Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2006

Günter Scholz

Die Dienerin Gottes Anna Katharina Emmerick in den „Reisebildern“ von Johannes Jörgensen

Vor 50 Jahren erschienen in der Alphonsus-Buchhandlung (A. Ostendorff) Münster die „Reisebilder aus Nord und Süd“ von Johannes Jörgensen, aus dem Dänischen übersetzt von Johannes Mayrhofer. In der deutschen Leserwelt ist Jörgensen hauptsächlich bekannt geworden durch seine klassischen Werke über Italien und den heiligen Franz von Assisi, während die „Reisebilder“, die nur in einem kleinen Oktavbändchen veröffentlicht wurden, unter seinen reichen Publikationen fast verborgen geblieben sind. Und doch finden sich hier reizende Darstellungen seiner Wanderfahrten durch Deutschland, die der große Dichter und Biograph mit seltenem Geschick der Öffentlichkeit vorlegt. Die religiösen Eindrücke, die er in Dülmen, und zwar im Emmerick-Hause, empfing, sind in der Emmerick-Literatur nicht verwertet worden, obwohl sie viele Momente enthalten, die nicht nur einen jungen Konvertiten, wie Jörgensen es war (1896 konvertiert), interessieren, sondern auch und wohl noch mehr die Leserwelt unserer Zeit, der die Dienerin Gottes – sie gilt als die größte Seherin aller Zeiten – durch ihre Gesichte über das Leben und Leiden Jesu ein Begriff geworden ist. Wir lassen die Reiseschilderung Jörgensens, der im Alter von 90 Jahren starb (1866-1956), über seine Dülmener Reise folgen.

„Sein Stern stand über dem Bette einer armen Dulderin im fernen Dülmen.“ So las ich – es ist schon Jahre her – in Klemens Brentanos Biographie von Diel, und die Worte hatten gleich eine merkwürdige Macht über mich, so daß ich sie seitdem niemals vergessen. War das nicht schön mit so einem Dichter, dessen Stern über dem Lager eines armen, leidenden Weibes stand, über dem Bett der aus ihrem Kloster verjagten, mit den fünf Wunden des Herrn gezeichneten Schwester Anna Katharina Emmerick in dem kleinen, stillen Dülmen, weit entfernt von dem großen Berlin und den Salons der romantischen Schöngeister? Dahin sollte er, der geniale Poet, der gefeierte Improvisator und Unterhaltungskünstler, der phantastischen Bettina phantastischer Bruder – dahin sollte er von all seinen Irrwegen und nach all seinen Wanderungen – dort sollte es alles zusammen enden, an dem Bette der kranken, stigmatisierten Nonne – sechs Jahre hindurch sollte er Tag für Tag hier sitzen und getreulich ihre Gesichte und Offenbarungen aufzeichnen, und nach ihrem Tode sollte er den Rest seines Lebens der Herausgabe dieser seiner Aufzeichnungen weihen. Für den, der es liebt, den Wahlplatz innerer Revolutionen zu betreten, ist Dülmen eine Stätte, wohl wert, daß man sie besuche. Dülmen liegt in unseren Tagen nicht mehr so abseits wie im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, als Brentano da wohnte. Es ist eine Station an der großen Eisenbahnstraße zwischen Hamburg, Köln und Paris; etwas südlich von Münster ruft der Kondukteur „Dülmen“, und nur ganz vereinzelte Züge brausen vorbei.

Und so kam es denn, daß der, welcher diese Linien schreibt, eines Tages letzthin im August draußen auf dem Perron der Station Dülmen stand. Durch eine lange Allee von hohen, sausenden Bäumen fuhr mich Hotel Sternemanns Omnibus hinauf nach der Stadt, welche etwas weiter weg liegt, und unterwegs wurde ich ein Haus von roten Backsteinen gewahr, über dessen Eingang in großen Buchstaben zu lesen: Emmerick-Haus. Hier wurden also die Erinnerungen an sie aufbewahrt, die für Dülmen ist, was Goethe für Weimar – der Stadt eigentlicher Mittelpunkt und Existenzberechtigung.

