Dülmener Heimatblätter

Herausgeber: Heimatverein Dülmen e. V.

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<< Heft 2, 2006

Helga Becker-Leeser

Isaac Leeser – Von Dülmen in die USA

Wegen seiner großen Bedeutung für das Judentum in den USA ist dort über Isaac Leeser sehr viel veröffentlicht worden. Dabei ist aber sein nicht sehr glückliches persönliches Leben mehr oder weniger in den Hintergrund geraten, was vielleicht gut zu seinem bescheidenen Charakter passt, doch was jetzt, anlässlich seines 200. Geburtstages, etwas nachgeholt werden soll.

Isaac wurde am 12. Dezember 1806 in Neuenkirchen bei Rheine geboren, zu der Zeit Wohnort seiner Eltern Lefman, Sohn des Elieser aus Dülmen und Sara, Tochter des Isaac Cohen aus Neuenkirchen. Nach etwa drei Jahren zog die Familie wieder nach Dülmen zurück, wo Lefman selbst im Jahr 1772, Isaacs Schwester Lea im Jahr 1805 geboren worden waren und sein Bruder Jacob (1809) nach der Rückkehr in Dülmen zur Welt kam. Lefman bestritt den Lebensunterhalt seiner Familie als Viehhändler und Metzger. Als die preußische Regierung im Jahre 1819 die Ernennung eines Begräbnisvorstehers und eines Totengräbers für jede jüdische Gemeinde vorschrieb, dauerte es lange, bis sich in Dülmen zwei Mitglieder fanden, die dieses Amt übernahmen. Wie ungeliebt dieses war, zeigt sich darin, dass Lefman Leeser und Benjamin Wolff sich dazu erst bereit erklärten, als das Los auf sie gefallen war. Lefman hat nicht lange als Begräbnisvorsteher gewirkt, denn schon im Oktober 1820 verstarb er in seinem Haus auf der Lüdinghauser Straße, worüber die Nachbarn, der Wandmacher Theodor Tombrink und der Schuster Johann Sievert, einige Jahre später Zeugnis ablegten.1

Wegen seines Berufes war Lefman natürlich viel unterwegs, sodass die drei Kinder hauptsächlich von der Mutter erzogen wurden. Isaac besuchte in Dülmen die jüdische Primarschule an der damaligen Kötteröde, geleitet von dem aus Holland stammenden Lehrer Benjamin Jacob Cohen. Dort fiel er als tüchtiger Schüler auf. Isaacs Biograph berichtet darüber: Als neuer Schüler in Rabbi Cohens Schule hörte Leeser sehr aufmerksam zu, als die Oberschüler den Torah-Teil „Ha'azinu“ (Deut. 32, 1-52) aufsagten. Bei der Prüfung vergaß einer von ihnen einen Vers. Unverzüglich ergänzte Leeser die fehlenden Worte: Er flüsterte sie dem in Verlegenheit gebrachten Schüler zu. Der Lehrer hörte dies mit und fragte Leeser wie es ihm gelungen wäre, sich der schwierigen Passage zu erinnern. Leeser antwortetete darauf, dass er „Ha'azinu“ vollständig auswendig kenne, weil er den anderen Schülern bei der Rezitation zugehört habe. Danach sagte er den weiteren Teil des Textes auf und übersetzte ihn. Durch diese Vorführung erfreut, gab Rabbi Cohen seinem ausgezeichneten Schüler einen Ehrenplatz an seiner Seite an der Ostwand der Schule.2

Wenige Wochen vor Isaacs achtem Geburtstag, am 27. November 1814, starb seine Mutter. Die Todesursache ist unbekannt, da es zu der Zeit noch keine standesamtlichen Aufzeichnungen in Dülmen gab. Isaac und seine Geschwister wurden daraufhin hauptsächlich von ihrer in der Nähe wohnenden Großmutter Gitle Leeser weiter erzogen. Mehr oder weniger ruhig war die Periode danach. Zwischen 1816 und 1820, möglichweise im Jahre 1819 starb der Großvater Elieser Leeser. Das Jahr 1820 markierte ein richtiges Schreckensjahr für Isaac und seine Geschwister, denn innerhalb von drei Wochen verloren sie sowohl den Vater Lefman wie die Großmutter Gitle.

