Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2004

Diethard Aschoff

Moises von Dülmen — Ein jüdisches Schicksal im Münsterland in der früheren Neuzeit

Moises von Dülmen war um die Wende des 16. zum 17. Jahrhundert im Münsterland und in Westfalen kein Unbekannter. Als einziger Jude des Stifts Münster war er von den Auswirkungen der sogenannten „Frankfurter Rabbinerverschwörung“ von 1603 betroffen. 1607 wurde er zu ihr in Bonn von kaiserlichen Kommissaren verhört. Dies beweist seine überregionale Bedeutung.

An Hand von Quellen können wir ihn zwischen 1581 und 1642, als wir letztmals von ihm hören, verfolgen. In ihnen spiegelt sich ein in vielem typisches Judenschicksal seiner Zeit in Westfalen.

1. Eine Hausdurchsuchung

Am 14. Januar 1581 tritt Moises zum ersten Mal in unser Gesichtsfeld. An diesem Tag suchte eine Abordnung von fünf gewichtigen Herren seine „Behausung“ in Dülmen auf. Es handelte sich um den Lizentiaten Gramingum, Goddart von Merfeld, den Rentmeister des Amtes Ahaus, den Protokollanten Gotfried von Heiden und die beiden Dülmener Ratsherren Henrich Herding, genannt Schande, und Nikolaus Fuesting. Sie hatten die Aufgabe, die Wohnungen der drei damals in Dülmen ansässigen Juden Herz von Nimwegen, seiner eben verwitweten Tochter und des Moises zu durchsuchen und das dort eingelagerte Gut der Teilnehmer einer jüdischen Hochzeitsgesellschaft zu inventarisieren und zum Teil sicher zu stellen.

Den fünf Kommissionsmitgliedern öffneten jeweils die leider ungenannt bleibenden Frauen der drei Juden. Die Liste der bei ihnen gefundenen Gegenstände war lang. Im Hause des Moises fanden die ungebetenen Besucher ein kleines Waffenlager vor, so drei Degen, ein Rapier, zwei Barden, einen Spieß und eine Pulverflasche, weiter 11 Filzhüte, je zwei Paar Buxen aus Leinen und Drill, einen Samtkragen, fünf Paar Schuhe, einen Sack mit Essenskost und eine Essenstasche, die freilich leer war. Dies war wenig gegenüber dem, was sich bei Herz vorfand. Bei ihm wurden 14 Taschen mit reichem Inhalt sichergestellt, vor allem auch Geld in verschiedener Währung, aber auch Schmuck, Spiegel, Würfel, Armbänder, eine Schreibtafel, ein Brillenetui und sogar ein Geleitsbrief.1 Warum diese Hausdurchsuchung und die Abwesenheit der Männer?

2. Eine gestörte Hochzeitsfeier

Hintergrund war eine jüdische Hochzeit. Herz von Nimwegen, seit 1574 in Dülmen vergleitet,2 wollte eine Tochter verheiraten - ob es die junge Witwe war, wissen wir nicht. Um Gäste einladen zu können, benötigte er die Einwilligung der Stadt. Tatsächlich gab der Rat, sicher nicht ohne eine entsprechende Verehrung, wie man Geldzahlungen damals vornehm umschrieb, am 18. Oktober 1580 die Zusage eines Geleits von 14 Tagen für alle Juden, die zu der Feier kommen wollten.3 Sie erschienen denn auch in großer Zahl. Aus einer Liste erfahren wir Namen und Herkunftsorte, aus noch zu erklärenden Gründen nur wenige aus dem Stift Münster, so aus Nienborg und Haltern, dafür Glaubensgenossen aus Dortmund, Essen, Werl, Oestinghausen, Recklinghausen, vielleicht auch aus Aachen, Iserlohn, Lünen und Wetzlar.4 Die vielköpfige Gästeschar, unter ihnen Frauen und viele Kinder, dazu zwei "Studenten", hatte ihr Gepäck zur Feier in den Haushalten der drei ortsansässigen Juden abgestellt. Diese waren ebenso wie die zur Hochzeit angereisten Gäste am 11. Januar 1581 von der Stadt auf Weisung der Regierung gefangen gesetzt worden.

3. Der Grund der Inhaftierung

Warum diese zu der harten Maßnahme griff, war keineswegs "Diebstahlsverdacht", wie jüngst vermutet wurde,5 sondern Verstoß gegen Ständebeschlüsse und das Geleitsrecht des Landesherren. Seit 1560 besaßen Juden im Stift Münster keine Aufenthaltsrechte mehr.6 Eine konsequente Umsetzung des 1560 gefassten Beschlusses gelang jedoch nicht.7 Am 13. Dezember 1581 musste die münsterische Regierung feststellen, dass nicht weniger als elf Orte des Münsterlandes, an ihrer Spitze Dülmen, die mehrfach eingeschärften Beschlüsse gegen die Juden missachtet hatten.8 Am 24. August 1574 hatte Konrad von Ketteler, der Droste des Amtes Dülmen,9 ungenannten Juden ein Geleit für 12 Jahre gegeben.10 Am 28. September  des Jahres folgte ihm die Stadt mit einem ungewöhnlich günstigen Geleit für Herz von Nimwegen und seinen Schwiegersohn Isaak.11 Ein ähnliches Geleit mag auch Moises erhalten haben. Es liegt freilich nicht vor. Auf den Affront hin, gegen den Ständebeschluss Juden zu vergleiten, sah sich die Stadt Dülmen am 11. Oktober 1574 aufgefordert, diese binnen vier Wochen auszuweisen.12 Dem kam der Rat offensichtlich nicht nach.

Bürgermeister, Rat und Gemeinsleuteder Stadt Dülmen erteilen Hertz Judden von Nimwegen und dessen Schwiegersohn Isaac Judden am 25. August 1574 Geleit auf 12 Jahre.
Bürgermeister, Rat und Gemeinsleute der Stadt Dülmen erteilen Hertz Judden von Nimwegen und dessen Schwiegersohn Isaac Judden am 25. August 1574 Geleit auf 12 Jahre.

Dülmen setzte seiner rechtswidrigen Judenpolitik die Krone auf, als die Stadt sechs Jahre später das erwähnte 14-tägige Hochzeitsgeleit gewährte und zuließ, dass die Feier "offentlich auff der straßen" gehalten wurde, wie der Landesherr monierte, und nicht, wie dieser wollte, "im hause mit verschlossen thueren".13 Dülmen besaß als stiftssässige Stadt keine Befugnis, Juden ohne Zustimmung des Landesherren Schutz in ihren Mauern zu gewähren, geschweige denn, ihnen Geleit durch das Stift zuzusichern. So eklatant verstieß, wie es scheint, keine andere Kommune des Stifts gegen damals gültiges Recht. Deswegen sollte an Dülmen, als man in Münster das Ausmaß illegaler Vergleitungen im Stift wahrnahm, ein Exempel statuiert werden. Man solle, wie der Droste von Wolbeck am 13. Dezember 1581 vorschlug, sich "furirst die von Dulmen" vornehmen. "Darnach finde es sich mit den andern."14

4. Das „Überleben“ des Moises in Dülmen

Dass sich die Regierung trotz aller guten Vorsätze in der Judenfrage nicht durchsetzte, hängt mit der damaligen Lage im Stift Münster zusammen. 1566 hatte der spanisch-niederländische Krieg begonnen. Die feindlichen Heere betrachteten das militärisch fast wehrlose Stift, vor allem seinen westlichen Teil, als willkommenes Rückzugs- und Versorgungsgebiet. Das Amt Dülmen war mit am stärksten betroffen. 1581, also dem Jahr der Inhaftierung der Hochzeitsgäste in Dülmen, musste es den Spaniern erhebliche Mengen an Lebensmitteln stellen, freilich noch gegen Bezahlung. Im Laufe des Krieges hatte Dülmen sieben Überfälle spanischen und fünf niederländischen Kriegsvolkes zu erdulden.15

Ohne Zweifel verschärften die außenpolitische Lage und die sich mehrenden Kriegsschäden innerstiftische Konflikte wie den zwischen der Stadt Dülmen und der Landesregierung wegen der Juden. Jedenfalls schwelte der Streit noch jahrelang weiter. Am 18. Februar 1584 ermahnte der Landesherr unter Hinweis auf die Geleitsverbote durch das Reich und das Stift sowie den "wirklichen hochbeschwerlichen Nachteil und verderblichen Schaden", den die Stiftsuntertanen durch die Juden hinnehmen müssten, erneut zur Ausweisung der Juden "innerhalb Monatsfrist". Sonst sei er zu "anderen schärferen Mitteln" gegen die Stadt gezwungen.16 In ihrer Antwort schon sechs Tage später schob die Stadt die ganze Schuld auf den Drosten Konrad von Ketteler. Von der eigenen Vergleitung der Juden Herz und Isaak wollte sie nichts mehr wissen. Finanziell sei sie völlig am Ende. Sie habe "gar geringe Einkünfte", sei "mit hohen Beschwerungen beladen", müsse auch "schwere Kosten und jährliche Verzinsungen aufbringen" und könne nur "mit großer Mühe die ihr auferlegte Schatzung" entrichten. "Wegen ihrer Unvermögenheit" unterbreite sie die "ganz undertänige und hochemsige Bitte", sie nicht zu bestrafen, sondern "für entschuldigt anzunehmen".17 Darauf ging der Landesherr freilich nicht ein. Am 14. September  des Jahres wurde die Stadt vor das Gogericht in der Greinkuhlen geladen.18 Die Anklageschrift vom 22. September 1584 enthält eine lange Liste der Vergehen der Stadt.19 Was die Anklage bewirkte, ist unbekannt.

Jedenfalls hatte die Klage letztlich ebenso wenig Erfolg wie frühere Initiativen. 1587 lebten Herz und Moises immer noch in der Stadt. Rainer von Raesfeld, Statthalter des Vests Recklinghausen, setzte sich am 24. September  des Jahres für die beiden Dülmener Juden ein. Sie hätten sich nach Aufkündigung ihres Geleits zu Michaelis (29. September ) an ihn gewandt und um Geleit solange gebeten, bis der neue Landesherr, der Kurfürst Ernst von Köln, im Stift erscheine. Hierfür habe er auch schon die grundsätzliche Einwilligung Ernsts erreicht.20 Am 15. Oktober 1587 wiesen die verordneten Statthalter auf die bekannte Rechtslage hin, dass nach einhelligem Ständebeschluss im Stift Münster keine Juden zu dulden seien.21 Am 30. Oktober  verwandte sich Rainer von Raesfeld erneut für Herz und Moises. Einer der beiden - ob dies Moises war, wissen wir nicht - sei von den Statischen, d.h. den Niederländern, abgefangen worden. Wenn dieser freigekommen sei, solle den Schuldnern der Juden noch eine angemessene Frist eingeräumt werden, ihre Pfänder einzulösen. Dies sei auch zum Besten der Bürger.22

Endgültig auf der sicheren Seite war Moises im Jahre 1593. Am 8. April  dieses Jahres vergleitete Kurfürst Ernst von Köln den Juden auf Grund eines positiv ausgefallenen Gutachtens der Stadt Dülmen für 12 Jahre in Stadt und Amt Dülmen.23 Mit dem neuen Landesherrn war die grundsätzliche Gefährdung der Juden des Stifts Münster endgültig vorbei.24