Sternemanns Hotel erwies sich – wie andere Hotels in Westfalens Kleinstädten – als eine Bierbrauerei, womit ein Gasthof verbunden ist. Es ist ein großes, älteres Haus und liegt etwas innerhalb der noch bewahrten Ringmauer der Stadt, nicht weit von dem mittelalterlich herben Lüdinghauser Tor mit seinen beiden runden Türmen.

Ich ging aus, um Dülmen zu besichtigen. Eine Gasse grade vor dem Hotel führt unmittelbar zur Kirche, der einzigen der Stadt. Um das alte, gotische Gebäude breitet sich ein großer, mit Bäumen bewachsener Platz, wo die Sonne zwischen dem Laub der halb entblätterten Linden herabschien über ein großes Steinkruzifix mit Kniebank davor. Nicht weit vom Kirchenplatz fand ich einen anderen großen, provinz-stillen und provinz-öden Platz; hier liegt das Rathaus und andere alte, ansehnliche Gebäude, große Kaufmannshäuser, Wohnungen für die Patriziergeschlechter der Stadt.

Das westfälische Haus – so wie man es in Dülmen noch findet, unverfälscht von moderner Berlinerkultur – wendet den Giebel nach der Straße, und die eine Hälfte des unteren Stockwerkes wird eingenommen von einer mächtigen Tür. Diese hat vier Flügel, zwei halbrunde oben, zwei viereckige unten, und in diesen letzteren sind wieder schmalere Türen angebracht, welche den gewöhnlichen Ein- und Ausgang für die Bewohner abgeben. Sehr oft stehen die beiden oberen Türflügel offen und bieten so dem hinter dem Eingang liegenden großen Raum, der Diele, diesem eigentümlichen Mittelding zwischen einer Vorstube und einer englischen Hall, Licht und Luft. Hier ist im Hintergrunde eine Glastür zum Hof und dem dahinter liegenden Garten, hier führt eine Treppe hinauf zu der oberen, oft aus Bretterwerk aufgeführten Etage, hier steht allerlei Hausgerät und Gartengerätschaften die getünchten Wände entlang, hier sitzt in der Türöffnung die Hausmutter auf ihrem Strohstuhl und strickt oder plaudert mit der Nachbarin, während durch die offenen Türflügel über ihrem Kopf die Schwalben aus- und einfliegen.

Dülmen ist jetzt in allem Wesentlichen so, wie damals, als Anna Katharina Emmerick in den Ringmauern lebte, im Kloster Agnetenberg oder in einem der gemieteten Zimmer, welche sie nach der Aufhebung des Klosters (1811) bis zu ihrem Tode (1824) bewohnte. Das aufgehobene Kloster ist jetzt die fürstlich Croysche „Domänenrentei“, aber die schmale Straße, welche an der roten Mauer entlang um den Garten des alten Gebäudes läuft, heißt noch heute Nonnengasse, und in der Stadt werden noch von den Bewohnern die drei Stätten gezeigt, wo Anna Katharina ihre letzten und merkwürdigsten Lebensjahre verbrachte – zunächst das Haus der Witwe Roters, Münsterstraße Nr. 11, nicht weit vom Hotel Sternemann und gleich beim Kloster, darauf das Limbergsche Haus in derselben Straße Nr. 17, endlich das Haus, wo sie starb, Neustraße Nr. 10, nicht weit von der Kirche. Das Rotersche Haus ist seit Anna Katharinas Zeit umgebaut; das Zimmer, worin sie bei dem Brauer und Gastwirt Limberg wohnte, ist nach dem neuen Emmerick-Hause verlegt, um dort genau in demselben Zustand bewahrt zu werden, wie zu ihren Lebzeiten, aber im Hause in der Neustraße zeigt man noch das Zimmer, wo Schwester Emmerick starb; und es ist eine Kniebank darin aufgestellt, vor einem Kruzifix an der Wand. Es wird wohl einmal eine Kapelle daraus, denn Anna Katharina ist auf dem Wege zur Heiligsprechung; ihre Sache wird in Rom vom Augustinerorden, dem sie angehörte, vor der Ritenkongregation geführt. Der Postulator in dieser Sache – so heißt nämlich der römische Kanzleiausdruck – ist Anna Katharinas neuester Biograph, der Augustinerpater Thomas a Villanova Wegener. Es war mir vergönnt, während meines Aufenthaltes in Dülmen die Bekanntschaft dieses merkwürdigen und tüchtigen Mannes zu machen.

