Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2004

Hanne David

Zustand der Wege in Westfalen in früheren Jahrhunderten

Reisebeschreibungen aus früheren Jahrhunderten vermitteln oft einen Eindruck vom Zustand der Wege im Münsterland.

So weilte der Apostolische Nuntius Fabio Chigi, der 1655 zum Papst gewählt wurde und dieses Amt als Papst Alexander VII. bis zu seinem Tode im Jahre 1667 innehatte, von März 1644 bis Dezember 1649 in Münster, um als Friedensvermittler der katholischen Mächte beim Abschluss des Westfälischen Friedens mitzuwirken. Nebenbei war er noch literarisch tätig. Ihm verdanken wir u.a. eine Reisebeschreibung von Münster nach Aachen. Nach dem von ihm beschriebenen Abschied aus Münster fährt er fort:

"Eilig ziehen wir nun unseres Weges, soweit nicht verschlammte Löcher und tiefer Morast die schweren Wagen behindern.

Plötzlich brach eine scheinbar noch feste Brücke im Wasser vollends zusammen, die Flut verschlang meine Kleider und Bücher, die der schwere Lastwagen trug.

Mit äußerster Mühe richtete man das Gefährt wieder auf, doch bald saß es wieder fest im Schlamm, bis zwölf Pferde es zogen, da endlich gelang es mit gewaltiger Kraft, den Wagen aufs Trockene zu bringen.

Schon ging der kurze Tag der Wintersonne zur Neige, aber noch lag die Hälfte des Weges vor uns, und Schlimmes mussten wir oft überstehn auf den weit überschwemmten Gefilden.

Nirgendwo waren die Wege mit Hacken geebnet, das Wasser war für Boote nicht tief genug."

Nach der Rast in Lüdinghausen ging sein Weg weiter nach Haltern, und auch dazu erfahren wir:

"Wiederum führte uns tags darauf der Weg durch die Sümpfe. Endlich fuhren wir dann über trockene, sandige Pfade."1

Emmanuel, Prinz und Herzog von Croÿ, dessen Sohn Anna Emmanuel 1803 nach dem Reichsdeputationshauptschluss Herr über Dülmen wurde, besuchte 1741 aus Anlass des ersten schlesischen Krieges Deutschland und kämpfte an der Seite von Bayern und Preußen gegen Österreich. In seinem Tagebuch äußert er sich auch über seine Reiseroute und hält darin u.a. fest:

"Nachdem wir St. Anna und den gleichnamigen Hügel [Annaberg?] links gelassen hatten, erreichten wir Hulteren [Haltern] erste Stadt von Münster [des Bistums Münster]. Der Weg ist gut; es sind drei Meilen. […] Wir folgen der Stever, ließen diese rechts. Man kommt zuerst bei einer Walk[Mühle] vorbei; anschließend wendeten wir uns etwas nach links und folgten einem Bach, der sich in der Stever ergießt, man kommt bei einigen Häusern vorbei, die Siten [Sythen] heißen. Dann kommt man an eine große Wassermühle, einen Kreis nach links beschreibend, um den Sumpf zu umgehen, betritt man Dulmen [Dülmen]. Auf dieser Straße lässt man die von der Stever gebildeten Sümpfe immer rechts liegen und links kleine Erhebungen, hinter denen wieder Sumpfland liegt, von denen die Stadt Dülmen umgeben ist. Übrigens gehört die Stadt zum Bistum Münster, ist klein und ziemlich häßlich, fast ganz aus Holz erbaut."2

Karte der Postrouten im Westmünsterland um 1730
Karte der Postrouten im Westmünsterland um 1730

Der Appelhülsener Heimatarchivar Hermann Bergs forschte über das Postwesen im Münsterland im allgemeinen und über die Posthalterei Appelhülsen ab 1723 im besonderen. Er erwähnt u.a., dass schon 1688 eine Fahrpost des Fürstbistums Münster von Münster nach Wesel geführt habe und auch die Verbindungen Münster — Bochum — Amsterdam und Münster — Köln über Appelhülsen geführt hätten. Auch in diesem Bericht wird über den Zustand der Wege wie folgt geklagt:

