Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2005

Kristina Kerstan

Das Anna-Katharinen-Stift in der NS-Zeit*

Wer heute das Anna-Katharinen-Stift Karthaus besucht, bekommt ein komplexes, modernes Wohnheim für Behinderte mit angeschlossener Werkstatt zu sehen. Im großen Freizeitbereich finden regelmäßig gut besuchte Veranstaltungen wie die Karnevalssitzungen statt, die „Kollektion Karthaus“ (Textil- und Holzarbeiten) findet immer wieder guten Absatz und sowohl Sommerfest als auch Winterzauber ziehen Menschen aus der ganzen Region an.

Doch es ist noch keine siebzig Jahre her, da sah die Situation auf der Karthaus ganz anders aus. Die Schwestern mussten um das Leben ihrer Schützlinge bangen, Angst und Furcht beherrschten den Alltag. Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler erhielten die Nationalsozialisten die Möglichkeit, ihre ideologischen Vorstellungen eines „gesunden Volkskörpers“ in die Realität umzusetzen. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ bot dazu die rechtliche Handhabe. Die Schwestern und ihre Schützlinge auf der Karthaus blieben von den Auswirkungen dieses Gesetzes nicht verschont, das ihre Existenz in Frage stellte.

Die Gründung des Stiftes

Nach Ende des Ersten Weltkriegs sah die Situation für viele Frauen und junge Mädchen in Deutschland alles andere als rosig aus. Viele waren verwitwet und hatten keine Aussicht mehr auf ein geregeltes Einkommen. Teilweise blieb für solche Frauen als einzige Chance zum Überleben nur ein Leben als Prostituierte oder die Flucht in die Kriminalität. Um diesen Frauen ein Heim zu geben und ihnen die Chance auf einen Neuanfang zu gewähren, beschloss 1921 der Katholische Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder (KFV) ein Heim für ihre Unterbringung und Erziehung einzurichten. Zu diesem Zwecke pachtete man vom Herzog von Croÿ ein Grundstück in der Domäne Karthaus, auf dem sich damals eine halb verfallene, ehemalige Zuckerfabrik sowie einige Nebengebäude befanden, welche man zu einem Wohnheim umbauen wollte.1 Die „Missionsschwestern des Heiligsten Herzen Jesu“ aus Münster-Hiltrup waren zur Betreuung des Stiftes vorgesehen, welches nach der Dülmener Mystikerin Anna Katharina Emmerick seinen Namen erhielt.

Am 12. September 1921 trafen die ersten Schwestern, drei an der Zahl, von Münster aus in Weddern ein, nur um festzustellen, dass das gesamte Haus unbewohnbar war. Eine Heizung war nicht vorhanden, der Ofen aufgrund eines fehlenden Rohres unbrauchbar. Am gleichen Abend kehrten die Schwestern ins Mutterhaus zurück. Einen Tag später allerdings machten sie sich wieder auf, diesmal, um wirklich auf der Karthaus zu bleiben.2 Trotz der vielen Mängel des Hauses konnten schon wenige Monate später die ersten Frauen dort einziehen. 1923 lebten bereits 60 Schutzbefohlene im Stift, das 1928 endgültig Eigentum des KFV wurde. Zusätzlich pachtete man in diesem Jahr die ca. 550 Morgen große Domäne Karthaus zum Ausbau der Landwirtschaft an.3

Gebäude des Anna-Katharinen-Stifts (1930)
Gebäude des Anna-Katharinen-Stifts (1930)
In die Gebäude der alten Zuckerfabrik auf der herzoglichen Domäne Karthaus zogen 1921 Hiltruper Missionsschwestern. Die Abbildung wurde einer Publikation ├╝ber die Katholische Anstaltsfürsorge im Bistum Münster aus dem Jahre 1930 entnommen.

Das Leben auf der Karthaus

Anlass für die Gründung des Stiftes war die Unterbringung „milieugeschädigter Frauen“.4 Dabei sollte in erster Linie den Frauen geholfen werden, die nicht mehr unter die staatliche Jugendfürsorge fielen, weshalb fast alle Bewohnerinnen des Stiftes über 18 Jahre alt waren. Neben Prostituierten, Obdachlosen, Alkoholikerinnen und Schwererziehbaren fanden sich unter den Bewohnerinnen sehr bald geistig behinderte Frauen und Epileptikerinnen sowie Geschlechtskranke. Zunächst erfolgte eine Unterteilung der Frauen, ihrem Krankheitsbild entsprechend in kleine Gruppen, die ein harmonisches Zusammenleben sicherstellen sollten. In den meisten Fällen war dieses Vorgehen von Erfolg gekrönt. Der Arzt Dr. Hautsch beschreibt die Atmosphäre des Hauses als von einer „besinnliche[n] Ruhe“ durchdrungen, in der „Friede und eine traute Zufriedenheit“ zu spüren seien.5

Trotz der geselligen Stimmung im Haus gab es vereinzelt Probleme zwischen den Schwestern und den zu betreuenden Frauen. Bei den meisten geschlechtskranken Frauen, in der Regel Prostituierte, stellte sich nach der Entlassung aus dem Stift keine Abwendung vom alten Leben ein, weshalb die Schwestern öfters in Konflikt mit den Behörden gerieten. Unter diesen Voraussetzungen beschloss man 1929, die Station zur Behandlung dieser Frauen zu schließen.6

Bandflechterei
Bandflechterei
Die Frauen wurden in verschiedene Arbeitsgruppen eingeteilt, die der Beschäftigung dienten. Die aus dem Verkauf der Erzeugnisse erzielten Einkünfte trugen zum Unterhalt des Stiftes bei.

Um den aufgenommenen Frauen die Möglichkeit zu geben, sich später außerhalb des Anna-Katharinen-Stiftes zurecht zu finden, legten die Schwestern großen Wert auf die Ausbildung der Frauen in verschiedenen Berufen. Rasch entstanden eine Näherei und eine Gärtnerei, ebenso bewirtschafteten die Schwestern und Pfleglinge einen schnell größer werdenden landwirtschaftlichen Betrieb. Dabei wurden sie von einigen Helfern von den umliegenden Bauernhöfen unterstützt, vor allem nach der Pachtung der gesamten Domäne. Auf diese Weise konnte sich das Stift selbst versorgen. Ein Aspekt, der in Zeiten ständiger Geldnot, da die finanziellen Mittel für den Ausbau benötigt wurden, besonders wichtig war. Im Jahre 1927 nannte das Stift „17 Pferde, 59 Kühe und Rinder, 162 Schweine sowie 288 Geflügeltiere“ sein eigen.7 Durch den Verkauf des erwirtschafteten Überschusses schaffte es das Haus sogar, finanziell relativ unabhängig von staatlichen Zahlungen zu werden. Ein Faktum, das später eine wichtige Rolle spielen sollte.