Über das Sterben seines Vaters berichtete Isaac selbst im Jahr 1829: Seit drei Wochen hatte er das Bett hüten müssen und ich verließ ihn, um zu einem meiner Onkel zu gehen, der nicht weit entfernt von uns wohnte. Gegen Einbruch der Nacht fühlte mein Vater plötzlich, dass seine Kräfte schnell nachließen und deshalb ließ er mich kommen, um mir seinen letzten Segen und seine letzte Verfügung zu erteilen, wie es bei uns üblich ist. Ich kann meine Gefühle nicht beschreiben. Sie waren sehr intensiv, als ich an sein Bett trat, wenn ich auch erst vierzehn Jahre alt war. Er legte seine Hand auf meinen Kopf und sprach die Segnung aus, mit welcher der sterbende Patriarch Jacob prophezeit hatte, dass Juden immer ihre Kinder segnen würden. Ebenso mit den Segnungen die nach G[otte]s Verordnung die Familie Aarons verpflichtete, die Gemeinde zu segnen. Mein Vater bemerkte, was ich fühlte und wie tief ich gerührt war und deshalb sagte er in äußerst gefasster und ruhiger Weise zu mir:,Weine nicht wegen mir, denn mein längerer Aufenthalt in dieser Welt würde schmerzlich für mich und ohne Nutzen für Dich sein, sogar wenn ich mich erholen sollte. Was Dich anbelangt, sei ein ehrlicher Mann und ein guter Jude, so wird G[ot]t Dich nie verlassen. Gehe jetzt, mein Sohn, denn Dein längeres Bleiben könnte mich zu sehr beunruhigen und Dich zu sehr betrüben.’ Darauf verließ ich ihn, da es bei uns für nahe Verwandten eines Sterbenden unschicklich ist, bei ihm zu bleiben. … Bald nachdem ich ihn verlassen hatte, begannen die Gemeindemitglieder sich zu sammeln und am Bett ihres sterbenden Bruders zu beten. Solange es ihm möglich war, betete er zusammen mit ihnen, dann legte er sich ruhig hin und verließ dieses Leben ohne Kampf. 3

Nach diesen beiden Sterbefällen wurden Isaac und sein Bruder im Haushalt des auch in Dülmen wohnenden Onkels Levy Falke aufgenommen, der mit der einzigen Schwester von Lefman verheiratet war. Die 15-jährige Lea nahm eine Arbeit als Haushaltsgehilfin an und verließ die Stadt.

Obwohl bestimmt nicht vermögend, war es der Lehrer Cohen, der wenig später Isaacs Umzug nach Münster veranlasste, damit er das dortige (katholische) Gymnasium besuchen konnte. Cohen zahlte auch das Schulgeld für seinen begabten Schüler.

Während dieser Zeit lernte Isaac nicht nur den normalen Lehrstoff, sondern begriff auch wie wichtig der Kontakt zu seinen nicht-jüdischen Kameraden war. Dieses Suchen nach Austausch außerhalb der eigenen kuturellen Welt sollte ihm später in den USA von großem Nutzen werden. Da ein Universitätsstudium und selbst das Abitur für ihn nicht in Frage kamen, weil dafür die nötigen finanziellen Mittel fehlten, verließ Isaac nach zweieinviertel Jahren die Schule und nahm die Einladung seines mütterlichen Onkels „Zalma(n) Rehine“ an, um zu ihm nach Richmond/USA zu kommen. Zalma(n) Rehine, so nannte sich der im Jahr 1789 in Rheine geborene Salomon Isaac Cohen, der in die USA ausgewandert war. Dort heiratete er und wurde Besitzer eines gut gehenden Handelsgeschäftes. Isaac verließ Deutschland im Jahre 1824, um nie mehr dorthin zurückzukehren. Er wird wohl dann und wann an seine Heimat gedacht und wahrscheinlich auch Heimweh gefühlt haben, besonders wenn er die amerikanischen Lebensmittel mit den deutschen verglich!

An einen früheren Lehrer in Münster schrieb er im Jahre 1825, wenige Monate nachdem er nach einer langen Seereise, während der er eine schwere Krankheit überstanden hatte, am 5. Mai 1825 in Amerika angekommen und im Haushalt des Onkels aufgenommen worden war: Überhaupt, alles westphälische Fleisch, sowohl Geflügel als Thierfleisch, ist viel schmackhafter als das Amerikanische.… Das Mehl ist hier durchgehend feiner als in Westphalen, das Brot aber ist nicht halb so gut, indem die westphälischen Bäcker ihre Kunst besser verstehen.4

Er sollte eine Privatschule in Richmond besuchen, doch als diese Schule schon nach kurzer Zeit die Türen schloss, fing seine Arbeit im Büro des Onkels an. Schnell lernte er die englische Sprache, befasste sich neben der täglichen Arbeit auch bald mit Angelegenheiten des amerikanischen Judentums. Dabei regten ihn einige – auch in Richmond wohnende – Verwandte seiner Tante Rachel geborene Juda an.

