Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2004

Wolfgang Werp

Neuerscheinungen

Wolfgang Stelbrink, Die Kreisleiter der NSDAP in Westfalen und Lippe. Versuch einer Kollektivbiographie, Münster 2003 (Veröffentlichungen der staatlichen Archive des Landes Nordrhein-Westfalen, Reihe C, Bd. 48).

Im Rahmen der wissenschaftlichen Aufarbeitung der westfälischen Regional- und Ortsgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus nimmt die Veröffentlichung von Wolfgang Stelbrink einen wichtigen Platz ein. Es ist das Verdienst des Verfassers, im vorliegenden Werk ein schier endloses Materialangebot verschiedenster Archive, Bibliotheken und anderer Fundstellen zu einem Thema gebündelt zu haben. Das biographische Handbuch erschließt dem Leser einen Teilbereich der Quellen zur Geschichte der NS-Zeit, hier speziell über die Kreisleiter der NSDAP-Gaue Westfalen-Nord und Westfalen-Süd. Dabei wird aber nicht nur das Agieren der „Funktionselite“ in der Zeit zwischen 1933 und 1945 untersucht, sondern auch deren Vor- und Nachgeschichte einer ausführlichen kritischen Betrachtung unterzogen.

Nach den Vorstellungen der Parteispitze war den Kreisleitern ein besonderer Stellenwert zum Ausbau und der Erhaltung der nationalsozialistischen Herrschaft vor Ort vorbehalten. Wenn auch die Aufgaben und Einsatzschwerpunkte dieser „politischen Leiter“ im Laufe der Zeit Veränderungen unterlegen haben und natürlich die regionalen Aktivitäten unterschiedlich ausgeprägt waren, so gab es nach der Darstellung des Verfassers doch den Typ des Kreisleiters, der sich im Laufe der Stabilisierung der NS-Herrschaft etablierte. Er hatte im Wesentlichen drei Aufgabenbereiche: Zunächst fungierte der Kreisleiter innerhalb der Partei als Vorgesetzter aller Mitglieder und nachgeordneten Funktionäre. So war er wesentlich an der Berufung und Abberufung der Ortsgruppenleiter beteiligt. Schnell wurden seine Zuständigkeiten als formeller und informeller Ansprechpartner bzw. Koordinator aller Kommunen und anderer staatlicher Institutionen im Kreisgebiet wichtige Eckpunkte kommunalen Handelns. Er wirkte nach der Deutschen Gemeindeordnung von 1935 als „Beauftragter der NSDAP in der Gemeinde“ bei der Berufung von Bürgermeistern, Beigeordneten und Gemeinderäten mit. Er gab Stellungnahmen zu Personen ab und wurde auf diese Weise immer mehr zum Gegenpol der Verwaltungsleiter wie den Bürgermeistern und Landräten. Schließlich sind seine Funktionen gegenüber der Kreisbevölkerung zu nennen, wobei die nationalsozialistische Indoktrinierung und die Überwachung bis zur Einschüchterung der Kreisbewohner hervorzuheben sind. Hinzuweisen ist hier beispielhaft auf die zahlreichen Denunziationen, die über die Kreisleiter an die Gestapo geleitet wurden. Im Laufe der Herrschaftsjahre des Regimes ergab sich durch zusätzliche Aufgaben als „Kreisverteidigungskommissar“ unter der Ebene des Gauleiters ein erheblicher Zuwachs an Einfluss und Machtfülle.

Erst in den letzten Jahren konnte auch diese mittlere Hierarchie-Ebene durch zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen eine ausführliche Durchleuchtung erfahren. Für den westfälischen Raum ist es dem akribischen Quellenstudium des Verfassers zu verdanken, dass die Lebensschwerpunkte der späteren Kreisleiter, die soziale Struktur ihrer Elternhäuser, ihre Schulbildung und Berufstätigkeit bis 1933, ihr Weg in die nationalsozialistische politische Tätigkeit sowie ihr Lebensweg nach 1945 einschließlich etwaiger Spruchkammer- und Entnazifizierungsverfahren exemplarisch dargestellt wurden. Dabei verwundert das abschließende zusammenfassende Ergebnis des Verfassers nicht, wonach auch die Gruppe der Kreisleiter nach 1945 „ein Paradebeispiel für die schon oft thematisierte und kritisierte nahtlose Integration der politisch Belasteten in Staat und Gesellschaft der Nachkriegszeit“ darstellt.