Für die Bewohnerinnen bestand außerdem die Möglichkeit, bei den Schwestern eine richtige Ausbildung als Lehrling zu machen und somit eine Chance auf eine Anstellung nach der Entlassung zu erhalten.8

Arbeit in der Kinderwagenflechterei
Arbeit in der Kinderwagenflechterei

Obwohl die meisten Frauen das Haus nach etwa zwei Jahren wieder verließen, blieb eine gewisse Gruppe für immer dort, teils weil sie sich nicht mehr im Alltag zurecht gefunden hätten, teils um als angestellte Hilfskräfte den Schwestern zur Hand zu gehen. So bildete sich nach und nach ein fester Stamm unter den Bewohnerinnen. Neben der Arbeit durften Spaß und Vergnügen nicht fehlen, wie es sich an der Veranstaltung eines Sommerfestes ablesen lässt. Im Großen und Ganzen verlief das Leben von 1921 bis 1933 auf der Karthaus ziemlich ruhig, bis der Regierungswechsel in Berlin alles änderte.

Das nationalsozialistische Euthanasie-Programm

Am 30. Januar 1933 wurde der Führer der NSDAP, Adolf Hitler, zum Reichskanzler ernannt. Knapp ein Jahr später, am 1. Januar 1934, trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft.9

Auf Grundlage dieses Gesetzes, das auf der Eugenik, der so genannten Erbgesundheitslehre beruhte, mussten alle Träger vererbbarer Krankheiten, die in irgendeiner Form von Anstalt untergebracht waren, den Gesundheitsämtern gemeldet werden. Diese stellten dann einen Antrag auf Sterilisation aus, der vor den Erbgesundheitsgerichten verhandelt wurde. Die einzige Ausnahme bildeten in einer geschlossenen Anstalt untergebrachte Erbkranke, denen durch die permanente Beaufsichtigung die Möglichkeit zur Fortpflanzung verwehrt war. Sie blieben zunächst verschont.10

Mit diesem Gesetz bezogen sich die Nazis auf die zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasch verbreitete Lehre des „gesunden Volkskörpers“, der durch eine Unterdrückung erblicher Krankheiten vor Schaden bewahrt werden sollte. Diese anfangs „natürliche Selektion“ sei durch den medizinischen Fortschritt nicht mehr gewährleistet, weshalb dies nun durch die staatliche Förderung erbgesunden Nachwuchses und die Unterdrückung erbkranken Nachwuchses geschehen müsse.11 Diese Theorie fand Eingang in das Konzept Hitlers, dessen Ziel eine von reinrassigen Ariern beherrschte Welt war.

Die Anfänge der Euthanasie

Nach dem Inkrafttreten des Gesetzes, das sich einer breiten öffentlichen Zustimmung erfreute, gingen die Verantwortlichen im Jahr des Kriegsausbruches, 1939, einen entscheidenden Schritt weiter. Man begann, eine „endgültige“ Lösung für das Problem der Erbkranken zu suchen, welche man im „Gnadentod“ zu finden schien.

Am Anfang dieses Prozesses stand die sogenannte „Kinder-Euthanasie“. Durch einen Erlass sollten alle Neugeborenen und Kleinkinder mit erblichen Schäden gemeldet und in speziellen Anstalten untergebracht werden. Man verschwieg jedoch, dass die Kinder in diesen „Kinderfachabteilungen“ durch medizinische Experimente zu Tode gequält wurden. Infolge dieser Aktion ermordete man 5.000-8.000 Kinder vom Säugling bis zu 17-Jährigen.12

Doch die Tötungsmaschinerie sollte noch weiter gehen. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges erteilte Hitler den Geheimbefehl, dass „die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern [seien], daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranke bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“13 Dies war der Startschuss zu einer Aktion, die bis 1945 Zehntausende von behinderten Menschen das Leben kostete.

Zur Koordination dieser Vorgänge taten sich zunächst vier unterschiedliche Organisationen zusammen, die „Reichsarbeitsgemeinschaft für Heil- und Pflegeanstalten“ (RAG), die „Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege“, die „Gemeinnützige Kranken-Transport GmbH“ und die „Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten“. Die Operation erhielt nach dem Sitz der Zentrale in Berlin, Tiergartenstraße 4, die Tarnbezeichnung „T4“.14

T4 – Die Meldebogenaktion

Den Anfang dieser Operation bildete die Meldebogenaktion, mit der zunächst alle in Frage kommenden Kranken erfasst werden sollten. Betrachtet man den Meldebogen, der 1940 an sämtliche Anstalten geschickt wurde, so fällt vor allem die genaue Frage nach dem jeweiligen Krankheitsbild auf sowie eine genaue Fragestellung im Bereich des persönlichen Umfeldes. Da die ganze Aktion der strengen Geheimhaltung unterlag wollte man sich anfangs wohl nur die Personen heraussuchen, bei denen man sicher war, dass sie nicht übermäßig vermisst würden. Nach Begutachtung der Meldebögen, die in der Regel von den über die wahren Hintergründe nicht informierten Anstaltsleitern zurückgesandt wurden, sortierte man die Personen aus, die durch Vergasung getötet werden sollten.

Damenschneiderei
Damenschneiderei
Um den betreuten Frauen nach einer Entlassung aus dem Stift eine Lebensperspektive zu eröffnen, wurden Lehrmöglichkeiten in typischen Handwerksberufen für Frauen angeboten. Eine Schwester unterrichtet eine Gruppe im Zuschnitt und Nähen einer Damenbluse.