Isaac Leeser veröffentlichte seine Gedanken und Kommentare über das Judentum in mehreren Zeitschriften, was unter anderem zur Folge hatte, dass der Verleger der in Richmond erscheinenden Zeitung „The Constitutional Whig“, John H. Pleasants, sich mit ihm anfreundete. Nach dem Anfang seiner schriftstellerischen Arbeiten machte er im Laufe seines Lebens hebräisch-englische Übersetzungen, verfasste eine bedeutende Anzahl von eigenen Werken, gründete eine Zeitschrift und reiste nebenbei viel herum mit dem einzigen Zweck, die Entwicklung des Judentums in der Neuen Welt zu fördern.

Der schriftliche Kontakt mit seinen Geschwistern, anderen Verwandten und den Lehrern Benjamin Cohen in Dülmen und dem Landesrabbiner Abraham Sutro in Münster riss darüber nicht ab. Noch heute existiert eine umfangreiche Sammlung von Briefen, damals im Besitz des jetzt verstorbenen Dr. Jacob R. Marcus. Der größte Teil dieser Korrespondenz wurde um 1930 ins Englische übersetzt, wobei es sehr schade ist, dass die meisten Originalbriefe nicht mehr vorhanden sind. Bekannt ist auch, dass Isaac sich meldete, um seine Dienstpflicht in der amerikanischen Armee zu leisten. Wegen seiner Augenschwäche war er aber untauglich. Im Jahre 1829 wurde bei der Gemeinde „Mikveh Israel“ in Philadelphia die Stelle des Kantors frei, man riet ihm, sich um diese zu bewerben. Als er auf drei Jahre zur Probe angenommen wurde, reiste er schnellstens dorthin.

In Philadelphia fand Isaac ein Zuhause bei der Familie Peixotto. Wegen der aufblühenden Liebe zu der Tochter Simcha war der Aufenthalt aber nur von kurzer Dauer. Vater Peixotto, der sich möglicherweise keinen aschkenasischen Schwiegersohn wünschte, forderte ihn bald auf, sein Haus zu verlassen! Isaacs Umzug zu der nicht-jüdischen Näherin Delia Nash Cozens führte dann zu einigen Problemen mit seiner Gemeinde, welche aber offensichtlich gelöst wurden, denn bis zu seinem Lebensende wohnte er unter derselben Adresse. Eventuelle Heiratspläne, womit ein Umzug hätte motiviert sein können, werden weder mit Simcha Peixotto noch mit einer anderen Frau erwähnt. Vielleicht sollte man auch Isaacs große, vielfältige und bedeutende Arbeit als seine Braut betrachten!

Ein Grund für seine Ehelosigkeit mag in der Person gelegen haben, denn seine äußere Erscheinung war nicht sehr anziehend. In einer Aufzeichnung vom 4. November 1829 schreibt Rebecca Gratz, die damals ungefähr 50 Jahre alt war und später gemeinsam mit Isaac Leeser zur Gründerin der ersten jüdischen Religionsschule in Philadelphia wurde: Our young pastor who is certainly more attractive to those which are indifferent to the OUTER MAN. … who is ugly and awkward – but so sensible and pleasant, as well as pious – that all the old ladies are charmed, while the girls are obliged to persuade themselves to be pleasant.5 (Unser junger Seelsorger, der bestimmt viel attraktiver ist für Solche die der ÄUSSEREN ERSCHEINUNG gleichgültig gegenüber stehen. … der hässlich und unbeholfen – doch so vernünftig und sympathisch wie auch religiös ist – dass alle alten Damen bezaubert sind, während die Mädchen sich zwingen müssen, um nett zu sein.)

