Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2005

Theo Schwedmann

Nachruf auf Lisel Wohl

„Ich war zwiegespalten und fühlte mich unsicher, als ich im Herbst 2003 die Einladung nach Dülmen erhielt. Nach 65 Jahren erstmals zurück in meine Geburtsstadt?“ So beschrieb Lisel Wohl ihre ersten Reaktionen und Gefühle vor ihrem Besuch in Dülmen im Januar 2004. Bei ihrem Abschied am 29. Januar äußerte sie sich froh und glücklich und sagte: „Ich habe eine richtige Entscheidung getroffen, es war gut und wichtig hierher zurückzukommen. Die Gespräche mit jungen Menschen, aber auch mit älteren Dülmener Bürgern machen mich hoffnungsvoll für die Zukunft und was für mich besonders wertvoll ist: Ich habe neue deutsche Freunde gewonnen.“

Lisel Wohl ist am 17. September 2005 im Alter von 78 Jahren in Buenos Aires gestorben. Sie kam am 18. April 1927 in Dülmen als älteste Tochter des Ehepaares Max und Elly Cahn, geb. Goldschmidt zur Welt. Die Familie wohnte in der Marktstraße. Der Vater war Viehhändler. Die Familie praktizierte ihren jüdischen Glauben, feierte die jüdischen Feste und gehörte zur Synagogengemeinde in Dülmen. Lisel besuchte in Dülmen die Volksschule und das Lyzeum.

Der Beginn der Naziherrschaft 1933 in Deutschland war für Lisel Cahn mit einem sehr schmerzhaften Verlust verbunden. Als ihr Vater merkte, dass er wegen seines Judentums diskriminiert wurde, Freunde und Kunden sich immer mehr zurückzogen, ihn mieden und er kaum noch Arbeit hatte, nahm er sich das Leben. Seine Frau zog mit ihren beiden Töchtern, Margot war 1932 geboren, in das Haus ihrer Mutter Rika Goldschmidt an der Coesfelder Straße. Eine Ironie des Schicksals ist es, dass dieses Haus ab 1939 als Ghettohaus für Dülmener Juden genutzt wurde. Nach weiteren negativen Erfahrungen mit Nazis, Lisel wurde in der Schule als Jüdin beschimpft und bespuckt, entschied sich Elly Cahn 1938 für die Emigration nach Argentinien. Dort lebte seit 1921 Karl Goldschmidt, ihr Bruder. Er betrieb eine Getreidehandelsfirma und war in der Lage, seinen Verwandten zu helfen.

Während ihrer Gespräche mit Dülmener Schülern berichtete Lisel Wohl über die näheren Umstände ihrer Emigration. Das notwendige Einreisevisum musste in Düsseldorf beim argentinischen Konsul beantragt werden. Dieser lehnte den ersten Antrag ab. Als Lisels Mutter sich daraufhin verzweifelt an ihren Bruder in Argentinien wandte, gab dieser ihr den Rat. „Schicke dem Konsul 2.000 Grüße!“, d.h. bestich ihn mit 2.000 Reichsmark. Die „Grüsse“ wurden gerne entgegengenommen und die Visa ausgestellt. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Großmutter erreichten Lisel und Margot im Dezember 1938 Argentinien.

Lisel ging in die Grundschule und lernte mit Hilfe wohlmeinender Lehrer sehr schnell die spanische Sprache. Da sie später studieren wollte, wechselte sie bald auf das Gymnasium. Leider musste sie mit 15 Jahren die Schule verlassen, um die finanzielle Situation der Familie zu verbessern. Elly Cahn betrieb in Buenos Aires eine Pension für Emigranten. Sie vermietete Zimmer und kochte für die Neuankömmlinge. Lisel arbeitete als Sekretärin und als Buchhändlerin. Dabei konnte sie ihre deutsche Sprache gut nutzen, denn viele deutsche Juden wanderten in dieser Zeit nach Argentinien ein. Zu ihnen zählte auch Kurt Wohl, der 1938 aus Berlin ebenfalls vor den Nazis geflohen war. Sie trafen sich zum ersten Mal 1943 in einem jüdischen Kulturclub. 1947 heirateten Lisel Cahn und Kurt Wohl. Sie hatten zwei Töchter, Claudia und Gaby, die heute in Israel leben. Lisel und Kurt Wohl verzichteten bewusst darauf, ihren Töchtern jüdische Vornamen zu geben. Sie wählten in aller Welt bekannte Namen, um die Mädchen vor Diskriminierungen zu schützen. Obwohl es für sie mit großen persönlichen Einschränkungen verbunden war, legten die Eltern besonderen Wert auf eine gute Erziehung und Bildung ihrer Töchter, um ihnen ein Leben an vielen Plätzen in der Welt zu ermöglichen. Kurt Wohl arbeitete als selbständiger Büromittelhändler und wurde dabei von seiner Frau intensiv unterstützt. Ihr Freundeskreis in Argentinien bestand überwiegend aus deutschsprechenden Menschen und auch das Alltagsleben war durch ihre deutsche Herkunft geprägt. In der Küche wurden deutsche Gerichte gekocht und hochgelobt waren Lisels Kuchen und Plätzchen nach deutschen Rezepten. Nachdem beide Töchter ihre Schulausbildung beendet hatten, engagierte Lisel Wohl sich sehr stark in einem Altersheim in Buenos Aires. Über 37 Jahre bis zu ihrem Tod verbrachte sie einen Tag in der Woche mit der Pflege älterer Leute. Sie las den Blinden vor, kümmerte sich um Behinderte und war „Herausgeberin“ einer Heimzeitung. Ihr Mann Kurt starb 1999 nach einer 52-jährigen Ehe an einem Gehirnschlag.

Besonders stolz war Lisel auf ihre Enkelkinder, die heute gemeinsam mit ihren Familien in Israel leben. Immer wieder besuchte sie die Familien dort und so war es für sie besonders wichtig, dass ihre Töchter sie auf der Reise nach Deutschland, in ihre Geburtsstadt begleiten würden. Alle drei berichteten von dem Herzklopfen vor der Ankunft in Dülmen und alle drei waren froh und glücklich am Ende des achttägigen Aufenthaltes. In jedem Brief an den Verfasser waren dieser Stolz und die Dankbarkeit zu spüren.

Im Sommer dieses Jahres besuchten die Kinder und Enkelkinder ihre Oma für fast zwei Monate in Argentinien. Kurze Zeit später starb Lisel Wohl ohne lange gelitten zu haben. Sie starb wie sie es sich immer gewünscht hatte oder wie man in Israel sagt : „Mit einem Hauch von Gott“.

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