Als trotz der strengen Sicherheitsvorkehrungen der eigentliche Zweck der Meldebögen bekannt wurde, reagierte auch die katholische Kirche als Träger vieler betroffener Einrichtungen. Der Bischof von Münster, Clemens August von Galen, stellte im September 1941 in einem Schreiben Richtlinien für das Verhalten der zuständigen Anstaltsleiter auf. Diese durften demnach in keinster Weise Maßnahmen unterstützen, die die Ermordung des Schützlings zum Ziel hatten. So durften zum Beispiel Betreuer, für deren Schützlinge ein Befehl zum Abtransport vorlag, diese nicht zum Zug bringen. Von Galen gab zwar auch Beispiele für Situationen, in denen eine Mitwirkung unter Umständen entschuldbar sei – wie etwa bei Unwissenheit oder wenn auch ohne die Mitwirkung der Betreuenden die Ziele erreicht würden – doch schränkte er diese Entschuldigungsgründe gleich wieder ein, wenn er auf die besonderen Pflichten, vor allem der Ordensleute aufgrund ihres Standes hinwies.15

Auswirkungen auf das Anna-Katharinen-Stift

Das Verhältnis zwischen den Schwestern in Karthaus und den nationalsozialistischen Machthabern war vor allem durch das Bemühen der Schwestern geprägt, nicht in die direkte Schusslinie zu geraten. Vielmehr versuchte man sich so gut es ging mit den Nazis zu arrangieren. Ein Vorhaben, das den Schwestern gelungen zu sein scheint, denn es finden sich keine Dokumente, die auf eine extrem harte Vorgehensweise gegen das Anna-Katharinen-Stift schließen lassen.

Vielmehr bemühten sich die Schwestern, sich mit den Nazis „gut zu stellen“. Seit 1934 finden sich regelmäßig Spendenquittungen des Stiftes an das Winterhilfswerk. Des weiteren existieren Anfragen der Deutschen Arbeitsfront „Kraft durch Freude“, ob das Stift bereit sei, den hauseigenen Wagen für einen Ausflug von Arbeitsveteranen am 1. Mai zur Verfügung zu stellen und eine Geldspende für diese Aktion zu entrichten.16 Ob eine solche Spende gezahlt worden ist, ließ sich nicht ermitteln. Der Kraftwagen wurde jedoch, wie schon in den vergangenen Jahren, der Arbeitsfront bereitgestellt. Auf deren ausdrücklichen Wunsch hin sorgte man sogar für eine dem Anlass entsprechend Ausschmückung mit Maigrün.17

Aus Schreiben des Amtes für Volkswohlfahrt aus dem Jahr 1938 geht außerdem hervor, dass die Domäne Karthaus „erholungsbedürftige Kinder aus Süddeutschland“ aufnahm.18 Eine Maßnahme, die wohl ebenso wie die Entrichtung einer Metallspende zum Geburtstag Hitlers im Jahre 194019 in erster Linie dem Zweck diente, die Nazis von einer näheren Beschäftigung mit dem Stift abzuhalten. In diesem Sinne scheint es keine allzu große Überraschung zu sein, dass die Schwestern bei der Missachtung der Aufforderung zum Bau einer Mauer ungeschoren davon kamen. Schließlich waren sie den Nazis als unbedeutendes, gut geführtes Heim bekannt, welches seinen „nationalen“ Verpflichtungen gewissenhaft nachzukommen pflegte.

Die Gutachten des Dr. Schmidt

Für das Anna-Katharinen-Stift blieben die Verordnungen aus Berlin trotzdem nicht ohne Folgen. Viele der Frauen, die 1934 im Stift wohnten und arbeiteten, fielen unter die neuen Gesetze. Demnach hätten sie, ebenso wie viele andere ihrer Leidensgenossinnen, sterilisiert werden müssen. Dies brachte die Schwestern aufgrund ihrer christlichen Verpflichtungen in einen schwierigen moralischen Konflikt.

In dieser Situation fanden sie jedoch Hilfe in Person des zuständigen Medizinalrates des Kreises Coesfeld, Dr. med. Franz Schmidt. Bei ihm lag Kraft seines Amt die Verantwortung über die Antragstellung auf Unfruchtbarmachung für Bewohnerinnen der Karthaus, wobei sich feststellen lässt, dass er alle ihm zu Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzte, um möglichst wenig Frauen dieser Tortur auszuliefern.20

Als Beleg kann ein Schreiben gedeutet werden, das er 1943 an das Gesundheitsamt in Bielefeld sandte. In diesem bezieht er sich auf einen Antrag auf Sterilisation einer Bewohnerin des Anna-Katharinen-Stifts durch das Gesundheitsamt Bielefeld. Die Argumente, die er gegen diese Forderung anführt, weisen deutlich auf die Haltung des Arztes hin. Er verdeutlichte der Behörde eindringlich, dass die betreffende Frau zwar an „Schwachsinn“ leide, ihre Arbeitsleistung jedoch so groß sei, dass ihre Unterbringungskosten durch ihre Arbeit gedeckt werden könnten. Dies entspräche laut Gesetz einer Forderung zur Aussetzung eines Sterilisationsantrages. Außerdem sei die Bewohnerin in einer geschlossenen Anstalt untergebracht, also gar nicht in der Lage, ihre „schädlichen“ Erbanlagen weiter zu geben.21

Näherei
Näherei
Neben der Ausbildung zur Schneiderin arbeiteten Frauen in der Näherei, um beispielsweise aus Leinenstoffen der Dülmener Weberei A. W. Ketteler Hand- und Geschirrtücher zu nähen. Diesem Arbeitszweig kam eine besondere Bedeutung zu, als im Sommer 1941 die Ordensniederlassungen im Münsterland geschlossen wurden. Die Oberin und die Firma Ketteler vereinbarten, in der Näherei aus den von der Weberei aus Abfällen und Flachsgarn erzeugten Stoffen kriegswichtige Feldhandtücher herzustellen, um so den Bestand des Stifts zu sichern.

Zu dieser Argumentation Dr. Schmidts muss angemerkt werden, dass das Anna-Katharinen-Stift keine geschlossene Anstalt nach der Definition des Gesetzes war, denn eine Umfassungsmauer um das Gelände fehlte. Zwar wurde auch die Forderung laut, das Stift müsse, um als geschlossene Anstalt anerkannt zu werden, eine solche Mauer errichten, doch ignorierten die Verantwortlichen diese Anordnung mehr oder weniger wohl mit Hinweis auf die fehlenden finanziellen Mittel.22

Einer anderen Forderung kam man entgegen, indem man die Aufsicht der Mädchen im Stift verstärkte, die Freiheiten bei Feldarbeit und in der Freizeit drastisch einschränkte. Nachts versperrten sogar die Schwestern die Türen der Schlafsäle. Eine formal notwendige Maßnahme, die jedoch nicht unbedingt zur Verbesserung der Stimmung im Haus beitrug.23

