Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2004

Wolfgang Werp

Erinnerung an den Architekten Prof. Josef Paul Kleihues

Der weltweit bekannte Architekt und Stadtplaner Josef Paul Kleihues ist am 13. August 2004 in Berlin verstorben.1 Er wird in Dülmen besonders wegen seiner maßgeblichen Beteiligung an der Planung von Teilbereichen des Stadtentwicklungsprojektes Bendix und der Gestaltung des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Erinnerung bleiben: Kleihues entwickelte nämlich die Pläne für den Umbau der beiden ehemaligen Spinnereigebäude von 1906 und 1923 zum zweiten Dülmener Gymnasium und konnte hier seine langjährigen Erfahrungen bei der Planung und Gestaltung von Schulbauten erfolgreich einbringen.

Josef Paul Kleihues wurde am 11. Juni 1933 in Rheine geboren. Nach dem Besuch des dortigen Gymnasiums Dionysianum wandte er sich erfolgreich dem Studium der Architektur zu. Die bundesrepublikanische Gründungskonjunktur der Museen, Schulen und Kunsttempel kam ihm für die Verwirklichung seiner Ideen entgegen. Nach dem Studium in Stuttgart und Berlin machte er sich 1962 selbständig und leitete ein Architekturbüro in Berlin. 1973 kam er nach Dülmen-Rorup und richtete auf dem Holsterbrinck im Haus Schwickering ein zweites Architekturbüro ein.2 Gleichzeitig erreichte Josef Paul Kleihues von hier aus als Hochschullehrer den Universitätsbetrieb in Dortmund oder seine Gastprofessur in Düsseldorf. Seither bezeichnete er sich gern als "Drittel-Roruper", denn immer wieder kehrte er hierher zurück, um in Ruhe und Muße neue Inspirationen zu finden. Im hiesigen Architekturbüro wurden meist größere Projekte geplant und erarbeitet, so zum Beispiel das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Frankfurt oder ein großer Krankenhausanbau in Berlin-Neukölln.

Prof. Josef Paul Kleihus

Sein Blick blieb aber immer nach Berlin gerichtet, wohin er 1979 mit seiner Frau und den vier Kindern übersiedelte, nachdem ihm in der geteilten Hauptstadt die Ernennung zum Planungsdirektor für die Neubaugebiete der Internationalen Bauausstellung in Berlin (IBA) angetragen worden war. Bis zum Ende der Bauausstellung (1987) füllte er diese Aufgabe aus, die ihm erhebliche Bekanntheit, viel Einfluss auf die städtebauliche Planung in Berlin und internationales Renommee einbrachte. Die IBA machte nicht nur Krisen durch, von ihr gingen auch produktive Anstöße für den Umgang mit historischen Stätten und innerstädtisches Wohnen aus. Kleihues hatte sich als "poetischer Rationalist" und Verfechter einer "kritischen Rekonstruktion" der Stadt Berlin weltweit einen Namen gemacht. Er hat manche Konflikte mit Auftraggebern oder politischen Entscheidungsträgern mit einem enormen Sinn für Publizität und einem bewundernswerten Kräfteeinsatz gemanagt. Das Wort von der "vitalen Konfliktbereitschaft" stammt nicht nur von ihm, es traf auch auf ihn selber zu.3 So wurde er im Mai 1989 zum Ehrenmitglied des American Institut of Architects ernannt.4 Im Jahre 1991 gewann er den Wettbewerb um den Neubau des Chicagoer Museums für Zeitgenössische Kunst und stach dabei so bekannte Konkurrenten wie Tadao Ando aus. Bis 1996 entstand ein Bau von klassischem Ebenmaß. Dieser Neubau des am Lake Michigan gelegenen Kunstmuseums (Museum of Contemporary Art) wurde einer der Höhepunkte seiner Architektenlaufbahn und sollte bald eine "Klassikperle" genannt werden. Weiter gestaltete er die Hauptwerkstatt der Berliner Stadtreinigung in Berlin-Tempelhof, das Büro- und Geschäftshaus Kantdreieck in Berlin oder den Umbau des ehemaligen Gräfrather Klosters in der Nähe von Solingen. Schließlich entwickelte Kleihues stadtplanerische Konzepte für Berlin, Groningen, Santiago di Compostella oder Turin.

Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten war Kleihues folgerichtig ein Architekt der ersten Stunde: 1992 hatte er die Entwürfe für die Häuser Liebermann und Sommer vorgelegt, die heute das Brandenburger Tor nach historischem Vorbild flankieren.