Aus dem Geleit geht hervor, dass Moises schon "eine geraume Zeit" in Dülmen gewohnt, aber zumindest seit der "münsterischen Postulation" des Ernst von Bayern zum Bischof von Münster, d.h. seit 1585, kein gültiges Geleit gehabt hatte. Offensichtlich deckte ihn die Stadt in dieser Zeit weiter. Trotz der "Hochzeitsaffaire" scheint das Verhältnis des Moises zur Stadt ungetrübt gewesen zu sein. Dies geht vor allem daraus hervor, dass ihm Bürgermeister und Stadt auf Anfrage des Landesherrn bescheinigten, dass er "und die Seinen sich bisher alldort unklagbar verhalten" hätten. Das landesherrliche Geleit war auf Stadt und das relativ kleine Amt Dülmen beschränkt. Es konnte verlängert werden. Sollte es auslaufen, erhielten Moises und seine Schuldner noch eine halbjährige Frist, um miteinander ins Reine zu kommen. Dies schützte in erster Linie die Schuldner, denen es meist schwer fiel, ihre Pfänder einzulösen. Aus dem Geleit geht auch hervor, dass Moises wohl Frau und Gesinde besaß, aber keine Kinder. Für die allgemeine Geschichte der Juden in Westfalen wichtig ist ein Vorbehalt des Kurfürsten. Das Geleit sei hinfällig, wenn er selbst oder er zusammen mit benachbarten Fürsten eine allgemeine Judenordnung erließe. Dies ist der erste Hinweis darauf, dass sich Ernst mit solchen Gedanken offenbar auch für das Stift Münster trug. Für Kurköln hatte er seine erste Judenordnung gerade neun Monate vorher, am 30. Juli 1592, auf Schloss Brühl besiegelt,25 während das Stift Münster erst 1662 eine solche Ordnung erhielt.26

1604 verlängerte der Kurfürst das Geleit des Moises um weitere 12 Jahre.27 Dieser war damals ganz offensichtlich voll etabliert. Inzwischen hatten sich freilich weit entfernt Entwicklungen vollzogen, in die der Dülmener mit hineingezogen wurde.

5. Neuentwicklungen im deutschen Judentum

Nach dem "Zeitalter der Vertreibungen", wie ein großer jüdischer Historiker die Epoche zwischen den Pestpogromen 1349/1350 und dem Ende des Mittelalters nannte,28 versuchte sich die deutsche Judenheit unter schwierigen Bedingungen und Gefährdungen wie der durch die Pfefferkorn-Affaire im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts neu zu konstituieren. Josel von Rosheim (1478-1554) trat als "schtadlan", als Fürsprecher der deutschen Juden, auf. Er erreichte auch einiges. So durften Juden nach dem Speyerer Privileg Kaiser Karls V. vom 3. April 1544, dem "freiheitlichsten und großzügigsten, das je den Juden gegeben worden war",29 höhere Zinsen nehmen als Christen. Juden wurden vor willkürlicher Behandlung geschützt und erhielten ihre körperliche Unversehrtheit, ihr Eigentum und Schutz vor Vertreibungen zugesichert. Vielleicht noch wichtiger war die im 16. Jahrhundert durchgesetzte Gleichbehandlung der Juden vor Gericht. "Einen Sonderstatus für die Juden kannte weder die Reichskammergerichtsordnung von 1555 noch die gerichtliche Praxis."30 Mit dem Reichskammergericht hatten schon die Angehörigen der in Dülmen inhaftierten Juden vor dem 21. Februar 1581 gedroht.31 Entscheidend für das tatsächliche Recht der Juden war der allgemeine Grundsatz, dass die Privilegien und die parallelen Polizeiordnungen nur subsidiäre Bedeutung besaßen,32 wie dies die Frankfurter Reichspolizeiordnung von 1577 in ihren abschließenden Paragraphen ausdrücklich betont. Im Gegensatz zu heute brach Landesrecht damals Reichsrecht. "Ordnung zu machen", sollte den Fürsten und Ständen "vorbehalten sein".33 Letztlich bestimmten damit die Landesherrn über die Juden, wie wir dies ja auch schon am Schicksal des Moises gesehen haben, der 1593 seine endgültige existentielle Sicherheit einem Geleit Kurfürst Ernsts verdankte. Die Probe darauf machte eine jüdische Synode in Frankfurt, die im Zusammenhang mit der Herbstmesse 1603 in Frankfurt stattfand.

6. Die Frankfurter Synode von 1603

Die dort beschlossene Judenordnung war Höhepunkt und Ende schon länger laufender Bestrebungen innerhalb der deutschen Judenheit, sich auf ethischer Grundlage rechtlich und finanziell neu zu organisieren und mit einem Munde zu sprechen.

Ausschnitt ausder Vogelschauansicht von Frankfurt am Main des Matthäus Merian (1624).
Ausschnitt aus der Vogelschauansicht von Frankfurt am Main des Matthäus Merian (1624). Ab 1462 durften sich nach den Pestpogromen (1349/50) wieder Juden in der mitteleuropäischen Messemetropole Frankfurt am Main ansiedeln, die im 16. Jahrhundert der Treffpunkt für die Juden im ganzen Reich war. Rasch wuchs ihre Niederlassung im Wollgraben, dem städtischen Abwasserkanal vor der Altstadt. Eine Mauer schützte die 300 Meter lange Judengasse, die durch zwei Tore verschlossen wurde. Als Versammlungshaus dienten Synagoge und Gemeindehaus, die deutlich zu erkennen sind. In den 193 Häusern wohnten 2.270 jüdische Einwohner (1610), d.h. fast 12 Einwohner pro Haus. Eine annähernd hohe Gesamteinwohnerzahl erreichte die Stadt Dülmen erst um 1825.

Das Protokoll der Synode ist erhalten.34 Die Bestimmungen der in Frankfurt aufgerichteten Judenordnung knüpften an die Beschlüsse früherer Synoden an, zogen aber auch die Konsequenzen aus der die Reichsgeschichte seit dem Spätmittelalter bestimmenden Tendenz zur Territorialisierung. In der Ordnung ist entsprechend (§ 2) davon die Rede, dass "jede Gemeinde und jeder Bezirk", in anderer Übersetzung "jede versammlung oder landschaft", einen Ausschuss aus gottesfürchtigen und unparteiischen Männern bilden solle.

Am wichtigsten war den 1603 in Frankfurt Versammelten die innerjüdische Rechtsprechung. Für sie waren fünf Rabbinatsgerichte als Oberinstanzen für Streitigkeiten geplant, in Frankfurt, Worms, Fulda, Friedberg und Günzburg, jeweils am Sitz älterer Rabbinate, gleichzeitig Orte jüdischer Großgemeinden mit zwischen 450 (Fulda) und 3.000 (Frankfurt) Seelen.35 Strafbestimmungen sollten Fremdeinflüsse und Interventionsmöglichkeiten außerjüdischer Instanzen unterbinden. Vorgesehen war auch eine überlokale Organisation der Finanzen, die Einrichtung einer "gemeinen Kammer", einer jüdischen Zentralkasse, in die jeder Jude und jede Jüdin eine Umlage von 1% der von unabhängigen Schätzern festgestellten Einnahmen einzahlen sollte. Die Kammer sollte acht "Filialen" haben, die nördlichste in Hamm. Dort sollten die westfälischen Juden ihre Steuer einzahlen. Verweigerten sie die Zahlung, drohten drastische Strafen, vor allem der große Bann, der Ausschluss aus der jüdischen Gemeinschaft, verbunden mit der Veröffentlichung der Namen durch Anschlag an allen Synagogentüren.

Ziel all dieser "takkanot", wie diese Bestimmungen hebräisch genannt werden, ist der Versuch, die durch "jüdische Frevler" bedrohten Gemeinden auf eine untadelige geschäftliche Ethik zu verpflichten und so zu schützen, "damit jeder", gemeint ist: jeder Nichtjude, "sehe: Rein sind wir von solcher Schuld, und damit man nicht sage: Alle Juden halten zusammen".36

Den "in Frankfurt, dieser Muttergemeinde Israels, … versammelten Führern und Häuptern der deutschen Gemeinden", wie es im Prolog der Ordnung heißt, ging es um Überwindung der innerjüdischen Zwistigkeiten, "die mannigfachen Ausschreitungen der Geschlechter", mit dem Willen, dem "vorzubeugen und Einrichtungen zu treffen nach den Erfordernissen der Zeit und Zustände, damit das Volk nicht sei wie eine Herde ohne Hirten". Die Führungsrolle, das Hirtenamt, sollten die traditionellen geistlichen jüdischen Autoritäten ausüben, nicht ihre innerjüdischen Gegner, die "vielen", die den rabbinischen Gerichten den Gehorsam verweigerten und ihre Glaubensgenossen vor auswärtige Gerichte zogen. An anderer Stelle werden die Gegner der Rabbiner als ungebildet, stolz und übermütig gekennzeichnet und "Verräter, mutwillige, ungehorsame, hochfertige und hochmütige Leute" genannt, "die sich auf ihr Geld und [ihren] Reichtum verlassen".37 Hinter dieser "Judenordnung" zeichnet sich damit deutlich auch ein Machtkampf um die Führung der Gemeinden zwischen einer eher weltlichen Elite reicher Juden und den Rabbinern ab.

7. Die westfälischen Juden und die Frankfurter Ordnung

Tracht einesjüdischen Mannes mit gelbem Ring.
Tracht eines jüdischen Mannes mit gelbem Ring. Auf seine Herkunft aus Worms, verweist das Knoblauchbündel.

Dass an dieser Synode westfälische Juden erstmals in der Geschichte führend beteiligt waren, war bis vor kurzem unbekannt.38 In dem erwähnten Machtkampf unterstützten die westfälischen Juden unter Führung der beiden Hammer Menachem und Moises eindeutig die rabbinische Linie. Diese unterschrieben denn auch in Frankfurt als einzige westfälische Juden die dort erarbeitete Ordnung. An ihrer Seite waren weiter beteiligt ein nicht näher gekennzeichneter Meier, der vor 1607 starb, Levi von Schwelm, Isaak von Unna, Herz von Kamen als weitere Juden der Grafschaft Mark, Schmolle (Samuel) von Werl als Vertreter der Juden im Herzogtum Westfalen, also des ehemals kurkölnischen Sauerlandes, Jakob von Rüthen, Levi von Salzkotten als Vertreter der Juden des Fürstbistums Paderborn, Jakob Wallich aus Paderborn, und schließlich als einziger Jude des Stifts Münster Moises von Dülmen.39

Die genannten Juden waren durchweg Landschaften, gemeint sind Territorien, zugeordnet, die wiederum „Vorsteher“ besaßen, wie etwa Levi von Salzkotten für das Stift Paderborn und Schmolle von Werl für die Juden des Herzogtums Westfalen. Diese Vorsteher haben dann offenbar als Vertreter von ganz Westfalen die beiden Hammer Menachem und Moises für die Versammlung mit einem Reisebudget ausgestattet und mit Instruktionen versehen nach Frankfurt abgeordnet.

Dies alles wissen wir aus Verhören der genannten Juden. Sie waren alle am 19. Februar 1607 nach Bonn geladen worden, um sich wegen der angeblich in Frankfurt 1603 geplanten Verschwörung gegen Kaiser und Reich vor kaiserlichen Kommissaren zu verantworten. Hintergrund des Verfahrens war die Denuntiation der Frankfurter Synode durch den kurkölnischen Judenschaftsvorsteher Levi von Bonn.40 Aus den Verhören können wir wichtige Schlüsse für die damalige Judenheit in Westfalen ziehen.