Trotz der Hilfe durch Dr. Schmidt blieb das Anna-Katharinen-Stift nicht von den Auswirkungen des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ verschont. Ein Schreiben der Schwester Oberin an Medizinalrat Dr. Schmidt aus dem Jahre 1937 listet die Anzahl der einzelnen Fälle auf. Von den 149 Bewohnerinnen des Stiftes fielen 92 unter das Gesetz. Von diesen waren insgesamt 29 schon sterilisiert worden. Acht Frauen mussten den zuständigen Behörden noch vorgestellt werden. In den übrigen 55 Fällen lagen für 14 schon Beschlüsse vor, aber das Verfahren war ausgesetzt worden.24 Über die endgültigen Entscheidungen in diesen Fällen lassen sich keine Unterlagen finden, doch liegt die Vermutung nahe, dass die meisten dieser Frauen durch die Unterbringung in einer „geschlossenen“ Anstalt vor der Sterilisation geschützt wurden. Dieses belegt ein Brief der Oberin aus der Zeit unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in dem sie ausdrücklich auf die herausragende Rolle Dr. Schmidts bei der Verhütung der Sterilisation hinweist. Ihm sei es zu verdanken, „daß bei den meisten Zöglingen, die unter das Gesetz fielen, die Sterilisation nicht durchgeführt wurde“.25

Zwischen Hoffen und Bangen

Ähnlich wie die meisten anderen Anstalten füllten die Schwestern des Anna-Katharinen-Stifts zunächst gewissenhaft die ihnen 1940 zugeschickten Meldebögen zur „Erfassung erbkranker Anstaltspfleglinge“ aus, ohne von deren wahrer Natur zu ahnen. Im Bereich Münster kam die Wahrheit erst Ende Juli 1941 durch den Arzt Dr. Jaspersen ans Licht. Zu diesem Zeitpunkt waren jedoch schon 98 Meldebögen zurückgesandt worden.26

In dieser Situation machte sich verständlicherweise im Stift große Sorge breit. Jederzeit mussten die Schwestern nun mit einem Abtransport einiger ihrer Schützlinge rechnen, was für diese den Tod zur Folge hätte. Daher ging man dazu über, in den Fällen, in denen es möglich war, die Pfleglinge zu ihren Verwandten nach Hause zu schicken, um sie so vor den Nazi-Schergen in Sicherheit zu bringen.27 Doch das Stift hatte viel Glück und blieb von einem Abtransport gänzlich verschont.

Aber nicht nur die Euthanasie-Maßnahmen der Nazis bedrohten das Leben der Frauen. Schwester Friedwine erinnert sich an zwei Vorfälle, bei denen jeweils eine Frau abtransportiert wurde. Eine sollte Brotmarken gestohlen haben, die andere von jüdischer Herkunft gewesen sein. Über ihr genaues Schicksal konnte nichts in Erfahrung gebracht werden.28

Die Kriegsjahre

Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 und der Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte für das Leben auf der Karthaus zunächst keine unmittelbaren Folgen. Zwar wurden die Schwestern in einem Schreiben von Christine Lutz, der für die Karthaus zuständigen Sachbearbeiterin des KFV, an die Schwester Oberin aufgefordert, immer einen Koffer gepackt und griffbereit zu halten, um eventuell sofort zu einem Einsatz als Sanitäterinnen an die Front abreisen zu können,29 doch es finden sich keine Unterlagen, dass ein solcher Fall jemals eintrat. Die Sachbearbeiterin bat auch in mehreren Schreiben das Wehrmeldeamt in Dülmen um eine Freistellung der männlichen Mitarbeiter des Stiftes.30 Da das Stift vor allem in der Landwirtschaft nicht ohne zusätzliche Hilfen auskommen konnte, waren einige Männer aus umliegenden Höfen als Verwalter oder Traktorfahrer beschäftigt. Jedoch wurde diesen Unabkömmlichkeitsanträgen nicht in jedem Falle statt gegeben, weshalb es für die Schwestern und Bewohnerinnen zunehmend schwieriger wurde, das angepachtete Land zu bewirtschaften. Trotzdem blieb das Stift in der ersten Zeit von Versorgungsengpässen verschont.

Wäscherei
Wäscherei
In dem Hauptgebäude unterhielt das Anna-Katharinen-Stift eine Wäscherei, die zum einen als Beschäftigungsmöglichkeit für die Frauen, zum anderen aber der Reinigung der anfallenden Wäsche von etwa 150 Bewohnerinnen diente. Die Arbeit in der Wäscherei vermehrte sich Ende des Zweiten Weltkrieges erheblich durch die Unterbringung Kranker und Verletzter in dem zum Ausweichkrankenhaus deklarierten Stift.

In den Aufzeichnungen des Anna-Katharinen-Stifts wird die Zeit von 1939 bis 1943 relativ kurz abgehandelt. In erster Linie finden sich Aufzählungen der seit 1934 im Stift verstorbenen Frauen, deren Zahl sich auf 16 Pfleglinge und eine Schwester beläuft. In den meisten Fällen wird eine natürliche Todesursache angegeben, nur in einem Fall wurde eine Frau während eines Bombenangriffs auf Dülmen getötet.31

Ab 1943 nahm das Sirenengeheul auf der Karthaus rapide zu. Mussten die Bewohnerinnen schon vorher öfters über Stunden im Keller des Hauses ausharren, verlegte man jetzt einen großen Teil des Lebens in die Kellerräume. In einem Raum richtete man sogar eine kleine Kapelle ein.32

Aus dem Jahr 1943 stammt eine Mitteilung des Staatlichen Gesundheitsamtes, in welchem der Medizinalrat Dr. Schmidt den Verantwortlichen des Stiftes mitteilte, dass es „im Falle eines Großangriffes auf den Kreis als Ausweichkrankenhaus benutzt werden wird“.33

Ausweichkrankenhaus

Im Oktober 1943 schaffte man die ersten Verletzten in das Stift. Bis zum Ende des Krieges sollte sich ihre Zahl auf insgesamt 806 Patienten erhöhen, die von 1943 bis zur Auflösung des Krankenhauses im Januar 1947 gepflegt wurden.34 Die Schwestern nutzten die Einquartierung von Kranken in ihr Haus als weiteres Argument gegenüber den Nazis, weshalb ihre Pfleglinge das Stift auf keinen Fall verlassen könnten. Diese wurden im Ausweichkrankenhaus als „billige, unabkömmliche Hilfskräfte“ eingesetzt, die für die Aufrechterhaltung des Betriebes unbedingt notwendig seien. Dies betonte auch Dr. Schmidt sehr ausführlich in einem Brief, ebenso wie er den Plänen der Wehrmacht eine eindeutige Absage erteilte, das Haus zur Erweiterung des Dülmener Lazarettes zu beschlagnahmen.35

In der Folgezeit verschlechterte sich nach und nach die Situation des Stiftes. Der Mangel an Lebensmitteln machte sich zunehmend bemerkbar. Schwester Friedwine fasste die Versorgungssituation so zusammen: „Die haben nicht Butter unter der Marmelade gehabt, wenn sie Brot hatten.“36 In dieser Notlage wagten es die Schwestern immer wieder, illegal Tiere des Viehbestandes zu schlachten, um die Fleischversorgung zu verbessern.

