Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2005

Friedrich-Wilhelm Hemann

Fehrbellin und Dülmen*

Anmerkungen zu 15 Jahren Städtefreundschaft

Seit 1990 besteht zwischen den Kommunen Fehrbellin und Dülmen eine Städtefreundschaft. Wurzeln für die relativ junge Verbindung können aber bis in das Jahr 1648 zurück verfolgt werden, in dem durch den Abschluss des Westfälischen Friedens die europäische Landkarte neu geordnet wurde. Diese Neuordnung war zumindest ebenso folgenreich, wie die Revolution der Bürgerinnen und Bürger in der DDR vor 16 Jahren. Gepaart mit der Bereitschaft Michail Gorbatschows, die sowjetischen Truppen aus Osteuropa abzuziehen, entstand die Chance, die über vierzig Jahre bestehende Nachkriegsordnung aufzuheben und an ihre Stelle die Grundlage für ein friedliches, selbst bestimmtes Zusammenleben der europäischen Völker und Staaten zu setzen. So wie der Zwei-plus-Vier-Vertrag den Eisernen Vorhang zerriss, so sorgte der Westfälische Frieden von 1648 für das Ende eines 30 Jahre währenden Krieges in Mitteleuropa.

Diesem Friedensschluss war 1645 der längst vergessene „Dülmener Vertrag“ zwischen dem Bischof von Münster und der Landgräfin von Hessen vorausgegangen, der sich um einen Interessenausgleich beider Mächte bemühte.1 Ein bedeutsamer Aspekt des Westfälischen Friedens bestand in dem reichsrechtlich bestätigten Besitz des Herzogtums Kleve-Mark und der Grafschaft Ravensberg für den Kurfürsten von Brandenburg. Mit anderen Worten: Es wurde damals der Grundstein für die Ausbreitung Brandenburgs – bzw. seit der Krönung des Kurfürsten 1701 in Königsberg zum König – der Ausgriff von Preußen nach Westfalen und in das Rheinland gelegt.2 Das Bistum Münster und damit Dülmen hatten aber noch 167 Jahre Zeit, bis auch sie 1815 das Schicksal teilten, – je nach Standpunkt – Preußen sein zu müssen oder Preußen sein zu dürfen.

Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der den Namen Fehrbellin in die Geschichtsbücher einschreiben sollte, hatte im Westfälischen Frieden nicht nur Ländergewinne zu verzeichnen. Einen Teil des an Brandenburg gefallenen Pommern musste er einem der Hauptgewinner des Dreißigjährigen Krieges, der Großmacht Schweden, abtreten. Der Kurfürst von Brandenburg erhielt dafür das Bistum Minden und das Erzstift Magdeburg, wodurch seine Territorien im Westen vermehrt wurden. Die europäische Großmacht Schweden kontrollierte nicht nur die pommerschen Ostseehäfen, sondern auch die Nordseehäfen. Die unter Friedrich Wilhelm aufstrebende Mark Brandenburg war damit von der Ostsee und dem Seehandel abgeschnitten, zusätzlich musste die Hälfte der Zolleinnahmen aus den unbedeutenden hinterpommerschen Häfen an Schweden abgeführt werden. Der Bau des Müllroser-Kanals (1662-1668) mit Unterstützung niederländischer Ingenieure, der Oder und Spree südlich von Frankfurt/Oder verband und die Binnenschifffahrt zur Elbe ermöglichen sollte, wurde von den Schweden argwöhnisch beobachtet, weil er ihrem Oder-Hafen Stettin Konkurrenz machte.3

Vor diesem bis 1815 dauernden Interessenkonflikt Brandenburgs mit der schwedischen Besatzung in Vorpommern sind die Ereignisse zu sehen, die sich im Vorfeld der Schlacht von Fehrbellin abspielten. Voraus gegangen war die Expansion Frankreichs, das sich an der Nordgrenze auf Kosten der Spanischen Niederlande – dem heutigen Belgien – ausdehnte. Mit Ausbruch des Niederländischen Krieges (1672) besetzten französische Truppen im Bündnis mit Schweden und England alle Provinzen der Republik der Niederlande, deren Handel als Bedrohung für die eigenen Interessen empfunden wurde. Nur der Provinz Holland gelang es sich mit Hilfe des Meeres zu verteidigen. Lediglich der Kurfürst von Brandenburg stand auf Seiten der befreundeten Niederländer.4