8. Die Organisation der westfälischen Juden

Betrachtet man die hier genannten Juden näher, wird deutlich, dass sie territorial organisiert waren: neben Moises und Menachem an der Spitze der märkischen Juden waren hier Juden des Herzogtums Westfalen, des Fürstbistums Paderborn und des Fürstbistums Münster beteiligt und eingebunden. Daneben fällt auf, dass die relativ starken Judenschaften der Grafschaft Lippe und des Fürstbistums Minden41 hier nicht mit erwähnt werden. Sie waren auch an der in Frankfurt erarbeiteten Ordnung nicht beteiligt.

Moises sagte im Verhör aus, der jetzt (1607) in Hanau ansässige Menachem sei 1603 "obrister in westvälischen creiß gewesen".42 Möglicherweise ist dies so zu verstehen, dass es damals über den Vertretern der Judenschaften in den einzelnen Territorien schon einen "Spitzenmann" für ganz Westfalen gegeben hat.

Deutlich wird aber auch, dass sich die Juden großer Teile Westfalens in einer Zeit der sich gegeneinander abschottenden Territorien über deren Grenzen hinweg abstimmten und absprachen. Von den Frankfurter Judenschaft waren allein Moises und Menachem von Hamm als die beiden "vornehmsten Juden" Westfalens, wie sich Moises von Hamm im Verhör 1607 ausdrückte, angeschrieben worden. In Kamen im Haus des Herz habe eine Vorbesprechung stattgefunden. Die dort erschienenen Juden hätten ihn und Menachem nach Frankfurt abgeordnet und ihnen aufgegeben, "was die gemeine Judenschaft beschließe, auch mit einzuwillligen".43 Beide unterschrieben denn auch in Frankfurt die dort beschlossene "Judenordnung" im "Namen Westfalen[s]".44

9. Moises von Dülmen Repräsentant des Stifts Münster?

Welche Rolle Moises bei der „Rabbinerverschwörung“ spielte, ist unklar. Bei der Vorbesprechung in Kamen war er jedenfalls nicht zugegen, in Frankfurt natürlich auch nicht. Dass er als einziger Jude des Stifts Münster verhört wurde, hängt wohl damit zusammen, dass die kaiserlichen Kommissare, um der „Verschwörung“ auf die Spur zu kommen, die Verhöre weit über die Zahl der unmittelbar Betroffenen ausweiteten.

Das Verhör ist nicht sonderlich ergiebig. Moises hat nach eigenem Bekunden nur davon gehört, dass sich die Ordnung auch mit Speisegeboten (Wein und Milch) befasst habe. Er wusste von einem Schreinergesellen, der konvertiert sei. Von der zur Versammlung einladenden Frankfurter Judenschaft habe er kein Anschreiben erhalten, auch niemanden dorthin geschickt. Den Inhalt der Ordnung kenne er nicht.

In einigen Punkten machte der Dülmener aber nicht unwichtige Aussagen. Er sah in den Frankfurter Rabbinern die für ihn maßgebende religiöse Instanz. Einem von ihnen ausgesprochenen Bann zu folgen, fühle er sich verpflichtet, freilich nur im religiösen, nicht dagegen im wirtschaftlichen Bereich, so etwa nicht in Schuldsachen. Als weltliche Obrigkeit erkenne er nur den Kurfürsten von Köln an, also Ernst von Bayern. Dieser hatte ihm ja auch 1593 das ihn endgültig sichernde Geleit gegeben. Vom Kaiser als letzter Instanz ist dagegen nicht die Rede. Wenn den Juden etwas auferlegt würde, sei er es "zu tragen schuldig". Moises bekennt sich also zur innerjüdischen Solidarität. Die Bedeutung einiger ihm vorgelegter hebräischer Begriffe kenne er nicht, denn "er sei nicht gelehrt".45

Bei den Aussagen des Moises von Dülmen ist zu berücksichtigen, dass die in Bonn verhörten Juden, um sich vor Weiterungen zu schützen, ein Interesse daran haben mussten, ihren Anteil an der Frankfurter Synode als möglichst unbedeutend darzustellen. Da Moises jedoch wie alle seine in Bonn verhörten Glaubensgenossen unter Eid stand, der damals allgemein sehr ernst genommen wurde, und einiges auch überprüfbar war, dürften die Aussagen des Moises im ganzen der Wirklichkeit entsprechen, so etwa, dass er von den Frankfurter Rabbinern nicht wie Moises und Menachem von Hamm persönlich eingeladen worden war, an der Auswahl der Delegierten nicht beteiligt wurde und wohl auch, dass er den Inhalt der Ordnung nicht kannte. Über sie dürfte er nur vom Hörensagen unterrichtet gewesen sein. Dass ihm nach eigenem Bekunden die die eigentliche jüdische Führungsschicht auszeichnende, talmudische Gelehrsamkeit abging, dürfen wir ebenfalls als sicher annehmen.

Als wichtig ist die Aussage zu werten, dass Moises die Autorität der Frankfurter Rabbinen in religiöser Hinsicht uneingeschränkt anerkannte und sich auch deren Banngewalt unterwarf. Frankfurt war damals für westfälische Juden unbezweifelbar die letzte geistliche Instanz.46

Die Aussagen des Moises am 19. Februar 1607 ergeben keinen konkreten Hinweis, warum er nach Bonn vorgeladen wurde. Moises ist beflissen, als Durchschnittsjude zu erscheinen, dem Landesherrn gegenüber loyal, gleichzeitig aber auch der jüdischen Solidargemeinschaft verbunden, bereit, für sie auch finanziell gerade zu stehen, und den rabbinischen Autoritäten bis hin zur Anerkennung und Befolgung ihrer weitreichenden Banngewalt ergeben. Dies alles reicht jedoch nicht zur Erklärung der gerichtlichen Vorladung. Wir wissen nicht, warum der Dülmener Jude ins Visier der kaiserlichen Kommissare geriet. Vorsteher der stiftmünsterischen Judenschaft war er jedenfalls nicht, wie dies ausdrücklich von Schmolle von Werl für das Herzogtum Westfalen und von Levi von Salzkotten für das Stift Paderborn in den Verhörprotokollen gesagt wird. Wahrscheinlich war die, wie wir noch sehen werden, damals nur etwa zehn Familien umfassende Judenschaft des Stifts Münster noch gar nicht organisiert bzw. „auf Vordermann gebracht“. Dieser wäre möglicherweise Moises von Dülmen gewesen, der als damals wohl bekanntester Jude des Stifts gleichsam stellvertretend von den Kommissaren in Beschlag genommen wurde, vielleicht auf bloßen Verdacht hin.

10. Isaak und Moises von Dülmen

Eine merkwürdige Rolle spielte im Zusammenhang mit der "Frankfurter Rabbinerverschwörung" Isaak von Dülmen, der zusammen mit seinem Schwiegervater Herz 1574 in Dülmen Wohnrecht erhalten hatte.47 Isaak Jakobs, der wohl erst 1653 offenbar uralt starb,48 wurde über seine Tochter Feile (Vögele) Schwiegervater Bernd Levis, der als "parnass u-mandhig", "Befehlshaber und Vorgänger" den Juden in den brandenburgischen Territorien westlich der Elbe vorstand.49 Bernd Levi war seinerseits Sohn des Levi von Bonn. Dieser höchst einflussreiche "Hofjude" des Kurfürsten Ernst von Köln besaß gute Beziehungen bis hin zum Kaiserhof nach Prag. Von seinen innerjüdischen Gegnern, die ihn stürzen wollten, in die Enge getrieben, brachte er die angebliche "Frankfurter Rabbinerverschwörung" zum Scheitern, ja gefährdete alle Juden des Reiches. Sein Wirken erwies sich für die Geschichte der Juden in Deutschland geradezu als schicksalhaft.50

Isaak von Dülmen war als Vater der Schwiegertochter des kurkölnischen Hofjuden mit Levi von Bonn verschwägert. Aus dieser Position eines "Gegenschwiegervaters" freilich auf eine durch diese Verwandtschaft bedingte Gegnerschaft des Moises zu Bernd Levi schließen zu wollen, verbietet sich durch die Tatsache, dass dieser Isaaks Tocher Feile kaum lange vor 1618 geheiratet hatte,51 jedenfalls weit mehr als ein Jahrzehnt nach der Vorstehertagung 1603 in Frankfurt. Immerhin muss es für Moises ein sonderbares Gefühl gewesen sein, längere Zeit neben Bernd Levi, der zunächst bei seinen Schwiegereltern in Dülmen lebte,52 in der kleinen Stadt gleichsam in dessen unmittelbarer Nachbarschaft zu wohnen, das heißt neben einem Mann, dessen Vater, wie er sicher wusste, dafür verantwortlich war, dass er 1607 vor die kaiserlichen Kommissare nach Bonn zum Verhör vorgeladen worden war. Von Auswirkungen auf das gegenseitige Verhältnis der beiden jüdischen Familien erfahren wir jedoch nichts.

11. Dülmen in der Judenenquete des Kurfürsten Ernst für das Stift Münster

Wie dem auch sei - die "Rabbinerverschwörung" warf Wellen auch im Stift Münster. Ein Grund hierfür war die Tatsache, dass sich Kurfürst Ernst von Bayern, der Landesherr auch im Stift Münster, von seinem kaiserlichen Vetter Rudolf II. zusammen mit dem Kurfürsten von Mainz die Leitung der Kommission übertragen ließ, die die angebliche Verschwörung gegen Kaiser und Reich untersuchen sollte.53 Die Kopie eines Schreibens Kaiser Rudolfs II. vom 26. Februar 1606 an die Fürsten des Reiches gelangte auch nach Münster.54

Kurfürst Ernst nahm freilich in seinem Stift Münster die Gefahr der gerade auch von ihm hochgespielten Verschwörung55 nicht sehr ernst. Er vergleitete auch jetzt Juden weiter ohne irgendwelche erkennbaren Sicherheitsmaßnahmen. So verlängerte er unter anderem am 2. Januar 1607 das Geleit Isaaks in Dülmen um zehn Jahre.56 Immerhin ließ der Kurfürst die im Stift Münster lebenden Juden überprüfen. Auf Grund eines Schreibens vom 17. Januar 1607 mussten die Drosten und Rentmeister57 der 16 Ämter des Stifts die in diesen lebenden Juden melden, die erste "Judenzählung" im Ober- und Niederstift Münster überhaupt.58 Die "erkundigung" ergab, dass im Stift im ganzen wohl nur etwa zehn Familien lebten, so je zwei im Amt Sassenberg in Warendorf und im Amt Werne, in den zusammen verwalteten Ämtern Ahaus und Horstmar je eine Familie in Gemen und Borken, daneben noch einige wohl nur vorübergehend sich dort aufhaltende jüdische Existenzen, im Amt Dülmen ohne nähere Angaben "etliche",59 darunter eine Familie in Haltern.60 In der Stadt Dülmen sind damals neben Moises, dessen Geleit, wie erwähnt, 1604 um 12 Jahre verlängert worden war,61 Isaak, dessen Geleit, wie gesagt, 1607 "aufs neue" zehn Jahre weiterlief,62 und Samuel nachweisbar, der am 7. April 1604 für ebenfalls zehn Jahre nach Dülmen vergleitet wurde.63 Irgendwelche negativen Folgen der kurfürstlich angeordneten Untersuchung für die stiftmünsterischen Juden sind nicht ersichtlich.

