Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2006

Clemens Engling

Ein Besuch bei Anna Katharina Emmerick

Ein unveröffentlichter Augenzeugenbericht mit Kommentierung*

Mein lieber Bruder!

Muss ich Dir doch eine Begebenheit mitteilen, welche zwar für unsere Zeiten etwas Auffallendes und Seltsames, dennoch sehr Trostreiches für wahre Christen ist:

Zu Dülmen lebt nachweislich ein Nönnchen Augustinerordens namens Katharina Emerich aus dem Kirchspiel Coesfeld gebürtig, 34 Jahre alt,1 welche im vorigen Jahre dort aufgehoben wurde, in einem Privathause, diese hat die große Ehre und Gnade, mit den Wundmalen Jesu Christi nebst blutiger Krone ums Haupt und mit einem doppelten Kreuze auf der Brust bezeichnet zu sein, […]. Diese köstlichen Zeichen, welche öfter häufig bluten, woran sie viele Schmerzen leidet, hatte sie einige Zeit zu verheimlichen gesucht, bis ihre leibliche Schwester, die bei ihr wohnt, selbe bemerkte, da dies nun allgemein bekannt wurde, so berichtete der Herr Dechant von Dülmen, Herr Rensing, diese Geschichte nach dem Vikariat nach Münster. […] Selbes hat schon verschieden Mal starke Untersuchung bei ihr angestellt, selbst sind die Herren vicarius generalis, der Medizinalrat Drusfeld2 und mehrere da gewesen. —

Ebenso haben von Seiten der weltlichen Regierung, von dem Herrn Polizeidirektor Garnier, von Münster nebst anderen Commissarien die stärkste Untersuchung stattgehabt und noch täglich werden von Medizinern die stärksten Proben versucht; allein alle Urteile gehen dahin, dass man an ihr nichts Falsches entdecken und die Wunden nicht natürlich3 wären.

Um diese Position mehr zu überzeugen, will ich den Brief des Herrn Canonikus und Subregens des Seminars zu Münster, Herrn Melchers4 wörtlich anführen, den er am Ende vorigen Monats seinem Bruder hier schrieb:

„Ich war vorigen Freitag in Dülmen, habe das abgeschwächte, leidende Geschöpf von 10 bis 11 Uhr besucht. Und mich des Nachmittags von 2 bis 3¼ Uhr mit ihr unterhalten. Folgende sind erwiesene und erweisliche Tatsachen: Sie ist eine geringe Kötters Tochter aus dem Kirchspiel Coesfeld, namens Catharina Emerich, hatte von Jugend auf einen sehr religiösen Sinn, dem sie nachging, und wird vor ungefähr 10 Jahren im 21ten ihres Alters im Augustiner Kloster Agnetenberg zu Dülmen angenommen und gekleidet,5 auf Augustini Tag 1812 vernahm sie das erste Kreuz mitten auf der Brust und auf Katharina Tag das zweite.6 Die Wundmale und die Krone kamen zwischen Weihnachten und Neujahr zum Vorschein, die Kreuze und die Krone bluten oft, und zwar gewöhnlich am Mittwoch, die Wundmale gewöhnlich am Freitag. Den 23ten April, am Freitag Nachmittag, wie ich bei ihr war, hab ich selbe mit meinen Augen bluten gesehen: es begann ungefähr etwa nach halb 9 Uhr, so wie mich der wahrhaft vernünftig und unparteiisch denkende Dechant daselbst versichert; und zwar als Augenzeuge; haben in der Karwoche das Bluten und die Schmerzen gewähret von Mittwoch abends bis in die Osternacht um 3 Uhr. Die Person hat ein ungewöhnliches Aussehen im Gesicht, sodass mich sehr frappiert, sie spricht, obgleich sie nur drei Monate zur Schule ging sehr vernünftig, davon bin ich Zeuge, sicher ist es, dass sie seit drei Monate nur etwas Wasser zu sich nimmt und nur ab und wann aus einem Apfel saugt. Dieser Umstand veranlasste mich, den Dechant zu fragen: wie es um den Stuhlgang stehe; ich erhielt zur Antwort, dass sie auch diesen in drei Monaten nicht mehr habe.

