Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2004

Ludger Hillermann

Nach 65 Jahren wieder in Dülmen

Zu Hause ist sie in Buenos Aires, doch ihre Geburtsstadt ist Dülmen. Lisel Wohl geb. Cahn war 11 Jahre alt, als sie 1938 zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Argentinien ausreisen durfte.

Auf Einladung des Heimatvereins kam sie im Januar 2004 mit ihren Töchtern Gaby und Claudia, die in Israel leben, erstmals wieder nach Dülmen. Auch Günter Pins mit seiner Ehefrau Lili besuchte unsere Stadt. Er war seit 1945 mehrmals in Dülmen, zuletzt 1988. Frau Becker-Leeser reiste als Tagesgast aus den Niederlanden an.

Verschiedenen Umständen ist es zu verdanken, dass es zu dieser Einladung kam. Im Jahre 2002 hatte der Lehrerverband Bildung und Erziehung am Beispiel Münster dargestellt, wie der Exodus der Juden und der Holocaust im Unterricht vermittelt werden können. Unter dem Dach des Heimatvereins wurde eine Arbeitsgruppe gebildet, die sich des Themas für Dülmen annehmen wollte. Mitglieder dieser Arbeitsgruppe sind: Das Ehepaar Gisela und Theo Schwedmann, das Ehepaar Heidi und Dr. Roger Droste, Dr. Friedrich-Wilhelm Hemann vom Stadtarchiv, Dr. Dieter Potente, Christian Vogt, Wolfgang Werp und Ludger Hillermann.

Die Aufarbeitung der Geschichte ehemaliger jüdischer Mitbürger hatte sich vor einiger Zeit auch die 14-jährige Schülerin Frauke Heidemann vom Clemens-Brentano-Gymnasiums zum Ziel gesetzt. Angeregt durch ihre Lehrerin Christine Ahrendts machte sie sich auf die Suche nach Materialien. Mit ihrer Dokumentation „Weggehen — Ankommen. Als Dülmen für seine jüdischen Mitbürger nicht mehr Heimat sein wollte“ nahm sie am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten im Schuljahr 2002/2003 teil. Die Arbeit wurde ausgezeichnet. Während ihrer Recherchen stieß sie auf den Namen Lisel Cahn. Und tatsächlich fanden sich in Dülmen ehemalige Mitschülerinnen und Freundinnen. Dank der Hilfe von Frau Becker-Leeser gelangte sie in den Besitz der Anschrift von Lisel Cahn, heute Frau Wohl. Zwischen der Jugendlichen in Dülmen und der mehrfachen Großmutter in Argentinien entwickelte sich ein reger E-mail-Kontakt, aus dem immer stärker deutlich wurde, dass die inzwischen verwitwete Lisel Wohl gerne einmal Dülmen wiedersehen würde.

Durch Vermittlung von Dr. Roger Droste fand Frauke Heidemann zum Arbeitskreis. Bald stand der Entschluss fest, die ehemaligen Dülmener einzuladen. Gelöst werden musste nur die Frage der Finanzierung. Spenden aus der Dülmener Bevölkerung und ein Zuschuss der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ in Berlin ermöglichten den Besuch.

Theo Schwedmann, der für Lehrer aus Nordrhein-Westfalen Seminare in Israel organisiert, schlug als Termin den Holocaust-Gedenktag im Januar 2004 vor. Am 26. Januar 2004 konnte der Bürgermeister unserer Stadt, Jan Dirk Püttmann, die Gäste aus Argentinien und Israel begrüßen. An diesem Morgen erklärte Frau Wohl: "Wir wohnen am anderen Ende der Welt. Freunde in Buenos Aires haben mir geraten, nicht nach Deutschland zu fahren. Was willst Du Dich da einmischen? Doch meine Meinung stand fest, die Jugend soll aus erster Hand erfahren, was passiert ist."