12. Die Intervention des Moises bei der Stiftsregierung zugunsten zweier Glaubensgenossen

Von Moises hören wir erst 1616 wieder. Vor dem 15. Januar  dieses Jahres setzte er sich für seine beiden Glaubensgenossen Isaak und Jörg von Recklinghausen ein. Diese waren nach dem Tod des Salomon von Telgte in die kleine Emsstadt geeilt, um ihrem Glaubensbruder eine jüdisches Begräbnis angedeihen zu lassen.64 Salomon war seit wenigstens 1601 in Telgte vergleitet gewesen.65 Obwohl Salomon 1615 einen Begräbnisplatz in Telgte "an der muiren bii der steenporten up den wal" erworben hatte,66 sollte er nach Anweisung des Stadtrichters "an einem ungeweihten ort begraben" werden,67 offenbar ohne jüdische Beteiligung. Dem kamen Isaak und Jörg von Recklinghausen zuvor. Sie nahmen an der Beerdigung teil und begruben Salomon "auff ihre weiß und ceremonien".68 Bei der Erfüllung dieser heiligen Ehrenpflicht waren die beiden Juden wegen angeblichen Geleitverstoßes vom Rat von Telgte inhaftiert worden.

Ob mit dem hier belangten Isaak der aus Dülmen gemeint war, der, wie erwähnt, am 2. Januar 1607 in der Stadt für zehn Jahre Geleit erhalten hatte,69 ist nicht ganz sicher. Dieses Geleit war 1616 ja noch gültig. Andererseits ist am 25. Januar 1616 von einer Kaution die Rede, die Bürgermeister und Rat von Dülmen in der Angelegenheit schon geleistet hätten.70 Für wen sollte die Stadt hier bürgen wenn nicht für den in ihr vergleiteten Juden Isaak? Moises wies darauf hin, dass dessen Aufenthalt in Telgte auf Grund seines Geleites gerechtfertigt sei, was die Regierungsräte bestritten.71 Der Marschall von Velen, der am 25. Januar 1616 an der Sitzung der Statthalter-Regierung teilnahm, trug noch vor, er habe dem Rat von Telgte eine Ermäßigung der Kaution empfohlen.72 Wie man sich schließlich für Kaution und Haftentlassung des Isaak und des Jörg konkret einigte, ist aus den Akten nicht ersichtlich.

13. Moises Zugehörigkeit zum Clan des Gottschalk von Essen

Jörg von Recklinghausen war, wie die Stiftsregierung wusste, ein Neffe des Moises, Sohn von dessen Bruder Lazarus.73 Damit kann Moises einem weitverzweigten Familienclan zugeordnet werden, dem des Gottschalk von Essen. Dieser war der Vater des Moises von Dülmen. Der Clan mit Zentren in Essen und Recklinghausen hatte "Ableger" und Verbindungen bis ins Trierische, Hessische, Thüringische, an die Nordsee und mit Moises auch ins nahe gelegene Stift Münster. Gottschalk hatte neben Moises und Lazarus noch wenigstens zwei weitere Söhne, Joist und Byman, und eine Tochter namens Freudt. Vater Gottschalk und seine Söhne Joist und Bymann waren persönlich auf der eingangs genannten Hochzeitsgesellschaft in Dülmen vertreten. Für diese ist eine Gästeliste erhalten, an deren Spitze die drei Essener Juden zu finden sind.74 Die Gottschalktochter Freudt, damit auch Schwester des Moises, war mit dem ebenfalls in der Liste genannten Heyman von Recklinghausen verheiratet. Dieser wiederum besaß einen Bruder Susman, der in Windecken 25 km nordöstlich von Frankfurt lebte. Heymann und Freudt hatten wenigstens zwei Söhne, einen namens Simon, nachweisbar in Recklinghausen und später wieder in Essen. Den anderen, Levi, finden wir 1603 in Mayen im Stift Trier. Eine namentlich nicht genannte Tochter Heymanns war mit einem Emdener Juden verheiratet, die andere, Breunichen, mit Gerson Meyer (1569-1622) aus Recklinghausen, dem "schwarzen Schaf" der jüdischen Familie. Trotz umfassender theologischer Ausbildung 31-jährig im Jahre 1600 zum Christentum übergetreten, wohin ihm seine Frau nicht folgen wollte, zerstritt er sich mit der Familie, die seinen Sohn, freilich vergeblich, lange Zeit vor ihm versteckte. Christian Gerson, wie er sich nach der Taufe nannte, ging seinen Weg konsequent weiter, wurde evangelischer Pfarrer und war mit seiner Talmud-Widerlegung auch kontroverstheologisch tätig.75 Weiter wissen wir, dass Bymans Frau aus Ellrich in Thüringen stammte und die zweite Frau des Lazarus, vielleicht die Mutter des in Telgte inhaftierten Jörg von Recklinghausen, Brune hieß. Lazarus ist bis wenigstens 1623 in Recklinghausen nachweisbar.76 In der Vatersfamilie des Moises von Dülmen tut sich uns ein Netz familiärer Beziehungen auf, wie es für die "Gründerfamilien" der im 16. Jahrhundert neu nach Westfalen zuwandernden Juden wohl typisch gewesen sein dürfte. Der Clan des Sander von Korbach hatte hierfür schon in den dreißger und vierziger Jahren in Münster ein Vorbild gegeben.77 Möglicherweise erklärt die Zugehörigkeit zu der bedeutenden und weit verzweigten Familie des Gottschalk von Essen den 1607 erfolgten Zugriff der kaiserlichen Kommissare auf Moises im Zusammenhang mit der vorgeblichen Rabbinerverschwörung.

Sowohl das Verbleiben von Breunichen, wie erwähnt Enkelin des Gottschalk von Essen und Nichte des Moises, im jüdischen Glauben, nachdem ihr Mann Gerson Christ geworden war, als auch die Stellungnahme des Moises 1607 zur Autorität der Rabbiner von Frankfurt, wie schließlich das Engagement des Neffen Jörg von Recklinghausen bei der Beerdigung des Salomon von Telgte 1616 zeigen, dass die Familie als im traditionellen Sinne fromm zu gelten hat.

14. „Ungehorsam“ 1619

Von Moises von Dülmen hören wir danach erst fast vier Jahre später wieder. Am 30. Oktober 1619 befahl Kurfürst Ferdinand als Fürstbischof von Münster Heinrich Honing, dem Rentmeister von Dülmen,78 die in Dülmen vergleiteten Juden Samuel, Isaak und Moises, weil sie sich nicht rechtzeitig bei der Hofkammer als der für sie zuständigen Behörde eingestellt, sondern den Befehl dazu "in den Wind geschlagen" und die ihnen auferlegte "Anlag" missachtet hätten, mit hohen Geldstrafen zu belegen, Samuel mit 25, Isaak mit 50 und Moses mit nur 5 Goldgulden. Diese seien binnen 14 Tagen bei der rheinischen Hofkammer in Bonn zu entrichten.79

Moises erhielt eine zusätzliche Geldstrafe in gleicher Höhe auferlegt, weil er eine Reihe von Jahren ohne kurfürstliche Zustimmung medizinisch tätig gewesen sei.80 Dies war im Stift Münster in der frühen Neuzeit nichts Ungewöhnliches. Jakob von Korbach hatte seine Weitervergleitung in Münster viele Jahre über die sonst dort konsequent durchgeführte Ausweisung im Jahre 1554 hinaus Heilungserfolgen bei Mitgliedern des Domkapitels zu verdanken.81 Jakob war auch Wundarzt Bischof Franz von Waldecks gewesen.82 Für einen Juden namens Michael setzte sich die Stadt Bocholt im Jahre 1562 trotz des erst 1560 aufgerichteten Ständebeschlusses so nachdrücklich ein, dass er am 3. August 1562 ein 12 Jahre laufendes Geleit erhielt.83 Auch in der sonst Juden strikt verschlossenen Stadt Münster wurden für medizinkundige Juden immer wieder Ausnahmen gemacht.84

15. Im Dreißigjährigen Krieg

Im Jahr 1623/24 zahlte Moises als Jahressteuer, "tribut", an die Stadt Dülmen 12 Reichstaler, seine Glaubensgenossen Isaac mit acht und Samuel mit fünf Talern erheblich weniger.85 Dies war unvergleichlich viel weniger als das, was auf die drei Juden im Dreißigjährigen Krieg zukam. Dieser wirkte sich, nachdem er 1622 auf Westfalen übergegriffen hatte, auch auf die Juden aus.86 Die drei Dülmener Juden wurden besonders betroffen. Ab 11. Februar 1623 musste die Stadt Dülmen monatelange Einquartierungen kaiserlichen Kriegsvolkes hinnehmen. Hierunter hatten auch die in Dülmen vergleiteten Juden Isaak, Moises und Samuel schwer zu leiden. Dies war jedoch nicht alles. Da Dülmen wie die anderen Stiftstädte infolge der fehlgeschlagenen Rebellion gegen den Landesherrn hohe Strafsummen zu zahlen hatte,87 bat der Rat der Stadt am 4. Februar 1625 die Regierung, auch die drei Juden zur Beisteuer heranziehen zu dürfen,88 was ihm am 3. März ä des Jahres auch "proportionaliter" zugestanden wurde.89

Die Veranschlagung wurde von dem Drosten und dem Rentmeister des Amtes Dülmen durchgeführt. Unter Hinzuziehung des fürstbischöflichen Richters kamen die drei Gutachter unter Einbeziehung schon erbrachter Leistungen der drei Juden, wie sie schreiben, nach "bestem Verständnis" am 16. März 1625 zum Ergebnis, die Juden müssten für die Verpflegungskosten des Obersten Bock, des Oberstleutnants Eichstädt und des Drosten von Werl, die alle monatelang die Stadt belastet hatten, insgesamt fast 800 Reichstaler, genau 796 1/2 Taler, nachzahlen. Dabei sollte auf Isaak mit 392 1/2 Talern fast genau die Hälfte entfallen und auf Moises und Samuel 261 und 143 Reichstaler.90 Es fällt auf, dass hier die finanzielle Leistungskraft Isaaks so hoch eingeschätzt wurde wie die seiner beiden Glaubensgenossen zusammen. Dies erstaunt, hatte doch Moises bei dem erwähnten Jahrestribut 1623/24 noch um die Hälfte mehr gezahlt als Isaak. Was hinter dieser Veränderung steht, ist aus den bekannten Quellen nicht ersichtlich.

In mehreren ausführlichen Stellungnahmen an den Landesherrn, aus denen die ganze Not der Zeit spricht, wehrten sich die drei Juden gegen eine nachträgliche Umlage der Kosten für Einquartierungen und Kontributionen. Sie argumentierten, sie seien von Einquartierungen selbst nicht verschont geblieben. Dazu seien sie zu kostspieligen Einzelarrangements mit den Besatzungstruppen gezwungen gewesen und trotzdem übel schikaniert worden. So hätte etwa Isaak vier Wochen lang drei am Sabbat ins Haus gebrachte Pferde füttern müssen.91 Sie seien auch sonst über Gebühr belastet worden, etwa eben erst, als bei einer am 15. Juni  des Jahres in die Stadt kommenden Einheit von 70 Mann alle drei Juden Quartiere stellen mussten, obwohl Dülmen mehrere hundert Einwohner habe. Schließlich habe man ihnen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Pfänder abgeholt.92 Jetzt sollten sie unter Strafandrohung und Verbot, ihn, den Landesherrn, zu behelligen93 innerhalb von vier Tagen 700 Reichstaler aufbringen. Dies sei "unmueglich zu verrichten".

