 Die Arbeit der Fördergruppe mit der Einbeziehung einer blinden Schülerin entwickelt sich gut. Allerdings wird die integrative Arbeit des Gymnasiums zum Leidwesen der Betreuer vielfach in Dülmen zweifelnd beobachtet.

Kesselhaus, Schornstein und Lagerhaus auf dem kernsanierten Werksgelände
Kesselhaus, Schornstein und Lagerhaus auf dem kernsanierten Werksgelände.

Die Entwicklung der Zusammenarbeit oder aber Konkurrenz der drei benachbarten Gymnasien wird erst nach einigen Jahren der Versuche und Gewöhnung sowie der Erprobung der Zusammenarbeit in den Kursen der Sekundarstufe II kritisch beurteilt werden können, zumal hierbei noch unbekannte Faktoren wie die Entwicklung der Schülerzahlen oder die gewählten Schwerpunkte der Schulprogramme einen wichtigen Ausschlag geben können.

„Neue Spinnerei“ versammelt die Jugend

Der benachbarte Jugendtreff hat seine Tore inzwischen geöffnet und sein neues Konzept vorgestellt. Diese Jugendeinrichtung wird künftig an den einzelnen Wochentagen jeweils andere Zielgruppen ansprechen, um den Jugendlichen je nach Alter und Neigung ein großes Angebot gewünschter Aktivitäten zu vermitteln: Von Musiktreffs bis zu Beratungsangeboten, von Spielnachmittagen bis zu Bastelsitzungen, von der Kreativ-Werkstatt bis zum Künstlertreffen, von der Diskussionsrunde bis zum Schachspiel, vom KultLife bis zum Mädchencafé usw. reicht der Strauß bunter Angebote. Besonders gefragt bei allen Altersgruppen sind die Party-Veranstaltungen. Das Forum des Gymnasiums kann bei Bedarf in derartige Aktivitäten einbezogen werden.

Was wird aus dem Kesselhaus?

Das "alte", erst 1963 erbaute Kesselhaus, das eine Heizkraftanlage beherbergte, scheint weiterhin ein stand- und handfestes Streitobjekt zu bleiben. Obwohl ihm keinerlei denkmalpflegerische Beachtung zukommt, reicht seine derzeitige Bewertung von der "maroden Ruine"26 bis zum gewünschten Mittelpunkt eines "Dülmener Bildungs- und Kulturzentrums". Nach dem neuesten Stand der Debatten könnte mit einer Verlegung der Dülmener Musikschule in die Souterrain-Räume der Dreizylinder-Spinnerei eine Nutzung des benachbarten Kesselhauses auch für musikalische Veranstaltungen interessant und gleichzeitig die Mitnahme erheblicher staatlicher Fördermittel zu seiner Sanierung gesichert werden. Im Rahmen dieser Darstellung kann nicht abschließend berichtet werden, da eine endgültige Entscheidung erst im Frühjahr 2004 nach dem Vorliegen einer sachkundigen Beurteilung des Kostenrahmens und der ungeklärten Folgekosten getroffen werden soll.27

Es bleibt noch viel zu tun

Alles in allem hat sich das Stadtquartier Bendix in kürzester Zeit von der Industriebrache zu einem lebendigen Stadtteil im Süden des Ortskerns von Dülmen entwickelt. Jeden Tag gibt es neue Berichte über Veränderungen, Fortschritte oder schon einmal Rückschläge, die aber dennoch Zuversicht auf ein gutes Gesamtgelingen rechtfertigen. Die Kosten und Erträge der Investitionen können erst nach Abschluss aller Maßnahmen ernsthaft gewichtet werden. Für das bisher Erreichte sollten die Dülmener aber allen Initiatoren und verantwortlich Beteiligten schon heute dankbar sein.

1. Dülmener Heimatblätter (DH) 49, 2002, S. 50 – 72; ebd., 50, 2003, S. 2 – 34.

2. Der Verfasser dankt Herrn Philipp Scholz vom Fachbereich Stadtentwicklung der Stadt Dülmen für hilfreiche Informationen und umfangreiche Materialien.

