Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2004

Ludger Hillermann

Seligsprechung in Rom

Anna Katharina Emmerick wurde am 3. Oktober 2004 im Rom selig gesprochen. Ein hundertjähriger Prozess war beendet. Der Nonne von Dülmen sind die Menschen zu ihren Lebzeiten und nach ihrem Tod mit großer Zuneigung aber auch mit Unbehagen und Zweifeln begegnet. Bis heute gibt es glühende Verehrer und scharfe Kritiker der Emmerick. Die Schilderung der Feierlichkeiten in Rom soll daher mit einem kurzen Rückblick beginnen.

Am 9. Februar 1824 starb Anna Katharina Emmerick in Dülmen. Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde sie am 13. Februar auf dem neuen Friedhof vor der Stadt (heute Heilig-Kreuz-Kirche) begraben. Es wird berichtet, dass nicht nur die Eingesessenen — alle Priester, Schulkinder, Bürger und Arme — sondern auch die Menschen aus den Nachbargemeinden zur Beerdigung kamen.

Umstritten und verehrt

Im April 1812 mussten alle Schwestern durch eine Verordnung Napoleons das Kloster verlassen. Der französische Abbé Lambert, der Hausgeistlicher im Kloster gewesen war, mietete eine bescheidene Wohnung gleich um die Ecke bei der Witwe Roters und nahm Anna Katharina zu sich. Nachdem Anna Katharina Emmerick seit längerem an Schmerzen der Wundmale gelitten hatte, brachen diese Ende 1812 äußerlich sichtbar durch und bluteten. Sie versuchte zunächst diese Erscheinung zu verbergen. Durch eine Indiskretion ihrer Mitschwester Klara Söntgen wurde die Sache bekannt. Der junge Arzt Dr. Franz Wilhelm Wesener, skeptisch und ungläubig, hörte davon am 21. März in einer Abendgesellschaft. Die Emmerick war zum Stadtgespräch geworden. Die Nonne vom Agnetenberg war auch in ihrer Krankheit zu den Dülmener Mitbürgern freundlich und hilfsbereit gewesen. Sie standen zu ihr. Die städtische Obrigkeit jedoch zeigte sich irritiert und wollte geklärt wissen, was es mit diesen blutenden Wunden auf sich hatte.

Zunächst zuständig waren die Priester. Dechant Rensing, ebenfalls sehr unsicher, suchte Rat beim Generalvikar in Münster. Der kam mit seinem besten Theologen Bernhard Overberg und dem Arzt Prof. Dr. Druffel nach Dülmen. Es wurde eine kirchliche Untersuchung angeordnet, die kein Selbstverschulden der Emmerick ermitteln konnte.

Für den noch nicht dreißigjährigen Amtsphysikus Dr. Wesener waren die Stigmata und Ekstasen religiöser Fanatismus und Betrug. Er bat den Kollegen Dr. Krauthausen und den Beichtvater Limberg um einen Besuch bei der Kranken mit dem Ziel, sie als Betrügerin zu entlarven. Das Ergebnis: Meine Erfahrung sagte mir über dergleichen Zustände nichts, und meine Erwartung, durch einen imposanten Eingriff einem entlarvten Fanatismus die Maske abzuziehen, war gescheitert; ich war in einer inneren Bewegung, behielt aber Ungewissheit, Argwohn und Mut genug, um die Sache genauer und schärfer anzuschauen. 1 Der Arzt musste erkennen, dass das Krankheitsbild medizinisch nicht zu erklären war.

Wie sehr die Menschen erregt und bewegt von der Frage waren, ob die Emmerick ein von Gott begnadeter Mensch oder eine Betrügerin sei, zeigen zahlreiche Publikationen zu ihrer Lebzeit.

Der im Westen neu formierte preußische Staat ordnete eine Untersuchung an, die vom ersten Coesfelder Landrat Clemens von Bönninghausen durchgeführt wurde, denn in Berlin hielt man die Vorkommnisse in Dülmen für Betrug und Täuschung. Im August 1819 wurde Anna Katharina Emmerick unter Polizeischutz in das Haus des Hofkammerrates Mersmann gebracht und dort drei Wochen lang streng bewacht und untersucht. Der lange Abschlussbericht des Landrates vom 26. Oktober 1819 zeigt, dass Anna Katharina Emmerick kein eigenmächtiges Handeln nachgewiesen werden kann.2

Emmerick-Grab aufdem Friedhof an der Lüdinghauser Straße geschmückt mit Tannengrün und Rosen.
Emmerick-Grab auf dem Friedhof an der Lüdinghauser Straße geschmückt mit Tannengrün und Rosen.