Die trotzdem gewagte Appellation der Juden an Kurfürst Ferdinand hatte Erfolg: Dieser ordnete am 10. Juni 1625 an, dass sie nur im selben Verhältnis wie die Bürger zu den Lasten herangezogen werden dürften.94

1631 und 1638 wurde Moises zur Feuerstättenschatzung, in den Jahren 1636-1642 jährlich zur Hausstättenschatzung in Dülmen herangezogen,95 die letzten Nachrichten über ihn. Wenn Moises 1580 schon einen eigenen Haushalt besaß und verheiratet war, damals also wohl 20 bis 25 Jahre zählte, muss er 1642 ein für damalige Zeiten uralter Mann von Anfang 80 gewesen sein. In diesem Zusammenhang gewinnt die Nachricht an Bedeutung, dass 1633 die Witwe des Moises den Jahrestribut zahlte.96 Da die Feuer- und Hausstättenschatzung an die Wohnung gebunden waren, der Tribut jedoch an die Person, erscheint es nicht ausgeschlossen, dass bei den beiden Schatzungen die Abgabe einfach fortgeschrieben wurde, während der Tribut den Wechsel der Personen berücksichtigte. Moises erreichte in beiden Zählungen jedenfalls ein biblisches Alter. Auch wenn er vor 1633 starb, war er ein Mitsiebziger.

16. Rückblick auf ein jüdisches Leben

Mit oft jahrelangen Abständen konnten wir Moises fast ein halbes Jahrhundert auf der Spur bleiben, ein ereignisreiches Leben in unruhiger gefahrvoller Zeit zwischen dem niederländisch-spanischen und dem Dreißigjährigen Krieg. Als junger Angehöriger einer in Essen ansässigen weitverzweigten Familie wurde Moises im westmünsterländischen Dülmen ansässig, eigentlich für Juden „off limits“, im ursprünglichen Wortsinn „außerhalb der Grenzen“: das Stift Münster war Juden nach dem Ständebeschluss des Jahres 1560 verschlossen und verboten. Ohne Zweifel ging Moises das mit seinem Ansässigwerden verbundene Risiko bewusst ein. Er war kaum so naiv zu glauben, das Geleit der Stadt reiche zur persönlichen Sicherheit aus. Der Mut des Neuanfangs auf schwierigem Gelände gehörte damals zur Grundausstattung der Pioniere neuen jüdischen Lebens in Westfalen und im Münsterland. Im Hintergrund spannte freilich die Großfamilie ein die Existenz sicherndes Netz.

Bis zum Januar 1581 ging die Rechnung auf. Die Wende bildete die in Dülmen angesetzte Hochzeit der Tochter seines Dülmener Glaubensgenossen Herz von Nimwegen. Wie die Verwahrung des von den Hochzeitsgästen mitgebrachten Gepäcks auch in seinem Hause zeigt, war Moises an dem Fest organisatorisch beteiligt. Wahrscheinlich waren in seinem Haus auch sein Vater Gottschalk von Essen sowie seine Brüder und sein Schwager untergebracht.

Mit der so schlimm endenden Hochzeit begannen 1581 zwölf Jahre der Unsicherheit mit der Inhaftierung der Hochzeitsgesellschaft, den Auseinandersetzungen mit der Sadt Dülmen und der stiftischen Statthalter-Regierung und den Gefährdungen durch die Kriegsläufe im niederländischen Freiheitskampf. In den 90er Jahren des Jahrhunderts erreichte Moises dann die persönliche Sicherung durch ein Geleit des neuen Landesherrn Ernst von Bayern 1593, das 1604 verlängert wurde.

Kaum in seiner geschichtlichen Tragweite dürfte Moises erfasst haben, dass er mit dem Verhör 1607 in Bonn vor den kaiserlichen Kommissaren auf Grund der angeblichen Rabbinerverschwörung in Frankfurt 1603 in eine Entwicklung von reichsgeschichtlicher Dimension hineingezogen wurde: das Scheitern der rabbinischen Initiative bedeutete das Ende eines von den Juden selbst ins Werk gesetzten Zusammenschlusses im Deutschen Reich.97 Die Territorialisierung und Zersplitterung der deutschen Judenheit wurde damit irreversibel.98 Es ist durchaus bezeichnend, dass Moises nach dem Scheitern der Frankfurter Ordnung noch mehr als früher rechtlich ausschließlich am Landesherrn orientiert war. Das Bonner Verhör zeigt, dass Moises von Dülmen als einziger Jude des Stifts Münsters zumindest am Rand an dieser Wende der jüdischen Geschichte in Deutschland beteiligt war, wohl als inoffizieller Repräsentant der münsterländischen Judenschaft.

Leicht hatte es der Dülmener auch später nicht. 1619 geriet er, weil er sich nicht rechtzeitig mit der Hofkammer in Verbindung gesetzt (und gezahlt) hatte, in wohl nur vorübergehende Schwierigkeiten. Interessant ist, dass Moises wie andere Juden im Stift Münster vor ihm und nach ihm sich medizinisch betätigte, was ihm in Dülmen und Umgebung zur Sicherung seiner Existenz geholfen haben mochte, ihn aber auch in Konflikt mit der Regierung brachte.

Ernster wurde es für Moises 1623, vier Jahre später, als der Dreißigjährige Krieg über dem Münsterland zusammenschlug und Moises mit seinen beiden Dülmener Glaubensbrüdern an den Rand des wirtschaftlichen Ruins getrieben und wiederum nur durch die Hilfe des Landesherrn, jetzt des Kurfürsten Ferdinand von Bayern, vor dem drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruch bewahrt wurde.

Dass Moises das unruhige Auf und Ab seines Lebens und seiner Zeit offenbar unbeschadet überstand, beweist Cleverness und Charakterstärke. Ohne Zweifel wusste er sich eingebettet in eine intakte Großfamilie und eingebunden in die Schicksals- und Solidargemeinschaft der deutschen Judenheit mit den rabbinischen Autoritäten in Frankfurt an der Spitze. Zwar ohne rabbinisch-talmudische Bildung, aber im Leben und in praktischer Treue zu seiner Gemeinschaft bewährt, dürfen wir uns Moises von Dülmen als einen jener jüdischen Männer vorstellen, die entscheidend dazu beigetragen haben, in schwerer Zeit jüdisches Leben in Westfalen neu aufzubauen und zu sichern. Er war ohne Zweifel dazu ausersehen, wie dies die Frankfurter Ordnung von 1603 für alle Landschaften vorsah, in Westfalen in dem Ausschuss der "Einschätzer" mitzuwirken, der für die innerjüdische Vermögensabgabe zur Finanzierung der Organisation gebildet werden sollte. Hierfür waren sicher alle westfälischen Juden vorgesehen, die in Bonn verhört wurden. In der Ordnung werden sie "Männer der Treue, der Treue zu Gott, Männer der Wahrheit und Gottesfurcht"99 genannt. Was konnten Juden damals Ehrenvolleres über einen anderen Juden sagen?

Gebrauchte Abkürzungen:

A Anmerkung(en)
E.f g. Euer furstliche gnaden
FM Fürstentum Münster
GS Germania Sacra. Historisch-Statistische Beschreibung der Kirche des Alten Reiches. Herausgegeben vom Max-Planck-Institut für Geschichte, Berlin-New York.
LA Landesarchiv
NF Neue Folge
Reg.Prot. Regierungsprotokolle
StA Stadtarchiv
StAD Stadtarchiv Dülmen
StAMs Stadtarchiv Münster
STAM Staatsarchiv Münster
Ü Überlieferung
WJ III 1 Westfalia Judaica. Quellen und Regesten zur Geschichte der Juden in der Stadt Münster, 1530 – 1650/1662, hrsg. von Diethard Aschoff, Münster 2000.

Quellenanhang

Für die Wiedergabe der folgenden durchweg ungedruckten Quellen wurden so weit wie möglich die „Richtlinien für die Edition landesgeschichtlicher Quellen“ zugrundegelegt, hrsg. von W. Heinemeyer, Marburg-Köln, Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine 1978, S. 25 – 36.

Nr. 1

Horneburg, 1587 September 24

Reinhart von Raesfeld zum Lüttinghof, kölnischer Kämmerer, geheimer Rat und Statthalter des Vests Recklinghausen, bittet die Statthalter des Stifts Münster um Schutz für die Juden Herz und Moises von Dülmen bis zum Eintreffen des Kurfürsten im Stift. Hierfür hätte er auch dessen Einwilligung erreicht.

[Anschrift] Den ehrwurdigen edelen ehrntvesten und hochgelerten hern stattheltern und regierung des stiffts Munster, meinen vielgunstigen hern und gueten freunden sambt und sonders.

Mein freundtlich dienst und willig erbietens zuvor! Ehrwurdige edele ehrntveste und hochgelerte vielgunstige heren und freunde!

Das haben Hertz und Moises, beide Juden in der stadt Dullmen seßhafft, mir zu erkennen geben, waßgestalt dieselbigen bitz anhero under E[uer] ehrw[urdigen] l[iebden] und g[un]st[en] vergleitung und versicherung iren handel und wandell in furgerurter stadt haben dreiben und uben mugen, welche innen vergunstigte zait nun auff anstehendt Michaelis [29. September ] erloschen sein soll. Und obwoll durch mich bei dem hochwurdigsten durchleuchtig und hochgebornnen, meinem genedigsten churfursten und herrn, herrn Ernstenn, ertzbischoffen zu Collen etc., um fernerer jarenn der versicherung zu begnadigen, underthenigst pitten und werben laßen, auch zu eintrettung ihrer churf[urstlichen] g[naden] landtfurstlicher regierung daselbst erhalten, so haben dannoch dieselbigen hochstermelts meins genedigsten churf[ursten] unnd herrn begnadigter freihait unnd sicherung ohn E[uer] ehrw[urdigen] l[iebden] und g[un]st[en] gunstigs furwissen [118v] nit underwinden noch gebrauchen sollen oder wollen, derhalben mich underdienstlich gebetten, innen an E[uer] ehrw[urdigen] l[iebden] und g[un]st[en] furbitlichs schreibens mitzutheilen, das auff allsolcher hochstgedachts meins gnedigsten churf[ursten] unnd herrn erhaltener genedigster begnadigung bitz zu irer churf[urstlichen] g[naden] dero endts — gunt gott — gluckfertiger ankunfft unbehindert von derselbigen genießen, ihres handels und wandels bis daran daselbst unbesperret gebrauchen mugen.

Demnach gelangt an E[uer] ehrw[urdigen] l[iebden] und g[un]st[en] mein freundfleissig pitt und begern, beiden obgemelten Juden solch ihr suchens durch diß mein furbittlichs schreibens mir allein zu sonderer genehmer willfarung zu gestatten und genießen zu laßen, sich desselbigen genoßes zu ruhmen haben und davon bei jegenwurtigen geburlich schein erlangen mugen.