Im letzten Kriegsjahr (1945) verschlimmerte sich die Situation des Anna-Katharinen-Stiftes immer mehr. Der fast ununterbrochene Fliegeralarm trieb die Schwestern und ihre Pfleglinge dazu, sich fast ausschließlich im Keller aufzuhalten. Ein Stromausfall tat ein Übriges. Den größten Schrecken hatte das Haus ausgerechnet am Festtag seiner Namenspatronin zu überstehen, als ganz in der Nähe ein großer Bombenteppich niederging. Zwar traf die Gebäude keine Bombe direkt, doch sorgte die Wucht der Detonationen für eine Beschädigung fast jeden Raums.37 Durch die schweren Bombenangriffe auf Dülmen, die auch das Franz-Hospital in der Stadt beschädigten, wurden immer mehr Verletzte und Kranke zur Karthaus gebracht. Die Patienten kamen nicht nur aus Dülmen, sondern aus dem ganzen Kreisgebiet. Insgesamt musste das Ausweichkrankenhaus ca. 150 Patienten aufnehmen, trotz einer eigentlichen Kapazität von nur 60 Betten.38 Doch lange sollte der Krieg nicht mehr dauern.

Am Karfreitag des Jahres 1945 marschierten die Engländer und Amerikaner in Weddern ein. Aus den Berichten der Chronik geht hervor, dass sie sich den Schwestern gegenüber äußerst respektvoll und hilfsbereit zeigten. Nicht zuletzt schützten sie das Stift auch gegen mögliche Überfälle befreiter russischer Zwangsarbeiter.39 Der Krieg war nun für die Bewohnerinnen des Anna-Katharinen-Stifts vorbei und es begann für sie die Phase des Wiederaufbaus.

Resümee

Befasst man sich mit der Situation des Stifts in der Zeit von 1933 bis 1945, so stößt man unweigerlich auf die Frage, warum das Stift weitgehend unbeschadet eine Zeit überstand, in der ca. 200.000 behinderte Menschen von den Nazis vergast wurden und Tausende zu Zeiten des Krieges Hunger leiden mussten. Um diese Frage beantworten zu können, müssen mehrere Umstände und Sachlagen berücksichtigt werden. Zunächst soll die Frage der Euthanasie untersucht werden, deren Auswirkungen die Bewohnerinnen des Anna-Katharinen-Stifts weitgehend entgingen.

Zum einen ist die geographische Lage des Stiftes zu erwähnen. Zwar lag es in der Nähe der Stadt Dülmen, einem strategisch wichtigen Ort zwischen dem Ruhrgebiet und der Provinzialhauptstadt Münster, doch insgesamt kann man das Stift durchaus als abgelegen bezeichnen. Es fiel, so lässt sich annehmen, den Nazis nicht sofort ins Auge – ein Umstand, den die Schwestern durch ihre Haltung nur noch verstärkten. Bloß keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich lenken, schien das Motto der Zuständigen zu lauten. In diesem Sinne sind wohl auch alle die Aktivitäten der NSDAP-Organisationen unterstützenden Handlungen wie Sach- und Geldspenden zu sehen. In erster Linie dienten diese Maßnahmen der „Einschmeichelung“ bei den Machthabern, damit diese das Haus als „linientreues“ Heim ansahen und es nicht weiter beachteten. Die Vermutung, die Schwestern hätten mit den Nazis sympathisiert und diese daher unterstützt, scheint in Anbetracht der gefundenen Fakten, vor allem der Korrespondenz und der Unvereinbarkeit der nationalsozialistischen Ideologie mit der auf Nächstenliebe basierenden Lehre der Kirche, völlig haltlos zu sein.

Da aber auch andere Einrichtungen dezentral lagen und eine öffentliche Provokation der NS-Machthaber unterließen, muss es noch weitere Gründe geben. Zu vermuten ist, dass der Münsteraner Bischof Clemens August von Galen, ganz gleich, ob direkt oder indirekt eine nicht ganz unbedeutende Rolle spielte. Von ihm ist bekannt, dass er ein entschiedener Gegner des Euthanasie-Programms war. Das Anna-Katharinen-Stift lag in seiner Diözese, weshalb es durchaus möglich ist, dass die Nazis nach der großen Resonanz auf die Predigten von Galens im Sommer 1941 nicht neues Öl ins Feuer gießen wollten, indem sie Schützlinge aus den Heimen des Bistums Münster weniger Aufmerksamkeit schenkten. Zudem stammten die in Karthaus lebenden Schwestern ursprünglich aus Münster, weshalb die Wahrscheinlichkeit groß war, dass von Galen von den Vorgängen in Karthaus rasch gehört hätte.

In der Zeit des Krieges, in der auch das Anna-Katharinen-Stift unter dem Mangel an Nahrungsmitteln und anderen lebenswichtigen Dingen wie Heizmaterial zu leiden hatte, linderte vor allem die hauseigene Landwirtschaft den Hunger im Stift. Zwar war die Anzahl der zu schlachtenden Tiere pro Jahr von den Behörden beschränkt worden, aber dies hinderte die Schwestern nicht daran, auch mal „schwarz“ ein Tier zu schlachten. Zudem half der ausgedehnte Obst- und Gemüsegarten, die Frauen in Zeiten der ärgsten Not zu versorgen.

Dass das Stift trotz der vielen auf Dülmen und die Umgebung niedergehenden Bomben der Alliierten in den letzten Kriegstagen von einem direkten Bombentreffer gänzlich verschont blieb, ist nur durch pures Glück zu erklären. Wenn knapp 100 Meter vom Haus entfernt ein Bombenteppich niederging und das Haus nur geringe Schäden davontrug, lässt sich dies nicht durch irgendwelche Fakten erklären.