Nach einer Runde durch die Stadt wandre ich nämlich durch das Lüdinghausertor zurück nach der Eisenbahn und zwar durch die Allee, welche ich am Morgen passierte; bald stehe ich vor dem Emmerick-Hause. Ein Sandsteinrelief der Verstorbenen ist über der Tür in die rote Mauer gesetzt. Ich läute, und eine kleine, klösterlich aussehende Dame öffnet mir. Ich erkläre ihr den Zweck meines Kommens und werde eingelassen.

Die Erinnerungen an Anna Katharina sind in Glasschränken gesammelt, welche die eine Wand eines ziemlich großen Zimmers entlang stehen. Die Schwester macht mich aufmerksam auf die Leinenstücke, welche Anna Katharina zugehört und welche mit Blut von ihren Stigmata gezeichnet sind. Es ist insbesondere eine Kopfbinde, worin man wie eine drei- oder vierfache Perlenschnur die blutigen Spuren der vielen kleinen Wunden sieht, welche die Dornenkrone, die Anna Katharina unsichtbar trug, in ihrer feinen Stirn hervorbrachte. Da ist auch eine wirkliche kleine Dornenkrone, keine zwei Zoll im Durchschnitt, welche ihre Finger geflochten, während sie an das Leiden des Herrn dachte; da ist ihr Reliquienschrein von Glas und Holz – ihre „Kirche“, wie sie ihn nannte – da ist ihr kleines viereckiges Geldkistchen von höchst bescheidenem Umfang, verschiedene Andachtsbilder und Gebetbücher – Weinzierls Gebetbuch, ein Band von Franz von Sales, ein Buch der Kreuzwegandacht, ein geschriebenes Vesperale, Dirkings „Weg zur Vollkommenheit“ – alles äußerst altmodisch und gering zu sehen. Endlich ist da – was vielleicht viele am meisten rühren wird – ein Eichenblatt und daran eine Eichel, von ihrem Geburtsort, dem kleinen Dorfe Flamske; Brentano fand es nach ihrem Tode in ihren Sachen, wo sie getreulich dieses kleine Andenken an ihr väterliches Heim aufbewahrt.

Von dem Zimmer, wo all diese Dinge gezeigt werden – die Schränke enthalten noch vieles andere – führen dann einige Stufen hinauf zu Anna Katharinas Zimmer, das mit unsäglicher Sorgfalt von Limbergs Brauerei hierhin übertragen und ganz so gehalten, wie es war, da seine Bewohnerin noch lebte. Eine plötzliche, unwillkürliche, sehr starke Bewegung ergreift mich, da ich über die Schwelle trete. So – oder viel stärker noch müssen Roms Prälaten wohl empfunden haben, wenn sie eintraten zu Franz von Assisi und seinen Brüdern in den Laubhütten bei Portiunkula und reuig ausriefen: „Ach, was soll da aus uns werden, die wir jeden Tag in Wohlsein und Freude leben?“

Erinnerungsstücke im Emmerick-Haus an der Lüdinghauser Straße
Erinnerungsstücke im Emmerick-Haus an der Lüdinghauser Straße