Schlachtnachstellung bei den Fehrbelliner Festtagen
Schlachtnachstellung bei den alljährlich im Juni stattfindenden Fehrbelliner Festtagen

Allmählich wendete sich das Blatt. 1674 war Frankreich in Mitteleuropa isoliert und Truppen des Reiches – darunter Kurfürst Friedrich Wilhelm – zogen ins französische Elsass. Da fielen mit Frankreich verbündete schwedische Truppen unter dem Reichsmarschall von Wrangel von Vorpommern aus in die Mark Brandenburg ein. Der Kriegsplan sah nicht nur die Neutralisierung des Kurfürsten vor, sondern eine Vereinigung mit den französischen Truppen in Westdeutschland. Friedrich Wilhelm eilte mit seinen Truppen zurück in die Mark, wo schwedische Truppen sich in den nördlich gelegenen Städten wie Havelberg und Brandenburg festgesetzt hatten. Von dort vertrieb er sie umgehend und als sie sich hinter Havelberg über den strategisch wichtigen Rhinübergang bei Fehrbellin zurückziehen wollten, ließ der Kurfürst die dortige Brücke zerstören. Damit war Wrangel der Rückweg nach Pommern abgeschnitten. Am 28. Juni 1675 kam es zur Schlacht zwischen 10.000 schwedischen und 6.500 brandenburgischen Söldnern. Die brandenburgischen Truppen, fast ausschließlich Reiterei, waren erfolgreich, wenngleich sie die schwedische Armee auch nicht vernichtend schlagen konnten. Das Ergebnis nämlich die Vertreibung der Schweden aus der Mark Brandenburg durch Friedrich Wilhelm entfachte eine unglaubliche Begeisterung nicht nur in den eigenen Landen, sondern im ganzen deutschen Reich. Der Grund lag in der Beseitigung der Bedrohung durch ein gemeinsames französisch-schwedisches Vorgehen, das aus dem Dreißigjährigen Krieg noch in unheilvoller Erinnerung war. Die Popularität Friedrich Wilhelms, durch Flugschriften vermehrt, fand in dem Beinamen „Großer Kurfürst“ schnell allgemeinen Ausdruck.5

Der militärische Erfolg von Fehrbellin war das erste militärische Bravourstück eines Hohenzollern-Herrschers, dem noch zahlreiche unter seinem Großenkel, Friedrich II., folgen sollten. In der Geschichtsschreibung des Kaiserreichs wurde die Schlacht von Fehrbellin zu mythischer Größe überhöht. Doch auch die nüchterne und abwägende Geschichtsforschung der Gegenwart misst dieser Schlacht eine grundlegende Bedeutung für den Aufstieg Preußens und die damit im Zusammenhang stehende deutsche Geschichte zu.6

Diese Bedeutung Fehrbellins spielte aber überhaupt keine Rolle mehr, als es 1990 darum ging, eine Städtefreundschaft mit Dülmen einzugehen. Unmittelbar nach dem Fall der Mauer wurden aufgrund von privaten Beziehungen Kontakte von Vertretern des Kreises Coesfeld – an ihrer Spitze Landrat Göller – zum Kreis Neuruppin in Brandenburg aufgenommen. Flankiert durch Besuche und politisches Engagement der Parteien – auf Coesfelder Seite im wesentlichen der CDU – einigte man sich bald über eine Partnerschaft zwischen den Kreisen Coesfeld und Neuruppin. Ohne auf eine Zuordnung der zwölf Kommunen auf Coesfelder zu den 50 Gemeinden auf Neuruppiner Seite von höherer Ebene zu warten, wurde diese kurzer Hand selbst vorgenommen. Dülmen sollte der Partner für die Kleinstadt Fehrbellin und die Dörfer Protzen, Linum, Lutzke, Wustrau, Langen und Buskow sein.7 Wenn auch mehr zufällig, gab es eine alte, längst vergessene Verbindung zwischen Dülmen und dem Dorf Linum unweit von Fehrbellin, wo die Dichterin Luise Hensel geboren worden war. Luise Hensel ist nicht nur als Verfasserin des Liedes „Müde bin ich, geh' zur Ruh“ bekannt, sondern war auch mit Clemens Brentano befreundet. Dieser lebte eine Zeit lang in Dülmen, wo er sich mit den Erscheinungen der Anna Katharina Emmerick beschäftigte.8