3. Wohnungen für 1.000 Menschen im „Spinnerei-Viertel“, in: StdADülmen [StdADülmen], Dülmener Zeitung vom 10. 9. 1992.

4. Wohngebiet von städtebaulicher Bedeutung, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 29. 6. 1993.

5. Zur Vorbereitung und Durchführung der Neugestaltung des Stadtquartiers Bendix sind vielfältige Diskussionen und Entscheidungen der politischen Gremien der Stadt Dülmen notwendig gewesen. Um den Rahmen und den Umfang dieser Abhandlung nicht zu sprengen, sind meistens nur die Entscheidungen selbst dargestellt worden. Zu Einzelheiten über die jeweilige Entscheidungsfindung in Sitzungen des Rates und der Fachausschüsse der Stadt Dülmen wird daher auf die einschlägigen Protokolle verwiesen.

6. Riesenchance für die Stadt und Bevölkerung, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 12. 4. 1996.

7. Siehe die Dokumentation des Planungsverfahrens der LEG - Landesentwicklungsgesellschaft Nordrhein-Westfalen GmbH Dortmund, August 1998: Stadt Dülmen, Ehemalige Textilwerke Bendix, Vergleichende Entwicklungsstudie.

8. „Besonderer Charme“ der Bendix-Pläne, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 2. 7. 1997.

9. Stadtdirektor: Bendix ist bei der Stadt! in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 8. 10. 1997.

10. Statt Spitzenentwurf kleine Teillösungen, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 20. 2. 1998.

11. Investoren bewegen 150 Millionen Mark. Neues Wohngebiet nahe der Dülmener City (WAZ-Verlagssonderbeilage vom 10. 9. 1998).

12. Noch im Herbst beginnt der neue Schulbau, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 28. 5. 1998.

13. Der Verfasser dankt dem Schulleiter Herrn Franz-Joachim Hollenhorst für die umfassenden Auskünfte zur Errichtung und Einrichtung des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums im Gespräch vom 7. 10. 2003.

14. Land fördert auch Jugendarbeit auf Bendix-Gelände, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 16. 12. 1998.

15. Siehe den städtebaulichen Entwurf „Ehemalige Textilfabrik Bendix“ im Rahmen des Aufsatzes von Philipp Scholz „Dülmen“ in: Der Kreis Coesfeld, hg. von Heinz Heineberg und Klaus Temlitz, Münster 2000 (Städte und Gemeinden in Westfalen, Bd. 7), S. 127 – 139.

16. Konsequent für Wiedernutzung eingesetzt, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 24. 4. 1999.

17. Exquisiteste Adresse Dülmens, in: StdADülmen, Streiflichter vom 12. 9. 2002.

18. Bendix: Erster Grundstein wurde gelegt, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 31. 3. 2000.

19. Einen Kugel-Ahorn zur Begrüßung, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 14. 9. 2000.

20. DH 49, 2002, S. 68.

21. Drei Kilogramm Sprengstoff fällen „Riesen“, in: StdADülmen, Dülmener Zeitung vom 1./2. 11. 1999.

22. Siehe die Festschrift anlässlich der Fertigstellung der Erweiterung des Gymnasiums Dionysianum in Rheine und der Ausstellung „Josef Paul Kleihues — Architektur und Design“, hg. vom Gymnasium Dionysianum Rheine, September 2002.

23. Dieter Bartetzko, Bauen wie Brecht und Josephine Baker. Dem Architekten Josef Paul Kleihues zum Siebzigsten, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. 6. 2003; Johannes Loy, Nicht nur Berlin trägt seine Handschrift. Der Architekt Josef Paul Kleihues wird heute 70, in: Dülmener Zeitung, Kulturelles Leben, vom 11. 6. 2003.

24. Stadtentwicklungsprojekt Bendix in Dülmen. Gymnasium in ehemaliger Spinnerei, in: Architektur und Wirtschaft, Jahrgang 2001, Heft 10.

25. Siehe auch die Informationsbroschüre zum Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium anlässlich des Informationstages 2002.

26. Hingewiesen sei auf die aufschlussreiche Telefonaktion der Dülmener Zeitung vom 24. 2. 2003, bei der sich eine überwältigende Mehrheit der etwa 150 Anrufer vehement für einen Abriss des Kesselhauses aussprach.

27. Der Rat der Stadt Dülmen hat in seiner Sitzung vom 11. 11. 2003 mehrheitlich einen entsprechenden Projektbeschluss gefasst. Siehe die Berichterstattung in der Dülmener Zeitung vom 12./13. 11. 2003.

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