Ein solchs thuen zu E[uer] ehrw[urdigen] l[iebden] und g[un]st[en] ich mich [120r] gunstig und unweigerlich getroesten und bin es umb dieselbigen sambt und sonders mitt freundtwilligen diensten und genehmen willfarungen hinwiderumb zu beschulden urbuetig und willig, E[uer] ehrw[urdigen] l[iebden] und g[un]st[en] dem allmechtigen hiemit in gluckfertiger regierung und wollstandt empfolen und gunstiger andtwurt gewertigt.

Datum Hornnenburg1) am 24. Septembris anno (et cetera) [15]87 E[uer] erw[urdigen] l[iebden] und g[un]st[en] freundtwilliger Reinhart von Raisfelt2) zum Lutkenhove3), collnischer churfurstlicher cammerer, gehaimer rhaett und stathelder des Vests Recklinckghausen (et cetera).

R. Raesfelt stathelder.

[Präsentatum:] Munster am 26. Septembris anno (et cetera) [15]87.

Ü.: STAM FM LA 39 Nr. 1, fol. 118r-v; 120r-v. Ausfertigung. Siegelabdruck sichtbar.

1) Horneburg, Dorf 7 km östlich von Recklinghausen, Verwaltungsmittelpunkt des Vests und Sitz des Kellners (Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen. Landkreis Recklinghausen und Stadtkreise Recklinghausen, Bottrop, Buer, Gladbeck und Osterfeld, bearbeitet von Johannes Körner, Münster 1929, S. 87f.).

2) Rainer von Raesfeld, Statthalter des Vests Recklinghausen 1586-1590, residierte in Horneburg. Der Statthalter wurde, als die Horneburg am 11. August 1590 von holländischen Truppen besetzt wurde, gefangen nach Döttikum abgeführt, wo er 1591 starb (ebd., S. 294-296).

3) Lüttinghof, im Norden des Stadtgebiets von Buer hart vor dem Dorf Polsum gelegen (ebd., S. 87f.).

Nr. 2

Münster, 1587 Oktober 15

Die Statthalter des Stifts Münster antworten Rainer von Raesfeld, dem Statthalter des Vests Recklinghausen. Gegenüber seiner Fürsprache für die Juden von Dülmen weisen sie auf den einhelligen Beschluss der Stiftstände hin, keine Juden im Stift zu dulden. Bürgermeister und Rat der Stadt Dülmen seien wegen Zuwiderhandelns zur Rechenschaft gezogen worden.

[Anschrift] An Reinern von Raesfelt, statthaltern des Vests Recklingkhaußen

Unser (et cetera) edler und ernvester b[esonders] gutter freundt!

Wes E[uer] l[iebden] in dato den 24. Septembris negsthin wegen fernerer verglaitung und versicherung der beiden in der statt Dulman sich verhaltender Juden bei uns in behueff derselben intercedendo gesucht (?), daz haben wir empfangen verleßen.

Ob wir nun woll E[uer] l[iebden] nit allein hirinnen, sondern in mehrern zu wilfahren urbietig, dieweill aber hiebevor uff einen gemeinen landtag durch dieses stiffts stende einhelligen beschluß verabschiedet worden, keine Juden in in diesem stifft zu verglaiten, dahero uns nit geburen, vilweiniger verantwortlich sein will, von solichem einhelligeren aller stende beschluß vor uns allein außzutretten. Dan obwoll burgermeister und raht in Dulman solichem gemeinen beschluß zuwider hiebevor ettlich und noch beide obg[emelte] Juden verglaitet, so ist aber von denselben wegen solicher contravention ein besondere abtragt1) gevordert und rechtvertigung angefangen worden, welches wir E[uer] l[iebden] hinwider in antwort mit empfellung in gott den almechtigen nit verhalten sollen.

Geben in Munster am 15. Octobris a[nn]o (et cetera) [15]87.

Verord[nete] statth[alter].

Ü.: STAM FM LA 39 Nr. 1, fol. 124r. Konzept

1) abtrag = Zahlungsleistung, Sühne durch Geldzahlung (Deutsches Rechtswörterbuch, hrsg. von der Preußischen Akademie der Wissenschaften, bearbeitet von Schröder-Künßberg, Weimar 1914, Bd. 1, S. 306f.).

Nr. 3

Horneburg, 1587 Oktober 30

Der vestische Statthalter Rainer von Raesfeld setzte sich erneut für die Dülmener Juden ein. Er bat die Statthalter des Stifts Münster, zumal ein Jude von den Holländern gefangen genommen sei, die Bürger aufzufordern, ihre Pfänder einzulösen und den Juden zur Abwicklung ihrer Geschäfte eine angemessene Zeit einzuräumen, nachdem der Gefangene freigegeben sei.

[Anschrift] Den erwurdigen, edlen, ernvesten und hochgelerten herrn stattheltern unnd regierung des stiffts Munster (et cetera), meinen gunstigen herrn und besonders gueten freunden sambt und besonders.

Mein freundtlich dienst und erpietens zuvor! Erwurdige, edele, ernveste und hochgelerte gunstige herrn und sonders guete freunde!

Obwoll E[uer] erw[urdigen] l[iebden] und g[un]st[en] auff meine fur die Juden zu Dullman beschehene intercession, deren drauff erfolgter resolution ich derhalben weiters derselbigen gantz ungern muhesamb sehen wollen, sonders in erwegung aller stendt daruber ruhmlichen beschlußes, so bin ich dannoch, weill der eine Jud inmittelst von den Statischen1) gefencklich erwischt, ab seinen zustandt daher erpetten und bewegt wordenn, nur allein zu dem endt bei E[uer] erw[urdigen] l[iebden] unnd g[un]st[en] fur die Juden zu Dullman zu intercediren daselbst bis der gefangener erledigt und durch publicum proclama[re]2) ein jeder burger sein verpfandts widerumb eingeloeßet und ire gueter zu deren hochsten schaden zu andern ungelegenen orternn nit verruckt, eine benambsame zeit daselbst noch muchten gelitten werden, inmittelst sich mit einem jedern geburlich schicken und der stende [123v] einmutiger bewilligung gehorsamen wollen. Weill dan solch der Juden underthenig pitt nit auff unfugen stehet, sondern auch den burgeren selbst, so mit innen zu thuen, zum pesten gereichtt, als ist mein freundtlich begeren, innen sothaniger undertheniger pitt nit zu enthoren [?], dan diesern meiner intercession genießen zu laßen. Solches umb E[uer] erw[urdigen] l[iebden] und g[un]st[en] in meheren freundtlich zu beschulden willig, dieselbe der allmacht gottes zu gluckfertiger regierung hiemitt empfolen.

Datum Hornenburgk3) am 30. Octobris anno (et cetera) [15]87.

E[uer] erw[urdigen], l[iebden] und g[un]st[en] freundtwilliger R. Raesfelt, stathelter.

[Präsentatum] Münster 1. Novembris a[nn]o (et cetera) [15]87.

Ü.: STAM FM LA 39 Nr. 1, fol. 123r-v. Ausfertigung. Siegelabdruck erhalten.

1) Statisch = niederländisch/holländisch, zu den Generalstaaten gehörig.

2) Bei "proclama" ist wohl die Infinitivendung zu ergänzen "Ausrufen".

3) Horneburg, vgl. Quelle Nr. 1, Anm. 1.

Nr. 4

Neuhaus, 1604 September 29

Kurfürst Ernst von Köln verlängert dem Juden Moises von Dülmen das Geleit um 12 Jahre.

Der hochwurdigster in gott und durchleuchigster furst und herr, herr Ernst, ertzbisschoeve zu Colln und churfurst, unser gnedigster herr, hait obg[emeltem] Moisenn, Juden zu Dulman, dieß sein habendes gläidt auff zwolff jahr nach dato dieses gnedigst erlengert und die zeitt wieder in iro landtsfurst[lichen] schutz unnd protection genohmmen.

Urkundt dero handtzeichens sig[natum] Neuwhauß am 29. Septembris anno (et cetera) 1604.

Ernst churfurst m[anu] p[ropria].

Ü.: STAM FM LA 39 Nr. 2, fol. 30r. Von dem Notar Rutger Fustinck beglaubigte Kopie. Anhang zum Geleitsbrief vom 8. April 1593.

Nr. 5

Das Verhör des Moises von Dülmen in Bonn 1607

Die Fragen des Verhöres sind nicht vollständig erhalten. Zum großen Teil finden sie sich aber in: Iulii Benedicti Crescentii Consilium super Iudaeorum privilegiis. Das ist außführliches rechtlichs Bedencken, ob die Juden unnd jhr grosser ungöttlicher Wucher in dem H. Röm. Reich zu gedulden, Darmstadt 1612, vorliegend in: Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt unter "Jud. 2749"

Im folgenden sind die bei Crescentius erhaltenen Artikel, auf die Moises antwortet, in eckiger Klammer vor seinen Antworten aufgeführt, die in kursiv gesetzt sind.

Bonn, 1607 Februar 19

[fol. 96r] Moyses oder Mosche von Dülmen auß dem stift Münster.

Ad 12. art[iculum].

[Crescentius S. 56f.: Deme allem aber on angesehen ist in den Geschichten zum 12. war, daß mehrgemeldte Juden in den hochmuth und untrew gerathen, daß sie unlängst abgewichenen [1]603. Jahrs in der damaligen Herbstmeß in ihrer Kay. May. und deß H. Reichs statt Franckfurt eine gemeine Versamblung und Convention der vornehmbsten Juden auß allen Kreyssen im Reich angestellet.

Antwort:] articuls innhalt habe er wol gehort, ßeie aber nicht daruber ersucht worden.

Ad 16. et 17. [articulos]:

[Crescentius S. 57: Wahr zum 16., daß sie damal unter anderm zum fleissigsten berathschlaget, wie sie sich herwider alter unverdenckliches Herkommen von I. Kays. Mayt. und andern Christlichen Obrigkeiten uber sie wol hergebrachten Iurisdiction und Gerichtszwang gänzlichen entziehen möchten.

Zum 17. wahr, daß sie iren alleinigen Tractat eignes Gefallens nur allein dahin gerichtet, wie sie ein newes unerhörtes Judenrecht mit Außschliessung aller Christlichen Oberkeiten auffsetzen und anstellen köndten.

Antwort:]

Sagt, habe die ordnung nicht sehen. [fol. 96v]

Ad 18.-30.; 33.; 36.; 38.; 41. et 42. art[iculos]:

[Bei Crescentius S. 57-59 aufgeführt; hier wegen ihrer Länge und der unergiebigen Antwort des Moises: "Cessant" nicht mit angegeben.]

Cessant.

Ad 47. [articulum]:

[Zum 47. war, daß sie darinn wegen der Müntz-, Buchtruckerey, Kleider, Wein, Brod, Panckquerotterey und Ordination ihrer hohen Rabinen oder Superintendenten, auch anderer Sachen sichere Maß und Ordnung zu machen, sich mutwillig gelüsten lassen.]

Er wisse nichts davon1), habe allein von wein drincken gehört1) unnd keine milch zue essen.

Ad 56.-64. [articulos]:

[Bei Crescentius S. 60f. aufgeführt, hier wegen der Länge und der wenig ergiebigen Antwort "Nescit" nicht aufgeführt]

Nescit.

Ad 65. [articulum]:

[Uber daß zum 65. war, daß vielgemeldte unruige pflichtvergessene Juden zween Christen mit Gelt vom Christlichen Glauben ab- und zu dem Judischen Wesen verführet haben.]