Darüber hinaus gibt es weitere Parallelen in der Geschichte beider Städte. Dülmen wie Fehrbellin ragen – wenn auch kaum merklich – aufgrund ihrer geographischen Lage aus dem Umland hervor und bildeten Inseln im ehemals umgebenden sumpfigen Terrain, wodurch sie den Verkehr anzogen. Beide Orte erhielten erst spät Stadtrecht: Fehrbellin – genauer Bellyn – wird um 1294 als Stadt bezeichnet, wie auch Dülmen erst 1311 zur Stadt erhoben wurde. Beide Städte wuchsen im 16. Jahrhundert an, ohne dass sie die Einwohnerzahl von 2.000 Personen vor dem 19. Jahrhundert erreicht hätten.9

Eine weitere Parallele drängt sich auf, wenn man sich erinnert, dass bereits einmal im 17. Jahrhundert nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges Hilfe für die daniederliegende Mark Brandenburg aus dem Westen, aus den Niederlanden kam. Kurfürst Friedrich Wilhelm rief holländische Fachleute ins Land, um die sumpfigen Niederungen zu entwässern, und Kolonisten, um die menschenleeren Gegenden zu bevölkern. Ein ähnlicher Vorgang wiederholte sich nach dem Abschluss der Städtepartnerschaft zwischen Dülmen und Fehrbellin. Wieder waren es die Brandenburger, diesmal allerdings in der Person des neu gewählten Bürgermeisters Rudi Gutschmidt, die im Juni 1990 auf Beschluss der Fehrbelliner Stadtverordnetenversammlung Dülmen den Abschluss eines Städtefreundschaftsvertrages anboten. Als Initialzündung kann der Austausch der Urkunden der Städtefreundschaft am 1. September 1990 angesehen werden.10

Vielfältig war die Hilfe, die von Dülmener Seite ausging. Erinnert sei an die Unterstützung, die Mitarbeiter der Stadtverwaltung bei der Aufstellung der ersten Haushaltspläne oder den Planungen für die Gestaltung des Stadtparks leisteten, oder an die Aus- und Fortbildung von Fehrbelliner Verwaltungsmitarbeiterinnen im Dülmener Rathaus. Spätestens die Gründung des Fördervereins Fehrbellin im Herbst 1990 zeigte das große Interesse in der Dülmener Bürgerschaft an der befreundeten Stadt am Rhin, denn statt der erwarteten 50 Bürger kamen 120 Interessierte zur Gründungsversammlung.11 Ging es anfänglich um die finanzielle Hilfe, nahmen in der folgenden Zeit die persönlichen, zwischenmenschlichen Kontakte einen größeren Stellenwert ein, die für den angestrebten Prozess des Zusammenwachsens von ungleich größerer Bedeutung sind.

Das traditionelle Dülmener Stadtfest zum 3. Oktober , dem Tag der deutschen Einheit, war von Anfang an geprägt durch die enge Beziehung zur befreundeten Stadt Fehrbellin, die alljährlich nicht nur durch den Besuch städtischer Delegationen neu belebt wird. Schüleraustausch und Sportbegegnungen, gemeinsame Aktionen im Bereich der Kunst, Musik und Kultur haben seit 1990 wechselseitig unzählige Male stattgefunden.