„Allerdings“ — so ist es nachzulesen — „stand gerade das Stück Münster — Appelhülsen bei Postillione und Reisenden in denkbar schlechtem Ruf, weil es von allen schwierigen Wegen der schlimmste war, so dass sich die Postillione wiederholt weigerten, hier zu kutschieren. Waren sie doch gar vor Wegelagerern und Räuberbanden nicht sicher. Grundsätzlich war man im Fürstbistum Münster der Meinung, dass schlechte Wege in Kriegszeiten der beste Schutz gegen anrückende Feindheere seien. Deshalb ließ man sie ungepflegt. Das wurde aber anders, als das Fürstentum durch Napoleon an Preußen kam.“

Schon in damaliger Zeit stellte man durchaus Ansprüche an einen Postillion. "In einer Verfügung des Oberpostamtes Münster hieß es, dass die Postillione zuverlässige, dem Trunke nicht ergebene, des Weges kundige und im Fahren geübte Leute sein müssten. Diese Eigenschaften waren auch erforderlich, da sich - wie schon berichtet - die Wege im Münsterland in einem sehr schlechten Zustand befanden."3

Auch unsere münsterländische Dichterin Annette von Droste Hülshoff legt in ihrem Romanfragment „Bei uns zu Lande auf dem Lande“ einem Lausitzer Edelmann, dessen Weg durch Westfalen, dem Land seiner Vorfahren führt, in humoriger und treffender Weise die Worte in den Mund:

"Schlechte, schlechte Wege habe ich durchackert und Gefahren ausgestanden zu Wasser und Lande. Dreimal hab’ ich den Wagen gebrochen und einmal dabei auf dem Kopfe gestanden, was weder angenehm, noch malerisch war. Mit einem Spitzengespann (so nennt man hier ein Dreigespann) von langhaarigen Bauernpferdchen habe ich mich durch den Sand gewühlt und mit einem mal den vorderen Renner in einer sogenannten Welle versinken sehen, einer tückischen wandernden Rasse von Quellen, die ich sonst nirgends angetroffen und die hier so mancher Fahrwege Annex [Zubehör] ist, sich das ganze Jahr stille hält, um im Frühling irgend eine gute münsterische Seele zu packen, zur Strafe oder Sünde, die sie nicht begangen hat. Ich bin aus dem Wagen gesprungen wie ein Pfeil; denn - bei Gott - mir war so konfus, dass ich an die Nordsee und Unterspülen dachte - von meinem Pferdchen war nur noch ein Stück Nase und die Ohren sichtbar, mit denen es erbärmlich zwinkerte. Zum Glück waren Bauern in der Nähe, die Heidrasen stachen, und geschickt genug Hand anlegten:,He, Hans! Up! Up!´ Ja Hans konnte nicht auf und spartelte sich immer tiefer hinein; endlich ward er doch herausgehebelt und zog niedergeschlagen und kläglich triefend weiter voran, wie der bei der Serenade übel begossene Philister. Ich fand vorläufig den Boden unter meinen Füßen sicherer und stapfte nebenher durch das feuchte Heidekraut."4

Auch nach den Erzählungen anderer Westfalen-Reisender müssen die Wege in unserem Lande früher eine einzige Katastrophe gewesen sein. Auf dem Rückzug vom Kriegszug Österreichs und Preußens gegen die französische Revolutionsarmee im Jahre 1792 reiste Johann Wolfgang von Goethe wegen der Besetzung Hessens durch die Franzosen durch Westfalen zurück nach Weimar. Unter anderem benutzte er die alte Poststraße Wesel — Münster über Dülmen. Die Strecke von Warendorf nach Paderborn führte nach seinen Worten durch eine Wüste.