Sieben Ärzte sind schon bei ihr gewesen, die alle mit Erstaunen zurückgekehrt sind: ein protestantischer aus Bentheim hat sich am lautestes dahin erklärt: man sähe aus den Wunden, dass sie nicht natürlich seien, die Wunden eitern nicht; zweimal sind durch Verband und Pflaster, die in Gegenwart des Medizinalrats versiegelt wurden, die Versuche gemacht, um die Wunden zu heilen; allein die Versuche waren vergeblich, es blieb wie es war an den Wundmalen, die sie an den Händen und Füßen, hat sich die Haut oben und unten durchgeschlagen; so verhält es sich aber nicht mit den übrigen, wenn das Blut weggewischt; so findet man am Kopfe die Blutröhre nur mit einem Vergrößerungsglase, und mit freien Augen, jene des Kreuzes und des Lanzenstiches, der komplette Lanzenstich sitzt, wo er sitzen muss, gerade unter den Rippen und in der rechten Seite. Ich bin von diesen Augenzeugen einer und gestehe Dir, dass ich in meinem Leben keine so frappierte Lebensstunde hatte wie vorigen Freitag am Nachmittag; ich bin gleichgültig hinzugegangen, aber nicht so gleichgültig zurückgekehrt. Das leidende Geschöpf liegt halb sitzend in ihrem Bettlager, unbeweglich auf ihrem auf dem nämlichen Flecken darnieder, abgerechnet, dass sie die Hände wohl um der Kopfschmerzen willen rechts und links bewegt. Sie bedauert, dass ihre Begebenheit der Welt bekannt geworden, betrübt sich jedoch mit Ergebenheit über die Besuche, bittet allein zu sein und wünscht nichts sehnlicher; dies alles hab ich aus ihrem Munde.“

Ich hätte wohl in meinem vorigen Schreiben vieles hiervon sagen können; allein weil man damals noch nicht so überzeugt war, so fürchtete ich, Unwahrheiten auszustreuen. Ich freue mich, selbe persönlich zu kennen; zweimal, wo ich gelegentlich …, hatte ich die Ehre, sie zu sprechen. Ihr stilles Äußeres verrät nichts anders, als wahre Aufrichtigkeit und Einfalt des Herzens. Wie man jetzt vernimmt, soll ein Consilium Medicum berufen sein sollen und nach Diesem wird es im offenen erscheinen.

Leben Sie wohl!

P. Crescentius Sticker

Kommentar:

Im Anschluss an die beiden ineinander geschachtelten Briefe folgen genaue Beschreibungen der Wundmale und deren einfache Skizze.

Es ist erstaunlich, dass dieser Augenzeugenbericht nicht in die „Akten der kirchlichen Untersuchung“, 1929 in Würzburg herausgegeben von Pater Winfried Hümpfner, aufgenommen worden ist. Eventuell war er ihm nicht bekannt. – Die Akten sind neben dem Tagebuch des Dr. Weseners und den Brentanoschriften die wichtigste Quelle zur historischen Erforschung des Lebens Anna Katharina Emmericks; leider existieren nur noch wenige Exemplare. – Auch die Person des P. Crescentius Sticker ist uns weiter nicht bekannt.

Sowohl sein Bericht als auch der lange Brief des Subregens Melchers – es ist nicht ganz klar, an welcher Stelle sein Brief endet – atmen trotz der oft „holperigen“ Sprache Natürlichkeit und Frische. Sie haben Zeugnischarakter. Anna Katharina Emmerick war zu ihrer Zeit „ein Zeichen, dem widersprochen“ wurde;7 und so ist es bis heute geblieben. Eine Seligsprechung ist daher, wie Karl Rahner bezeugt, als mutige Tat zu verstehen; denn es sei „gar nicht selbstverständlich, wie so ein Heiliger gelebt hat“.8 „Anna Katharina Emmerick kann anlocken, auch abstoßen, befremden und uns in Frage stellen.“ Sie ist wie Katharina von Siena eine „aufregende und rätselhafte Heiligengestalt“.9

Gerade darum hat sie etwas „sehr Trostreiches für wahre Christen“, wie P. Crescentius oben sagt. Man muss deswegen ihre Zeichen nicht „köstlich“ nennen. Sowohl P. Crescentius als auch Subregens Melchers sind sich der Außergewöhnlichkeit der Erscheinungen an Anna Katharina Emmerick bewusst: Der Subregens betont zweimal, er sei „frappiert“ gewesen. Er sei „gleichgültig hinzugegangen, aber nicht so gleichgültig zurückgekehrt.“ – Ganz wie ihm ist es damals vielen Besuchern gegangen.