Besonders augenfällig gestaltete sich eine Hilfsaktion, die sogar überregionale Resonanz gefunden hatte. Bei einem Besuch in Fehrbellin stellte die Dülmener Delegation im Jahre 1991 fest, dass die schon im 17. Jahrhundert erwähnte Brücke über den Rhin stark baufällig war. Im nächsten Jahr errichtete die Ortsgruppe Dülmen des Technischen Hilfswerks im wahrsten Sinne des Wortes eine Brücke zwischen den befreundeten Städten. Nach einer Trockenübung auf dem THW-Gelände in Leuste erfolgte Ende Mai 1992 der Brückenschlag über den Rhin in Fehrbellin. Symbolträchtiger konnte die Städtefreundschaft zwischen Dülmen und Fehrbellin wohl kaum zum Ausdruck gebracht werden.

Ein sichtbares Zeichen der Städtefreundschaft wurde in Dülmen am 3. Oktober 2001 mit der Einweihung des „Fehrbelliner Platzes“ auf dem ehemaligen Firmengelände Bendix und der Anpflanzung einer märkischen Linde durch die Bürgermeister gesetzt. So wie die Brücke über den Rhin in Fehrbellin und die dort gepflanzte Dülmener Eiche an die befreundete Stadt in Westfalen erinnern, lenkt der Fehrbelliner-Platz den Blick der Dülmener auf ihre Freunde und Partner in der Mark Brandenburg.

* Begrüßung anlässlich der Einweihung des Fehrbelliner-Platzes am 3. Oktober 2001.

1. Friedrich-Wilhelm Hemann, Der „Dülmener Vertrag“ von 1645, in: Dülmener Heimatblätter 3/4, 1998, S. 12-19. Vgl. Konrad Repgen, Die westfälischen Friedensverhandlungen. Überblick und Hauptprobleme, in: 1648. Krieg und Frieden in Europa, hg. von Klaus Bußmann und Heinz Schilling, Textbd. 1, Münster 1998, S. 355-372.

2. Rudolf von Thadden, Von der Mark zum Kaiserreich. Ein Staat wächst, in: Preussen. Politik, Kultur, Gesellschaft, hg. von Manfred Schlenke, Bd. 1, Hamburg 1986, S. 36-49, hier S. 39ff.; Gerd Heinrich, Geschichte Preußens. Staat und Dynastie, Frankfurt am Main-Berlin-Wien 1984 (Ullstein-Buch, Nr. 34216), S. 100.

3. Heinz Schilling, Höfe und Allianzen. Deutschland 1648-1763, Berlin 1998 (Siedler Deutsche Geschichte, Bd. 6), S. 58ff.

4. Schilling, wie Anm. 3, S. 198ff.

5. Ernst Opgenoorth, Friedrich Wilhelm. Der Große Kurfürst von Brandenburg, Bd. 2, Göttingen-Frankfurt-Zürich 1978, S. 167ff.; Heinrich, wie Anm. 2, S. 103ff.

6. Schilling, wie Anm. 3, S. 224.

7. Werner Jostmeier, Zehn Jahre Städtefreundschaft Dülmen - Fehrbellin, in: Dülmener Heimatblätter 47, 2000, S. 79-85.

8. Barbara Stambolis, Luise Hensel (1798-1876). Frauenleben in historischen Umbruchszeiten, Köln 1999 (Paderborner Beiträge zur Geschichte, Bd. 8), S. 31ff., 42ff., 50ff., bes. S. 57ff.; Winfried Freund, Müde bin ich, geh‘ zur Ruh. Leben und Werk der Luise Hensel, Wiedenbrück 1984, S. 26ff.

9. Gerhard Schrader/August Hölscher, Dülmen, in: Westfälisches Städtebuch, hg. von Erich Keyser, Stuttgart 1954 (Deutsches Städtebuch, Bd. 3/2), S. 122-124; Winfried Schich, Fehrbellin, in: Städtebuch Brandenburg und Berlin, hg. von Evamaria Engel, Stuttgart 2000 (Deutsches Städtebuch, Bd. 2), S. 146-150.

10. Karl Ridder, Der Austausch lebt, in: Dülmener Heimatblätter 48, 2001, S. 3-9, hier S. 5f.

11. Wolfgang Werp, Zwei Städte gehen aufeinander zu, in: Dülmener Heimatblätter 48, 2001, S. 79-86.

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