Um eine möglichst vollständige Erfassung aller Amtsträger zu erreichen, wurde entsprechend der unterschiedlich gesicherten Quellenlage von den Partei- und Entnazifizierungsakten im Bundesarchiv Berlin und Koblenz über die Personalakten staatlicher und kommunaler Archive bis zur regionalen und örtlichen Tagespresse auf alle verfügbaren Materialien zurückgegriffen. Unter diesen Prämissen sind die Kurzbiographien von 142 Kreisleitern bei der Untersuchung herangezogen und mit einer Vielzahl von tabellarischen Daten und Querverbindungen ausgewertet worden.

Allerdings kann der interessierte Leser von dieser Untersuchung keine vollständige Lebensgeschichte und umfassende Analyse der nationalsozialistischen Aktivitäten einzelner Kreisleiter und deren individueller Herrschaftspraxis erwarten, da eine solche Gesamtdarstellung den Ansatz des Verfassers in einer Kollektiv-Biographie gesprengt hätte. Dennoch geben die im biographischen Teil des Werkes trotz der unterschiedlich gesicherten Quellenlage vorgestellten Lebensdaten der Kreisleiter deutliche Einblicke. Für ergänzende, an örtliche Funktionsträger angelehnte lokale Einzeluntersuchungen bietet sich hier eine Fundgrube an Materialien und für zeitgeschichtliche Studien ein weites Spektrum, um diesen Teilbereich der Epoche nationalsozialistischen Unrechts, der von der älteren Bevölkerung immer noch schmerzhaft mit bestimmten Personen in Verbindung gebracht wird, ausführlich zu erforschen.

Der Kreis Coesfeld, hg. von Heinz Heineberg und Klaus Temlitz, Münster 2000 (Städte und Gemeinden in Westfalen, Bd. 7).

Die Geographische Kommission für Westfalen hat seit 1994 in mehreren Bänden die Städte und Gemeinden sechs westfälischer Kreise im Einzelnen in Wort und Bild vorgestellt. Im Rahmen dieser erfolgreichen Reihe ist auch der vorliegende stattliche, mit viel Bildmaterial, Karten und Übersichten aufgelockerte Text- und Bildband über den Kreis Coesfeld ein würdiger Nachfolger in der Galerie der Darstellungen über die Kreise Coesfeld/Lüdinghausen und seine Hauptorte vor der kommunalen Neugliederung im Jahre 1975. Er setzt die Gesamtvorstellung des Kreises Coesfeld in dem opulenten Text- und Bildband aus dem Jahre 1985 mit anderen Schwerpunkten fort. Beispielhaft für die positive wirtschaftliche Entwicklung des Kreisgebietes wird in der Einleitung auf die Zunahme der Beschäftigtenzahlen seit der kommunalen Neuordnung um 60 Prozent hingewiesen. Zudem kann der Leser in den verschiedenen Rubriken vielfältige Gründe für diese Entwicklung von den attraktiven Lebensbedingungen bis zur günstigen Verkehrsanbindung des Kreises eindrucksvoll nachvollziehen.

Für die Dülmener bietet sich eine interessante kurze Gesamtschau: Philipp Scholz vom Fachbereich Stadtentwicklung der Stadt Dülmen ist es auf knapp 13 Seiten gelungen, die Lage, Entwicklung, Ausstattung und planerische Weiterentwicklung der Stadt Dülmen einschließlich ihrer Ortsteile mit ausgezeichnetem Bildmaterial treffend zusammenzufassen und so zu einem interessanten Vergleich mit älteren Darstellungen anzuregen. Hieraus lassen sich die großen Veränderungen, wie z. B. durch die Neugestaltung des Bendix-Viertels oder der Planungen im Stadterweiterungsbereich Dernekamp, markant herausheben. Ähnlich werden die Entwicklungen der umliegenden Städte und Gemeinden vorgestellt. Die anspruchsvolle Aufmachung des Gesamtwerkes lädt zu kurzweiliger, aber lehrreicher Lektüre ein.

Karl Hullermann, Peter Hornig und Karlheinz Hagenbruch, Dülmen, Coesfeld 2002 (Alte Ortskerne leben auf. Entwicklung, Zerstörung, Wiederaufbau und Ausbau in zentralen Orten des Kreises Coesfeld 1945-2000, Bd. 3).