Viele Beobachtungen und Äußerungen der beiden Zeugen passen ganz in das Bild und den Zusammenhang, den andere damalige Besucher festhalten: die absolute Glaubwürdigkeit Anna Katharinas, ihre „wahre Aufrichtigkeit und Einfalt des Herzens“, ihre Ausstrahlung: „ein ungewöhnliches Aussehen im Gesicht“, ihr Bedauern, dass „ihre Begebenheit der Welt bekannt geworden“.

* „Habent fata libelli“ – „Bücher haben ihre Schicksale“. Mehr noch Briefe und Handschriften, so könnte ich hinzufügen. Im Sommer 2005 erreichte mich ein großes Paket mit Kopien aus Büchern über das Phänomen der Stigmatisation, einem 1875 abgedruckten Brentanobrief, dem hier erstmals veröffentlichten Augenzeugenbericht über einen Besuch bei Anna Katharina Emmerich, wohl aus dem Jahre 1813, und einigen Berührungsreliquien. Das Paket wurde mir zugestellt von der Schriftleitung von „Geist und Leben“, der sehr anerkannten „Zeitschrift für christliche Spiritualität“, in deren 2. Heft (März/April 2005) ich einen Artikel über Anna Katharina Emmerick (S. 106-116) veröffentlichen konnte. Die Schriftleitung hatte ihren Sitz von Frankfurt nach Köln verlegt; beim Umzug war das Paket entdeckt und mir durch den neuen Schriftleiter P. Andreas Schönfeld SJ, dem ich herzlich danke, zugesandt worden.
Den Brentanobrief stellte ich dem Frankfurter Hochstift zur Verfügung. – Für die weitere Überprüfung des Paketinhaltes waren mir die kundige Hand und die Fachkenntnis von Günter Scholz eine große Hilfe, auch beim Lesen der alten Handschrift, die wir fast vollständig entzifferten. In Rechtschreibung und Zeichensetzung habe ich mich für diese Veröffentlichung weitgehend den heutigen Regeln angepasst.

1. Im Jahre 1813 war Anna Katharina Emmerick 39 Jahre alt.

2. Der Name des Medizinalrates lautet: von Druffel. Generalvikar Droste zu Vischering und Dechant Overberg und der genannte Arzt kommen nach Benachrichtigung durch Dechant Rensing am 28. und 29. März 1813 zu einer ersten Untersuchung nach Dülmen.

3. Der Gegensatz von „nicht natürlich“ wäre nicht „gekünstelt“, bzw. sich selbst zugefügt; das würde ja auch mit dem gerade vorhin betonten „nichts Falsches“ widerstreiten. Der Briefschreiber unterstellt also als Gegensatz „übernatürlich“, was von der heutigen Forschungslage so nicht gedacht werden muss.

4. Franz Arnold Melchers war seit 1795 Subregens des Bischöflichen Priesterseminars in Münster und seit 1802 Kanonikus am Dom; vgl. Winfried Hümpfner, Akten der kirchlichen Untersuchung, Würzburg 1919, S. 45, Anmerkung 2.

5. Anna Katharina Emmerick wird mit Clara Söntgen im September 1802 aufgenommen; zu diesem Zeitpunkt ist sie eben 28 Jahre alt.

6. Das Namensfest des hl. Augustinus ist am 28. August , das der hl. Katharina am 25. November .

7. Luk. 2, 34.

8. Vgl. Clemens Engling, Unbequem und ungewöhnlich. Anna Katharina Emmerick -historisch und theologisch neu entdeckt, Würzburg 2005, S. 297.

9. Vgl. Anna Katharina Emmerick – Passio, Compassio, Mystik. Dokumentation des Emmerick-Symposiums an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, hg. von Michael Bangert, Clemens Engling und Hermann Flottkötter, Münster 2000, S. 13.

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