Der Bericht wurde im Verlag des Rheinisch Westfälischen Anzeigers veröffentlicht. Im Vorwort schreibt der Herausgeber: Der Gegenstand dieser kleinen Schrift, die Wundmale an der Jungfer A.C. Emmerichm hat seit Jahren die Gemüther in vielen Gegenden Westfalens so wie in einem bedeutenden Theile der Rheinlande und Hollands bewegt. Ein lebhafter literarischer Streit hatte darüber begonnen, der sich stufenweise auch in unsre vaterländische Zeitschrift, den Rheinisch Westfälischen Anzeiger, verbreitete, und dort besonders seit dem Beginn einer amtlichen Untersuchung mit großer Lebhaftigkeit und Bitterkeit geführt wird.3

Über den Gallitzin-Kreis in Münster fand schon im Jahre 1813 der Jurist, Gesandte und Schriftsteller Leopold Graf zu Stolberg den Weg zur Emmerick. Er kam mit Frau und Tochter. Stolberg war so fasziniert, dass er einen langen Brief an seine Freunde und Bekannten in Holland und Frankreich schrieb. Christian Brentano berichtete er in einem Schreiben aus dem Jahre 1817: Was die Begnadigte in Dülmen betrifft, so bin ich der sicheren Hoffnung, dass sie ein Gegenstand außerordentlicher Erbarmung Gottes ist, so auch ein Werkzeug außerordentlicher Erbarmung sein werde. Mag sie vielen zum Stein des Anstoßes werden, so werden denn auch viele Augen und Herzen sich öffnen.4

Clemens Brentano, der zur deutschen Elite gehörte und mit zahlreichen prominenten und berühmten Menschen verwandt und befreundet war, kam 1818 aus Berlin nach Dülmen und blieb mit wenigen Unterbrechungen bis zum Tod von Anna Katharina im Jahre 1824. Er suchte eine neue Orientierung für sein Leben. Seinen Veröffentlichungen ist der hohe Bekanntheitsgrad von Anna Katharina zu verdanken. Seine Bücher sorgten aber auch für Auseinandersetzung und Diskussion.

Schon bald nach dem Tod der Emmerick begann in Dülmen ihre Verehrung. Zu ihrem Grab kamen Menschen aus Dülmen und Umgebung, selbst aus verschiedenen deutschen Ländern und dem europäischen Ausland. Im Jahr 1858 wurde das Grab als Tonnengewölbe gestaltet und ein Denkmal errichtet Die Kosten übernahm eine römische Gräfin. Ein Essener Emmerick-Verehrer, der jährlich zum Grab pilgerte, schenkte bei seinem vierzigsten Besuch den Korpus für das Kreuz auf dem Grab.

Der Prozess

Im Jahre 1891 begannen die Vorbereitungen für den Seligsprechungsprozess, die Prozessakten wurden 1899 nach Rom geschickt. 1928 legte die römische Behörde die Untersuchungen zu den Akten, die causa Emmerick wurde nicht weiter verfolgt. Gründe dafür wurden vom Vatikan nicht mitgeteilt. Vermutungen gehen dahin, dass die Veröffentlichungen von Brentano und seine Sicht der Emmerick nicht hinreichend authentisch das Leben der Emmerick wiedergeben.

Die Seligsprechung

Bischof Heinrich Tenhumberg gelang im Jahre 1973 eine Neueröffnung des Prozesses, der am 3. Oktober 2004 mit der Seligsprechung erfolgreich abgeschlossen wurde. Bischof Reinhard Lettmann wünschte zum Beginn der Feierlichkeiten eine intensive Beschäftigung mit dieser außerordentlichen Frau. Nur leider - räumt der Bischof ein - wurde das Leben der Anna Katharina Emmerick über Jahre in wohlmeinender Frömmigkeit oder schwärmerischer Bewunderung bisweilen eher verdeckt und verzerrt als sachgerecht dargestellt.5

Die Gemeinden in Coesfeld und Dülmen wurden durch Festwochen mit Vorträgen, Predigten, Führungen, Gottesdiensten etc. auf die Feierlichkeiten in Rom vorbereitet und zur „sachgerechten“ Auseinandersetzung mit dieser Frau angeregt.