Denn hier schlägt einem so recht des Christentums Stimmung von Unweltlichkeit, von Überweltlichkeit, von Gegenweltlichkeit mit Macht entgegen. Hier ist es schmal und enge, schwach bläulich getünchte Wände, und Licht nur von einem einzigen Fenster nach dem Garten hinaus. Die Decke ist eine Balkendecke, die Möbel sind wenige, arm und grob. Drinnen gleich bei der Tür, wo früher das Bett stand, ist eine große Kleidertruhe mit gebogenem Deckel und einer Reihe von Wandhaken oben drüber, außerdem in der Ecke gleich an der Tür ein Tisch, worauf ein Schrank steht, und vor dem Schrank eine rokokoartige Madonnastatue von gemaltem Holz. Ein anderer Tisch dem Bett gegenüber trägt einen Schrein mit einem Stehkruzifix darauf. Das Meublement wird im übrigen vervollständigt durch einen Bord für Zinnsachen, einen Wandschrank mit Kaffeemühle und ähnlichen Gerätschaften samt einer Uhr – die beständig geht – mit frei niederhängenden Gewichten und Perpendikel. Dann sind da an den bläulich getünchten Wänden ein paar in äußerster Einfalt ausgeführte Bilder, und vielleicht war es mehr von diesen, als von irgend etwas anderem, daß des Zimmers Stimmung von reellem Christentum ausging. Über der Kleidertruhe – also seiner Zeit über dem Bett – hing ein Kupferstich von dem sogenannten Coesfelder Kreuz, einem alten westfälischen Kunstwerk, wovon weiter unten die Rede sein wird. An der entgegengesetzten Wand hing gerade über dem Tisch mit dem Stehkruzifix eine alte Malerei, Christus in Gethsemane, zur Linken ein Bild der h(ei)l(igen) Katharina, Anna Katharinas Schutzpatronin, und zur Rechten ein mit der Hand gezeichnetes Bild des h(ei)l(ig)st(en) Herzens, flammend und durchbohrt, in einem Rahmen von Lilien und Rosen und mit folgendem mit der Hand geschriebenen Gebete darunter:

„O barmherziger Gott! Sieh hin auf das heiligste Herz deines vielgeliebten Sohnes Jesus, in dem du Wohlgefallen hast, laß dich versöhnen durch das kostbare Blut, welches so reichlich für unsere Sünden aus seiner Seite geflossen, und schenke uns Verzeihung und Vergebung. Siehe, wir bitten dich demütig, daß wir in Zukunft erfüllt werden mögen von so heilsamer Furcht, Schrecken und Haß gegen jede Sünde, daß wir lieber alle erdenklichen Leiden erwählen mögen, als daß wir eine einzige Sünde begehen. Das verleihe uns durch Jesum Christum unsern Herrn. Amen.“

Dies Gebet stand unter dem Bilde, aber oben darüber war der folgende simple Vers, den ich in all seiner Einfalt hierhersetze:

„O Jesu Herz, Du willst die Leiden,
und es ist unsrer Sünde Schuld.
Und bist Du eine Quell' der Freuden,
voll Langmut, Liebe und Geduld!“

Ich hatte von Anna Katharina Emmerick gelesen – sie spielt ja eine so große Rolle in Klemens Brentanos Leben – aber erst hier wurde es mir klar, was sie wirklich gewesen. Ich hatte gelesen von ihrer Stigmatisation, von ihrem Leben in beständigem Leiden, fast ununterbrochenem Gebete, brennender Liebe zum Gekreuzigten und innigem Verlangen, nach seinem Bilde umgestaltet zu werden. Aber hier erst realisierte ich – wie die Engländer sagen – was ich gelesen, hier erst verstand ich – was Klemens Brentano so unendlich stärker verstanden haben muß – wie tief, tief ein Leben wie das Anna Katharinas, das ganz von einfältigem, unerschütterlichem Glauben getragen, verschieden ist von der von spitzfindigen Zweifeln durchhöhlten Lebensanschauung und der in viele und vielartige Weichlichkeit versenkten Lebensführung eines modernen Romantikers. Ich erfasse, was sich im Herzen des Heimatlosesten aller Heimatlosen bewegt, da er nach einem seiner ersten Besuche an Anna Katharinas Krankenlager folgende Worte niederschrieb: „Die wunderbaren Ereignisse, die ich um mich erlebe, die kindliche Unschuld, der Friede, die Geduld und die tiefe Weisheit in geistlichen Dingen des armen ungelehrten Bauernkindes, neben dem mir eine neue Welt aufgeht, lassen mich den elenden, sündhaften, wirren Stand meines früheren Lebens und den verkehrten Wandel der meisten Menschen so lebhaft fühlen und zeigen mir den Wert aller früh verlorenen Güter der Einfalt, des Glaubens und der Unschuld in so reichem Glanze, daß ich diesen Schätzen herzliche Tränen der Reue nachweine.“