So gesehen spielten eine ganze Reihe von Faktoren eine Rolle bei dem relativ glimpflichen Davonkommen des Anna-Katharinen-Stifts in der NS-Zeit. Jeder Faktor für sich hätte dies mit Sicherheit nicht bewirken können, aber in der Summe schützten sie das Haus und seine Bewohnerinnen vor größerem Leid.

Innenhof des Hauptgebäudes
Innenhof des Hauptgebäudes
Die Postkarte aus den 1950er Jahren zeigt den Innenhof des Stifts. Die Kriegsschäden am Turm des Kapellenflügels sind beseitigt und die Anfang 1945 durch die Druckwelle der Bomben zerstörten Fenster und Scheiben sind ersetzt worden.

Auszug aus der Chronik des Mutterhauses40

Der Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 brachte im Haus vorläufig noch keine bedeutenden Änderungen, alles ging seinen gewohnten Gang weiter, unbekümmert der häufigen Einquartierungen, die lästige Umräumungen und Einengungen zur Folge hatten, und trotz häufigen Fliegeralarms, der Schwestern und Schützlinge nicht selten für 5 Stunden und länger in den Keller rief, wo es damals noch kaum Sitzgelegenheiten gab. Ab und zu war man wohl durch Einzelflieger, die in der Nähe ihre Bomben geworfen hatten, beunruhigt worden, irgendwelche Schäden hatte es jedoch im Jahre 1939 sowie im Jahre 1940 noch nicht gegeben.

Das Jahr 1941 brachte einen schweren Verlust. Der Tod raffte ein kostbares Menschenleben hinweg, die allzeit schaffensfrohe, unermüdliche Schwester Philiberta, die fast 20 Jahre segensreich auf der Karthaus gewirkt hatte. – Ihr waren in den letzten Jahren mehrere Schützlinge voraufgegangen: 1934 Maria Bilon, – 1935 Josefa Drupp, – 1936 Hubertine Blum und Viktoria Kreskiwietz, – 1937 Emmy Vleuring, Maria Kielhorn, Josefa Schniekötter, – 1939 Agnes Ostrowski und Toni Freriks, – 1940 Anna Theissen und Grete Formanowitz. Während des Krieges folgten vier weitere Sterbefälle: Henny Islebe, Clementine Zöller, Elisabeth Faustmann und Maria Eichriedler, die beim Luftangriff in Dülmen umkam. Alle diese Mädchen, die zum Teil noch sehr jung waren, verschieden ruhig und friedlich. Ihr Tod machte einen tiefen Eindruck auf die übrigen Schützlinge, sodass man später, wenn ein Mädchen aus irgendeinem Grunde in ein anderes Heim verlegt werden musste, zuweilen die Bemerkung hören konnte: „Ich wäre doch so gerne auf der Karthaus gestorben, denn da stirbt man so schön.“

Trotz des Krieges gab es 1942 noch wichtige Neuerungen im Hause. Ein Zahnarztzimmer wurde eingerichtet, dessen Ausstattung von der verstorbenen Dentistin Falkenberg übernommen worden war. Grosse Freude rief unter den Mädchen das Erscheinen eines Filmapparates hervor. Nun gab es noch mehr Abwechselung und Unterhaltungsstoff, denn man verbrachte manche ernste, lehrreiche oder auch heitere Stunde im Festsaal vor der Leinwand.

Als im Jahre 1943 der Luftkrieg bedrohliche Formen und Ausmaße annahm, wurde man selbst auf der stillen, abgelegenen Karthaus aus der besinnlichen Ruhe aufgeschreckt. Kreis Coesfeld wurde Anflugsplatz der Feindfliegerverbände, die das Ruhrgebiet heimsuchten. Des nachts flogen oft hunderte von schwerbeladenen Bombern über das stille Haus. Von jetzt ab fand man im Keller nicht nur ein paar Überängstliche, sondern er wurde Zufluchtsort für alle ohne Ausnahme. Als die Gefahr grösser wurde musste man den Kükenbrutraum im Keller als Krypta einrichten, um das Allerheiligste vor Feindeinwirkung zu schützen. Da im Oktober des Jahres, während der schweren Angriffe auf Münster und Coesfeld, die Lage für das Haus sehr kritisch wurde und kein Priester anwesend war, trug Schw[ester] Carlitta das Allerheiligste eigenhändig in den Keller. Nach diesem Angriff mussten wir einige Verwundete aus Coesfeld aufnehmen. Zu diesem Zweck richtete man die Fremdenzimmer zu einer kleinen Krankenstation ein. Eines der Zimmer wurde in eine Teeküche mit Spülanlagen und einem elektrischen Herd umgewandelt. Bei dem am 11. 11. 43 stattgefundenen feindlichen Angriff auf Münster wurde der Turm der Kapelle, durch einen Luftkampf in der Nähe, stark beschädigt.

Im Jahre 1944 steigerten sich die Überflüge oft bis zur Unerträglichkeit. Die Erschütterungen während der Grossangriffe auf die benachbarten Städte pflanzten sich in erschreckender Weise bis hier fort. Im August wurden während eines Tagesangriffs über 1.000 Bomben in der Nähe des Dülmener Tanklagers abgeworfen. Dieses Mal blieb Dülmen jedoch noch verschont.

Da unser Haus nicht nur als Ausweichkrankenhaus für die Städte Gelsenkirchen und Coesfeld, sondern im Falle einer Bombadierung Dülmens, auch für diese Stadt infrage kam, mußte man ganz bald die Krankenstation erweitern. Ausserdem musste Platz geschaffen werden für die Evakuierten aus Aachen und Düren. Wir standen jedoch erst am Anfang, und das Jahr 1945 sollte noch viel Menschennot hierher tragen. Wie viele Arme, Obdachlose und Kranke sollten in diesem Hause noch Schutz, Hilfe und Pflege finden!