Er habe wol gehört von einem schreiners gesellen, daß derselb von einem Christen zue eim Jüden worden, ob er aber beschnitten, solches wußt er nicht.2)

Ad [articulos] additionales:

Ad 1. [articulum additionalem]:

[War, daß respondens einer namhafften Rabinerschafft unterworffen, wo die seye? Wie die heisse und genannt werde? (vgl. Crescentius S. 63, falsch paginiert S. 57).

Antwort:] Habe keinen vorsteher mehr als ihre churfurstl[iche] g[naden], unsern gnedigsten herrn zue Cöllen.

Ad 2. [articulum additionalem]:

[War, daß er seine vorgesetzte Rabinen und vornemblichen die hohe Rabbinen zu Franckfurt, Wormbs, Friedberg, Fulda und Ginßberg, vor seine höchste Obrigkeit erkenne, ob er nit selbsten ein hoher Rabiner seye, deme andere Juden zu gehorsamen schuldig seye(vgl. Crescentius S. 63, falsch paginiert S. 57).

Antwort:] Er kenne die Juden von [fol. 97r] Franckfurt inn religionssachen fur seine obrigkeit, aber inn anderen sachen niemandt anders als ihre churfurst[liche] g[naden] zue Cöln.

Ad 3. [articulum additionalem]:

[War, daß alle Juden ihrer Rabiner Urtheill und Cheram, das ist Bann, zu gehorsamen schuldig seyn (vgl. Crescentius S. 63, falsch paginiert S. 57).

Antwort:] Sagt, das sie die Juden wol in bann thun, deme wehren sie wohl zue gehorsamen schuldig, aber inn schuldtsachen nicht.

Ad 4. [articulum additionalem]:

[Ferner war, daß respondens auff der Rabinen erfordern folgen müssen, auch dickmals auff solche Schreiben gefolgt seye (vgl. Crescentius S. 63, falsch paginiert S. 57).

Antwort:] Jae seie schuldig zue folgen, doch beschicht nit.

Ad 5. [articulum additionalem]:

[Item war, daß neben andern Juden Anno [1]603 er in der Herbstmeß verschrieben gewesen und gefolgt seye und ob er den Inhalt seines Schreibens wisse und den außschreibenden Rabiner namhafft machen könde (vgl. Crescentius S. 63, falsch paginiert S. 57).

Antwort:] Seie nit dorthin uf Frankckfurt erfordert, er habe auch kein anschreiben bekommen.

Ad 6. [articulum additionalem]:

[Item war, daß er und andere Juden damaln zu Franckfurt eine Judenordnung verfassen und in das Reich haben publiciren lassen und solches an unterschiedlichen örtern (vgl. Crescentius S. 63, falsch paginiert S. 57).

Antwort:] Nescit

Ad 7. [articulum additionalem]:

[Von hier an sind die Fragen bei Cresentius nicht mehr erhalten (vgl. dort S. 63, falsch paginiert S. 57).

Antwort:] Heben niemandts von ihrentwegen uf Franckfurt geschickt, wiste auch nit den inhalt der ordnung.

Ad 8. et 9. [articulos additionales]:

Cessant.

Ad 10., 11. et 12. [articulos additionales]:

Antwort: Er verstehe die wörter nicht, dann [sic] er seye nit gelehrt.

Ad 13. [articulum additionalem]:

Sei ihme nichts darvon bewust. [fol. 97v]

Ad 14. [articulum additionalem]:

Sagt. Er seie niemahln darzue erfordert worden unddt ist ihmen auch nicht vorkommen.

Ad 15. [articulum additionalem]:

Nescit.

Ad 16. [articulum additionalem]:

Sagt, er seie lieb unndt leidt zue tragen schuldig, aber doch nach gelegenheit, nach deme es leidt sein magh.

Ü.: StA Frankfurt Ugb E. 48 K I, fol. 96r-97v.

1) in der Vorlage gestrichen

2) Am 20. August 1607 wird "Mosche Judt von Dülman" in diesem Zusammenhang noch einmal genannt. In einem Schreiben an die "kaiserliche subdelegierte herren kommissare" heißt es: "Den 65. articull belangendt wirtt selbig nach aussage Samueilis von Deutz, Mannus von Pingen, Mayers Judt, Mosche Judt von Dülman, Schmoll von Werll, Moises vorgenger zu Bingen genugsamb probirt und bewiesen" (Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien, Judicialia Miscellanea J 3 (Kasten 43) fol. 242r,). Vgl auch Press, wie Anm. 55, S. 242.

Nr. 6

1616 Januar 25

Gerd von der Recke zu Telgte fordert wegen des verstorbenen Salomon von Telgte von Moises von Dülmen eine "genugsame Kaution" für die arrestierten Juden. Man erachte aber die von Bürgermeister und Rat von Dülmen geleistete Kaution für hinreichend. Der Marschall sagte, er habe dem Rat der Stadt deswegen eine Ermäßigung der Strafe anbefohlen.

Recke zur Telgt contra etliche daselbst arrestirte Juden

Gert von der Reck supplicirte abermals wegen des verstorbenen Juden zur Telget repetendo prius [?] decretum, bittet von dem Juden Mosen genugsamb caution abzufordern. Weilen aber die von burgerm[eister] und rath zur Dulman verfertigter caution gnugsamb erfunden, sehet man nicht, was hier auff Recken zu antworten. Marschalck [von Velen] sagt dabei, er were heudt starck wegen relaxation des arrests ersucht, hette dem rahte zur Telget, weillen er die caution gnugsamb befunden, die relaxation anbevolen.

Ü.: STAM FM Regierungs-Protokolle 23, fol. 17v.

Nr. 7

Bonn, 1619 Oktober 30

Kurfürst Ferdinand von Köln befiehlt als Fürstbischof von Münster Heinrich Honing, dem Rentmeister von Dülmen, die dorthin vergleiteten Juden Samuel, Isaac und Mosche, weil sie sich nicht wie viele andere Juden rechtzeitig bei der Hofkammer eingestellt hätten, mit Geldstrafen zu belegen. Samuel soll 25, Isaac 50 und Mosche 5 Goldgulden innerhalb von 14 Tagen an die Hofkammer von Bonn entrichten, Mosche zusätzlich wegen unerlaubter medizinischer Betätigung bis Monatsende die gleiche Genugtuung leisten.

[Anschrift] Unnserm rentmeister zu Dülman unnd lieben getreven Heinrichen Honing zu Dülmen

Ferdinand von gottes gnaden ertsbischove zu Colln unnd churfurst, bischove zu Paderborn, Luttich und Munster, administrator der stiffter Hildeßheim und Berchtesgaden, furst zu Stabell, pfalzgrave bey Rhein, in Ober- und Nideren Bayern, Westphalen, Engern unnd Bullion hertzog, marggrave zu Franchimont (et cetera).

Lieber getrever! Demnach wier berichtet, daß sich die drei in unser statt Dulmen vergleidte Juden Samuel, Isaac und Mosche uff denen ihnen bestimbten unnd durch Dich angezeigtem termin bei unnser hoffcamer nit eingestelt, sondern solchem unnserm befelch schimpfflich verwindtschlaget, dahero sie unns in wolverdiente bruchten nit allein deß ungehorsamen außbleibens halber, sonder auch, daß sie sich zu der ihnen angedeiten anlag (sic) gleichs andere unnd vill arme Juden gethan, nit gehorsamblich erzeigt, gefallen, alß ist unser gestr[eng]er befelch, Du wollest bemelten Juden anzeigen, daß nemblich die wolverschuldeter straff der Samuel 25. Isaac 50 und Mosche 5 [?] goldgulden innerhalb 14 tagen a dato zu bemelter unser hoffcamer zu Bonn unfelbarlich richtig machen.

Und demnach sich Moyses Jud ein geraume zeit von jahren ohne consens der medicin gebraucht, welches ihme nit geburt, so sollestu ihmen anzeigen, daß er derntwegen noch vor ausgang dises monats1) bei gedachter unnserer rheinischer hoffcamer ebenmeßige geburende abtracht thun. An deme verrichtestu unsern zuverlessig g[e]st[rengen] willen und meinung.

Geben in unser statt Bonn, denn 30. Octobris anno [1]619.

Ad mandatum ser[enissimi] principis electoris Schillingh.

Praesentatum Dulman ahm 10. Novembris 1619.

Ü.: STAM FM LA 39 Nr. 3, fol. 6r. Ausfertigung. Siegelabdruck sichtbar.

1) gestrichen: jahreß

Nr. 8

1623/24

Die Jahressteuern der drei Dülmener Juden

Moises Jude gibt jahrlichs fur sein tribut 12 r[eichs]th[a]ler

Isaac Jude gibt jahrlichs fur sein tribut 12 r[eichs]th[a]ler

Samuell Jude gibt jahrlichs fur sein tribut 6 r[eichs]th[a]ler

Ü.: StaD, Stadt Dülmen A 655, unfoliiert (Stadtrechnung 1623/24)1)

1) Eine Fotokopie der betreffenden Seite verdanke ich Herrn Dr. Hemann, Dülmen.

1. StAD, Stadt Dülmen A 298, unfoliiert. Vgl. Eugen Leeser, Zur jüdischen Gemeinde in Dülmen, in: Albert Weskamp, Geschichte der Stadt Dülmen, Dülmen 1911, S. 182 – 190, hier S. 183f.; Diethard Aschoff, Eine jüdische Hochzeit in Dülmen im Jahre 1580 und ihre Folgen, in: Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld 28, 2003, S. 31 – 103, Druck hier im Anhang Nr. 4, S. 60 – 63.

2. StAD, Stadt Dülmen A 298, unfoliiert; Druck bei Aschoff, wie Anm. 1, Anhang Nr. 1 S. 54 – 57.

3. STAM, FM LA 30, Nr. 1a, fol. 12r; Druck bei Aschoff, wie Anm. 1, Anhang, Nr. 33 S. 98.

4. Ebd., fol. 14v; Druck bei Aschoff, wie Anm. 1, Anhang, Nr. 21, S. 83 – 85.

5. Elfi Pracht-Jörns, Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Teil IV: Regierungsbezirk Münster, Köln 2002, S. 190.

6. Diethard Aschoff, Das münsterländische Judentum bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges, in: Theokratia. Jahrbuch des Institutum Judaicum Delitzschianum 3, Leiden 1979, S. 125 – 184, hier S. 149 – 152.

7. Ebd., S. 152 – 162.

8. Ebd., S. 177f.

9. Zu ihm Wilhelm Kohl, Das Bistum Münster 7,4: Die Diözese, Berlin-New York 2004 (Germania Sacra N.F. 37, Bd. 4), S. 227.