Da ich wieder die Stufen hinabgehe, die Anna Katharinas Stube mit dem größeren Zimmer verbinden, ist es, als ob auch ich dazu gekommen, anders auf mich selbst zu sehen, als noch einen Augenblick vorher.

Außer der Schwester, welche mir öffnete, hat sich jetzt auch Pater Thomas Wegener, der sich augenblicklich gerade in Dülmen aufhält – er wohnt sonst im Kloster Männerstadt in Bayern – hier eingefunden und steht vor mir in der schwarzen Ordenstracht der Augustinermönche, welche uns Dänen so gut bekannt ist von dem Bilde: Luther in Worms. Da Pater Wegener von meinem Interesse für Anna Katharina hört, gibt er mir Anweisung, wie ich die verschiedenen oben genannten Gebäude finden kann, wo sie gewohnt; in gleicher Weise rät er mir, mich nach Coesfeld zu begeben, einer nahe gelegenen Stadt, wo Anna Katharina sich in ihrer Jugend aufgehalten, und von da nach ihrem Geburtsort Flamske zu gehen.

Gegen Abend nehme ich einen neuen Rundgang durch Dülmen vor. Die Sonne scheint über die stille, friedliche Stadt. Schmale, wohlgepflasterte Straßen winden sich zwischen Reihen von kleinen, roten, niedrigen Backsteinhäusern oder an den Stadtmauern hin, deren runde Türme mit den spitzen Dachkappen an Nürnberg erinnern. An vielen Stellen sind Küchengärten mit grünbemaltem Stakett nach der Straße hin; überall findet man Gestelle mit Blumen vor den Fenstern – Pelargonien, Fuchsien, Pantoffelblumen – und über den niedrigen Dächern und den hohen Stadtmauern erhebt sich ein tiefblauer Himmel mit großen, schönen, silbernen weißen Wolken.

Ich beende meine Wanderung auf dem Kirchhof der Stadt bei Anna Katharinas Grab. Ein großes Steinkruzifix, 1858 von Damen des römischen Adels errichtet, zeigt einem schon von weitem die Stätte, wo sie ruht. Das Kreuz trägt nur ihren Namen samt Geburts- und Todesdatum - 8. September 1774, 9. Februar 1824. Eine Kniebank ist längs der Vorderseite des Grabes angebracht, außerhalb des Gußeisengitters. Im Laufe des letzten Vierteljahrhunderts haben 28.000 Besucher ihre Namen im Fremdenbuch des Emmerickhauses eingetragen, aber viel, viel mehr haben sicher an diesem Grabe gekniet, um die Fürbitte der Entschlafenen anzurufen. Seit 1879 ist allein von Essen jedes Jahr ein Pilgerzug von mehreren hundert Menschen nach Dülmen gekommen, und diese Hunderte schreiben sich bei weitem nicht alle ins Fremdenbuch.

Was ist es nun, das alle diese Menschen zu diesem Hause und diesem Grabe zieht? Ja, was war es, das mich selbst so stark ergriff, als ich zum ersten Mal von Anna Katharina las?

Ich suche mir selbst Rechenschaft; davon zu geben, da ich am Abend allein auf meinem Hotelzimmer bin. Ich sitze am Fenster, welches auf den großen Hofplatz der Brauerei hinausgeht; hinter den Häusern auf der anderen Seite kommt der Mond herauf, und ein Stern taucht still aus dem matten Blau empor. Ich höre Kinder weinen, und Kinder spielen in Häusern und Straßen ringsumher – einförmig zirpt eine Grille – alles ist so friedlich und so still wie vor hundert Jahren in Kloster Agnetenbergs Garten, nicht viele Schritte von hier …

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