Im Januar 1943 erfolgte ein nächtlicher Angriff auf das Dülmener Tanklager. Die Hausbewohner hatten den schützenden Keller noch nicht erreicht, als schon die ersten Bombenteppiche flogen. Der Luftdruck war so stark, dass diejenigen, die sich gerade in der Krypta befanden, hinaus getrieben wurden. Etwas Ähnliches hatte die kleine Karthaus wohl noch nie erlebt. Schreckensbleich und zitternd hockten Schwestern und Schützlinge auf ihren Plätzen, viele Mädchen weinten laut. Das Haus bebte in allen Fugen, das Licht erlosch, man hörte nur ein einziges Toben und Dröhnen. Nach einer knappen halben Stunde war alles vorüber. Das war der Auftakt gewesen. In den nun folgenden Wochen spielte sich das Leben so ziemlich im Keller ab. Viele Arbeiten wurden dort verrichtet, sogar ein paar Nähmaschinen hatte man herunter geschafft. Nicht selten ergab sich die Notwendigkeit, auch die Mahlzeiten dort einzunehmen, und des Nachts mussten die harten Stühle und Liegestühle nur zu oft das Bett ersetzen. Zuweilen gab es während des Alarms recht heitere und humorvolle Scenen, so dass auch in dieser traurigen Zeit die Lachmuskeln zu ihrem Recht kamen. Welche allgemeine Heiterkeit löste es aus, als eines Tages plötzlich in der Nähe eine Bombe fiel, und eine, von den in der Klausur versammelten Schwestern, impulsiv Schutz suchte unter dem Tisch. Sehr viel zu schaffen machte uns gegen Ende des Krieges die sogenannte „Landgefahr“, die Tiefflieger. Die Landbestellung, die Herbeischaffung von Lebensmitteln, Krankentransporte u.s.w. gestalteten sich immer schwieriger.

Der 9. 2. 45, das Fest unserer Hauspatronin, Anna Katharina Emmerick, brachte uns wieder einige Schreckensstunden. Gegen 2 Uhr nachmittags fiel in nächster Nähe ein Bombenteppich. Welle über Welle schwerer Bomber ging über unser Haus hinweg, um die Bombenlast in Dülmen abzuwerfen. Alle Hausbewohner lagen mit nassen Tüchern versehen auf dem Boden und beteten laut um Hilfe. Eine jede glaubte, die letzte Stunde habe jetzt geschlagen. Nach dem Angriff sah es im Hause entsetzlich aus. Das grosse Fenster der Freitreppe lag auf der Treppenrampe. Fast in jedem Raum gab es zertrümmerte Fensterscheiben, beschädigte Decken und Wände. Drei Tage später erfolgte wieder ein Großangriff auf Dülmen. Am gleichen Tage wurde eine Reihe Verwundeter zu uns gebracht, so dass zwei Speisesäle der Mädchen geräumt werden mussten, um Krankenstationen darin einzurichten. Obdachlose kamen von allen Seiten und suchten eine Unterkunft. Das Haus war damals wirklich ein rettendes Eiland im brandenden Meer. Bis an die 150 Kranke Verwundete und Obdachlose fanden in seinen Mauern Zuflucht und Schutz.

Am Mittwochabend in der Karwoche [28. 3. 1945] quartierte sich noch ein deutsches Kriegslazarett in unserem Hause ein. Doch schon am andern Morgen zog es panikartig ab, denn die ersten amerikanischen Panzer standen bereits vor Dülmen. Da der Artilleriebeschuss sehr stark wurde, haben wir die Nacht auf Karfreitag ganz im Keller verbracht. In der Ferne hörte man das Rollen der Panzerwagen. Es war eine unheimliche Nacht. Karfreitagmorgen [30. 3. 1945], gegen 10 Uhr sahen wir, dass Buldern von allen Seiten brannte. Ungefähr 4 Uhr nachmittags erschien der erste Amerikaner in unserem Haus, bald kamen auch einige Panzer, die während der Nacht auf dem Hofe blieben. Ein englischer Leutnant hatte sich am gleichen Abend mitsamt seiner Kompanie auf unserer Tenne einquartiert. Es war bereits nach 9 Uhr und es herrschte völlige Dunkelheit, als ihm von unserem Hause aus noch eine dringende Bestellung überbracht werden musste. Zwei Schwestern erklärten sich sofort zu diesem Gang bereit. In Ermangelung einer weissen Fahne nahmen sie einen Schrubber, knoteten ein weisses Handtuch daran und zogen todesmutig los. Wider Erwarten ging alles gut. Der Kommandant zeigte sich sehr liebenswürdig, gab ihnen eine Begleitung mit auf den Rückweg und entliess sie mit dem wohlgemeinten Rat, nächstens in der Dunkelheit zu hause zu bleiben, denn die Engländer hatten Befehl, nach 9 Uhr zu schiessen.

Im allgemeinen zeigten sich die Amerikaner und Engländer den Schwestern gegenüber von der besten Seite. Sie halfen uns nicht selten bei der Beschaffung von Lebensmitteln und Brennmaterial, machten dringende Fahrten in unserem Interesse und beförderten Kranke und Verwundete hierher, dabei kamen sie uns nicht selten mit Medikamenten und Verbandszeug zu Hilfe. Eine zeitlang stellte uns der Kommandant von Coesfeld sogar eine eigene Wache, um uns gegen Russenüberfälle zu schützen. In der Nähe befand sich nämlich ein grosses Russenlager. Nacht für Nacht wurde einer der Höfe in der Umgebung überfallen und ausgeplündert, sodass die jungen Mädchen der Nachbarschaft zum grössten Teil hier im Heim das ihnen mehr Schutz bot, übernachteten.

Kurz nach dem Zusammenbruch erkrankte die gute Schw[ester] Adelhilde. Jahrelang hatte sie den Waschhausbetrieb geleitet, der während des Krieges das dreifache an Arbeit aufbürdete. Schon nach wenigen Monaten erlag sie ihrer Erkrankung und starb im Mutterhaus zu Hiltrup. Während des Krieges waren zudem drei unserer Schützlinge, Henny Islebe, Clementine Zöller und Elisabeth Faustmann infolge einer Erkrankung verschieden.

* Der vorliegende Beitrag ist ein Auszug aus der Facharbeit von Kristina Kerstan (Das Anna-Katharinen-Stift Karthaus in der NS-Zeit unter dem Schwerpunkt Euthanasie), verfasst am Clemens-Brentano-Gymnasium, GEG 2 im Schuljahr 2003/4. Die Arbeit befindet sich im Stadtarchiv Dülmen (Manuskript, Nr. 97).

1. Bernhard Frings, Zu melden sind sämtliche Patienten … NS-„Euthanasie“ und Heil- und Pflegeanstalten im Bistum Münster, Münster 1994, S. 116

2. Archiv des Anna-Katharinen-Stifts [ArchAKS], Chronik, S. 3.

3. ArchAKS, Dr. Heinrich Weber, Niederschrift für das Bistum Münster. Heinrich Weber, Die katholische Anstaltsfürsorge im Bistum Münster, Düsseldorf [1929], S. 336.