Wie schon vielfach dargestellt und erörtert haben sich auch die Gemeinden des Kreises Coesfeld in den vergangenen Jahrzehnten erheblich ausgedehnt und verändert. Mit dem Bevölkerungswachstum und steigenden Einwohnerzahlen im ländlichen Bereich ging ein erheblicher Landverbrauch einher. Diese Entwicklung hat natürlich auch die alten Ortskerne wesentlich beeinflusst und ihre Gestalt verändert. Mit den hieraus erwachsenen gestalterischen Aufgaben und Veränderungen befasst sich die vorliegende Schriftenreihe des Kreisheimatvereins Coesfeld. Nach den bereits erschienenen Untersuchungen über die Gemeinden Billerbeck und Senden wird in dem Dülmen gewidmeten dritten Band den Nachkriegsentwicklungen rund um den Stadtkern nachgegangen.

Dem Herausgeber ist es gelungen, mit Karl Hullermann und Peter Hornig erfahrene Dülmener Experten zur Feder greifen zu lassen, die nicht nur auf das vorliegende Quellenmaterial angewiesen waren, sondern insbesondere ihre langjährigen eigenen Erfahrungen in der Dülmener kommunalen Arbeit nutzen konnten. Beide zeichnen in eindrucksvollen Berichten und Bildern die Geschichte des Dülmener Ortskerns, die Zerstörungen durch die Kriege und die Nachkriegsentwicklungen sowie den weiteren Ausbau Dülmens bis zum Jahre 2000 nach. Auszüge aus Bebauungsplänen, zeichnerische Darstellungen der innerstädtischen Verkehrsströme und der städtebaulichen Rahmenplanung für die Entwicklung der Innenstadt sind beigefügt und dienen dem weiteren Verständnis. Eine Kurzchronik rundet die gelungene Gesamtdarstellung ab.

Joseph Lammers und Karlheinz Hagenbruch, Coesfeld, Coesfeld 2004 (Alte Ortskerne leben auf. Entwicklung, Zerstörung, Wiederaufbau und Ausbau in zentralen Orten des Kreises Coesfeld 1945-2000, Bd. 4).

Als vierter Band der oben besprochenen Reihe ist nun auch die Darstellung der Entwicklung der Coesfelder Innenstadt im Wandel der Zeiten vorgelegt worden. Die Autoren haben in vier übersichtlich gegliederten Kapiteln mit detaillierten Beiträgen den Ortskern von Coesfeld unter die Lupe genommen: Mit Berichten von Zeitzeugen wird an die schlimmen Zerstörungen durch die Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg und die späteren Enttrümmerungsarbeiten erinnert. Es folgen Berichte vom Ausbau der Innenstadt, den Planungen der Gymnasien, des Berufskollegs, des Krankenhauses, der Gebäude der Kreisverwaltung bis zur Gestaltung der Verkehrswege und Grünflächen. Außerdem werden in Wort und Bild historische Gebäude wie die Kirchen, das Stadtschloss, das Rathaus und die Wohnbebauung der alten Straßenzüge im Wandel der Zeiten vorgestellt. Schließlich bietet das Buch Einblicke in neuere Investitionen wie den Bau der Kupferpassage, die Neugestaltung des Marktplatzes und der Fußgängerzone.

Geschichtsblätter des Kreises Coesfeld, hg. vom Kreisheimatverein Coesfeld, 28. Jahrgang, 2003.

Allein wegen der hervorragenden Abhandlung von Prof. Diethard Aschoff, einem der renommiertesten Erforscher der Geschichte des Judentums in Westfalen, über „Eine jüdische Hochzeit in Dülmen im Jahre 1580 und ihre Folgen“ lohnt sich die Lektüre der neuesten Ausgabe der Geschichtsblätter.