Lisel Wohl mit ihrenTöchtern und Günter Pins mit seiner Ehefrau wurden von Bürgermeister Jan Dirk Püttmann offiziell im Rathaus begrüßt.
Lisel Wohl mit ihren Töchtern und Günter Pins mit seiner Ehefrau wurden von Bürgermeister Jan Dirk Püttmann offiziell im Rathaus begrüßt. Anwesend waren Vorstandsmitglieder des Heimatvereins mit dem 1. Vorsitzenden Ludger Hillermann, Theo Schwedmann von der Johann-Gutenberg-Schule, Frauke Heidemann und Stadtarchivar Dr. Friedrich-Wilhelm Hemann.

Am Nachmittag dieses ersten Besuchstages stellte Stadtarchivar Dr. Hemann den Gästen aus Argentinien und Israel das heutige Dülmen vor. Der Stadtrundgang führte auch zum jüdischen Friedhof. Günter Pins besuchte mit seiner Frau Lili das Grab der Großeltern. Lisel Wohl suchte mit ihren Töchtern das Grab des Großvaters auf.

An den folgenden drei Tagen besuchten die Gäste fünf Dülmener Schulen. Über die Bereitschaft der Zeitzeugen mit den Jugendlichen unserer Stadt zu sprechen, freuten sich die Veranstalter sehr. Der direkte Bezug ermöglichte den jungen Menschen, sich ein eigenes Bild dieser schrecklichen Zeit zu machen, um dann ihr Handeln danach ausrichten zu können.

Am Dienstag, dem Holocaust-Gedenktag, war auch Frau Helga Becker-Leeser aus den Niederlanden nach Dülmen gekommen. An diesem Tag kam es nach 65 Jahren zu einem Wiedersehen zwischen Lisel Wohl und Helga Becker-Leeser. Höhepunkt dieses Tages war das Zeitzeugengespräch am Abend in der Alten Sparkasse. Überwältigend war die Teilnahme der Dülmener Bevölkerung. Lisel Wohl, Helga Becker-Leeser und Günter Pins berichteten zunächst über ihren Weg von Dülmen in die Fremde. "Sie berichten auch aus Erinnerungen, die schmerzlich waren. Davor habe ich großen Respekt", fasste Bürgermeister Jan Dirk Püttmann zusammen. "Und so werden es wohl viele empfunden haben."

Dass, was in der NS-Zeit passiert ist, ist aus heutiger Sicht nicht vorstellbar. Bei den Zuhörern lösten die Berichte große Anteilnahme aber auch Beklommenheit aus.

Durch die geschickte Moderation von Dr. Dieter Potente wurde eine Brücke geschlagen, so dass auch aus dem Publikum Zeitzeugen von ihren Erinnerungen und Erlebnissen berichteten.

Ein weiterer Höhepunkt des Besuchsprogramms war die Begegnung mit den ehemaligen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden. Schon nach der ersten Presseveröffentlichung meldeten sich Bekannte, die um eine persönliche Begegnung baten. Dieses Wiedersehen fand am Mittwochnachmittag im Hotel „Wildpferd“ statt. Die Tische Pins und Cahn waren vorbereitet. Bei einigen spontane, große Freude, bei anderen dauerte das Wiedererkennen länger. Erlebnisse, Erinnerungen an Bekannte, Freuden und Leiden aus einer Zeit vor über 60 Jahren wurden ausgetauscht. Das intensive Gespräch musste schließlich abgebrochen werden, da auf die Gäste der nächste Termin wartete.

Von den Mitgliedern des Arbeitskreises wurden die Gäste am Samstagmorgen im Hotel Preun verabschiedet .Zunächst wurde noch einmal die Entstehungsgeschichte und der Verlauf des Besuches dargestellt und der Dank an die Spender und die aktiven Helfer ausgesprochen. Die entscheidenden Sätze dieses Morgens fasste die Dülmener Zeitung die Gefühle treffend unter der Überschrift zusammen: Sie waren uns fremd und jetzt haben wir fünf neue Freunde. - Die Begegnungen waren geprägt von Herzlichkeit und Wärme.

Für den Arbeitskreis unter dem Dach des Heimatvereins ist die Arbeit nicht abgeschlossen. Der Besuch aus Argentinien und Israel und eine Befragung von Zeitzeugen aus Dülmen werden aufgearbeitet und veröffentlicht werden. Es soll eine Handreichung entstehen, den Exodus der Dülmener Juden und den Holocaust zu bearbeiten und zu verarbeiten.

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