Zum 3. Oktober machten sich aus dem Münsterland 1.500 Gläubige per Bus oder Flugzeug auf den Weg nach Rom. Der größte Teil der Pilgergruppe kam aus den Städten Coesfeld und Dülmen.

Mit den Vigilien am Samstag um 17.00 Uhr in Santa Maria Maggiore begannen die Feierlichkeiten. Hier trafen sich die vielen Reisegruppen, um sich als große Gemeinschaft mit dem ganzen Bistum auf die feierliche Seligsprechung einzustimmen. Anna Katharina ist für uns wie ein Fenster des Himmels, durch das das Licht der Auferstehung auch in unseren Alltag hineinleuchten kann, so eröffnete Bischof Lettmann den Gottesdienst. Die Vigilfeier blieb etwas für die Sinne - für alle. Mal schallend, als der Projektchor aus Coesfeld und Dülmen im Wechselgesang mit der Gemeinde den Raum füllte. Mal dezent, als aus einem kleinen Silberschiff nach jeder Fürbitte Weihrauch in die Kuppel der Kirche stieg.

Das Bild des Lichtes blieb zentrales Motiv des Gottesdienstes. Bei der abschließenden Lichterprozession hielten die Mitfeiernden Kerzen und sangen: Du Licht vom Lichte, du zeigst uns das Antlitz des Vaters.

Am Sonntagmorgen begann die eigentliche Seligsprechung mit einer Vorliturgie um 9.00 Uhr auf dem Petersplatz. Bis zum Beginn der Eucharistiefeier um 10.00 Uhr wurden die fünf neuen Seligen vorgestellt: Der französische Ordensgründer Pierre Vigne (1670 – 1740), der Priester und Trappistenmönch aus Frankreich Joseph Marie Cassant (1878 – 1903), die Ordensfrau Ludovica de Angelis (1880 – 1962) aus Italien, die deutsche Ordensfrau und Mystikerin Anna Katharina Emmerick (1774 – 1824) und Karl I. von Österreich (1887 – 1922).

Die Lebensgeschichte von Anna Katharina Emmerick lasen Frau Dr. Margret Nemann vom Generalvikariat Münster, die manche Texte verfasst hatte, Frau Luise Steens vom Emmerick-Geburtshaus in Flamschen und Ludger Hillermann aus Dülmen.

Um 10.00 Uhr begann die Eucharistiefeier mit der Seligsprechung. Gläubige aus Coesfeld und Dülmen waren maßgeblich an der liturgischen Feier auf dem Petersplatz beteiligt. Von 150 Sängerinnen und Sängern aus Coesfeld und Dülmen erschallten die Lieder mit strahlendem Stimmenklang, Pfarrer und Dechanten aus beiden Städten konzelebrierten, acht Messdiener hatten Dienst am Altar. Dieser Tag wird für sie unvergesslich bleiben. Gisela Specht und Heinz Wansing vom Dülmener Emmerick-Bund sowie Hermann Flothkötter aus Warendorf, Vorsitzender der Bischöflichen Emmerick Kommission, brachten Reliquien und Kerzen zum Altar. Beeindruckend wie dann Bischof Reinhard Lettmann in freier Rede das Leben der Anna Katharina vorstellte und abschließend den Papst um die Seligsprechung bat. Das Leben der Anna Katharina Emmerick war gekennzeichnet von einer tiefen Verbundenheit zu Jesus Christus … Biblische Spiritualität, Innerlichkeit und Christusverbundenheit - davon lebt die Kirche. Menschlichkeit, Herzlichkeit - davon lebt die Welt.6 Dann erkannte der Papst Anna Katharina Emmerick offiziell als Selige der Kirche an. Der kirchliche Gedenktag ist ihr Todestag, der 9. Februar . Jetzt wurde das Bild der neuen Seligen am Petersdom unter dem Jubel von 10.000 Gläubigen - davon 1.500 aus dem Bistum - enthüllt.