"Gar oft kein gebahnter Weg, man fuhr bald hüben, bald drüben, begegnete und kreuzte sich. Heidegebüsch und Gesträuche, Wurzelstumpfen, Sand, Moor und Binsen, eins so unbequem wie das andere. […] Als der Postillion in düsterer Nacht erklärte, er könne den Wagen nicht weiter voranbringen und eine einsame Waldwohnung ansteuerte, deren Lage, Bauart und Bewohner" - so Goethe - "schon beim hellsten Sonnenschein hätten Schaudern erregen können", glaubte der Weimarer Dichterfürst endgültig, er sei unter die Räuber gefallen. Er bezeichnete diese Nacht als seine "schwärzeste Nacht".5

Auch Helga Burs, die über die erste Kunststraße des Dülmener Raumes (der späteren B 51 und heutigen L 551) berichtet, zitiert aus den Lebenserinnerungen von Johanna Schopenhauer, der Mutter des Philosophen Arthur Schopenhauer, die im Jahre 1787 eine Reise durch Westfalen unternahm, wie folgt:

„Aber wie soll ich es anfangen, um die tragikomischen, oft unüberwindlich, oft unaushaltbar scheinenden Mühseligkeiten unserer Reise durch Westfalen gebührend zu beschreiben? Diese mit großen rohen Feldsteinen überschütteten Straßen, welche die Leute Chausseen nannten, auf welche wir tagelang uns fortschleppen lassen mussten, wollten wir nicht zur Abwechslung auf den daneben hinlaufenden sogenannten Sommerwegen bis über die Achse im Kot versinken!“

Weiter berichtet Helga Burs: "Die geistlichen Fürsten, die Bischöfe von Münster, wussten selbst zu gut, wie es um ihre Wege beschaffen war. 1701 klagt der Bischof von Münster,,dass die gemeinen Heer- und Landstraßen im hiesigen Hochstift an vielen ohrtern ohnbrauchbahr, dass bey Winterzeit und feuchten Jahren ohnmöglich zu passieren; voraus soviel größeres Nachteill und Schade zuwachset, dass die außwertige und fremde passanten, Kauf- und Handelsleute dadurch abgeschrecket, den Stift meiden und andere Wege suchen’". Zwar erließen die Bischöfe das ganze 17. und 18. Jahrhundert Wegeordnungen, die Kirchspiele und Bauernschaften befahlen, die Landstraßen und gemeinen Wege jährlich auszubessern, "und die Löcher mit Bohlen [Bretter] oder Faschinen [Reisiggeflecht] anzufüllen, damit ein ungehinderter Verkehr stattfinden könne", doch hielten es wohl viele mit dem Sprichwort "Gott bessert die Wege am besten". Der Wegebau bedeutete eben eine verhasste Belastung des Landvolkes.6

1. Hermann Bücker, Der Nuntius Fabio Chigi (Papst Alexander VII.) in Münster 1644 – 1649. Nach seinen Briefen, Tagebüchern und Gedichten, in: Westfälische Zeitschrift 108, 1958, S. 1 – 90, hier S. 75.

2. Elisabeth Hergeth: Eine Reise durchs Münsterland anno 1741, in: Dülmener Heimatblätter 3/4, 1965, S. 26 – 28, hier S. 27

3. Hermann Berges, Münster — Appelhülsen — „der schlimmste Weg“, in: Jahrbuch 1988 (Kreis Coesfeld), S. 119 – 121.

4. Annette Freiin von Droste Hülshoff, Sämtliche Werke, hrsg. von Eduard Arens, Bd. 5, Leipzig [o.J.], S. 56f.

5. Walter Gödden, Mit Annette durchs Biedermeier. Kutsche, Dampfschiff, Eisenbahn — Die Droste unterwegs, in: Jahrbuch Westfalen 1997, S. 97 – 124, hier S. 106f.

6. Helga Burs: Aus der Geschichte der ersten Kunststraße des Dülmener Raumes, der heutigen B 51, in: Dülmener Heimatblätter 1/2, 1972, S. 6 – 8.

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