4. ArchAKS, Dr. med. Hautsch, Zurückgewinnung gefallener Mädchen.

5. Ebd.

6. Frings, wie Anm. 1, S. 116f.

7. Bernhard Frings, Sorgen-Helfen-Heilen. Dülmen und seine sozial-caritativen Einrichtungen. Ein Beitrag zur münsterländischen Sozialgeschichte, Dülmen 1997, S. 233.

8. Kerstan, wie Anm. *, S. 60: Interview mit Schwester Friedwine.

9. Frings, wie Anm. 7, S. 251.

10. Frings, wie Anm. 1, S. 13.

11. Ebd., S. 10.

12. Ebd., S. 25.

13. Zitat nach: Jochen-Christoph Kaiser/Kurt Novak/ Michael Schwarz (Hg.), Eugenik, Sterilisation, „Euthanasie“. Politische Biologie in Deutschland 1895-1945, Berlin 1992, S. 253.

14. Frings, wie Anm. 1, S. 25.

15. Brief des Bischofs an die Ordensoberen der in Heil- und Pflegeanstalten tätigen Ordensleute in der Diözese Münster, abgebildet in: Frings, wie Anm. 1, S. 40f.

16. ArchAKS, Schreiben der Deutschen Arbeitsfront, Kreisstelle Dülmen vom 5. 4. 1937.

17. Ebd., Schreiben der Deutschen Arbeitsfront, Kreisstelle Dülmen vom 26. 4. 1937.

18. Ebd., Schreiben des Amtes für Volkswohlfahrt vom 10. 11. 1938.

19. Ebd., Spendenbeleg von 1940.

20. Seinen Einsatz für den Aufbau des Kreisverbandes des Deutschen Roten Kreuzes würdigt ein Nachruf in der Allgemeinen Zeitung (Coesfeld) nach seinem Tod am 24. Juli 1968. Gemäß den Archivalien aus dem Anna-Katharinen-Stift will Dr. Schmidt als Leiter des Kreisgesundheitsamtes die seit 1939 geltende Meldepflicht über missgebildete Neugeborene bewusst unterlassen haben, weil er um das Leben der Kinder fürchtete (Bernd Walter, Psychiatrie und Gesellschaft in der Moderne. Geisteskrankenfürsorge in der Provinz Westfalen zwischen Kaiserreich und NS-Regime, Paderborn 1996 [Forschungen zur Regionalgeschichte, Bd. 16], S. 691f.).
Der positiven Bewertung seines Wirkens als Medizinalrat des Kreises Coesfeld und seit 1935 als Leiter des Kreisgesundheitsamtes durch die chronikalischen Quellen und Dokumente aus dem Archiv des Anna-Katharinen-Stifts sowie aus Haus Hall in Gescher (Frings, wie Anm. 1, S. 102) stehen einige Fakten gegenüber, die diese Aussagen relativieren. Zwar mag Dr. Schmidt die (Kinder-)Euthanasie abgelehnt haben, doch wirkte er bei der Durchführung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in einem Grade mit, die weit über das von Amts wegen notwendige Maß hinausging (Hinweis von Herrn Prof. Dr. Bernd Walter, Westfälisches Institut für Regionalgeschichte, Münster). Aus den Registern des Erbgesundheitsgerichts Münster (1934-1944) ergibt sich, dass Dr. Schmidt für 17 Patientinnen des Anna-Katharinen-Stifts und für 64 Patientinnen und Patienten des Hauses Hall in Gescher die Zwangssterilisation beantragt hatte, die in 14 bzw. 52 Fällen ausgeführt worden war. Zudem bildete der Kreis Coesfeld mit insgesamt 315 Fällen hinter dem Kreis Lüdinghausen mit 518 Fällen die Spitze der Antragsteller beim Erbgesundheitsgericht Münster, das für den Regierungsbezirk Münster zuständig gewesen ist. Im Kreis Coesfeld entfallen auf 1.000 Einwohner 5,2 Anträge bzw. im Kreis Lüdinghausen 5,8 Anträge, während in den übrigen Kreisen das Verhältnis zwischen 2,9 und 3,7 liegt. Für Haus Hall finden sich Anträge des Gesundheitsamtes Coesfeld verstärkt für den Zeitraum ab 1939 [Anmerkung: F.-W. Hemann].

21. ArchAKS, Abschrift eines Schreibens von Dr. Schmidt an das Gesundheitsamt Bielefeld auf S. 194; Kopie in Kerstan, wie Anm. *, S. 47.

22. Kerstan, wie Anm. *, S. 59: Interview mit Schwester Friedwine.

23. Frings, wie Anm. 1, S. 120.

24. ArchAKS, Schreiben der Schwester Oberin an Dr. Schmidt vom 10. 12. 1937; Kopie in Kerstan, wie Anm. *, S. 34.

25. ArchAKS, Schreiben der Schwester Oberin vom 13. 6. 1945; Kopie in Kerstan, wie Anm. *, S. 57.

26. Frings, wie Anm. 1, S. 28ff

27. Frings, wie Anm. 7, S. 254

28. Kerstan, Wie Anm. *, S. 58: Interview mit Schwester Friedwine.

29. ArchAKS, Schreiben von Christine Lutz an die Schwester Oberin vom 30. 9. 1939; Kopie in Kerstan, wie Anm. *, S. 38.

30. ArchAKS, Schreiben von Christine Lutz an das Wehrmeldeamt Dülmen vom 28. 12. 1939 und vom 7. 3. 1940; Kopien in Kerstan, wie Anm. *, S. 39, 42.

31. ArchAKS, Chronik, S. 24. Abdruck siehe unten.

32. Ebd., S. 25.

33. ArchAKS, Mitteilung des Staatlichen Gesundheitsamtes an das Anna-Katharinen-Stift vom 11. 8. 1943; Kopie in Kerstan, wie Anm. *, S. 48.

34. ArchAKS, Chronik, S. 24. Abdruck siehe unten.

35. ArchAST, Schreiben von Dr. Schmidt vom 7. 11. 1943; Kopie in Kerstan, wie Anm. *, S. 49f.

36. Kerstan, wie Anm. *, S. 60: Interview mit Schwester Friedwine.

37. ArchAKS, Chronik, S. 25ff. Abdruck siehe unten.

38. ArchAKS, Protokoll einer Besprechung mit dem Medizinalrat Dr. Schmidt vom 23. 5. 1945; Kopie in Kerstan, wie Anm. *, S. 55f.

39. ArchAKS, Chronik, S. 26f. Abdruck siehe unten.

40. ArchAKS, Chronik, S. 23-27. Der Abdruck erfolgt buchstabengetreu der Vorlage.

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