Den Verlust, den Isaac durch den Tod seines Freundes Pleasants erfuhr, machte ein anderer Gewinn wett, denn sein unverheirateter Bruder Jacob kam wie Isaac sieben Jahre zuvor zum Onkel nach Richmond in die USA. Der Übersiedlung war im August 1832 eine Korrespondenz zwischen Isaac und seiner Schwester vorausgegangen. Darin schrieb die Schwester: Ich schicke Dir unseren Bruder Jacob. Ach, mit welchen Gefühlen schreibe ich Dir dies. Aber da Du es wünschtest, fanden wir alle es das Beste, und wir hoffen, daß er unter Deiner Leitung ein guter Mensch wird. Auch tröste ich mich mit dem Gedanken, daß er noch ein unverdorbener Jüngling ist und unter Deiner Leitung ein guter Mensch werden wird. Sei ihm Vater und Bruder zur gleichen Zeit.6

Jacob Leeser wohnt nur ziemlich kurz beim Onkel in Richmond, denn als Isaac im nächsten Jahr plötzlich, wie es sich bald zeigte, an Pocken erkrankte, reiste Jacob schnellstens nach Philadelphia ab, um ihn zu pflegen. Von Isaac angesteckt, endete diese Reise mit Jacobs Tod und seiner Beerdigung in Philadelphia. Der körperlich schwächere Isaac erholte sich mühsam, blieb aber während seines weiteren Lebens von vielen Narben entstellt. Diese traurigen Ereignisse hindern ihn nicht daran, seine Arbeit noch lange Zeit mit großer E-nergie fortzusetzten.

Im Laufe der 1860er Jahre verschlechtert sich seine Gesundheit und im Jahre 1866 wurde eine schnell wachsende innere, nicht mehr zu heilende Krebserkrankung diagnostiziert. Dessen ungeachtet stellte die von ihm mitbegründete jüdische Gemeinde zu Philadelphia „Beth el Emeth“ Isaac Leeser zu Beginn des Jahres 1867 zu ihrem lebenslänglichen Vorsänger an. Vorausgegangen waren Meinungsverschiedenheiten zwischen Isaac und der bestehenden Gemeinde „Mikveh Israel“, die zu seinem Austritt und der Gemeindeneugründung geführt hatten. Lange konnte er nicht als Kantor wirken, denn schon im November war er so krank, dass er sein Amt niederlegen musste. Vielleicht hat der Besuch von zwei Töchtern der nach Holland verheirateten Schwester Lea ihm während der letzten Monate seines Lebens noch etwas Freude gebracht. Beide junge Frauen wohnten bei Bekannten seiner Wirtin und werden ihn wohl oft besucht haben. Dabei mögen sie von ihren Eltern und Geschwistern erzählt und Isaac noch etwas Freude bereitet haben. Erst einige Monate nach seinem Tod reisten sie wieder nach Holland ab.

Nachdem Isaac bei vollem Bewusstsein im Dezember 1867 sein Testament gemacht hatte, starb er am 1. Februar 1868 und wurde – wie es sein ausdrücklicher Wunsch war – mit den Ritualen eines gewöhnlichen Gemeindemitgliedes auf dem Friedhof in Philadelphia beerdigt. Was er sich aber bestimmt nicht gewünscht hatte und was auch gar nicht zu seiner Person passte, geschah aber dennoch. Ein Jahr nach seinem Tod wurde anstatt eines einfachen Grabsteines ein großes monumentales Denkmal mit einem langen lobenden Text für ihn aufgestellt. Es existiert noch heute, wie auch der Eintrag über seinen Tod im „Family Record“, in englischer Sprache von einer seiner vier holländischen Nichten formuliert!

Zusammenfassend muss man feststellen, dass es in Isaacs persönlichem Leben nicht viel erfreuliche Höhepunkte gegeben hat. Wegen seiner bahnbrechenden und vielfältigen Arbeit für das Judentum in den USA verdient er unsere große Bewunderung und Anerkennung. Möge er – und das was er geleistet hat – niemals in Vergessenheit geraten.

1. Stadtarchiv Dülmen, Stadt Dülmen, A 743 (Protokollbuch der jüdischen Familiennamen, Nr. 1) zu 1813; ebd., Bj 19a: Protokoll der Vereidigung (3. September 1819); ebd., Bj 19b: Zeugenaussage über den Tod Lefman Leesers (10. August 1832).

2. Lance J. Sussman, The life and Career of Isaac Leeser (1806-1868). A study of American Judaism in its formative period, Ph.D.-Thesis, Hebrew Union College - Jewish Institute of Religion, Ohio 1987, S. 20f. (Übersetzung aus dem Englischen).

3. Ebd., S. 25.

4. Der ins englische übersetzte Brief befindet sich in der Sammlung Jacob R. Marcus und wurde zurückübersetzt. Der Adressat ist unbekannt.

5. Sussman, wie Anm. 2, S. 82.

6. Brief in der Sammlung Jacob R. Marcus.

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