Anlässlich der Feier seines 70. Geburtstages wurde Kleihues im Sommer 2003 mit einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin geehrt, den er ebenfalls selbst neu gestaltet hatte. Es handelte sich um eine umfassende Präsentation ausgewählter Projekte mit zahlreichen Skizzen, Plänen aus 40 Jahren Schaffenszeit, Modellen und Fotografien. Ein zweiter Ausstellungsschwerpunkt lag auf dem Verhältnis des Architekten zur Bildenden Kunst - im Hinblick auf seine bedeutenden Museumsbauten.5 In der deutschen Presse wurde er als "Meister der strengen Geometrie" gefeiert.6 Weitere Stationen seiner Planungen waren die Städtische Galerie Sindelfingen, das Deutsche Klingenmuseum in Solingen, der Erweiterungsbau der Benediktinerabtei in Gerleve und das allen münsterländischen Kulturfreunden bekannte Krippenmuseum in Telgte.7 Auch zahlreiche Um- und Erweiterungsbaumaßnahmen an Schulen im westfälischen Raum tragen seine Handschrift. Mitte der 1990er Jahre war Kleihues der Gründer und Senior des Teams Kleihues & Kleihues, das er gemeinsam mit Jan Kleihues und Norbert Hensel führte. Seine Vaterstadt Rheine hat ihn mit der Goldenen Stadtmedaille geehrt.

Mit der Neugestaltung der alten Spinnereianlagen der Firma Bendix zum Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium hat sich Josef Paul Kleihues in Dülmen ein bleibendes Denkmal gesetzt. Wir verdanken ihm die wichtigsten Ideen und Entwürfe für das zweite Dülmener Gymnasium.8 Josef Paul Kleihues hat den Altbau der Zwei-Zylinder-Spinnerei aufgeteilt und um zwei Lichthöfe Klassenräume gruppiert, deren Helligkeit durch die Öffnung der Decken beeindruckend gelungen ist. Die ursprüngliche Struktur des wuchtigen Gebäudes mit den alten Geschosshöhen von 4,40 Metern sowie den durchgehenden Fensterrastern konnte dabei erhalten bleiben. Außerdem wurde die südliche Fassade für die Belichtung eines der insgesamt drei geräumigen Treppenaufgänge aufgebrochen und mit großen die Geschosse querenden Glasfenstern geöffnet. Der vorgelagerte Gebäudekomplex der ehemaligen Drei-Zylinder-Spinnerei wurde völlig von Stützen und Decken entkernt und mit einer frei tragenden Stahlkonstruktion versehen, die eine großflächige Gestaltung der Halle erlaubte. Nach Norden zur Friedrich-Ruin-Straße hin entstand mit der prächtigen Glasfassade der Turnhalle ein architektonisches Meisterstück, das den tiefen Raum zur Straße hin ausdehnt und dem Passanten die sportlichen Aktivitäten in der Halle - besonders bei abendlicher Beleuchtung - wie auf einem Präsentierteller vorführt. Hier ist Kleihues unter Beachtung denkmalpflegerischer Aspekte "ein harmonischer Kontrast zwischen Alt und Neu" gelungen.9

Die mit dem „Bendixviertel“ vertraute Dülmener Bevölkerung und die Lehrerschaft des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums mit ihren Schülerinnen und Schülern, die in dem Gebäude tagtäglich ein- und ausgehen, werden sich an den für die architektonische Neugestaltung des gelungenen Schulkomplexes federführenden Architekten dankbar erinnern.

1. Großer Museumsbauer — Zum Tode des Architekten Josef Paul Kleihues, in: Dülmener Zeitung vom 14. August 2004; Pluralistisch und innovativ — Zum Tode des Architekten Josef Paul Kleihues, in: Die Zeit vom 19. August 2004; Josef Kleihues gestorben, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14. August 2004.

2. Dülmener Idylle bietet Muße für „Architektur-Reisenden“, in: Dülmener Zeitung vom 19. Juli 1986.

3. Wolfgang Pehnt, Achsenkollision — Konfliktbereit: Josef Paul Kleihues wird sechzig, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Juni 1993.

4. Meldung der Dülmener Zeitung vom 6. Mai 1989.

5. Johannes Loy, Nicht nur Berlin trägt seine Handschrift, in: Dülmener Zeitung vom 11. Juni 2003.

6. Dieter Bartetzko, Bauen wie Brecht und Josephine Baker — Dem Architekten Josef Paul Kleihues zum Siebzigsten, in: Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. Juni 2003; Wolfgang Werp, Das neue Stadtquartier Bendix in Dülmen, in: Dülmener Heimatblätter 50, 2003, S. 50 – 67, hier S. 55, 64, 67 (Anm. 22f.).

7. Man kennt ihn in Telgte und Chikago, in: Westfälische Nachrichten vom 1. Juni 1998.

8. Kommission bewertet die Bendix-Entwürfe. Firma Kleihues baut Spinnereigebäude um, in: Dülmener Zeitung vom 4. November 1997.

9. Stadtentwicklungsprojekt Bendix in Dülmen. Gymnasium in ehemaliger Spinnerei, in: Architektur und Wirtschaft, 2001, Heft 10, Seiten 32f.

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