Der Verfasser greift in seiner grundlegenden und mit einer Fülle von erstmalig veröffentlichten Originaltexten alter Urkunden aus dem Stadtarchiv Dülmen und dem Staatsarchiv Münster bereicherten Dokumentation eine schon von Dr. Eugen Leeser in seinem Beitrag „Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Dülmen“ in der Festschrift von Weskamp „Geschichte der Stadt Dülmen 1311 – 1911“ (S. 182 – 190) dargestellte Auseinandersetzung zwischen dem Drosten des Amtes Dülmen, der Stadt Dülmen und dem Landesherrn auf. Dabei ging es um die Gefangennahme einer im Jahre 1580 von weit her nach Dülmen angereisten jüdischen Verwandtschaft, die sich hier zu einer Hochzeitsfeier eingefunden hatte. Hintergrund der Streitigkeiten war die Missachtung von im Stift Münster geltenden Ständebeschlüssen durch die Stadt Dülmen, indem sie zwei jüdischen Familien gegen elf Reichstaler für zwölf Jahre Aufenthaltsrechte rund um Dülmen eingeräumt hatte. Da man anderenorts im Stift ähnlich verbotswidrig gehandelt hatte und auch in benachbarten Gemeinden Juden lebten, brachte das Verhalten der Dülmener das Fass zum Überlaufen. Die Münsteraner Obrigkeit griff daher auch zur Überraschung der Dülmener zu, als die Hochzeitsgäste „zum nicht geringen Ärgernis der Christen ihre jüdischen Zeremonien“ draußen feierten. Die ganze Hochzeitsgesellschaft wurde festgenommen. Es entspann sich ein langwieriger Streit um die Haft der jüdischen Gäste, die Freigabe von beschlagnahmtem Reisegut, die Zahlung von Lösegeld, die Suche der Verantwortlichen Dülmener und deren Bestrafung, bis hin zur Anrufung etlicher gerichtlicher Instanzen. Erst 1593 war der Fall abgewickelt und die Ausweisung der Juden aus dem Stift Münster abgewendet. Nach Aschoffs Ansicht wirft das beigefügte umfangreiche Quellenmaterial aus den verschiedenen Archiven ein bezeichnendes Licht auf die Statthalterregierung im Stift Münster wie auch die Eigenmächtigkeiten damaliger Drosten und Landstädte.

Die einschließlich Anmerkungen und Quellenanhang 74 Seiten umfassende Gesamtdarstellung bietet einen spannenden Teilaspekt der Geschichte der Juden in Dülmen nur wenige Jahrzehnte vor dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges. Sie stimmt aber auch nachdenklich im Blick auf aktuelle Debatten um Bleiberechte von Minderheiten. Dankenswerterweise hat der Verfasser seine Ausführungen Frau Helga Becker-Leeser gewidmet, „die einer jahrhundertelang in Dülmen ansässigen jüdischen Familie entstammt, deren Ahnherren vielleicht unter den in diesem Aufsatz behandelten Dülmener Juden waren“.

Auch die anderen Beiträge des Heftes verdienen interessierte Leser. So berichtet Dagmar Drovs in ihrer Untersuchung „Zechor — Erinnere Dich! Die jüdischen Familien in Billerdeck von den Anfängen bis zur Shoa“ auch über die Geschichte der Familien Bendix in Billerbeck, deren Nachfahre Moses Bendix bekanntlich etwa 1823 nach Dülmen kam und den Dülmener Zweig der Textilfamilie Bendix begründete. Die Geschichtsblätter werden mit Beiträgen zur Coesfelder und Olfener Ortgeschichte wie auch mit einer Jahreschronik des Kreises Coesfeld abgerundet. Alles zusammen ein wahrer Lesegenuss!

Jahrbuch Westfalen 2005, hg. vom Westfälischen Heimatbund, Redaktion: Peter Kracht, Münster 2004.

Im diesjährigen Jahrbuch wird ein themenreicher Strauss bunter Artikel aus vielen westfälischen Regionen angeboten. Er reicht vom Münsterland im Norden zum Siegerland im Süden und von der Weser im Osten bis zum nahen Ruhrgebiet im Westen. Vorgestellt wird das blühende Land durch den abwechslungsreichen Blick auf und von ausgewählten „Aussichtspunkten in Westfalen“, die u.a. vom Longinusturm bei Nottuln über den Astenturm im Hochsauerland, den Dortmunder Fernsehturm und das Kaiserdenkmal bei Porta Westfalica bis zum Wasserturm in Ahlen reichen. Das Ganze wird dekoriert mit Berichten über Museen in Westfalen und mit Gedichten sowie Elegien westfälischer Poeten. Auch in diesem Jahr eine vergnügliche Lesereise für besinnliche Winterabende.

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