10. STAM, FM LA 39, Nr. 1a, fol. 5f.

11. Wie Anm. 2.

12. STAM, FM LA 39, Nr. 1a, fol. 11v.

13. Ebd., fol. 4v.

14. Aschoff, wie Anm. 6, S. 178.

15. Manfred Wolf, Geschichte des Kreisgebietes von der Römerzeit bis 1815, in: Kreis Coesfeld, Dülmen 1985, S. 85.

16. StAMs, Hs. 55, fol. 36f.; Druck bei Aschoff, wie Anm. 1, Anhang, Nr. 27 S. 89.

17. STAM, FM LA 39, Nr. 1a, fol. 5r-6v; Druck bei Aschoff, wie Anm. 1, Anhang, Nr. 28, S. 90 – 92.

18. Ebd. fol. 16r-17v; Druck bei Aschoff, wie Anm. 1, Anhang, Nr. 29 S. 92 – 94.

19. Ebd. fol. 11r-12v; Druck bei Aschoff, wie Anm. 1, Anhang, Nr. 33, S. 97 – 99.

20. STAM, FM LA 39, Nr. 1, fol. 118r-v; 120r-v; vgl. unten Quellenanhang, Nr. 1.

21. Ebd., fol. 124r; vgl. unten Quellenanhang, Nr. 2.

22. Ebd., fol. 123r-v; vgl. unten Quellenanhang, Nr. 3.

23. Ebd., fol. 133r-134r; auch STAM, FM LA 39, Nr. 2, fol. 29r-30v; Druck bei Aschoff, wie Anm. 1, Anhang, Nr. 35, S. 100f.

24. Aschoff, wie Anm. 6, S. 162ff.

25. Horst Dinstühler, Die erste kurkölnische Judenordnung von 1592. Zur Situation der Juden in Kurköln am Ende des 16. Jahrhunderts, in: Geschichte der Juden im Kreis Viersen, Viersen 1991, S. 25 – 38.

26. Aschoff, wie Anm. 6, S.181 – 184; vgl. WJ III 1, Nr. 498, S. 248f.

27. STAM, FM LA 39, Nr. 2, fol. 30r; vgl. unten Quellenanhang, Nr. 4.

28. Salo W. Baron, A Social and Religious History of the Jews, Bd. 11, 2. Auflage, New York 1967, S. 271.

29. Selma Stern, Josel von Rosheim, München 1979, S. 161.

30. Sabine Frey, Rechtsschutz der Juden gegen Ausweisungen im 16. Jahrhundert, Frankfurt 1983 (Rechtshistorische Reihe, Bd. 30), S. 129.

31. STAM, FM LA 39, Nr. 1a, fol. 9r.

32. Friedrich Battenberg, Zur Rechtsstellung der Juden am Mittelrhein in Spätmittelalter und früher Neuzeit, in: Zeitschrift für Historische Forschung 2, 1979, S. 129 – 183, hier S. 140.

33. Polizey-Ordnung zu Franckfurt § 7, in: Neue und vollständigere Sammlung der Reichs-Abschiede […], in vier Theilen, bearbeitet von J.J. Schmaus und H.C. Senckenberg, Frankfurt am Mayn, 1747, hier 3. Teil, S. 390.

34. Abdruck in: Diethard Aschoff, Hamm als Vorort der westfälischen Juden und die Frankfurter „Rabbinerverschwörung“ von 1603, in: Märkisches Jahrbuch 102, 2002, S. 50 – 95, hier S. 64 – 67; vgl. Eric Zimmer, Jewish Synods in Germany during the Late Middle Ages (1286 – 1603), New York 1978.

35. Friedrich Battenberg, Die Juden in Deutschland vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhundert, München 2001, S. 12, 25.

36. Aschoff, wie Anm. 34, Anhang, Nr. 1 § 7, S. 69.

37. Ebd., S. 56.

38. Ebd., S. 42 – 80; zum Hintergrund Birgit E. Klein, Wohltat und Hochverrat. Kurfürst Ernst von Köln, Juda bar Chajjim und die Juden im Alten Reich, Hildesheim 2003.

39. StA Frankfurt, Judenschaft Ugb E 48 K, Band 1, fol. 75v-104v.

40. Neuerdings Klein, wie Anm. 38, passim.

41. Zu Lippe vgl. Klaus Pohlmann, Juden in Lippe im Mittelalter und früher Neuzeit. Zwischen Pogrom und Vertreibung 1350 – 1614, Detmold 1995 (Panu Derech — Bereitet den Weg, Bd. 13); zu Minden vgl. Bernd-Wilhelm Linnemeier: Jüdisches Leben im Alten Reich. Stadt und Fürstentum Minden in der Frühen Neuzeit, Bielefeld 2002.

42. Aschoff, wie Anm. 34, Anhang, Nr. 2, S. 71.

43. Ebd., S. 72.

44. Ebd., Anhang, Nr. 1, S. 69.

45. StA Frankfurt, Ugb E 48 K I, fol. 96r-97v; vgl. unten Quellenanhang, Nr. 5.

46. Diethard Aschoff, Frankfurt und die westfälischen Juden bis zum Dreißigjährigen Krieg, in: Gottes Wort in der Zeit: verstehen — verkündigen — verbreiten. Festschrift für Volker Stolle, Münster 2005, S. 5 – 20, hier S. 11 – 18 [im Druck].

47. Vgl. oben Anm. 2.

48. Testamentarische Verfügung Isaac Jacobs vom 1653 März 21, in: Geheimes Staatsarchiv, Preußischer Kulturbesitz Berlin, 1. Hauptabteilung, Repositur 34, Nr. 64g 2, Fasz. 3 (zitiert nach: Klein, wie Anm. 38, S. 412 Anm. 115).

49. Zu ihm zuletzt Klein, wie Anm. 38, S. 409 – 417 mit der älteren Literatur in den Anmerkungen.

50. Klein, wie Anm. 38, passim.

51. Vgl. Klein, wie Anm. 38, S. 411.

52. Ebd.

53. Klein, wie Anm. 38, passim.

54. STAM, FM LA 39, Nr. 2 fol. 3r-4v; vgl. Carl Rixen, Geschichte und Organisation der Juden im ehemaligen Stift Münster, Münster 1906 (Münsterische Beiträge zur Geschichtsforschung, N. F. 8), S. 8.

55. Volker Press, Kaiser Rudolf II. und der Zusammenschluß der deutschen Judenheit. Die sogenannte Frankfurter Rabbinerverschwörung von 1603 und die Folgen, in: Zur Geschichte der Juden im Deutschland des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, hrsg. von Alfred Haverkamp, Stuttgart 1981, S. 243 – 293, hier S. 252 – 254.

56. STAM, FM LA 39, Nr. 2 fol. 10r-v; 13r-v.

57. Zu ihnen Kohl, wie Anm. 9, S. 210 – 265.

58. STAM, FM LA 39, Nr. 2, fol. 2r; 6r-v.

59. Ebd., fol. 21r; ebd., Nr. 3, fol. 5r.

60. Ebd., Nr. 3, fol. 4r-v.

61. Ebd., Nr. 2, fol. 30r.

62. Ebd., fol. 10r-v; 13r.

63. Ebd., fol. 9r; 14v.

64. STAM, FM Reg. Prot. 23, fol. 11v; Druck bei Aschoff, wie Anm. 1, Anhang, Nr. 36 S. 102f.

65. Werner Frese, Inventar des Stadtarchivs Telgte, Münster 1957, S. 45; WJ III 1, Nr. 450, S. 219.

66. Karl-Heinz Dütting, Die Stadt — Ursprung und frühe Geschichte, in: Telgte — Buch einer Stadt, hrsg. von der Stadt Telgte, Telgte 1974, S. 27; Telgter Stadtrechnungen der Jahre 1615/16 (Stadtarchiv Telgte, A 137 und A 138); vgl. Michael Hohlstein, Jüdisches Leben in der Frühen Neuzeit, in: Geschichte der Stadt Telgte, hrsg. von Werner Frese, Münster 1999, S. 180 – 192, hier S. 183f.

67. STAM, FM Reg. Prot. 23, fol. 11v.

68. Ebd.

69. STAM, FM LA 39, Nr. 2, fol. 10r-v; 13r.

70. STAM, FM Reg. Prot. 23, fol. 17v; vgl. unten Quellenanhang, Nr. 6.

71. Ebd., fol. 11v.

72. Ebd., fol. 17v.

73. Ebd., fol. 11v.

74. STAM, FM LA 39, Nr. 1a, fol. 14v.

75. Zu Gerson vgl. Johann Jacob Schudt, Jüdische Merckwürdigkeiten, Band 4, Teil 2, Frankfurt 1717 (Nachdruck 1922), S. 294 – 303; Heinz Reuter, Die Juden im Vest Recklinghausen, in: Vestische Zeitschrift 77/78, 1978/1979, S. 119 – 156, hier S. 30 – 32; Nathanja Hüttenmeister, Art. Vest Recklinghausen, in: Germania Judaica IV, vorläufige Fassung, ungedruckt, Stand vom 18. 2. 2002, 7g: Konvertiten, S. 12 – 15; dies., Eine jüdische Familie im Spannungsverhältnis zwischen Judentum und Christentum. Der Konvertit Christian Gerson im Konflikt mit seiner jüdischen Verwandtschaft, in: Vestische Zeitschrift 99, 2002, S. 47 – 59.

76. Hüttenmeister/Vest, wie Anm. 75, 4i: Familie, S. 8.

77. WJ III 1, S. 329f.

78. Heinrich Honing hatte im Jahre 1611 seine Bestallung empfangen. Dagegen erhob das Domkapitel Einspruch, weil Honing nicht im Lande geboren sei. Dieser blieb aber trotzdem im Amt, wenigstens bis zum 26. Juli 1631 (Kohl, wie Anm. 9, S. 229).

79. STAM, FM LA 39, Nr. 3, fol. 6r; vgl. unten Quellenanhang, Nr. 7.

80. Ebd.

81. Aschoff, wie Anm. 6, S. 148f, S. 159f.

82. Vgl. Diethard Aschoff, Schicksale Korbacher Juden im 16. Jahrhundert, in: Geschichtsblätter für Waldeck 65, 1976, S. 167f.

83. Aschoff, wie Anm. 6, S. 152f.

84. Diethard Aschoff, Die Stadt Münster und die Juden im letzten Jahrhundert der städtischen Unabhängigkeit (1562 – 1662), in: Westfälische Forschungen 27, 1975, S. 84 – 113, hier S. 90f.

85. StAD, Stadt Dülmen A 655 unfoliiert; vgl. unten Quellenanhang, Nr. 8.

86. Näheres zum Krieg in Westfalen vgl. Der Dreißigjährige Krieg und der Alltag in Westfalen. Quellen aus dem Staatsarchiv Münster, Münster 1998 (Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen, Reihe C, Bd. 43).

87. Vgl. Theresia Klümper, Landesherr und Städte im Fürstentum Münster unter Ernst und Ferdinand von Bayern 1585 – 1650, Diss. Münster 1939, S. 62; vgl. auch Hermann Rothert: Westfälische Geschichte, Band 2, Gütersloh 1981, S. 144 – 146.

88. STAM, FM LA 39, Nr. 3, fol. 19r: Schreiben vom 26. Februar 1625.

89. Ebd., fol. 22.

90. STAM, FM LA 39, Nr. 3, fol. 15r-v, vgl. Rixen, wie Anm. 54, S. 36f.; Leeser, wie Anm. 1, S. 184f.

91. STAM, FM LA 39, Nr. 3 fol. 11v.

92. Ebd., fol. 12r.

93. Ebd., fol. 11r-12v.

94. Ebd., fol. 10r, Abdruck in: Dreißigjähriger Krieg, wie Anm. 86, Nr. 73, 167.

95. StAD, Stadt Dülmen, A 456 (Hausstättenschatzung 1636 – 1642).

96. StAD, Stadt Dülmen, A 394a (Einnahmeregister der Stadtrechnung von 1633).

97. Press, wie Anm. 55, S. 293.

98. Battenberg, wie Anm. 35, S. 25.

99. Aschoff, wie Anm. 34, S. 67.

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