Am Montag feierte die Pilgerschar einen Dankgottesdienst mit unserem Bischof Reinhard Lettmann am Papstaltar im Petersdom. Bei diesem Gottesdienst wurde die internationale Verehrung der Heiligen besonders deutlich. Pilger aus Italien sprachen ihre Fürbitten in ihrer Muttersprache, ein Vertreter der Emmerick-Verehrerinnen und -Verehrer aus den USA trug die Fürbitte in Englisch vor.

Ganz persönlicher Glanzpunkt der Romreise war für vier Dülmener die Generalaudienz für alle Gläubige im Anschluss an den Dankgottesdienst. Irmgard Knoke als stellvertretende Bürgermeisterin und Klaus Kleerbaum (Fraktionsvorsitzender der CDU) überbrachten die Grüße der Stadt Dülmen. Silke Osterkamp wurde als Messdienerin empfangen. (Beim Gottesdienst am Sonntag waren Messdienerinnen nicht zugelassen.) Maria Lewe fuhr im Rollstuhl vor.

Der Abschluss aller Feierlichkeiten zur Seligsprechung wurde am Sonntag, dem 10. Oktober , in Dülmen begangen. Der Tag begann mit einem Pontifikalamt um 10.00 Uhr in der Heilig-Kreuz-Kirche. Pfarrer Peter Nienhaus begrüßte neben dem Zelebranten Bischof Reinhard Lettmann den Weihbischof Josef Voß und Dechant Johannes Hammans aus Coesfeld. Schmunzelnd stellte Pfarrer Nienhaus fest: Die Kirche ist so voll wie Ostern und Weihnachten zusammen. Am grünen Schal erkannte man die Rompilger unter den Mitfeiernden. Die Predigt des Bischofs und die Gestaltung des Gottesdienstes waren eine Zusammenfassung und Erinnerung an die Tage in Rom.

Im Anschluss an das Pontifikalamt fand in der Aula des Clemens Brentano Gymnasiums eine Begegnung aller Mitfeiernden statt. Es schloss sich der Festvortrag von Prof. Dr. Lüke an: „Von den Niederungen der Durchschnittlichkeit zum Olymp der Heiligkeit.“

Die Touristikbüros der Städte Coesfeld und Dülmen schilderten einen Anna-Katharina-Emmerick-Weg von der Heilig-Kreuz-Kirche in Dülmen zum Emmerick-Geburtshaus in Flamschen aus. Dieser Pilgerweg wurde am 8. September 2004 eröffnet.

Die Städte Coesfeld und Dülmen würdigten die neue Selige mit eigenen Ausstellungen im Oktober und November 2004. Zusammengestellt hatten sie die Leiter der Stadtarchive in Coesfeld, Norbert Damberg, und Dülmen, Dr. Friedrich-Wilhelm Hemann.

Am 24. November 2004 wurde in Dülmen ein Anna-Katharina-Emmerick-Rundgang der Öffentlichkeit übergeben. An fünf Stellen der Innenstadt erinnern Info-Säulen an Stationen ihres Lebens in der Stadt Dülmen.

1. Tagebuch des Dr. med. Franz Wilhelm Wegener über die Augustinerin Anna Katharina Emmerick, hg. von P. Winfried Hümpfner O.E.S.A., Bd. 1, 2. Auflage überarbeitet und hg. von Bernard Pattloch, Aschaffenburg 1973, S. XVII.

2. Geschichte und vorläufige Resultate der Untersuchung über die Erscheinungen an der ehemaligen Nonne A.C. Emmerich zu Dülmen mitgetheilt von dem ehemaligen Dirigenten derselben C[lemens] v[on] Bönninghausen, Hamm 1819, S. 7 – 59.

3. Ebd., S. 3f.

4. Zitat in: Albert Weskamp, Geschichte der Stadt Dülmen, Dülmen 1911, S. 75

5. Kirche und Leben vom 7. September 2003, S. 1.

6. Kirche und Leben vom 10. Oktober 2004, S. 1.

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